Von außen wirkt die Rottweiler Innenstadt wie ein Postkartenmotiv: historische Fassaden, Kopfsteinpflaster, Touristen zwischen Türmen und Museen. Doch ein Bürger aus dem Ortsteil Göllsdorf sieht die Lage ganz anders. Er hat der Stadtverwaltung in einem ausführlichen Schreiben schwere Vorwürfe gemacht: Stillstand, Verwahrlosung, mangelnder Winterdienst und eine Verwaltung, die auf berechtigte Anliegen nicht reagiere. All das verbreitete er in Form eines Leserbriefs unwidersprochen. Die Stadtverwaltung hatte keine Gelegenheit, zu erwidern. Bis jetzt.
Update: Stellungnahme des Bürgers
Nach der Veröffentlichung unseres Beitrags kam es zu einem regen Mailwechsel zwischen dem Bürger aus Göllsdorf, Adrian Hermus, und der NRWZ. Dies mündete in eine von Hermus als abschließend bezeichnete Stellungnahme beziehungsweise Klar- und Richtigstellung, die wir in Absprache mit ihm nun gerne im Wortlaut nachreichen:
Zunächst möchte ich festhalten, dass ich die Redaktion bereits am 12.01. (siehe weitergeleitete Mail) darüber informiert habe, dass ich zwischenzeitlich eine Antwort vom Betriebshofleiter erhalten habe und dass die Aussage, ich hätte „keine Antwort“ bekommen, bitte entsprechend korrigiert werden soll. Umso unverständlicher ist für mich, dass dieser Punkt nun erneut so dargestellt wird, als hätte ich wochenlang vergeblich auf eine Reaktion gewartet.
Ebenso habe ich von Anfang an klar formuliert, dass es mir nicht darum geht, einzelne Personen anzugreifen oder Mitarbeitende der Stadt persönlich verantwortlich zu machen. Es geht mir um strukturelle und seit vielen Jahren bestehende Probleme, insbesondere im Ortsteil Göllsdorf.
Was mich am Artikel besonders stört, ist der Eindruck, ich würde hier einen „pauschalen Rundumschlag“ gegen die Stadt führen. Genau das ist nicht meine Absicht. Mein zentraler Punkt ist ein sehr konkreter und für die Anwohner alltäglich spürbarer Missstand: In Göllsdorf findet der Winterdienst – unabhängig davon, ob wenig oder viel Schnee liegt – nach Wahrnehmung vieler Bürger faktisch kaum statt. Und das nicht seit diesem Winter, sondern seit Jahrzehnten. Das ist keine theoretische Debatte über Konzepte, sondern gelebte Realität vor Ort.
Wenn im Artikel argumentiert wird, dass eine Räumung „Am Dättele“ nur zwei Minuten dauern würde, diese aber aus Gründen der Gleichbehandlung nicht erfolgen könne, dann bestätigt das genau das Problem: Es geht nicht um Unmöglichkeit, sondern um eine bewusste Entscheidung, gewisse Straßen dauerhaft außen vor zu lassen. Für die betroffenen Bürger fühlt sich das wie Gleichgültigkeit an.
Auch die Aussage, alles sei korrekt gelaufen, weil formell Mails beantwortet wurden, greift für mich zu kurz. Es geht nicht nur um das Ob, sondern um das Wie und vor allem um das Ergebnis in der Realität auf der Straße. Wenn Anwohner über Tage hinweg auf glatten und gefährlichen Straßen unterwegs sind, helfen formale Konzepte und Prioritätenmodelle nur bedingt weiter.
Was mir ebenfalls wichtig ist: Ich habe nie bestritten, dass es Investitionen gibt, Förderprogramme laufen oder große Projekte geplant sind. Meine Kritik richtet sich darauf, dass grundlegende Dinge wie Winterdienst, Sauberkeit, Sicherheitsempfinden und Erreichbarkeit im Alltag für viele Bürger spürbarer sind als jedes Großprojekt. Wenn hier Defizite bestehen, wirken Prestigeprojekte auf viele Menschen wie eine falsche Prioritätensetzung.
Der Artikel stellt die Position der Stadt sehr ausführlich, detailliert und mit vielen Zahlen und Programmen dar. Die Perspektive der betroffenen Bürger wirkt dagegen stellenweise verkürzt auf „Alltagsärger“ oder emotionale Überzeichnung. Genau dieses Ungleichgewicht ist aus meiner Sicht Teil des Problems.
Ich wünsche mir keine Eskalation, sondern einen ehrlichen Umgang mit der Frage: Warum fühlen sich bestimmte Stadtteile – und Göllsdorf ganz besonders – seit Jahren im Winterdienst und in der Wahrnehmung ihrer Probleme nicht ernst genommen? Das ist kein „Rundumschlag“, sondern eine berechtigte Frage nach Gleichbehandlung und nach der Qualität kommunaler Grundaufgaben.
Adrian Hermus
Zwei redaktionelle Anmerkungen hierzu: Herr Hermus hat die NRWZ-Redaktion tatsächlich darüber informiert, dass er eine Antwort seitens der Stadtverwaltung erhalten hat, nachdem er uns in die Sache einbezogen hat. Dies haben wir offenbar übersehen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. Inhaltlich bleiben die Positionen der gegnerischen Parteien jedoch unverändert. Zweite Anmerkung: Die Einschätzung, es handele sich bei den Vorwürfen Hermus‘ gegenüber der Verwaltung um einen Rundumschlag, hat die Stadtverwaltung so vorgenommen. Wir haben sie zitiert.
Unser ursprünglicher Bericht
Der Mann, Adrian Hermus, wandte sich mit seiner Kritik sowohl an die Stadt als auch an Medien. In seinem Text zeichnet er ein düsteres Bild: Überfüllte Mülleimer und daneben gestapelte Abfallsäcke, aufgerissen und „mannshoch“. Rattenfallen als vermeintlicher Beleg dafür, dass das Problem bekannt sei, aber nicht gelöst werde. Außerdem: verfallende Gebäude, sichtbare Verwahrlosung und zunehmender Leerstand in Handel und Gastronomie. Unter Besuchern werde Rottweil, so Hermus, immer häufiger nicht mehr als Stadt mit historischem Charakter wahrgenommen, sondern als monotone Ansammlung immer gleicher Angebote.
Besonders alarmierend sei, so Hermus weiter, die Stimmung in den Abendstunden. Das subjektive Sicherheitsgefühl in der Innenstadt habe spürbar abgenommen – vor allem Frauen berichteten über Anpöbeleien, Bedrängungen oder aggressives Auftreten. Wenn öffentliche Räume gemieden würden, sei das ein Warnsignal.
Konkreter Konflikt
Doch im Kern seiner Beschwerde steht ein sehr konkreter Konflikt: der Winterdienst im Ortsteil Göllsdorf, genauer in der Straße „Am Dättele“. Dort, so Hermus, gebe es seit Jahren Probleme. Es werde weder zuverlässig geräumt noch gestreut – selbst bei starkem oder anhaltendem Winterwetter. Die Einstufung der Straße in eine niedrigere Priorität sei aus Sicht der Anwohner nicht nachvollziehbar, zumal andere Straßen im Ortsteil deutlich regelmäßiger bedient würden. Hermus zieht zudem den Vergleich zu Nachbarkommunen: Dort werde sichtbar häufiger geräumt und gestreut. Wenn der städtische Betriebshof dies nicht mehr leisten könne, müsse über externe Subunternehmer nachgedacht werden, fordert er.
Zurückweisung
Die Stadt Rottweil weist den Vorwurf der Untätigkeit entschieden zurück – nicht nur in der Sache, sondern vor allem in der Kommunikation. Tobias Hermann, Referent für Medienarbeit, betont in einer Stellungnahme, Hermus habe keineswegs „seit Wochen“ auf eine Antwort gewartet. Vielmehr sei bereits auf die erste E-Mail vom 6. Januar am Folgetag reagiert worden. Auch das zweite Schreiben sei beantwortet worden – allerdings habe es eine technische Verzögerung beim Versand gegeben. Der Betriebshof habe zudem wiederholt Stellung genommen, insgesamt dreimal.
Inhaltlich verweist Betriebshofleiter Jochen Ruoff auf das Winterdienst-Konzept der Stadt. Die Räumung erfolge nach einem Prioritätenmodell, das mit dem Gemeinderat abgestimmt sei. Straßen der zweiten Priorität würden erst ab einer Schneehöhe von zehn Zentimetern oder bei länger anhaltender extremer Glätte geräumt. Diese Voraussetzungen hätten, so Ruoff, bislang nicht vorgelegen. Er habe die Straße „Am Dättele“ am Abend des 7. Januar überprüft; aus seiner Sicht sei sie „gut befahrbar“ gewesen.
Auch der Vorwurf inkonsequenter Behandlung wird zurückgewiesen. Die Berauer Straße sei ebenfalls Priorität 2 und werde gleich behandelt. Der Nonnenweg hingegen sei ein „Grenzfall“: zu Beginn steil und stärker befahren, deshalb Priorität 1.
Argumente der Verwaltung
Die Stadt argumentiert zudem mit Ressourcen und Umweltaspekten. Zwar dauere eine Räumung in „Am Dättele“ nur etwa zwei Minuten. Würde man sie jedoch aufnehmen, müsste man aus Gründen der Gleichbehandlung konsequenterweise auch in anderen Anwohnerstraßen räumen. Das bedeute zusätzliche Fahrten und mehr Salz – und damit mehr Umweltbelastung. Gleichzeitig gebe es regelmäßig Forderungen aus der Bevölkerung, Salz sparsamer einzusetzen.
Verfallende Gebäude und Rattenfallen in Rottweil
Bei den Vorwürfen zur Innenstadt widerspricht die Verwaltung ebenfalls. Überfüllte öffentliche Mülleimer würden regelmäßig geleert. Was daneben liege, sei häufig kein Problem der Stadt, sondern hänge mit Haushaltsmüll und der Zuständigkeit des Entsorgungsunternehmens des Landkreises zusammen. Rattenfallen seien kein Beleg für unterlassene Maßnahmen, sondern Ausdruck dessen, dass die Stadt bei Bedarf Schädlingsbekämpfung einleite – in Abstimmung mit Eigentümern.
Die Kritik an „verfallenden Gebäuden“ kontert die Verwaltung mit Verweis auf laufende Sanierungsmaßnahmen. Seit 2016 werde das Sanierungsgebiet „Historische Innenstadt“ durch Fördermittel von Stadt, Land und Bund vorangetrieben. Bereits 120 Wohnungen seien dadurch reaktiviert worden. Zudem gebe es neue Investorenpläne für das historische Spital – mit Hotel und bis zu 19 Wohnungen. Der Zustand einzelner Gebäude liege im Übrigen in der Verantwortung der jeweiligen Privateigentümer.
Beim Thema Leerstände räumt die Stadt zwar einen Strukturwandel ein – verweist jedoch darauf, dass dies ein bundesweites Phänomen durch den Onlinehandel sei. Rottweil setze deshalb auf ein aktives Innenstadtmanagement, unterstütze Neueröffnungen durch Mietförderung und versuche, mit Instrumenten wie der RottweilCard Kaufkraft zu binden. Große Investitionen – Parkhaus Stadtmitte Süd, Sanierung von Gassen, geplante Umgestaltung des Friedrichsplatzes und neuer Busbahnhof – sollen zusätzliche Attraktivität schaffen.
Ganz grundsätzlicher Vorwurf – oder ungerechtfertigter Rundumschlag?
Genau hier setzt Hermus’ grundsätzlicher Vorwurf an: Während grundlegende Aufgaben wie Sauberkeit, Winterdienst, Beleuchtung und Sicherheit aus seiner Sicht nicht zuverlässig funktionieren, investiere die Stadt in Projekte wie die Landesgartenschau oder infrastrukturelle Großmaßnahmen. Das wirke wie eine falsche Prioritätensetzung zugunsten von Prestigeprojekten.
Die Stadt hält dagegen: Landesgartenschau und Parkhaus seien keine Eitelkeitsprojekte, sondern Investitionen in Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit. Der Landesgartenschau-Status ermögliche Fördergelder, mit denen notwendige städtebauliche Maßnahmen finanziert werden könnten – etwa an Schulen, Brücken oder am Friedrichsplatz.
Am Ende steht ein klassischer Konflikt, wie er in vielen Städten sichtbar wird: Was zählt mehr – das umfassende Bild der Zukunft oder die spürbare Qualität des Alltags? Hermus sieht Rottweil „auf dem falschen Kurs“ und fordert eine Rückbesinnung auf Grundlagen und echten Dialog. Die Stadt wiederum spricht von einem ungerechtfertigten Rundumschlag – und verweist auf konkrete Antworten, Investitionen und Statistiken. Eine Debatte ist damit nicht beendet, sondern gerade erst eröffnet.
Gegenüberstellung: Vorwürfe Hermus – Antworten Stadt Rottweil
| Vorwurf Adrian Hermus | Antwort Stadtverwaltung / Betriebshof |
|---|---|
| „Seit Wochen warten Anwohner der Straße ‚Am Dättele‘ auf eine Reaktion der Stadt.“ | Falsch. Auf Mail vom 06.01. (Feiertag) Antwort am 07.01. um 10:39 Uhr. Auf Schreiben vom 07.01. Antwort am 09.01. um 19:52 Uhr (Zustellverzögerung durch Rechenzentrum; Mail kam am 11.01. an). |
| „Auf mein ausführliches Schreiben zum Winterdienst erfolgte keinerlei Rückmeldung.“ | Stadt: entbehrt jeder Grundlage – es gab mehrere, zeitnahe Antworten des Betriebshofs (insgesamt drei Stellungnahmen). |
| „Es findet weiterhin keine verlässliche Räumung oder Streuung statt.“ | Betriebshof: Winterdienst folgt Prioritätenplan. Straßen Priorität 2 erst ab 10 cm Schnee oder länger extremer Glätte – beides habe es nicht gegeben. Priorität 2 sei zwischenzeitlich wieder frei. |
| „Am 07.01. war die Straße nicht sicher/nicht ausreichend befahrbar.“ | Betriebshofleiter Ruoff: Kontrolle am Abend des 07.01. – Straße sei „gut befahrbar“ gewesen. |
| „Andere Straßen in Göllsdorf (Berauerstraße/Nonnenweg) werden besser bedient.“ | Stadt: Berauer Straße = Priorität 2, wird gleich behandelt. Nonnenweg = Grenzfall, anfangs steil/mehr Verkehr → Priorität 1. |
| „Andere Landkreise machen Winterdienst besser.“ | Ruoff kann bestätigen, dass der Winterdienst in Rottweil mindestens gleichwertig ist; er erhält viele positive Rückmeldungen dazu. |
| „Subunternehmer sollten geprüft werden.“ | Stadt: Subunternehmer sind bereits im Einsatz. |
| „Winterdienstproblem hängt mit Bauhof-Verlagerung vor 30 Jahren zusammen.“ | Betriebshof: Konzept gilt im ganzen Stadtgebiet; Umstrukturierung von damals nicht ursächlich. |
| „Räumung Am Dättele wäre nur 2 Minuten – warum passiert das nicht?“ | Die Stadt erklärt, dass bei einer Räumung dort aus Gründen der Gleichbehandlung auch alle Anliegerstraßen geräumt werden müssten; zudem würde der Einsatz von mehr Salz eine Umweltbelastung darstellen. |
| „Innenstadt/Friedrichsplatz vermüllt: überfüllte Mülleimer, Müllsäcke stapeln sich.“ | Stadt: Städtische Mülleimer werden regelmäßig geleert. Müll neben Tonnen sei oft Haushaltsmüll → Zuständigkeit beim Entsorger des Landkreises, nicht bei der Stadt. |
| „Rattenfallen sind Zeichen eines ungelösten Problems.“ | Stadt: Schädlingsbekämpfung wird bei Bedarf eingeleitet (in Abstimmung mit Eigentümern). Das sei kein Versäumnis. |
| „Gebäude verfallen, Fassaden sind verwahrlost.“ | Stadt: weist das entschieden zurück. Sanierungsgebiet „Historische Innenstadt“ seit 2016, bereits 120 Wohnungen reaktiviert. Spital-Projekt: Hotel + bis zu 19 Wohnungen. Zustand sei auch Sache der Privateigentümer. |
| „Immer mehr Leerstände, Innenstadt verliert Attraktivität.“ | Stadt: Strukturwandel durch Onlinehandel betrifft alle Städte. Rottweil steuert mit einem Innenstadtmanagement gegen die Herausforderungen: Dazu gehören Mietförderung, die 2025 vier Neueröffnungen ermöglicht, die RottweilCard sowie Investitionen in Sanierung und Infrastruktur. |
| „Abends sinkt Sicherheitsgefühl, Frauen fühlen sich nicht mehr sicher.“ | Stadt: Polizeiliche Kriminalstatistik zeige anderes Bild – Rottweil sei eine sichere Stadt. |
| „Falsche Prioritäten: Prestigeprojekte statt Grundlagen (Sauberkeit/Sicherheit/Winterdienst).“ | Stadt: Investitionen (Landesgartenschau, Parkhaus) dienen der Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit. LGS ermögliche Fördergelder für notwendige Projekte (z. B. Schulen/Brücken/Friedrichsplatz). |
| „Anliegen bleiben unbeantwortet, Missstände werden ignoriert.“ | Stadt: weist pauschalen Vorwurf zurück. Antworten erfolgten zeitnah. Verwaltung arbeitet mit vielen engagierten Mitarbeitenden; Kommunikation über Medien/Website/Social Media. |
| „Durch fehlende Transparenz entsteht Eindruck: Stadt hat Bezug zur Realität verloren.“ | Stadt: „pauschaler Rundumschlag“, nicht gerechtfertigt – es gebe zahlreiche Maßnahmen und Investitionen, die genau auf Stadtentwicklung und Lebensqualität zielten. |
| „Unbeantwortetes Schreiben füge ich zur Transparenz bei.“* | Stadt: Schreiben sei beantwortet worden; fehlende Zeitstempel bei Weiterleitung könnten falschen Eindruck erzeugen.* |
*Herr Hermus hat die NRWZ-Redaktion tatsächlich darüber informiert, dass er eine Antwort seitens der Stadtverwaltung erhalten hat, nachdem er uns in die Sache einbezogen hat. Dies haben wir offenbar übersehen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. Inhaltlich bleiben die Positionen der gegnerischen Parteien aber unverändert.