Kauft nicht bei Impf-Befürwortern

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ROTTWEIL. Inzwischen wird’s persönlich. Wer sich als Kritiker der „Spaziergänge“ gegen die Coronamaßnahmen offenbart, bekommt es mit den Montags-Demonstranten zu tun. In einem Telegram-Kanal der „Spaziergänger“ hat es ein neugieriger Rottweiler Einzelhändler keinen ganzen Abend ausgehalten. Und die Fastnachter werden in einem Weblog in die Nähe der SA gerückt.

Tobias Rützel traut sich was. Der Rottweiler Einzelhändler, zugleich Mitglied im Einzelhandelsverband der Stadt, abonniert am späten Mittwochabend die Telegram-Gruppe „Rottweiler Spaziergänge„. Deren Motto: „Freiheit ist nicht verhandelbar.“ Wobei sie ihre eigene Freiheit meinen. Nämlich die, in Form von „Spaziergängen“ gegen die Coronamaßnahmen zu demonstrieren und sich dazu online zu verabreden.

Wenn sich jemand wie Rützel, der als Impfbefürworter bekannt ist, die Freiheit nimmt, sich bei den Impfgegnern einzuwählen, dann werden sie hellhörig. „Ahoi, Tobias, was machst du denn bei den Spaziergängern, ein bisschen spitzeln, denn deine Darstellungen waren eher gegen diese Truppe“, begrüßt ihn ein Gruppenmitglied der ersten Stunde bald. Das tut es unter Pseudonym – das nicht schwer aufzulösen ist, das der Telegram-Neuling Rützel aber noch nicht kennt. Also fragt Rützel nach, wer denn so hinter dieser Gruppe stecke. Und erfährt: „Wir werden belogen, betrogen und verarscht von unserer Regierung🙈🙈🙈und noch viiiieeeeles mehr…deshalb gehen wir auf die Straße und es werden jedesmal mehr ‼️‼️‼️Gott sei Dank 🙏🙏🙏.“ Beigefügt ist ein Link zu einer in der Gruppe mit Spannung erwarteten Reportage auf dem österreichischen Sender ServusTV, die von im Stich gelassenen Covid-Impfopfern erzählt.

Tobias Rützel traut sich noch mehr. Er schreibt über die Zahl der Geimpften, die er mit 60 Millionen in Deutschland beziffert: „Bin der Meinung, wenn‘s mehr wären, wären wir weiter, und Spazierengehen sollte man zurzeit eher zu dritt, als mit 1500 anderen. Sorry, aber Telegram sieht vor, dass auch ich mich hier aufhalten und meine Meinung kundtun darf.😉“ Er sieht die 60 Millionen hinter sich.

Das gibt direkt Ärger. Der Administrator der „Spaziergänger“-Gruppe – die, zur Erinnerung, das Motto „Freiheit ist nicht verhandelbar“ trägt, schreibt Rützel: „Naja ich denke Du bist hier eh nicht sehr willkommen …. wer überzeugt ist das 60 Millionen Deutsche freiwillig dieses Zeugs sich haben in die Venen geben lassen passt hier nicht wirklich rein ….“ Das Gruppenmitglied, das Rützel schon der Spitzelei bezichtigt hatte, schreibt (sic!): „Tobias verlass die Gruppe trotz der 60 Mill. die dich unterstützen. Für mich bist du ein Spitzel und fühlst dich vielleicht noch als Held.“

Und einer erklärt: „Wer Werbung macht auf intstagram und sonst wo, dass Corana kein Spaziergang ist, der ist wahrlich falsch in dieser Gruppe. Aber wenigstens weiß ich, wo ich keine Hemden mehr kauf. 😉“ Das ergänzt ein weiterer später, dass „die beste Missachtung ist, bei diesen Geschäftsleuten nichts mehr zu kaufen und dies sollte man auch entsprechend  mitteilen.“ Im Klartext: Kauft nicht bei Impf-Befürwortern.

Und dann traut sich Tobias Rützel noch etwas mehr: „Jetzt lass die Kirche mal im Dorf, ich bin geimpft, fühl mich blendend, und zwei Drittel der mündigen Deutschen auch.“

Daraufhin ein weiteres Mitglied des Telegram-Chats: „… die Gruppe hier soll eigentlich keinem Meinungsaustausch dienen, sondern es uns mit unserem Anliegen ermöglichen, uns diesbezüglich besprechen zu können.“ Im Klartext: Hier werden die angeblich ungeplanten „Spaziergänge“ montagabends geplant. Ist auch so, ganze Terminlisten werden in der Gruppe geteilt, Orte und Uhrzeiten, von Aach bis Zell am Wiesental.

Tobias Rützel hat da bereits genug gelesen. Er verlässt die Gruppe wieder. „Ich habe mich doch etwas unwohl gefühlt in dieser Umgebung und bringe die Kraft nicht mit, das dauerhaft zu begleiten“, erklärt er auf Nachfrage am Donnerstagmorgen der NRWZ. Und zu seinen Beweggründen: „Ich war tatsächlich eher neugierig.“

Unversöhnlich stehen sich Impfbefürworter und -gegner in diesen Tagen gegenüber. Die Rottweiler Fastnachter, die die Obere Hauptstraße vergangenen Montag zur besten „Spaziergänger“-Zeit teils für sich beansprucht haben, werden nun scharf angegangen. Gewalttätig gegenüber Kindern seien sie gewesen, hätten rücksichtslos ihre gefährlichen Peitschen geschwungen, das seien SA-Methoden, heißt es in einem lokalen Weblog. Einen dieser vermeintlichen Vorfälle konnte die NRWZ beobachten: Da lief ein Paar mit einem Kind direkt auf einen der „Klepfer“ zu, der gerade begann, seine Peitsche zu schwingen. Der Fastnachter wurde von dem Paar massiv angegangen, der versuchten Körperverletzung bezichtigt. Stoisch ließ er das über sich ergehen, peitschte anschließend weiter.

Nehmerqualitäten müssen auch die beiden Organisatoren der für kommenden Montag geplanten Kundgebung aufweisen. Elke Reichenbach und Peter Bruker werden online faschistische Methoden unterstellt.

Und die Gemeinderätinnen und -räte, die sich hinter den Impf-Aufruf der Stadt stellen unter dem Motto „Corona ist kein Spaziergang„, müssen ein wenig einstecken: „Immerhin schön, dass ich jetzt weiß, wer bei der nächsten Gemeinderatswahl keine Stimme mehr von mir bekommt. 😏“, lautet einer der Kommentare.

Peter Arnegger (gg)
Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.

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