Generation Netflix“: Fürs Kino verloren

UNTERHALTUNG Besucherrückgang und Medienwandel / Ein Interview mit Christa Ullrich vom Central-Kino

„Kleinere Kinos müssen kämpfen“, sagt Christa Ullrich vom Central-Kino. Foto: Andreas Linsenmann

Die Inter­na­tio­na­len Film­fest­spie­le Ber­lin haben mit über 400 Fil­men gera­de wie­der viel Auf­merk­sam­keit auf neue Pro­duk­tio­nen und die Film­kunst als Gan­zes gelenkt. Aber wie es geht es Kinos abseits der Metro­po­len und der gla­mou­rö­sen Events? Was bedeu­ten die immer belieb­ter wer­den­den Strea­ming-Ange­bo­te für sie? Im Gespräch mit der NRWZ gibt Chris­ta Ull­rich, Inha­be­rin des tra­di­ti­ons­rei­chen Rott­wei­ler Cen­tral-Kinos, Ant­wor­ten.

NRWZ: Frau Ull­rich, gera­de war Ber­li­na­le, eines der gro­ßen Ereig­nis­se des Kino-Jah­res neben den Oscar-Ver­lei­hun­gen. Ver­fol­gen Sie so ein Fes­ti­val – und hal­ten viel­leicht gleich nach Fil­men Aus­schau, die Sie in Rott­weil zei­gen wol­len?

Chris­ta Ull­rich: Natür­lich ver­folgt man so etwas. Aber Fil­me, die ich in Rott­weil zei­gen kann, sind bei der Ber­li­na­le kaum dabei. Wir spie­len hier Pro­duk­tio­nen, die eine Woche oder län­ger lau­fen. Dafür sind die­se Fes­ti­val-Fil­me meist nicht geeig­net. Die tau­chen bei uns eher mit ein, zwei Vor­stel­lun­gen in Art­house-For­ma­ten auf.

Um die 550 Kino-Starts von Fil­men gab es 2018 in Deutsch­land. Wie kommt die Aus­wahl zustan­de, die Sie in Rott­weil zei­gen?

In der Regel sind es Fil­me, die von den Ver­lei­hern ange­bo­ten wer­den. Danach muss ich mich weit­ge­hend rich­ten, denn die Ver­lei­her ver­lan­gen eine bestimm­te Spiel­zeit, in der Regel drei Wochen. In den ers­ten Wochen müs­sen die Fil­me oft sogar drei­mal täg­lich gezeigt wer­den, danach weni­ger häu­fig. Es lässt sich leicht errech­nen, dass bei drei Sälen das Pro­gramm dann schnell voll ist. Ande­re Fil­me, etwa aus dem Art­house-Bereich, kann ich nur ein­bau­en, wenn nicht ein Bun­des­start ansteht, oder man die Main­stream-Fil­me nicht mehr zu allen Zei­ten zei­gen muss.

Haben Events wie die Ber­li­na­le Wir­kung aufs Publi­kum – heizt so etwas das Kino­fie­ber an?

Das hat schon Wir­kung. Die gan­ze Bran­che bekommt mehr Auf­merk­sam­keit. Es gibt Leu­te, die kom­men und fra­gen nach bestimm­ten Fil­men, weil sie im Zusam­men­hang mit sol­chen Fes­ti­vals etwas da­r­über gele­sen haben.

Ins­ge­samt steht das Kino ja unter Druck. 2018 sind die Besu­cher­zah­len um etwa 15 Pro­zent zurück­ge­gan­gen, im Ver­gleich zum Rekord­jahr 2015 sogar um 28 Pro­zent. Beob­ach­ten Sie das auch in Rott­weil?

Das beob­ach­te ich nicht nur, das spü­re ich!

Heißt das, die­se Zah­len tref­fen auch auf das Cen­tral-Kino zu?

Bei uns ist der Rück­gang sogar noch stär­ker. Die Zah­len, die Sie nen­nen, schlie­ßen gro­ße Ket­ten mit ein. Klei­ne­re Kinos haben noch deut­lich stär­ke­re Ein­bu­ßen und müs­sen kämp­fen.

2018 hät­ten die zug­kräf­ti­gen Kas­sen­schla­ger aus Hol­ly­wood gefehlt, hieß es in Bran­chen­krei­sen – sehen Sie das auch so?

Es haben ins­ge­samt zug­kräf­ti­ge Fil­me gefehlt. Es gab viel zu weni­ge Fil­me, die vom Publi­kum ange­nom­men wur­den.

Was zieht denn?

Wenn man das immer wüss­te, könn­te man genau dar­auf hin­ar­bei­ten. Es weiß aber kei­ner. Es gibt Fil­me, bei denen rech­net man nicht damit und plötz­lich kom­men sie beim Kino­pu­bli­kum gut an. Ande­rer­seits gibt es Block­bus­ter, die im x-ten Teil auf­ge­legt wer­den, immer gezo­gen haben und irgend­wann bei den Besu­cher­zah­len auch rück­läu­fig sind.

Das Medi­en­um­feld ver­än­dert sich ja fun­da­men­tal. Strea­ming-Diens­te wie „Net­flix“ bie­ten radi­kal neue Zugän­ge zu Fil­men. Wie hal­ten Sie von­sei­ten des Kinos bei die­ser Kon­kur­renz dage­gen? Was macht den Kino­be­such aus Ihrer Sicht uner­setz­bar?

Wenn ich die Strea­ming-Diens­te nut­ze, ändert sich für mich ja nichts. Ich bin zuhau­se, sit­ze auf mei­ner Couch. Kino ist ein ande­res Erleb­nis. Die Lein­wand ist viel grö­ßer als der größ­te Bild­schirm zuhau­se, auch der Ton ist tech­nisch auf­wän­di­ger und genau abge­stimmt. Und man hat das Erleb­nis aus­zu­ge­hen und sich etwas zu gön­nen.

Ein Boom von Seri­en­an­ge­bo­ten gera­de der Strea­ming-Diens­te wirkt sich auf die Seh­ge­wohn­hei­ten aus. Leu­te schau­en zuhau­se etli­che Epi­so­den ihrer Lieb­lings­staf­fel nach­ein­an­der an – was sich auch fast wie ein Kino­abend anfüh­len kann. Spü­ren Sie die­sen Wan­del?

Das merkt man mas­siv. Es gibt zum Bei­spiel Leu­te, die kom­men hier­her, holen sich Pop­corn und sagen: Wir machen jetzt einen Film­abend zuhau­se.

Gibt es eine „Genera­ti­on Net­flix“?

Ja. Vor allem die 16- bis 26-Jäh­ri­gen. Die­se Leu­te sind für das Kino im Moment eine ver­lo­re­ne Genera­ti­on.

Kom­men die denn wie­der?

Das muss sich zei­gen. Zum Teil viel­leicht. Es gibt Leu­te, die nach Jah­ren wie­der ins Kino kom­men, wenn zum Bei­spiel die Kin­der grö­ßer sind und sie abends wie­der mal aus­ge­hen kön­nen. Inter­es­sant sind die über 50-Jäh­ri­gen. Die kamen eine Zeit­lang gar nicht ins Kino. Und jetzt kommt die­se Alters­grup­pe ver­stärkt wie­der zurück.

Sind Pro­gramm­ki­no-Ange­bo­te eine Gegen­stra­te­gie?

Es wäre schön, aber das ist aufs Gan­ze gese­hen eine Nische. In einer klei­nen Stadt wie Rott­weil gibt es nicht so vie­le Leu­te, die sich für Film­kunst inter­es­sie­ren. In grö­ße­ren Städ­ten oder Stu­den­ten­städ­ten ist das anders.

Wie reagie­ren Sie auf die­se Trends?

Das ist eine gute Fra­ge. Ich mache mir immer Gedan­ken. Aber jeman­den, der zuhau­se sitzt und Seri­en schaut oder mit ande­ren zusam­men per Inter­net Spie­le spielt, den bekom­men Sie kaum davon weg. Ein Pro­blem ist in Rott­weil auch, dass Ange­bo­te im Umfeld feh­len: Wenn die Leu­te ins Kino kom­men, stellt sich die Fra­ge: Was machen wir danach? Das ist hier schwie­rig. Dann fah­ren die Leu­te eher dahin, wo sie ab 22 Uhr noch in die Dis­ko oder etwas Essen gehen kön­nen.

Wo lie­gen denn Ihre per­sön­li­chen Film-Vor­lie­ben?

Ich bin da nicht fest­ge­legt. Ich schaue ganz vie­le unter­schied­li­che Fil­me ger­ne an, wenn sie gut gemacht und span­nend sind.

1997 haben Sie das Cen­tral-Kino über­nom­men. Haben Sie es je bereut?

Eigent­lich nicht. In letz­ter Zeit, seit es sehr schwie­rig gewor­den ist, mache ich mir schon Gedan­ken. Die Ent­wick­lung ist trau­rig, aber es ist ein­fach so.

Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit das Rott­wei­ler Kino als Teil der regio­na­len Kul­tur erfolg­reich wei­ter­be­stehen kann?

Besu­cher! Es gibt ein Stamm­pu­bli­kum und die über 50-Jäh­ri­gen gehen wie­der mehr ins Kino. Vor allem die 16- bis 26-Jäh­ri­gen sind für das Kino aber lei­der zu einem Groß­teil ver­lo­ren gegan­gen.

Die Fra­gen stell­te unser Redak­teur Andre­as Lin­sen­mann.