Sonntag, 14. April 2024

„Das endgültige Ziel nicht aus den Augen verlieren“

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(Leserbrief). Mit den Planungen zur Landesgartenschau in Rottweil im Jahr 2028 befasst sich unser Leser Dr. Thomas Pahl. Er will mit seinem Leserbrief erreichen, dass die Verantwortlichen die Dekaden nach der Großveranstaltung und damit „das endgültige Ziel“, wie er schreibt, bei ihrer Planung nicht aus den Augen verlieren. Wir bringen seinen Beitrag im Wortlaut.

Am Freitagabend wurden die Bürgerinnen und Bürger über den aktuellen Stand der Planungen der Landesgartenschau 2028 informiert. Unter anderem wurden mehrere Projekte im Zusammenhang mit der Innenstadt vorgestellt.

Hier stand die Aufwertung und Neugestaltung des Friedrichsplatzes mit Verlagerung der Bushaltestellen in den Nägelesgraben und Schaffung eines Busbahnhofs für mindestens 8 Busse auf dem Kriegsdamm im Vordergrund. Der Wegfall der Parkplätze soll durch ein Parkhaus mit mehr als 200 Parkplätzen im Nägelesgraben mit Zufahrt über die Schlachthausstraße kompensiert werden. Die Neugestaltung der Schlachthaustraße mit neuer Bebauung im Bereich des „Alten Feuerwehrhauses mit dem Garagenanbau“ sowie dem Gebäude Schlachthausstraße 1 als Wohn- und Geschäftshäuser waren in dem den gezeigten Plänen in ihrem Ausmaß zu erkennen und wurden fast nur beiläufig erwähnt.

Es wurde mitgeteilt, dass unter einer Vielzahl von möglichen Alternativen die vorgestellte Variante favorisiert wurde, da diese unter Abwägung aller Vor- und Nachteile auch im Hinblick auf die Kosten am ehesten zu realisieren sei.

In einer gelebten Demokratie müssen nun die von den Bürgerinnen und Bürger gewählten Vertreter entscheiden, inwieweit der neu zu Schaffende überdachte zentrale Busbahnhof vor der Silhouette der historischen Innenstadt futuristisch anmuten soll. Des Weiteren müssen sie entscheiden, ob die Notwendigkeit eines Parkhauses besteht und falls ja in welcher Form dies umgesetzt werden soll.

Dies stellt jedoch nur ein Etappenziel auf dem Weg zu einem „Gesamtkonzept Innenstadt“ dar. In diese Vision sollte zum Beispiel auch Zizenhausen, das Viertel oberhalb vom Schwarzen Tor mit einbezogen werden. Auch in der Waldtorstraße ist durch eine Reduzierung des Individualverkehrs eine Aufwertung des Straßenzuges oberhalb des Schwarzen Tors wünschenswert.

Im Sinne einer vorausschauenden Planung mit der Vision einer komplett verkehrsberuhigten Innenstadt gebe ich zu bedenken, dass durch die Schaffung eines Parkhauses mit Zufahrt über die Schlachthausstraße, Tatsachen mit Auswirkungen für die nächsten Jahrzehnte geschaffen werden. Es ist zu befürchten, dass der Verkehrsfluss über die Bruderschaftsgasse, Schramberger Straße und die Oberndorfer Straße als Zufahrt in die Schlachthausstraße zunimmt und dies sicher nicht zu einer Verkehrsberuhigung der Innenstadt beiträgt. Das vorhandene Potenzial der Waldtorstraße als verlängerte Fußgängerzone oberhalb des schwarzen Tors, wird dann für die Zufahrt über die Schlachthausstraße in ein Parkhaus am Nägelesgraben dauerhaft geopfert.

Sollte die demokratische Entscheidung für den Bau eines Parkhauses am Nägelesgraben getroffen werden, möchte ich anregen, die Zufahrt im Bereich des Neukaufkreisels und die Ausfahrt über die Schlachthausstraße zu planen, um sich für Zizenhausen alle Optionen offenzuhalten. Mir ist bewusst, dass im Bereich der Einfahrt in ein Parkhaus die Gefahr eines Rückstaus besteht. Diese Problematik sollte jedoch lösbar sein, wenn diese Anforderung von Anfang an in die Planung mit einbezogen wird.

Den ersten Eindruck für die geplante Neugestaltung der Schlachthausstraße kann man bei dem derzeit entstehenden Neubau gewinnen. Wem die Vorstellungskraft fehlen sollte, falls auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Parkhaus entsteht und auf dem Gelände des alten Feuerwehrhauses und der Schlachthausstraße 1 jeweils Wohn- und Geschäftshäuser in der modernen für den Bauträger gewinnoptimierten Bauweise und Kubatur entstehen, kann man die Besichtigung der Zimmerner Ortsdurchfahrt empfehlen. Die momentane Art der Rottweiler Städteplanung mit Abbruch einer ehemaligen Zehntscheuer als Teil des historischen Innenstadtensembles, kann ich als ehemaliger Stadtjugendringsanierer nicht nachvollziehen. Hier stellt sich die Frage, ob bei diesen aktuellen Planungen auch die Aspekte des Innenstadtklimas mit Aufheizung bei kontinuierlich steigenden Temperaturen und Beeinträchtigung der Durchlüftung mit Frischluftzufuhr der Straßenzüge durch Verbauung der vorhandenen Belüftungsschneisen in ausreichendem Maße mit berücksichtigt werden.

Die Entscheidungsträger sind sich ihrer Verantwortung auch für die nachfolgenden Generationen sicher bewusst und werden bei diesen weitreichenden Entscheidungen alle Aspekte berücksichtigen und diese sorgsam gegeneinander abwägen. Auch allen Einzelhändlern, Gastronomen und Bewohnern der Innenstadt wünsche ich den Mut die Vision einer komplett verkehrsberuhigten Innenstadt mit Ausweitung der Fußgängerzone in die benachbarten Gassen, insbesondere oberhalb des schwarzen Tors zu unterstützen.

Eine Vielzahl von Städten hat mit einer verkehrsberuhigten Innenstadt und Ausweitung der Fußgängerzonen bereits Erfolg, da dies langfristig für alle Beteiligten eine Win-win-Situation ist.

Daher sollte man bei der Planung der Landesgartenschau die ganzheitliche Planung einer attraktiven Innenstadt mit hoher Aufenthaltsqualität für Besucher und Bewohner, nicht aus den Augen verlieren. Das Gesamtkonzept muss weit über die Landesgartenschau im Jahr 2028 Bestand haben und kann natürlich erst in den nächsten Jahresdekaden schrittweise umgesetzt werden.

Nur wenn man das endgültige Ziel kennt, kann man sich auf den richtigen Weg mit mehreren Etappen machen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass der eingeschlagene Weg abrupt in einer Sackgasse endet und das angestrebte endgültige Ziel in unerreichbare Ferne rückt.

Dr.Thomas Pahl, Rottweil

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