Dietmar Greuter (links) und Alexander Schiem wollen niemanden auf der Straße schlafen lassen. Archivfoto: mm

Diet­mar Greu­ter ist seit 24 Jah­ren Lei­ter der Spit­tel­müh­le. In zwei Jah­ren wird er in Ren­te gehen, und dann über­nimmt Alex­an­der Schiem die Lei­tung der Obdach­lo­sen­un­ter­kunft. Neu­land betritt Schiem damit nicht: Auch er ist bereits seit 16 Jah­ren im Team der Ein­rich­tung. Wir haben uns mit bei­den unter­hal­ten, über die Arbeit mit den Woh­nungs­lo­sen und die Schwie­rig­kei­ten, die nicht gerin­ger wer­den.

Schwie­rig­kei­ten näm­lich, Woh­nun­gen zu fin­den. Güns­ti­ge Woh­nun­gen. Gebaut wird aller­or­ten, aber ver­gleichs­wei­se luxu­ri­ös, wer wenig ver­dient, fin­det nichts. Sozia­ler Woh­nungs­bau? Fehl­an­zei­ge. „Es war schon immer nicht ein­fach, güns­ti­ge Woh­nun­gen zu fin­den”, sagt Alex­an­der Schiem.

Aber jetzt hät­ten Rand­grup­pen gar kei­ne Chan­ce mehr. „Inzwi­schen hat man sogar als Nor­mal­ver­die­ner schlech­te Chan­cen.” Ver­än­dert hat sich aber auch das Kli­en­tel der Sozi­al­ar­bei­ter. „Leu­te, die von Ort zu Ort zie­hen, gibt es nur noch ver­ein­zelt”, weiß Diet­mar Greu­ter. Dafür umso mehr mit psy­chi­schen Pro­ble­men.

Miet­schul­den, ver­müll­te Woh­nun­gen – die Grün­de, auf der Stra­ße zu lan­den, sind viel­fäl­tig. „Die­se Men­schen brau­chen mehr Anspra­che, mehr medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung, nicht nur ein Dach über dem Kopf.” Und es gebe mehr, die län­ger in der Spit­tel­müh­le blie­ben. Auch, weil es kei­ne Woh­nun­gen für sie gibt.

Seit zehn Jah­ren arbei­tet eine Hei­ler­zie­hungs­pfle­ge­rin mit im Team, die den Men­schen auch bei der Kör­per­pfle­ge hilft. „Das war frü­her bei den Ber­bern nicht so ein Pro­blem”, weiß Greu­ter. Oft wird es eng unten im Neckar­tal, vor allem im Win­ter. Dann müs­sen schon mal im Gang Feld­bet­ten auf­ge­schla­gen wer­den. „Wir haben den Anspruch, nie­man­den auf der Stra­ße schla­fen zu las­sen”, vor allem bei Käl­te und schlech­tem Wet­ter, aber auch, weil es immer gefähr­li­cher wird.

Auch hier wur­den schon Leu­te ver­prü­gelt oder mit Brand­be­schleu­ni­ger über­gos­sen.” Aller­dings führt das im Haus auch wie­der zu Pro­ble­men, denn oft haben die­se Leu­te mas­si­ve Alko­hol- oder psy­chi­sche Pro­ble­me, und das nimmt eben­falls zu.

Für den Not­fall gibt es eine Abspra­che mit der Stadt, dass Leu­te kurz­fris­tig in der Not­un­ter­kunft am Oms­dor­fer Hang unter­ge­bracht wer­den kön­nen. „Aber das reicht im Win­ter oft auch nicht.” Nötig wäre, fin­den die bei­den, eine Lösung, ein Wohn­con­tai­ner bei­spiels­wei­se.
Denn seit der Ost­erwei­te­rung der EU kom­men auch immer mehr völ­lig mit­tel­lo­se Men­schen an, denen irgend­wer einen, meist dubio­sen, Job in Deutsch­land ver­spro­chen hat. Zustän­dig für sie ist eigent­lich nie­mand, die Spit­tel­müh­le küm­mert sich trotz­dem. „Das sind doch auch nur Men­schen”, sagt Alex­an­der Schiem. Kürz­lich stand eine hoch­schwan­ge­re Frau vor der Tür, sie kam­pier­te mit ihrer Fami­lie in einem Zelt an der Prim. „Das sind oft ganz tra­gi­sche Geschich­ten.”

Dabei ist es in Rott­weil noch harm­los, wie Schiem weiß. In Groß­städ­ten sei das noch viel schlim­mer, und da die Ämter sich meist nicht zustän­dig fühl­ten, sei­en sol­che Men­schen auf den guten Wil­len von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ange­wie­sen. Da kom­men Zwei­fel am Sozi­al­staat auf: „Das ist fast wie im Mit­tel­al­ter, wenn die Men­schen auf frei­wil­li­ge Mild­tä­tig­keit ange­wie­sen sind”, fin­det Alex­an­der Schiem.

Er wun­dert sich, dass die Kom­mu­nen hier nicht längst Alarm schla­gen. Mehr ein­fa­cher Wohn­raum, Rege­lun­gen wie in Tutt­lin­gen, wo, wer Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser baut, 30 Pro­zent Sozi­al­woh­nun­gen ein­pla­nen muss, das wür­de man sich in der Spit­tel­müh­le auch für Rott­weil wün­schen.

Doch dafür scheint noch immer kein Pro­blem­be­wusst­sein vor­han­den zu sein, fin­det Greu­ter. Trotz der stei­gen­den Zahl Woh­nungs­lo­ser, dar­un­ter auch vie­le Jün­ge­re, die einer gere­gel­ten Arbeit nach­ge­hen, aber kei­ne bezahl­ba­re Woh­nung fin­den. Und die sich dann per Coach­sur­fing bei Ver­wand­ten und Bekann­ten durch­schla­gen. Ohne fes­te Adres­se und damit auch ohne die Chan­ce auf Sozi­al­leis­tun­gen. „So was gab es frü­her nicht”, weiß Diet­mar Greu­ter.