Wenn der Staub mehr ist als Staub

Ein Beitrag von Rottweils Zunftschreiber Frank Huber

Autor / Quelle: Gastbeitrag
Lesezeit 4 Min.
Abstauben in den 50er Jahren zwischen den Generationen. Eduard Villinger und Fritz Stehle Quelle: Hezinger

Es sind diese scheinbar unscheinbaren Rituale, die unserer Heimat Tiefe verleihen. Rituale, die man nicht erklären muss, weil man sie fühlt. Das Abstauben am Dreikönigstag gehört zweifellos dazu. Es ist kein bloßes Säubern, kein folkloristischer Selbstzweck, sondern ein stilles Versprechen an die Rottweiler Bürger. Im Kern lautet das Versprechen: „Wir halten fest, was euch trägt.“

Wenn sich frühmorgens Frack und Zylinder aus den Schränken erheben und das Handbesele griffbereit wartet, beginnt mehr als nur ein arbeitsreicher Tag für die Abstauber. Dann beginnt ein Weg durch die Stadt, der nicht nur durch Stuben und Treppenhäuser führt, sondern ebenso durch Erinnerungen, Lebensgeschichten und Generationen. Der Staub auf den Narrenkleidern ist dabei oft die geringste Herausforderung. Wichtiger wiegt das, was zwischen Tür und Angel erzählt wird. Es geht um Geschichten über die, die fehlen, es geht um Erlebnisse von denen, die neu dazugehören, es geht um Zeiten, in denen alles anders war und doch irgendwie gleich. Es geht also darum, das stille Versprechen des Festhaltens, einzulösen.

Das Abstauben schafft Nähe, wo der Alltag Distanz erzeugt. Es zwingt zur Entschleunigung, zum Innehalten, zum Zuhören. In einer Welt, die immer lauter, schneller und kurzatmiger wird, ist dieses Ritual ein wohltuender Gegenentwurf. Es zeigt, dass Gemeinschaft nicht digital entsteht, sondern im persönlichen Gegenüber, im gemeinsamen Lachen, im ernsten Nicken, im geteilten Schweigen und manchmal auch im gemeinsamen Weinen über die, die für immer gegangen sind.

Die Abstauber sind keine Helden im klassischen Sinne. Sie drängen sich nicht in den Vordergrund, sie stellen sich vielmehr in den Dienst des Brauchtums und der Menschen, die es achten. Getrieben nicht vom eigenen Glanz, sondern vom Bewusstsein, Teil von etwas Größerem zu sein. Heimat ist für die Männer in Frack und Zylinder kein abstrakter Begriff, sondern eine gelebte Verantwortung. Sie zeigt sich im Aushalten langer Wege, in müden Beinen, in trockenen Kehlen und im dennoch unbeirrbaren Weitergehen zum nächsten Haus, zur nächsten Familie.

Gerade in Zeiten, in denen Halt und Orientierung vielen abhandengekommen sind, wirkt das Abstauben wie ein leiser Anker. Es erinnert daran, dass Brauchtum kein museales Relikt ist, sondern ein lebendiger Prozess. Einer, der sich wandelt und dennoch Bestand hat, weil er von Menschen getragen wird, die sagen:

Heimat ist kein Ort, den man besitzt, sondern ein Versprechen, das man einlöst – füreinander und miteinander.

So ist der Abstaubertag am Ende mehr als ein Auftakt zur Fasnet. Er ist ein Bekenntnis. Zur Heimat. Zur Gemeinschaft. Und zu der Überzeugung, dass Zusammenhalt dort beginnt, wo man bereit ist, Staub nicht einfach liegen zu lassen.

Wer die vom Staub der Jahrhunderte, von frostigen Wegen und schleichender Dehydrierung schwer gezeichneten Sauberkeitsfanatiker auf ihrem Weg zurück in die gesellschaftliche Belastbarkeit begleiten möchte, sei ab 21.00 Uhr im Bruderschaftsstüble (Russenstüble) willkommen. Dort sammeln sich alle Abstauber sowie alle, die der Fasnet ihr Herz und gelegentlich auch ihre Leber verschrieben haben. Die Narrenzunft freut sich auf Ihr Erscheinen.

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