Sonntag, 14. April 2024

„Ein Traum, Rottweil! Sehr geil! Sehr, sehr geil!“

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So muss das: Volles Kraftwerk, ein Publikum und ein Künstler in Feierlaune und mit Aufmerksamkeit füreinander. Zusammen ergab das einen richtig runden zweiten Abend des Ferienzaubers 2022. Denn Adel Tawil wirkte ehrlich erstaunt über den überaus freundlichen Empfang, den ihm die Leute in der „krass geilen Location“, wie er sie nannte, im Rottweiler Neckartal bereitet haben. Und die Leute, wiederum, die freuten sich mit ihm.

„Adel Tawil, Du bist der Beste!“ Ein einzelner Ruf aus dem Publikum, mitten hinein in die erwartungsvolle Stille zwischen Applaus und nächstem Song. Das bringt den 43-jährigen Sänger in seinen Flatterhosen und dem überlangen Hemd sogar kurz aus dem Konzept. Zunächst versemmelt er die Ansage, bricht ab, will erstmal wissen, ob das, was da gerufen worden ist, denn auch nett war. Klar, war es, alles okay. Witzig, dass ein Interpret seines Formats das fragen muss.

Er bleibt im Gefühlvollen

Da wird erstmals offensichtlich: Adel Salah Mahmoud Eid El-Tawil ist auf der Bühne kein Abspuler, kein Runternudler, Ablieferer. Sondern ein nachdenklicher, selbstkritischer Sänger und Botschafter. Und das immer mit einer gewissen Tendenz zum Weinerlichen (und gerade deshalb auch so Pop-Radio-tauglichen). Er bleibt aber im Pathetischen, Emphatischen, Gefühlvollen. Die Mischung insgesamt stimmt, denn er hat auch starke Powersongs. Die bringt er in Rottweil mit einer schicken, unaufdringlich agierenden, abgeklärten Studioband, toll abgemischt, Tawil mit prägender Stimme. Sie ist es, die den Abend trägt. Unterlegt mit Beats und Harmonien, feinen Chören, sauber gestaffelt, alles live, alles Handwerk, aber locker aus der Hüfte. Sehr gekonnt.

Bildergalerie, Fotos: Ralf Graner & gg

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Adel Tawil live im Kraftwerk in Rottweil. Foto: Peter Arnegger

Stark

Tawil feiert gerne, aber leidet auch gerne. Beides. Und beides gerne mit seinem Publikum. Und wenn die Leute abgehen, jubeln, ihn feiern, dann freut er sich echt. Wirkt fast ein wenig überrascht. Sympathisch. Singt sich in die Herzen der Menschen, von denen manche zu ihren beiden Begleitern noch „Papa“ und „Mama“ sagen, so jung sind sie. Mit „Stark“, seinem ganz großen Hit, erobert er sich beide Generationen. An dem Titel kann man sich gar nicht satt hören, so scheint’s. Sehr großer Jubel im Kolossaal. Also stimmt er ihn noch mal an. A capella. Wieder stark. Auch er. 

Sein dickstes Ding heißt „Lieder“. Die Leute flippen aus, ein textfestes Publikum. Was auch läuft: „So soll es sein, so soll es bleiben.“ Radiopop, aber in wirklich schön. Und, wie gesagt, gut gemacht.

Und Tawil kann das Bad ins der Menge. Taucht so überraschend wie verschwitzt im Publikum auf. An der Bar. Und, weil sie so hoch ist, fast nicht mehr auf der Bühne. Das macht er zu einem kleinen Witz über sich selbst. Sehr sympathisch.

Und „krass geil“

In der „krass geilen Location“ Kolossaal im Kraftwerk ist er das zweite Mal. Es ist, wie er es nennt, sein zweites Date. Ohne Corona wäre er schon vor zwei und vor einem Jahr hier aufgetreten, nun eben jetzt, dafür umso kraftvoller. Nach einer Zwangspause wissen alle zu schätzen, dass es wieder Konzerte und einen Ferienzauber gibt, Künstler wie Zuschauerinnen und Zuschauer.

Apropos: „Geil“ ist eines von Tawils Lieblingsworten. So sagte er auch als Reaktion auf donnernden Applaus: „“Ein Traum, Rottweil! Sehr geil! Sehr, sehr geil!“

Beim Bad in der Menge: Adel Tawil in Rottweil.
Ein Handy-Lichtermeer im Kraftwerk. Fotos: Peter Arnegger

Geschickt arbeitet der Berliner damit, dass die Leute heute alle Handys dabei haben, ihn bei seiner schweißtreibenden Arbeit filmen. Bei „Komm, wir bringen die Welt zum Leuchten“, lässt er die Menschen die Handys aktiv rausholen, lässt sie ihre LED-Leuchten einschalten. Ein Meer aus Lichtpunkten, die Handydichte scheint bei 100 Prozent zu liegen. Licht, Jubel, pure Freude.

Auch hier wieder, wie schon am Vorabend bei Howard Carpendale: Kriegskritik, aber vor allem der Rat, das Positive zu sehen. Er meint damit Menschen, die anderen Menschen helfen, beispielsweise.

Leute in bester Laune: Adel Tawil und Band. Foto: Peter Arnegger

Zugabe, Zugabe, Zugabe

Gegen 21.50 Uhr, nach etwa 80 Minuten ist der Hauptteil des Konzerts vorbei. Die Zugabe: der Karriere-Opener „Pflaster“, den er als „Ich + Ich“ mit Annette Humpe sang, der erste Platz-1-Hit der beiden. Dann eine Uptempo-Nummer als Abschied? Denkste. Ein weiterer letzter Song, eine Botschaft: „Eine Welt, eine Heimat“. Noch mal treibende Beats, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Es funktioniert, denn für diesen Ferienzauber-Abends im Kraftwerk ist sie es. 

Und noch nicht vorbei. Es gibt einen letzten, allerletzten Song. Da sind schon einige Leute gegangen, die übrigen haben Tawil und seine Band wieder rausgeklatscht. Die Geduldigen wurden belohnt. Mit „Paradies“. Schön. Und dann noch mit einer Dankesrede, wie sie sonst allenfalls der Vorsitzende des örtlichen Männergesangsvereins bei der Generalhauptversammlung vornimmt. Bis hin zum ehrenamtlichen DRK. Nach dem Motto „last but not least“

Es sei jetzt sein zweites Date in Rottweil gewesen, resümiert Tawil. Da würden noch viele folgen. Jubel.

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.