Donnerstag, 18. April 2024

„Wir müssen die Menschen zurückgewinnen“

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Aus der Theaterszene kommen Hiobsbotschaften. Die Besucherzahlen seien dramatisch schlecht, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung diese Woche. Für das Rottweiler Zimmertheater scheint das aktuell nicht zu gelten. Die Musical-Adaption „Kiss me, Kate!“, die noch bis Ende Juli zu sehen ist, zieht Zuschauer an. Das berichten im Gespräch mit der NRWZ die Intendanten Peter Staatsmann und Bettina Schültke, die gerade ihre zehnte Spielzeit in Rottweil abschließen – und auch noch weiter hierbleiben wollen.

NRWZ: Frau Schültke, Herr Staatsmann, in einem Song der aktuellen Produktion „Kiss me, Kate!“ heißt es „Es ist viel zu heiß“ – würden Sie da einstimmen: Ist es bei den Temperaturen dieser Woche viel zu heiß fürs Theaterspielen?

Peter Staatsmann: Es ist angenehm – seit einigen Vorstellungen. In Rottweil weiß ja fast jeder, es wird abends rasch kühl und ich nehme entsprechende Kleidung mit. Wir sind sehr froh, dass wir bisher alle Vorstellungen im Bockshof spielen konnten.

NRWZ: Wie wappnen sich Schauspieler und Besucher gegen die Hitze?

Bettina Schültke: Viel zu trinken ist wichtig, wir verkaufen im Moment sehr viel Wasser. Je wärmer desto lockerer spielen wir und die Aufführung wächst immer weiter.

NRWZ: Die Extremhitze ist ein eher kurzlebiges Problem verglichen der Corona-Pandemie. Es heißt, in Konzerte, Kirchen, Kinos und Theater kämen erst etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Besucher wie vor der Pandemie – wie sieht das im Zimmertheater aus?

Peter Staatsmann: In allen deutschsprachigen Theatern sieht es im Moment etwas mau aus… Wir müssen die Menschen zurückgewinnen, für die das Theater nicht sehr nah zu ihrem Leben gehört, sozusagen den dritten und vierten Radius der Theaterbesucher. Mit „Kiss me Kate!“ gelingt das wunderbar, weil das Musical eine große Reichweite hat und für alle etwas bietet: gehobene Unterhaltung und auch noch darunter „tiefere“ Bedeutungen. 

NRWZ: Das heißt, die Auslastung ist derzeit gut? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte diese Woche „Unter der Bühne das Nichts“ und meinte, die Lage der deutschen Theater sei dramatisch – für das Zimmertheater gilt das also nicht?

Bettina Schültke: „Kiss me Kate“ läuft sehr gut, was mit mehreren Faktoren zusammenhängt: Wir haben sehr viel Zeit auf die Stückauswahl gelegt und den größten Aufwand bei der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler betrieben, damit wir auch Zuschauer erreichen, die nicht zu den per se Theaterinteressierten gehören. Das hat geklappt, das Musical ist geeignet, die Zuschauer zurückzuholen und ihnen den intensiven und lustvollen Erfahrungsraum zu geben, den das Theater bieten kann. Das heißt, im Moment können wir nicht klagen, aber das kann im Herbst schon wieder anders aussehen.

Ein munterer, bunter Mix, der zieht: Szenenfoto aus der aktuellen Produktion „Kiss me, Kate!“. Foto: al

NRWZ: Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Coronazeit – hat die Pandemie das Theatermachen grundlegend verändert?

Peter Staatsmann: Theater wird wieder als kostbar gesehen, was es auch ist. Es ist ja eine Kunst, die alles andere ist als Konfektion. Es ist ein High-End Produkt und man empfindet das jetzt wieder. Da gilt es anzusetzen für die Zukunft. Und es ist eine Kunst, die in einer Gemeinschaft stattfindet. Menschen kommen zusammen, um sich gemeinsam einen Theaterabend anzuschauen. Das ist gerade nach den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie wichtig.

NRWZ: Die Spielzeit 2021/22, die momentan auf die Zielgerade zusteuert, ist Ihre zehnte in Rottweil. Manche Pläne konnten Sie umsetzen, anderes nicht – zum Beispiel den Ausbau zu einem Regionaltheater. Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Punkte einer Bilanz dieses Jahrzehnts?

Bettina Schültke: Wir sind zufrieden über das, was wir bisher in der Zeit erreicht haben und freuen uns, dass das Publikum diesen Weg auch offen und neugierig mitgegangen ist. Wichtig ist uns ein vielfältiges Programm zu zeigen, dass aber trotzdem immer eine eigene Handschrift trägt.

NRWZ: Ihre Vorgänger Tina Brüggemann und Tonio Kleinknecht waren zehn Jahre in Rottweil – wie ist Ihre Planung: Weiter am Zimmertheater oder haben Sie schon eine andere Etappe in den Blick?

Bettina Schültke: Wir sind voll auf Rottweil konzentriert und haben uns für die nächste Zeit viele tolle Inszenierungen und Projekte ausgedacht. Auch bei der Einwerbung von Projektgeldern waren wir wieder sehr erfolgreich.

„Wir sind voll auf Rottweil konzentriert“: Peter Staatsmann und Bettina Schültke haben nach zehn Jahren keine Wechsel-Pläne. Foto: al

NRWZ: Was erwartet die Theaterbesucher im Herbst – womit starten Sie in die nächste Spielzeit?

Bettina Schültke: Die Spielzeit 2022/23 beginnt am 1. Oktober 2022 mit einem Gastspiel des Staatstheaters Karlsruhe mit „Mutters Courage“ von George Tabori mit dem langjährigen Kasseler Intendanten Thomas Bockelmann und der 90igjährigen Schauspielerin Sigrun Schneider-Kaethner.

Inhalt ist die wahre und berührende Geschichte einer sechzigjährigen Jüdin, die 1942 in Budapest verhaftet, im Viehwagen Richtung Auschwitz deportiert wird und bei einem Halt nahe der ungarischen Grenze das Unvorstellbare wagt, einem NS-Offizier zu erklären, ihre Verhaftung sei Unrecht. Sie wird die einzige von 4030 Menschen sein, die diesen Transport überlebt.

Die erste Premiere am 14. Oktober ist die Komödie „Achtsam morden“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Carsten Dusse. Drei Darsteller rotieren in 19 Rollen und sind höchst bemüht, der rasanten Geschichte über den Versuch eines erfolgreichen Rechtsanwalts seine Work-Life-Balance in den Griff zu bekommen, auf den Fersen zu bleiben.

Das Familienstück in der Vorweihnachtszeit, ist das „Eine Woche voller Samstag“ mit dem anarchischen Sams mit seinen blauen Wunschpunkten, roten Borstenhaaren und Froschfüßen im  Zentrum. Diese Inszenierung kann auch von Schulen und Kindergärten gebucht werden.

Peter Staatsmann: Im nächsten Jahr geht es dann mit einem eigenen Projekt weiter, in dem wir uns dem widmen, was unserer Gesellschaft im Moment zu schaffen macht: Sie zerfällt in Parallelwelten, in der oft eine Selbstgewissheit herrscht, die andere ausschließt. Jeder „igelt“ sich in seine Community ein – damit verbauen wir uns Zukunft.

Der Stadtteil Hegneberg ist ebenfalls integrativ schwierig gewesen, heute ist die Tendenz eher positiv, weil von dort fleißige und aufgeschlossene Mitglieder der Stadtgesellschaft kommen. Diese Geschichte wollen wir erzählen.

NRWZ: Wie kann man sich das vorstellen?

Peter Staatsmann: Die aktuellen Schlagworte Identität, Diversität, Ungleichheit, Globalisierungsgewinner und -verlierer lassen sich an Biografien von Menschen vom Hegneberg darstellen und untersuchen. Wer hat welche Chance? Wann geht Identität in Ideologie über? Heimat meint die Bindung von Menschen an einen vertrauten Ort.

Auch heute, in Zeiten der Globalisierung und der biografischen Normalität des räumlichen Wechsels und Pendelns, gibt es Praktiken der Beheimatung. Diese wollen wir untersuchen. Die Gewinnung und Kultivierung eines eigenen Lebens- und Erfahrungsraums ist auch jenseits ihrer sentimentalen Verklärung und politischen Instrumentalisierung ein zentraler Teil von Kultur überhaupt und ist niemandes Privileg. Wir wollen mit dem Theater und diesem Projekt einen Ort und Zusammenhänge schaffen, die Menschen gerne aufsuchen.

Info: Weitere Vorstellungen am 23. Juli (in Schiltach), 24. Juli (im Bockshof, nicht wie angekündigt in Glatt), sowie am 26., 28., 29., 30. und 31. Juli. Bei zu schlechtem Wetter spielt das Zimmertheater in der Alten Rottweiler Stallhalle (Stadionstr. 40). Ab 16 Uhr kann man sich unter der Rufnummer 0157-51667613 erkundigen wo die jeweilige Vorstellung aktuell stattfindet. Karten gibt es bei den VIBUS-Stellen, der Touristinfo Rottweil, bei der Buchhandlung Klein Rottweil und nach Absprache im Theater (Tel. 0741-8990). Vom 4. Bis 21. August gastiert fas Zimmertheater im Monbijou Theater Berlin.

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