Prozessauftakt. Der Angeklagte, Drazen D., hat sich unkenntlich gemacht. Unter der über den Kopf gezogenen Trainingsjacke ist nur seine Hand zu erkennen. Zusammengekauert sitzt er an der Anklagebank. Foto: gg

Drei­zehn Pro­zess­ta­ge lang hat Dra­zen D. beharr­lich geschwie­gen, sich höchs­tes Mal mit sei­nen Anwäl­ten unter­hal­ten. Am Mitt­woch hat er end­lich gere­det zum Mord an sei­nem sechs­jäh­ri­gen Sohn Dario und zwei Erwach­se­nen. Dabei ist die Beweis­auf­nah­me fast abge­schlos­sen, und es bleibt eigent­lich nur ein Schluss: D. selbst hat sei­nen Sohn und die bei­den ande­ren Opfer erschos­sen, so wie es ihm die Staats­an­walt auch vor­wirft.

Sei­ne Wor­te kom­men zöger­lich. Er hat sich eini­ges notiert, braucht immer wie­der Pau­sen. Dra­zen D. erzählt von sei­ner Kind­heit in Bos­ni­en, vom Krieg, in dem er als Jugend­li­cher auf kroa­ti­scher Sei­te gekämpft und schlim­mes erlebt haben will: Ein Dorf, in dem sich die Schwei­ne über die Lei­chen der Bewoh­ner her­ma­chen. Zwei auf­ge­spür­te geg­ne­ri­sche Sol­da­ten, von denen einer wohl zuviel redet und der kur­zer­hand mit 60 Schüs­sen umge­bracht wird. „Kein schö­ner Anblick“, so D.

Dann Deutsch­land, Dro­gen, Alko­hol, schließ­lich ein Job und eine kroa­ti­sche Frau, zwei Kin­der. Eigent­lich sei alles ganz nor­mal gewe­sen, außer eben sei­ne Alko­hol­pro­ble­me. Nein, da sei kei­ne Gewalt gewe­sen, aber sei­ne Frau habe ihn stän­dig ange­grif­fen, weil sie ihn in Ver­dacht hat­te, dass er fremd­ge­he.

Als sie schließ­lich mit den Kin­dern ins Frau­en­haus flieht, lernt er vier Mona­te spä­ter J. ken­nen, die bald von ihm schwan­ger wird, damals mit dem wesent­lich älte­ren Besit­zer eines Swin­ger­clubs ver­hei­ra­tet ist. Sie habe ihn gebe­ten, sie da raus­zu­ho­len, erzählt D., ihr Mann ver­kau­fe sie an ande­re Män­ner, sie habe für 50 Euro Sex in einem Tiger­kä­fig haben müs­sen. Doch spä­ter sei J. immer wie­der zum Ex-Mann zurück­ge­gan­gen, er habe ihr Geld und Geträn­ke gege­ben. Und sie habe nicht nur ihn abge­zockt, son­dern auch ande­re Män­ner. Und habe dann wie­der bei ihm Schutz gesucht.

Wie­der habe es kei­ne Gewalt gege­ben, so D., spä­ter gibt er dann Schlä­ge zu. Aber gedroht habe er ihr nie. Sie habe den gemein­sa­men Sohn immer wie­der für Mona­te nach Lett­land zu ihren Eltern geschickt, er sei ihr im Weg gewe­sen, sagt D. Sie habe sich nur für ihr Aus­se­hen inter­es­siert. Und auch einen Escort-Ser­vice in der Schweiz betrie­ben, das kön­ne er bewei­sen. Dann berich­tet er von einer letz­ten Begeg­nung mit sei­nem Sohn vor sei­nem Tod, bricht in Trä­nen aus. Er lie­be ihn, habe der klei­ne Dario gesagt, mehr noch als die Mut­ter.

Als J. dann nach Vil­lin­gen­dorf zog, mit dem neu­en Part­ner, und ihm die Besu­che bei Dario ver­bot, habe er schnell die Adres­se her­aus­ge­fun­den, er habe ja gewusst, wo sie arbei­te­te. Und bei einem Besuch des Jugend­amts in Tutt­lin­gen habe er auf dem Bild­schirm einer Mit­ar­bei­te­rin die Adres­se lesen kön­nen.

Das Gewehr, so D., habe er schon lan­ge gehabt, er habe es in einem Schup­pen ver­steckt. In Kroa­ti­en habe er sich eine Pis­to­le kau­fen wol­len, die er immer bei sich tra­gen konn­te, denn er fühl­te sich vom neu­en Lebens­ge­fähr­ten von J. bedroht. Und er habe dort die Muni­ti­on für die Tat­waf­fe bekom­men. „Was haben Sie dafür bezahlt“, will da Rich­ter Karl­heinz Mün­zer wis­sen. Er habe sie so bekom­men, sagt D.

Das Gewehr habe er dann mit Kabeln unter sei­nem Auto befes­tigt. Sei mehr­fach so nach Vil­lin­gen­dorf gefah­ren. Am Tat­tag schon ganz früh, er habe aber nicht gewusst, dass Dario da ein­ge­schult wer­den soll­te. „Sonst wäre ich viel­leicht wie­der zurück­ge­fah­ren. Ich
woll­te ihm die Fei­er ja nicht ver­sau­en!“ Nein, er habe kei­ne Kin­der mit Schul­tü­ten gese­hen. Und er habe mit J.nur reden wol­len, als er bewaff­net und mit vor­ge­hal­te­ner, schuss­be­rei­ter Waf­fe auf die Ter­ras­se kam.

Dass ihr Freund dage­we­sen sei, habe ihn über­rascht, denn der habe ja eigent­lich in Dau­er­nacht­schicht gear­bei­tet. „Er hat mich komisch ange­schaut. Mei­ne Fin­ger am Abzug haben gezit­tert. Und dann habe ich geschos­sen.“ Dass er die Cou­si­ne auch ange­schos­sen hat­te, habe er gar nicht gemerkt. Sie habe eine Bewe­gung gemacht, sich wohl unterm Tisch ver­ste­cken wol­len. Das habe ihn erschreckt.

„Ich war nicht der Mensch, den ich ken­ne. War wie ein Robo­ter.“ Dass er danach in die Woh­nung ging, wo er die Drei­jäh­ri­ge sah, dann wie­der hin­aus und noch ein­mal hin­ein, wo er dann aus nächs­ter Nähe auf sei­nen Sohn schoss, scheint er noch immer nicht rea­li­siert zu haben. „Viel­leicht hat er geweint. Viel­leicht hat er geschrien. Viel­leicht habe ich ihn von der Fens­ter­bank geholt und ihm gesagt, er brau­che kei­ne Angst zu haben“, sagt er. „Ich weiß es nicht. Ich war in einer ande­ren Welt.“

Und dass er im Hin­aus­ge­hen noch ein­mal auf den am Boden lie­gen­den Mann geschos­sen und dann mit der Cou­si­ne gespro­chen habe. Sie habe wohl gesagt, dass er nicht auf sie und ihr Kind schie­ßen sol­le. Er habe sich dann eine Ziga­ret­te vom Tisch genom­men, das Feu­er­zeug, das wie eine Pis­to­le aus­sah und das dort lie­gen­de Han­dy in eine Hecke gewor­fen.

Dann habe er sich im Wald ver­steckt, mit Blät­tern und Zwei­gen zuge­deckt, als er den Poli­zei-Hub­schrau­ber über sich hör­te. „Ich glau­be, ich befin­de mich immer noch im Tran­ce­zu­stand, kann immer noch nicht begrei­fen, dass eine sol­che Kata­stro­phe pas­siert ist.“

Ihm sei erst wäh­rend des Pro­zes­ses das Aus­maß der Tat klar gewor­den, „Kin­der haben ihre Eltern ver­lo­ren. J. hat einen Sohn ver­lo­ren. Ich hof­fe, dass ihr neu­er Sohn gesund ist.“ Und: „Ich habe mei­nen Sohn über alles geliebt.“ Dario wäre heu­te sie­ben Jah­re alt gewor­den.