Freitag, 19. April 2024

Liebesbrief an Rottweil und die Fasnet

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Diesen Leser-, nein, diesen Liebesbrief an die Stadt Rottweil und ihre Fasnet hat die NRWZ erhalten.

Liebes Rottweil,

ich muss mich bei dir entschuldigen. Lange habe ich dir vorgeworfen, kein richtiges Zuhause zu sein. Ein Ort, dem man in der Adoleszenz entflieht. Weg von der besonderen schwäbischen Mentalität hin zu mehr Offenheit und Freigeist.

Doch ich muss gestehen, ich habe mich wieder in dich verliebt. Durch deine Fasnet, die viel mehr ist als ein würdeloses Besäufnis oder eine verstaubte Tradition. Köln, Mainz Rottweil und Rio. Und unsere Kindheit.

Hört man die ersten Töne des Narrenmarsches schmeckt es nach der Brezel am Morgen von der Bäckerei Mink. Man verspürt die stolze Vorfreude, wenn man den Geruch der gestärkten Oberhemden für die Narren riecht.

Man erinnert sich, wie man auf Zehenspitzen vor den drapierten Larven in Omas Stube tanzt – ganz vorsichtig, da man sie bis zum Montagmorgen nicht anfassen darf. Fasnet, das ist der Geschmack der ersten Apfelschorle beim Warten auf den großen Sprung und Linsen mit Spätzle.

Aus der Kneipe tönt „Eins kann mir keiner nehmen und das ist die pure Lust am Leben“ und man darf morgens um 7.30 Uhr zum ersten Mal an der Weinschorle des Onkels nippen. Es ist und war das geduldigste Warten. Die aufrichtigsten kindlichen Gebete für Sonnenschein.

Eine Welt voller Wandel und Polaritäten. Angst und Ziellosigkeit. Und die Rottweiler? Reagieren auf die charmanteste Art, die man sich vorstellen kann: mit Humor und purer Lebensfreude. Mal nicht alles ernst nehmen und die Mundwinkel hängen lassen. Nicht nach dem Haar in der Suppe suchen. Die Wirklichkeit da draußen kann warten und für eine knappe Woche steht die Welt still.

Ein närrisches Lagerfeuer, bei dem Hass und Missgunst keinen Platz haben. Kein schwäbisches „Mir san mir“, sondern eine Einladung an die ganze Welt die stolzen Traditonen zu teilen. Fällt eine Träne, wischt sie ein wohlwollender Narr gar hinweg und erinnert an das Credo der Rottweiler Fasnet „Jedem zur Freude und niemand zum Leid“.

Auf der Straße und in den Narrenstuben erzählt man sich humorvoll Geschichten über Freundschaft, Familie, Jugend, Heimat und der Liebe. Man trinkt eine Schorle mit dem damaligen Schwarm aus der Klasse 10a und berichtet vom Leben fernab von Rottweil: in Bombay, Frankfurt oder Tokio.

Jedem zur Freude und niemand zum Leid und die Einladung an den Rest der Welt an den Tisch der schwäbischen Warmherzigkeit. Man kann das veraltet oder naiv finden, ich finde es sympathisch, heimelig und sogar etwas kosmopolitisch.

Florine Weiss, Berlin

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