Die Zahl psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen steigt weiter. Im Landkreis Rottweil befanden sich zuletzt rund 2.400 junge AOK-Versicherte wegen entsprechender Diagnosen in ärztlicher Behandlung. Experten sprechen von einer besorgniserregenden Entwicklung – und raten Eltern zu besonderer Aufmerksamkeit.
Die Zahlen, die die AOK Baden-Württemberg vorlegt, zeichnen ein klares Bild: Im Jahr 2024 wurden im Landkreis Rottweil rund 2.400 bei der AOK versicherte Kinder und Jugendliche aufgrund einer psychischen Erkrankung ärztlich behandelt. Das entspricht über 13 Prozent der Versicherten in dieser Altersgruppe. Zwischen 2020 und 2024 stieg der Anteil der Betroffenen im Mittel um 1,7 Prozent pro Jahr.
Im Vergleich zum Landesschnitt liegt der Kreis damit zwar niedriger: Baden-Württembergweit befanden sich 17,6 Prozent der jungen AOK-Versicherten in Behandlung. Die Dynamik fällt dort jedoch deutlich stärker aus – mit einem durchschnittlichen Anstieg von 4,28 Prozent pro Jahr.
Zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter zählen unter anderem Depressionen, Angststörungen, Sozialverhaltensstörungen, ADHS, Essstörungen sowie schizophrene Erkrankungen. Auffällig sind laut AOK Unterschiede nach Alter und Geschlecht: Jungen sind vor allem bis zur Pubertät häufiger betroffen, danach überwiegt der Anteil der Mädchen. Auch die soziale Lage spielt eine Rolle – Kinder aus sozioökonomisch belasteten Familien erkranken statistisch häufiger.
Psychische Auffälligkeiten werden oft an Entwicklungsschwellen sichtbar, etwa bei der Einschulung, beim Wechsel auf eine weiterführende Schule oder zu Beginn der Pubertät. „Wir erleben eine Zunahme globaler Krisen, die auch auf Kinder und Jugendliche massiv einwirken – von Kriegen über wirtschaftliche Unsicherheiten bis hin zur Klimakrise“, erklärt Sandra Goal, Präventionsexpertin bei der AOK Baden-Württemberg. Auch die Folgen der Covid-19-Pandemie seien weiterhin spürbar. Hinzu kämen Digitalisierung, hoher Medienkonsum und Zukunftsängste.
Frühe Warnzeichen seien häufig unspezifisch: Schlafstörungen, innere Unruhe oder körperliche Beschwerden wie Kopf-, Bauch- oder Rückenschmerzen. Auch Konzentrationsprobleme und Leistungsabfall könnten Hinweise sein. „Erwachsene sollten aufmerksam werden, wenn Freude, Lachen und Spaß verloren gehen oder sich Kinder sozial zurückziehen“, so Goal. Wichtig sei es, Veränderungen ernst zu nehmen und das Gespräch zu suchen.
Da psychische Störungen im jungen Alter ein erhöhtes Risiko für chronische Verläufe bergen, betont die AOK die Bedeutung der Vorsorgeuntersuchungen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sei es oft schwer zu erkennen, wann ein ärztlicher Beratungsbedarf entstehe.
Eine zentrale Rolle spielt nach Angaben des Robert Koch-Instituts die sogenannte Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit. Schutzfaktoren seien vor allem stabile familiäre Beziehungen, soziale Unterstützung und ein positives Familienklima. Regelmäßige Bewegung, verlässliche Tagesstrukturen und eine Begrenzung passiver Freizeitaktivitäten könnten ebenfalls helfen, Risiken zu reduzieren.



