Bettina Schültke und Peter Staatsmann. Foto: al

Eine Woche noch bis zur Euro­pa­wahl, die eine Schick­sals­wahl wer­den könn­te. Wo geht es lang mit dem Kon­ti­nent ange­sichts wach­sen­der gesell­schaft­li­cher Span­nun­gen und drän­gen­der Pro­ble­me wie dem Kli­ma­wan­del? In die­ses Feld bri­san­ter Fra­gen hat sich das Rott­wei­ler Zim­mer­thea­ter mit der Pro­duk­ti­on „Raub der Euro­pa“ gewagt. Im Gespräch mit der NRWZ erläu­tert das Inten­dan­ten-Duo Bet­ti­na Schült­ke und Peter Staats­mann, wie in die­ser vom Inno­va­ti­ons­fonds Kunst des Lan­des geför­der­ten Stück­ent­wick­lung anti­ke Mythen und aktu­el­le The­men zusam­men­kom­men.

NRWZ: Frau Schült­ke, Herr Staats­mann, in der grie­chi­schen Mytho­lo­gie wird die schö­ne Prin­zes­sin Euro­pa von einem Stier ent­führt, in den sich der Göt­ter­chef Zeus ver­wan­delt hat – wer raubt denn aus Ihrer Sicht aktu­ell Euro­pa?

Peter Staats­mann: Wie bei der anti­ken Prin­zes­sin Euro­pa ist im Moment auch nicht ganz klar, wer raubt und wer ent­führt wird oder ob wir es selbst sind, die sich fahr­läs­sig berau­ben las­sen. Ein eigen­ar­ti­ger Zustand ist bei uns Euro­pä­ern zu beob­ach­ten: Wir sind wie ent­rückt und ver­hal­ten uns, als woll­ten wir uns einem unge­wis­sen Schick­sal erge­ben.

Die Bereit­schaft sich mit dem abzu­fin­den, was da so kommt, war wohl sel­ten so groß wie jetzt. Das ist schlimm, denn das Schick­sal gibt es nur inso­fern, als wir es als sol­ches anzu­neh­men bereit sind. Es hat nur Macht, wenn wir glau­ben, dass es Macht hät­te: Es ist immer selbst­ge­macht! Wir Bür­ger Euro­pas müs­sen das Heft wie­der in die Hand neh­men und auf Selbst­be­stim­mung bestehen. Euro­pa muss eine Repu­blik und der Bür­ger der unein­ge­schränk­te Sou­ve­rän wer­den.

Sie haben es ange­spro­chen: Die phö­ni­zi­sche Prin­zes­sin Euro­pa ist ein Stück weit auch ihrer Leicht­gläu­big­keit und Dumm­heit zum Opfer gefal­len und hat sich rau­ben las­sen – sehen Sie auch hier Par­al­le­len zur Gegen­wart?

Peter Staats­mann: Wir las­sen uns zu sehr ein­schüch­tern. Als wenn wir nicht ver­ste­hen könn­ten, was geschieht. Ich bin über­zeugt: Wenn man sich das genau anschaut, sieht man, was läuft und kann auch han­deln. Das wer­den die Jun­gen tun, sie wer­den ihre Zukunft in die Hand neh­men und die Ver­wil­de­run­gen und Ver­wahr­lo­sun­gen in Fra­ge stel­len und dann gezielt ändern. Gut wäre es, wenn die etwas Älte­ren sich auch aus ihrer beque­men Lethar­gie lösen und anfin­gen mit­zu­mi­schen.

Wor­in liegt Ihre Moti­va­ti­on, die­se Pro­blem­la­gen in einem Thea­ter­stück zu ver­han­deln?

Peter Staats­mann: Wir sind dabei, unse­re Errun­gen­schaf­ten von Frei­heit und Gleich­heit ein­zu­bü­ßen. Die recht schö­ne Welt, in der wir uns hier­zu­lan­de befin­den – woan­ders herrscht zum Teil das nack­te Grau­en – lässt uns ver­ges­sen, dass wir die Früch­te von furcht­ba­ren Frei­heits­kämp­fen genie­ßen und dass alles viel schnel­ler weg sein kann, als wir den­ken. Es gibt kei­nen Über­va­ter, wie uns unse­re Psy­che weis­ma­chen will. Wir selbst müs­sen das alles schüt­zen und ver­tei­di­gen. Es gibt in der heu­ti­gen Medi­en- und Kon­sum­welt star­ke Kräf­te, die uns zu wil­len­lo­sen Kon­su­men­ten machen wol­len. Dem müs­sen wir etwas ent­ge­gen­set­zen.

Thea­ter heißt letzt­lich, dasss Men­schen vor Men­schen agie­ren. Wie trans­fe­rie­ren Sie die­se The­men in die Cha­rak­te­re und das Büh­nen­ge­sche­hen – wie wird das Abs­trak­te in Ihrem Stück kon­kret?

Peter Staats­mann: Wir haben ver­sucht, die Figu­ren so klug wie mög­lich zu machen. Sie sind wache Zeit­ge­nos­sen, sie sind an den Fra­gen der Zeit dran – die jün­ge­ren, weil sie enga­giert sind, die älte­ren, weil sie aus ihrer Lebens­ge­schich­te libe­ra­le und auf­ge­weck­te Men­schen sind. Sie tref­fen sich zunächst in den Dia­gno­sen über die Zeit und die Welt – bald jedoch wird klar, dass die Älte­ren fürch­ten, etwas zu ver­lie­ren und dass sie nicht bereit sind, den Jun­gen auf ihrem Weg zu Refor­men zu fol­gen. Als dies deut­lich wird, ver­fal­len sie zudem in uralte Mus­ter.

Zum Bei­spiel?

Peter Staats­mann: Zum Bei­spiel, dass Mann immer der Sie­ger blei­ben muss. Er kann nicht anders als zu erobern, und die Frau zwingt ihn förm­lich in die­se Rol­le – also auch indi­vi­du­ell spie­gelt sich das, was wir glo­bal erle­ben: Weil fast alles erobert und kolo­ni­siert ist, bemäch­ti­gen wir uns all des­sen, was noch übrig ist: Der gesam­ten Natur und allem, was sich im Inne­ren des Men­schen noch ent­zieht. Auf dass alles ver­füg­bar wer­de und zwar stan­te pede! Ich will alles und zwar sofort. Selbst die Zeit, die wir zur Ent­wick­lung von Erfah­rung brau­chen, um reif zu wer­den, wird kolo­ni­siert.

Besteht bei so über­ge­ord­ne­ter Theo­rie nicht die Gefahr, dass die Figu­ren zu The­sen­trä­gern wer­den?

Bet­ti­na Schült­ke: Die Figu­ren spre­chen recht intel­li­gent, aber dar­um, was sie im Ein­zel­nen sagen, geht es eigent­lich gar nicht. Es geht mehr dar­um, wie sie auf­ein­an­der­pral­len, was sie in der Tie­fe bewegt: Die Män­ner kön­nen viel­leicht nicht anders als zu domi­nie­ren und die Frau­en kom­men nicht aus unse­rer Rol­le, sich mit die­ser Macht der Män­ner zu ver­bin­den. Solan­ge die­se Mus­ter inein­an­der grei­fen, kom­men wir nicht wei­ter.

Des­halb ist das Geschlech­ter­ver­hält­nis so wich­tig: Wir hal­ten uns gegen­sei­tig in Rol­len fest. Wenn wir unse­re Vor­stel­lun­gen von Sieg, Männ­lich­keit, Erfolg und Macht nicht über­win­den, blei­ben wir an das zer­stö­re­ri­sche Grund­mus­ter geket­tet. Das Stück will die Emo­tio­nen erken­nen, in denen wir fest­ste­cken, damit wir wei­ter­kom­men, um schließ­lich fähig oder reif zu wer­den, uns davon eman­zi­pie­ren zu kön­nen.

Raub der Euro­pa“ ist Teil einer Tri­lo­gie, die 2018 mit dem Rechts­po­pu­lis­mus-Stück „Wenn der Kahn nach links kippt, set­ze ich mich nach rechts“ begon­nen hat. Da wur­de Erns­tes mit viel Humor ver­han­delt – wel­che Ton­la­gen woll­ten Sie denn mit dem aktu­el­len Stück anschla­gen?

Peter Staats­mann: Die­ses Mal woll­ten wir etwas wei­ter­ent­wi­ckeln, was wir schon von Beginn an unse­rem Thea­ter gepflegt haben: Die inten­si­ve psy­cho­lo­gisch-rea­lis­ti­sche Schau­spiel­kunst, vor Jah­ren bei­spiel­haft erar­bei­tet bei „Wer hat Angst vor Vir­gi­nia Woolf?“. Wir arbei­ten in Rich­tung einer tie­fen Aus­lo­tung von See­len­zu­stän­den. Den Schau­spie­lern gelingt es, Gefüh­le und Intel­lekt zu ver­schmel­zen.

Bet­ti­na Schült­ke: Vie­le Schau­spie­ler wol­len des­halb am Zim­mer­thea­ter spie­len und sich in die­sen Spiel­wei­sen wei­ter­ent­wi­ckeln. Im Stück sind die Figu­ren sehr infor­miert und reflek­tiert, und ihr „Unter­gang“ in den Kon­flik­ten ist des­halb für die Zuschau­er umso schmerz­haf­ter. Aber, wie gesagt, es kommt dabei auf die Emo­tio­nen an, weni­ger auf die The­sen und Theo­ri­en.

Wie wird die Tri­lo­gie, für die Sie ja ins­ge­samt 90.000 Euro Pro­jekt­mit­tel ein­ge­wor­ben haben, denn 2020 kom­plet­tiert?

Bet­ti­na Schült­ke: Die Mit­tel für die­se drei Pro­jek­te kom­men vom Minis­te­ri­um für Wis­sen­schaft, For­schung und Kunst, genau­er gesagt vom Inno­va­ti­ons­fond Kunst Baden-Würt­tem­berg. Jähr­lich bewer­ben sich dort um die 200 Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen, von Musik, Tanz, Bil­den­der Kunst, Lite­ra­tur, bis hin zu Film, Inter­net und Neu­en Medi­en. Geför­dert wer­den unge­fähr 30 Pro­jek­te aus ganz Baden-Würt­tem­berg, die Akzen­te set­zen, inno­va­ti­ven Fra­ge­stel­lun­gen Raum geben sowie aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen und zen­tra­len gesell­schaft­li­chen The­men mit den Mit­teln von Kunst und Kul­tur begeg­nen.

Dass drei Pro­jek­te in Fol­ge – wie bei uns – von unab­hän­gi­gen Jurys als för­der­wür­dig aus­ge­wählt wer­den, ist etwas Beson­de­res. Für wei­te­re Pro­jek­te wie etwa das Hip­hop-Tanz­pro­jekt, haben wir auch Gel­der vom Bund ein­ge­wor­ben.

Außer­dem sind uns von Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters wei­te­re För­der­mit­tel in Aus­sicht gestellt wor­den. Wir müs­sen also bald nach Ber­lin und dort im Minis­te­ri­um Plä­ne schmie­den – ein­ge­la­den dazu sind wir.

Peter Staats­mann: Die Tri­lo­gie wird nächs­tes Jahr abge­schlos­sen. Im Moment nur soviel: Wir wol­len Mög­lich­kei­ten auf­zei­gen für gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen in Rich­tung Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­stän­di­gung auf einer ein­fa­chen mensch­li­chen Ebe­ne der Zivil­ge­sell­schaft. Wie im Thea­ter­spiel die Men­schen sich öff­nen, sich gegen­sei­tig ihre Wun­den und Schwä­chen zei­gen, so müs­sen wir gesell­schaft­lich „Räu­me“ erfin­den, in denen die Bür­ger zusam­men­kom­men kön­nen, um dar­über zu ver­han­deln, wie Gesell­schaft und Zukunft aus­se­hen sol­len.

Das Wort Euro­pa hat Wur­zeln im Alt­grie­chi­schen und bedeu­tet soviel wie „wei­te Sicht“ – wel­chen Durch­blick wol­len Sie mit dem Stück denn ver­mit­teln?

Peter Staats­mann: Wenn wir durch die hef­ti­gen Gefüh­le heu­ti­ger Men­schen durch­ge­hen, dann kön­nen wir dar­an wach­sen: Wir kön­nen erken­nen, dass wir im Moment zu trä­ge sind, zu bequem und dass wir damit Gefahr lau­fen, die Gestal­tungs­mög­lich­keit unse­rer Demo­kra­tie zu ver­lie­ren. Auf­wa­chen und wirk­lich Ide­en ansto­ßen für eine leben­di­ge Kul­tur, aus der immer wie­der Neu­es ent­ste­hen kann. Ber­lin hat zum Bei­spiel eher sprö­de preu­ßi­sche Tra­di­tio­nen, aber vor eini­gen Jah­ren hat man dort den Kar­ne­val der Kul­tu­ren erfun­den, eine Neu­schöp­fung, und nun haben sogar die Ber­li­ner einen tol­len Mul­ti­kul­ti-Kar­ne­val, der vie­le Men­schen in Kon­takt bringt. Da wir in Rott­weil Fas­net haben, müss­te es hier eher in die Rich­tung einer Ent­kramp­fung bür­ger­li­cher Kul­tur gehen.

Was schwebt Ihnen da vor?

Bet­ti­na Schült­ke: Wir haben immer Gesprächs­krei­se gemacht – zuletzt zu Dut­ten­ho­fer, wo wir mit fast 40 Leu­ten drei Stun­den dis­ku­tiert haben: Das war groß­ar­tig! Sol­che Tref­fen sind selbst schon ein Schritt in sol­che „Räu­me“, aber viel­leicht soll­ten wir vie­le Gesprächs­krei­se eröff­nen, um sozia­le For­men und Ide­en für kul­tu­rel­le Begeg­nun­gen aller Art aus­zu­den­ken, um grenz­über­schrei­ten­de Ver­an­stal­tun­gen ins Leben zu rufen, die wir uns im Moment noch gar nicht vor­stel­len kön­nen.

Was heißt das kon­kret?

Peter Staats­mann: Arbeits­krei­se, Recher­che­teams, Semi­na­re für jeder­mann, Lese­krei­se, Vor­trä­ge, Teams zur Erar­bei­tung von poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Fra­gen, kom­mu­nal und grö­ßer, aber mög­lichst für vie­le.

In der Thea­ter­theo­rie erle­ben Zuschau­er durch ein Stück eine Läu­te­rung, eine Kathar­sis, die den Weg zum Bes­se­ren ebnet – zeigt Ihr Stück auch Wege zum Bes­se­ren auf?

Peter Staats­mann: Ja. Unbe­dingt. Aber nicht durch Kathar­sis. Es ist ein alter Irr­tum in Bezug auf das Thea­ter: Wir sol­len ja die wider­sprüch­li­chen Emo­tio­nen gera­de nicht hin­ter uns las­sen. Kathar­sis im Sin­ne von Rei­ni­gung und Abstrei­fen ist nicht im Sin­ne des Erfin­ders. Gemeint ist, dass wir den Span­nun­gen und Wider­sprü­chen, den Trie­ben, dem Begeh­ren begeg­nen und sie aus der Thea­ter­er­fah­rung mit­neh­men in unse­ren All­tag. Dass wir ler­nen die­se „Schla­cke“ zu akzep­tie­ren: All die Aggres­sio­nen, Ver­wir­run­gen, häss­li­chen Gefüh­le wie Neid und Res­sen­ti­ment. Das ist unse­re Auf­ga­be als Thea­ter, auch – oder gera­de – in einer Klein­stadt. Dass wir uns die­sen Schwie­rig­kei­ten und Zer­reiß­pro­ben und Zwei­feln aus­set­zen, um immer wie­der zu zei­gen, dass es sich lohnt, das zu tun und dass man am Ende ler­nen kann, das alles aus­zu­ba­lan­cie­ren. Und lernt, nicht in Fun­da­men­ta­lis­mus, Hass oder ein­fachs­te Ideo­lo­gi­en zu ver­fal­len. Zu balan­cie­ren sind unse­re Affek­te, die, wenn wir sie nicht ken­nen- und akzep­tie­ren ler­nen, abge­spal­ten wer­den und zurück­keh­ren als Gespens­ter, als Bedro­hun­gen, die uns von außen ent­ge­gen­kom­men, aber in Wirk­lich­keit Emo­tio­nen von uns selbst sind, die wir als eige­ne aber nicht wie­der­erken­nen. Ein Thea­ter wie unse­res wird mit den Jah­ren wie eine Skulp­tur die­ses Balan­cie­rens. Man nimmt sich dann ein Bei­spiel dar­an: Wenn die das immer wie­der schaf­fen, dann schaff’ ich das auch.

Die Fra­gen stell­te unser Redak­teur Andre­as Lin­sen­mann.

Info: Wei­te­re Auf­füh­run­gen von „Raub der Euro­pa“ gibt es am 17., 18., 24. und 25. Mai, jeweils 20 Uhr. Reser­vie­rung unter Tel. 0741–8990.