Die Rottweiler Kapellenkirche und ihr stadtprägender Turm

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ROTTWEIL – Seit dem späten Mittelalter konnten Reisende Rottweil bereits aus weiter Ferne lokalisieren. Der Kapellenturm setzte damals wie auch heute noch einen markanten Akzent im Stadtbild. Er zählt zu den wichtigsten erhaltenen spätgotischen Baudenkmälern Süddeutschlands. Seit 1983 gilt der 70 Meter  hohe Kapellenturm als „Kulturdenkmal von nationaler  Bedeutung“.

Zur bewegten Geschichte des einzigartigen Denkmals wurden bisher nur vereinzelte Kenntnisse veröffentlicht, dabei ist der Forschungsstand des Bauwerks beachtenswert. Seit gut einem Vierteljahrhundert beschäftigt sich der Freiburger Bauforscher Stefan King mit der Kapellenkirche. Zusammen mit Werner Wittmann aus Rottweil hatte er bereits 1997 über erste Forschungsergebnisse berichtet und eine umfangreiche Quellensammlung vorgelegt. In den Folgejahren hatte King seine Arbeit zur Bau- und Restaurierungsgeschichte stets weiter ausgebaut und fortgeschrieben.

Die Kapellenkirche auf der Pürschgerichtskartevon -David Roetlin. Foto: HIldebrand

Schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts stand an dem Platz der heutigen Kirche eine Kapelle Unserer Lieben Frau. Mit dem Bau eines massiveren und repräsentativeren Gotteshauses wurde um das Jahr 1330 begonnen. Inmitten der dicht gedrängten Innenstadt entstand auf quadratischem Grundriss ein massiver Turm, an den sich hangabwärts in gleicher Breite das Kirchenschiff anschloss.

Wie King vermutet, hatte man sich nicht zuletzt aufgrund der beschränkten Platzverhältnisse für eine Ein-Turm-Fassade entschieden. Um den Ausstattungsmerkmalen der französischen Kathedralen, die zumeist zwei Türme, repräsentative Schaufassaden und nicht selten drei Prachtportale aufwiesen, zumindest ansatzweise zu entsprechen, hatte man die Grundzüge dieser Konzeption in abgewandelter Form auch in Rottweil angewandt.

Man hat sie auf den einen, an drei Seiten frei stehenden Turm so übertragen, dass man an seinem Unterbau ein repräsentatives Hauptportal geschaffen hat, die seitlichen Spitzbogenportale aber quasi umgeklappt auf der nördlichen und südlichen Seite des Turms angebracht hat. Über dem gestaffelten Spitzbogenportal spannt sich noch eine spitzgiebelige Fassadennische mit Rosettenfenster, davor ein Schleiermaßwerk.

Sein Skulpturenprogramm aus insgesamt 27 freistehenden Figuren von höchster künstlerischer Qualität verleiht dem Turm eine herausragende kunstgeschichtliche Bedeutung. Er besaß damals den umfangreichsten zusammenhängenden Zyklus von Steinplastiken in Schwaben. Nach einer bisher nicht geklärten 100-jährigen Unterbrechung wurden die Bauarbeiten am Kapellenturm erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts wieder aufgenommen.

Man begann mit der Errichtung eines oktogonalen Aufsatzes mit einer Glockenstube. Damit sollte der Bau offenbar zum Abschluss gebracht werden. Darüber war vermutlich ein einfacher Helm vorgesehen Stattdessen begann man nach einer kurzen Bauunterbrechung jedoch mit der Errichtung eines weiteren Oktogons.

Dieses war in seiner Grundfläche wiederum etwas kleiner als sein Unterbau, wodurch erneut, wie schon beim unteren Oktogon, ein Umgang entstand. Mit größeren Maßwerksöffnungen und einer filigraneren Bauweise wirkt dieses obere Oktogon wie ein zum Himmel hin offener Baldachin. Den Abschluss des obersten Mauerkranzes bildeten phantasievolle, fabelhaft groteske Fratzen, denen bei Regen Wasser aus den Mäulern schoss.

So wie den Kapellenturm über Jahrhunderte das Bauen und Weiterbauen charakterisierte, fanden auch am Kirchenschiff umfangreiche Veränderungen statt. Dazu schreibt King: „Die Kirche hatte anfangs einen rechteckigem Grundriss in der Breite des heutigen Mittelschiffs und endete bereits am Chorbogen. Bis 1408 gab es bereits acht Altarstiftungen, die mit Kaplaneien verbunden waren. Eine Erweiterung erfolgte durch Anfügen eines neuen Chorraums ab 1478 unter Leitung von Albrecht Georg (Aberlin Jörg), der als führender Baumeister im Herzogtum Württemberg tätig war.“ (siehe Pürschgerichtskarte von 1564)

Weitreichende Folgen für die Kapellenkirche hatte die Niederlassung des Jesuitenordens in Rottweil. Als Ordenskirche wurde den Jesuiten das Langhaus, nicht aber der Turm, des bestehenden Gotteshauses überlassen. Fortan bildete das Schiff der Kapellenkirche zusammen mit dem 1701 begonnenen Kollegiengebäude und dem ab 1717 erbauten Gymnasium ein klösterliches Ensemble.

Einen baulichen Ausdruck dieser Nutzung belegt bis heute jene über die Gasse führende Brückenverbindung zum Kolleg. Nach Plänen des Jesuitenbaumeisters Joseph Guldimann wurde das ursprüngliche Kirchenschiff wenige Jahre später abgebrochen und durch einen dreischiffigen Neubau ersetzt. Der Maler und Jesuitenlaienbruder Joseph Firtmair, ein Schüler des berühmten Cosmas Damian Asam, schuf die Altar- und Deckenmalereien. Mit den Altargemälden und den Deckenmalereien mit Themen der Mariologie und aus der Geschichte des Jesuitenordens hat er sich ein bleibendes Denkmal geschaffen.

Kapellenkirche innen. Foto: Hildebrand

Seit ihrer Erbauung ergeht es der Kapellenkirche wie unzähligen vergleichbaren Bauwerken. Es begann eine Geschichte des Um- und Weiterbauens sowie eine Geschichte der Instandhaltung und Instandsetzung. Letzteren Arbeiten lagen zwei Schadensbilder zugrunde: Die stete Gefährdung der Standsicherheit des Turms und die Schädigung des Steinmaterials durch Verwitterung und Steinzerfall.

Während 1815 noch umfangreiche Sicherungsmaßnahmen durchgeführt worden waren, die dem Turm und seiner Gestaltung wenig Respekt entgegen brachten, wird der Kapellenturm 1824 bereits als „ehrwürdiges Überbleibsel altgotischer Baukunst und wahre Zierde der Stadt‘ beschrieben. Maßnahmen einer umfangreichen Restaurierung des Turmes, der sich damals in einem „‚ruinösen Zustande“‘ befand, wurden 1882 bis 1896 durchgeführt.

Nachdem 1897 eine Gewölbeachse des Kirchenschiffs einstürzte und weitere Unglücke aufgrund statischer Probleme drohten, wurden in den Jahren 1900-1901, 1909-11, 1920-22 umfangreiche Sicherungsmaßnahmen realisiert. Vor allem die Maßnahmen von 1908, als der akut einsturzgefährdete Turm auf zahlreichen Ebenen durch eiserne Spannanker gesichert wurde, sowie die Errichtung eines Strebepfeilers auf der Nordseite, sicherten den Erhalt von Kirche und Turm.

Auch in den vergangenen Jahrzehnten haben die Rottweiler den Kapellenturm nur selten ohne Gerüst gesehen. Seit 1950 wurden am Turmschaft in mehreren Bauabschnitten Natursteinarbeiten ausgeführt. Kaum waren diese abgeschlossen folgte die Instandsetzung des Oktogons, das durch die konstruktiven Unzulänglichkeiten des Unterbaus in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Ursache für die zahlreichen Reparaturen und Restaurierungen sei einerseits das nunmehr beachtliche Alter der Bausubstanz, andererseits die anhaltende Schädigung des Steinmaterials durch Schadstoffe aus der Luft, diagnostiziert Bauforscher King. Auch aufgrund dieser Ursachen sind jüngst erneut Steine brüchig geworden, einige sind sogar heruntergestürzt.

Nachdem die schadhaften Stellen im Rahmen einer spontanen Maßnahme gesichert und um den Turm Schutzgerüste aufgestellt wurden, besteht zunächst keine Gefahr mehr. Jedoch erfordert der Zustand der historischen Bausubstanz dringenden Handlungsbedarf. Damit stehen erneut umfangreiche Arbeiten an Turm und Schiff an.

Unterer Teil des Turmes der Kapellenkirche. Foto: Hildebrand

Mit der Planung einer nachhaltigen Instandsetzung wurde das Büros AeDis AG für Planung, Restaurierung und Denkmalpflege aus Ebersbach/Fils betraut. Das interdisziplinäre Planungsteam der AeDis AG besteht unter anderem aus Architekten, Restauratoren und Steinmetzen und ist auf komplexe Denkmalinstandsetzungen spezialisiert. Vergleichbare Herausforderungen wie in Rottweil bewältigte AeDis neben vielfältigen Referenzen jüngst an der Heilbronner Kilianskirche.

Um das Schadensbild an der Kapellenkirche zu inspizieren finden im Mai 2021 unter Leitung der Architekten Dr. Nikolai Ziegler und Peter Reiner umfangreiche Untersuchungen an der Kapellenkirche statt (wir werden darüber berichten). Zunächst werden die Fassaden von Turm und Schiff mit Hubsteigern befahren, der Zustand gesichtet und dokumentiert. Anschließend wird ein ganzheitlicher Plan zur Instandsetzung der Bausubstanz gefertigt und eine Kostenschätzung erstellt. Parallel werden Baugenehmigungen eingeholt und mögliche Zuschüsse angefordert. Mit Steinarbeiten soll so zeitnah wir möglich begonnen werden.

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