Dreifachmord von Villingendorf: Die besondere Schwere der Schuld

Prozessauftakt vor dem Landgericht Rottweil

Vor dem Land­ge­richt Rott­weil hat unter gro­ßem Medi­en- und Zuschau­er­inter­es­se und star­ken Sicher­heits­vor­keh­run­gen der Pro­zess gegen Dra­zen D. begon­nen. Der 41-jäh­ri­ge Kroa­te soll im Sep­tem­ber in Vil­lin­gen­dorf drei Men­schen erschos­sen haben. Dar­un­ter sei­nen eige­nen Sohn. Die Staats­an­walt­schaft glaubt, er habe sei­ne Ex-Part­ne­rin bewusst ver­schont. Für den Rest ihres Lebens sol­le sie lei­den, so der Plan. Damit ist klar: Die schreck­li­che Tat, bei der alles dafür spricht, dass der 41-Jäh­ri­ge sie began­gen hat, soll auf die här­tes­te Wei­se bestraft wer­den, die die Geset­ze unse­res Lan­des her­ge­ben. Es geht um die beson­de­re Schwe­re der Schuld.

Dra­zen D. ver­barg sein Gesicht zu Pro­zess­be­ginn. Foto: Sven Mau­rer
Der mut­maß­li­che Drei­fach­mör­der neben sei­nem Rechts­an­wäl­ten Muss­gnug (rechts) und gut bewacht vom Jus­tiz­dienst. Foto: Sven Mau­rer

Die Aus­gangs­la­ge für sei­nen Man­dan­ten ist denk­bar schlecht. Für Rechts­an­walt Bern­hard Muss­gnug aus Tutt­lin­gen geht es, wie er der NRWZ sag­te, eigent­lich nur dar­um, das Straf­maß abzu­mil­dern. Die Unschulds­ver­mu­tung will es: Dra­zen D. ist bis­lang, bis zu sei­ner rechts­kräf­ti­gen Ver­ur­tei­lung als Drei­fach­mör­der, ein mut­maß­li­cher Täter. Und doch spricht im Vor­feld des Pro­zes­ses nichts für ihn. Und alles gegen ihn.

Vor allem, weil er bis­her selbst schweigt. Sei­ne Anwäl­te – Muss­gnug bil­det auch wegen der lan­gen Ver­fah­rens­dau­er ein Team mit Rechts­an­walt Fritz Phil­ipp Dörin­ger aus Stutt­gart – sind im Vor­feld davon aus­ge­gan­gen, dass ihr Man­dant bei Pro­zess­auf­takt nicht ein­mal Anga­ben zur Per­son machen wer­de. Dass er schon gar kei­ne Stel­lung­nah­me zur Tat abge­ben wür­de. Din­ge, die das Straf­ge­setz­buch mit Straf­mil­de­run­gen belohnt. Bis­her unter­nahm Dra­zen D. kei­ner­lei Ver­such dahin gehend.

Links Anwalt Dörin­ger. Foto: Sven Mau­rer

Vor Gericht erschien er stark gebeugt mit tief ins Gesicht gezo­ge­ner Trai­nings­ja­cke. Eben­falls gebeugt und unkennt­lich blieb er sit­zen, bis die Foto­gra­fen und Kame­ra­leu­te den Saal ver­las­sen hat­ten und ihm auf Anord­nung des Vor­sit­zen­den Rich­ters die Hand­schel­len abge­nom­men wor­den waren. Dann zeig­te er sein Gesicht.

Zu sei­ner Per­son mach­te Dra­zen D. Anga­ben. Er sprach. Zitt­ri­ge, unsi­che­re, lei­se Stim­me, als habe er lan­ge nicht gere­det. Er sei Kroa­te. 41. Zu sei­ner letz­ten Wohn­adres­se muss­te ihm der Rich­ter auf die Sprün­ge hel­fen. Dann die Ankla­ge­schrift. Der Ange­klag­te hör­te sich das an. Wirk­te ver­schämt.

Ab da schwieg er. Sag­te nur noch, dass er kei­ne Stel­lung­nah­me abge­ben wol­le.

Die Rich­ter­bank. Foto: Sven Mau­rer

Die Ankla­ge geht davon aus, dass wir es mit einem heim­tü­cki­schen Mons­ter zu tun haben. Sie geht davon aus, dass der Ange­klag­te den Plan hat­te, sei­nen eige­nen Sohn, den neu­en Part­ner sei­ner frü­he­ren Lebens­ge­fähr­tin sowie die Ange­hö­ri­gen des neu­en Part­ners der frü­he­ren Lebens­ge­fähr­tin zu töten – nicht aber die frü­he­re Lebens­ge­fähr­tin selbst. Die­se „soll­te am Leben blei­ben und für den Rest ihres Lebens an dem Ver­lust ihres Kin­des und ihres neu­en Part­ners sowie des­sen Ange­hö­ri­gen lei­den.”

Die­se Auf­fas­sung wur­de im Vor­feld des Pro­zes­ses noch dadurch unter­stri­chen, dass sie nicht Teil der ursprüng­li­chen Pres­se­mit­tei­lung des Rott­wei­ler Land­ge­richts gewe­sen ist. Son­dern nach­ge­reicht wur­de. Das führ­te dazu, dass die Jour­na­lis­ten das dank­bar auf­nah­men und die Bös­ar­tig­keit und Nie­der­träch­tig­keit des mut­maß­li­chen Täters in die Schlag­zei­len rück­te.

Dra­zen D. soll die Tren­nung von sei­ner Lebens­ge­fähr­tin im Febru­ar 2017 nicht akzep­tiert haben. Der Sohn blieb danach bei sei­ner Mut­ter. Der Ange­klag­te soll sie vor der Tat bereits mehr­fach bedroht haben.

Im Medi­enimn­ter­es­se: Pres­se-Staats­an­walt Grund­ke. Foto: Sven Mau­rer

Das offen­sicht­li­che Ziel der Ankla­ge: Dra­zen D. soll wegen Drei­fach­mor­des ver­ur­teilt wer­den. Mit der höchst­mög­li­chen Stra­fe. Lebens­läng­lich. Und: Das Gericht soll die soge­nann­te beson­de­re Schwe­re der Schuld fest­stel­len. Damit kann der Kroa­te nicht mit einer vor­zei­ti­gen Ent­las­sung nach 15 Jah­ren, son­dern frü­hes­tens nach 17 Jah­ren rech­nen. Eine Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer wird dann nach 15 Jah­ren fest­le­gen, wie viel Stra­fe er noch wegen sei­ner Schuld zu ver­bü­ßen hat, bevor er auf Bewäh­rung ent­las­sen wer­den kann. Das Sicher­heits­in­ter­es­se der All­ge­mein­heit ist dabei zu berück­sich­ti­gen. Es kann für Dra­zen D. dar­um gehen, noch eini­ge wei­te­re Jah­re im Knast zu blei­ben.

Der Rott­wei­ler Rechts­an­walt Clau­dio Fuchs dazu:

Lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe heißt auch wirk­lich lebens­läng­lich. Die Dau­er der Frei­heits­stra­fe ist unbe­stimmt. Nach Ablauf von gewis­sen Min­dest­straf­zei­ten kann über­prüft wer­den, ob der Ver­ur­teil­te auf Bewäh­rung ent­las­sen wer­den kann – die Bewäh­rung kann aber wider­ru­fen und die Stra­fe dadurch wie­der in Kraft gesetzt wer­den. Das muss auch so sein bei einem Straf­sys­tem, das auf Reso­zia­li­sie­rung – also Bes­se­rung des Men­schen in der Straf­an­stalt – aus­ge­rich­tet ist.”

Anwalt Muss­gnug sag­te vor Pro­zess­auf­takt zur NRWZ, dass die Dar­stel­lung der Staats­an­walt­schaft „eine Theo­rie” von meh­re­ren mög­li­chen sei. An ihm, dem Pflicht­ver­tei­di­ger, sei es, das abzu­mil­dern. Ihm sei klar, dass es bei sei­nem Man­dan­ten dar­um gehe, dass er mit aller Här­te des Geset­zes bestraft wer­de.

Frau­en, so wer­den Zeu­gen es ver­mut­lich berich­ten, hat­ten unter Dra­zen D. zu lei­den. Als höchst gewalt­tä­tig, als hoch­ag­gres­siv wur­de er in Medi­en­be­rich­ten im Vor­feld beschrie­ben. Ein Säu­fer, der besof­fen zuschlug. Die ticken­de Zeit­bom­be, die dann tat­säch­lich auf schreck­li­che Wei­se hoch­ge­gan­gen ist.

Eine Fra­ge, die man sich im Nach­gang der Tat und im Vor­feld des Pro­zes­ses immer wie­der stellt: Wie konn­te Dra­zen D. wis­sen, wo sei­ne Ex-Part­ne­rin mit ihrem neu­en Lebens­ge­fähr­ten und dem Kind wohnt? Und: Wer hat den mut­maß­li­chen Täter auf die Spur sei­ner Fami­lie gebracht, die sich vor ihm aus Angst hat­te ver­ste­cken wol­len? Fra­gen, die viel­leicht in der Haupt­ver­hand­lung Ant­wor­ten fin­den. Wahr­schein­lich ist das aber nicht.

Im Vor­feld des Pro­zes­ses hat­te die Land­ge­richts-Kam­mer einen gro­ßen Medi­en­rum­mel erwar­tet. Hat­te ein Kon­tin­gent für die Bild­jour­na­lis­ten erlas­sen. Doch dann haben sich weni­ger ange­mel­det, als befürch­tet, nie­mand muss drau­ßen blei­ben. Den­noch ste­hen heu­te Dra­zen D. meh­re­re Kame­ra­teams und Foto­gra­fen gegen­über. Die Men­schen wol­len das Gesicht des Mons­ters sehen.

Medi­en­rum­mel: Die Pres­se ist schon ein­ge­trof­fen. Foto: gg

Das Medi­en­in­ter­es­se ist tat­säch­lich groß. Zu Pro­zess­auf­takt bevöl­ker­ten ‚zig Jour­na­lis­ten den Saal. Der Spre­cher der Staats­an­walt­schaft Rott­weil, Frank Grund­ke, war ein gefrag­ter Mann. „Hal­lo Deutsch­land” im ZDF wird etwa berich­ten. Ab 17.10 Uhr. Der Auf­lauf im Gerichts­saal ist der­weil wahr­schein­lich nur eine zwei­ma­li­ge Sache. Die meis­ten Repor­ter kom­men zum Auf­takt und dann wie­der zur Urteils­ver­kün­dung. Die bis zu 16 wei­te­ren Ter­mi­ne wer­den sie nicht wahr­neh­men.

Die ört­li­che Tages­zei­tung hat­te im Vor­feld ange­kün­digt, einen Live­blog von der Ver­hand­lung lie­fern zu wol­len – das öffent­li­che Inter­es­se wird als außer­or­dent­lich groß ein­ge­schätzt. Dem steht eine Ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den Rich­ters der Schwur­ge­richts­kam­mer ent­ge­gen: „Die Benut­zung von mobi­len Com­pu­tern im Sit­zungs­saal ist nur im Off­line­be­trieb gestat­tet”, bestimmt die. Der Rich­ter gilt als streng, als jemand, der all­er­gisch etwa auf stö­ren­de Han­dys reagiert.

Bei aller Auf­re­gung im Vor­feld aber geht es dar­um, dass einem Mann sei­ne schreck­li­che Tat nach­ge­wie­sen wer­den soll und er die Höchst­stra­fe dafür erhält. Es geht dar­um, dass Dra­zen D. allen Anzei­chen nach am 14. Sep­tem­ber 2017 bei dem Haus sei­ner Ex-Part­ne­rin in Vil­lin­gen­dorf auf­ge­taucht ist. Dass er dort auf das gemein­sa­me Kind, den neu­en Part­ner sei­ner frü­he­ren Lebens­ge­fähr­tin und die Cou­si­ne des neu­en Part­ners sei­ner frü­he­ren Lebens­ge­fähr­tin schoss. Der Sohn und der neue Part­ner ver­star­ben noch am Tat­ort, die Cou­si­ne im Kran­ken­haus.

Nach die­ser Tat soll Dra­zen D. dann zunächst mit einem Klein­wa­gen, den er sich gelie­hen hat­te, geflüch­tet sein. Das Auto fand die Poli­zei in Bösin­gen-Her­ren­zim­mern, einem nach­bar­ort Vil­lin­gen­dorfs. Von dort, einer Scheu­ne außer­halb des Dor­fes, lief Dra­zen D. dann los.

Fünf Tage spä­ter wur­de er in Neuf­ra, einem Teil­ort Rott­weils auf­ge­grif­fen. „Ich bin der, den ihr sucht”, sol­len sei­ne letz­ten Wor­te gegen­über Poli­zei­be­am­ten gewe­sen sein.