Boris Palmer zur Windkraft im Feurenmoos: „Deutlich positive Klimabilanz“

Fragen an den Aufsichtsratsvorsitzenden der Stadtwerke Tübingen

Autor / Quelle: NRWZ-Redaktion Schramberg
Lesezeit 8 Min.
Immer gut für einen lockeren Spruch: Boris Palmer in der Aula des Schramberger Gymnasiums. Foto: him

Anfang Dezember nahm Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer an einer Veranstaltung mit dem Titel „Schramberger Gespräche“ teil. Da Palmer auch Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Tübingen (swt) ist, hofften etliche Besucherinnen und Besucher, dass bei diesem Schramberger Gespräch auch die Pläne der swt für bis zu fünf Windkraftanlagen im Feurenmoos angesprochen werden. Dies war allerdings nicht der Fall. Im Nachgang hat Palmer den Windkraftkritikern erklärt, er hätte „gerne zu diesem Thema Stellung genommen – weil ich weiß, wie wichtig Ihnen dieses Thema ist…“

Schramberg. Die NRWZ hat vor Weihnachten Palmer schriftlich eine Reihe von Fragen gestellt, wie sie ihm wohl auch die Gegner der Anlagen im Feurenmoos gestellt hätten. Jetzt sind die Antworten da:

NRWZ: Die geplanten fünf Windkraftanlagen werden in ihrer Gesamthöhe den Rottweiler Testturm noch übertreffen. Weshalb müssen die Anlagen so riesig werden?
Boris Palmer: Moderne Windenergieanlagen erreichen in größeren Höhen deutlich stabilere und stärkere Winde. Nur so lassen sich an süddeutschen Binnenstandorten ausreichende Stromerträge erzielen. Kleinere Anlagen wären hier wirtschaftlich und ökologisch nicht sinnvoll.

Bei den Anlagen wird der gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstand von 750 Metern zur nächsten Siedlung eingehalten. Andernorts, etwa bei Rottweil, sollen es aber 1000 Meter sein. Weshalb bestehen die swt auf 750 Metern?
Die Abstände sowie die Größe des Vorranggebiets werden nicht von den Stadtwerken Tübingen festgelegt, sondern durch den Regionalverband im Rahmen der Regionalplanung. Die swt planen ausschließlich innerhalb dieser verbindlichen Vorgaben. Abweichende Abstände wären nur durch eine Änderung der Regionalplanung möglich.

Die fünf möglichen Standorte und der Mindestabstand. Karte: SWT

In Tübingen deutlich größeres Projekt geplant

Weshalb planen die swt ein solches Großprojekt nicht auf dem eigenen Tübinger Gebiet?
Die Stadtwerke Tübingen planen auf Tübinger Gemarkung ein deutlich größeres Windenergieprojekt mit bis zu elf Anlagen. Unabhängig davon werden auch Projekte außerhalb des Stadtgebiets verfolgt, da die Energiewende regionale Zusammenarbeit erfordert. Stromerzeugung ist nicht an Gemeindegrenzen gebunden.

Ist es aus ökologischer Sicht zu rechtfertigen, dass für die fünf geplanten Windräder Bäume gefällt, der Boden versiegelt und große Betonfundamente in einem Waldboden eingebracht werden, der historisch gesehen ein „Moos“ ist?
Die Eingriffe werden auf das notwendige Maß begrenzt und vollständig ausgeglichen. Nach der Bauphase werden Flächen weitgehend renaturiert. Der langfristige Nutzen für den Klimaschutz über mehrere Jahrzehnte überwiegt die einmaligen Eingriffe.

Boris Palmer bei seinem Besuch in Schramberg im Dezember. Foto: him

Haben die Stadtwerke Tübingen eine CO₂-Gesamtbilanz erstellt, die den Verlust der natürlichen Kohlenstoffsenken durch Fundamente und Schwerlastzuwegungen gegen den Stromertrag aufrechnet?
Für Windenergieprojekte werden standardisierte Lebenszyklusanalysen herangezogen. Diese berücksichtigen Herstellung, Bau, Betrieb und Rückbau. Der erzeugte Strom gleicht die anfänglichen Emissionen in vergleichsweise kurzer Zeit aus.

In welcher Zeit wird sich das Projekt ökologisch rechnen, wenn man den Verlust an CO₂-Senken durch den Bau der Anlagen mit den CO₂-Einsparungen durch deren Stromerzeugung gegenrechnet?
Die ökologische Amortisationszeit liegt nach gängigen Erfahrungswerten bei wenigen Jahren. Danach erzeugen die Anlagen über Jahrzehnte nahezu CO₂-freien Strom. Insgesamt ergibt sich eine deutlich positive Klimabilanz.

Ist das Feurenmoos von der Windhöffigkeit überhaupt für ein solches Projekt geeignet?
Die Argumentation ist widersprüchlich: Einerseits soll trotz geringerer Windhöffigkeit in Tübingen gebaut werden, andererseits wird ein windreicherer Standort wie das Feurenmoos grundsätzlich infrage gestellt. Beides zugleich ist sachlich nicht haltbar.

das Feurenmoos vom Wasserturm aus gesehen. Archiv-Foto: him

Mit welcher Volllaststundenzahl rechnen die swt bei den Anlagen im Feurenmoos?
Die erwartete Volllaststundenzahl liegt im Bereich dessen, was für Windenergieanlagen in Baden-Württemberg üblich ist, also bei etwa 1500 bis 2000 Stunden pro Jahr. Konkrete projektspezifische Annahmen unterliegen dem Geschäftsgeheimnis.

„Artenschutz ist extrem streng“

Welche Maßnahmen werden die swt ergreifen, um den Artenschutz im Feurenmoos zu gewährleisten? Welche Biotope in dem Gebiet wären betroffen, welche seltenen Pflanzen haben die Gutachter entdeckt?
Zu konkreten Funden kann ich derzeit nichts Belastbares sagen. Klar ist aber: Der Artenschutz wird extrem streng gehandhabt – teilweise so streng, dass in Tübingen zeitweise ein einzelner Vogel den Ausbau der Uniklinik blockiert hat. Da muss man zumindest die Frage stellen dürfen, ob die Verhältnismäßigkeit immer noch gewahrt ist.

Blick in den Fichtenwald im Feurenmoos. Foto: him

Sehen Sie die Gefahr, dass von den fünf Anlagen Waldbrände ausgelöst und/oder bei einer Havarie das Grundwasser gefährdet wird? Was werden die swt unternehmen, um diesen Gefahren zu vorzubeugen?
Moderne Windenergieanlagen verfügen über umfassende Sicherheits- und Überwachungssysteme. Das Risiko von Bränden oder einer Grundwassergefährdung gilt als sehr gering. Planung und Bau erfolgen nach strengen sicherheits- und wasserrechtlichen Vorgaben.

Sie setzen sich sehr für Bürgerbeteiligung ein. Weshalb nicht auch, wenn es um die fünf Windkraftanlagen im Feurenmoos geht?
Die rechtlich vorgeschriebene Bürgerbeteiligung im Rahmen der Planungs- und Genehmigungsverfahren hat stattgefunden. Darüber hinaus ermöglichen die Stadtwerke Tübingen gerne auch finanzielle Beteiligungsmöglichkeiten.

Schon vor bald 17 Jahren war Palmer in Schramberg zu Besuch: Hier mit seinem Ex-Landtagskollegen Hans-Jochem Steim. Archiv-Foto: him

Auch Schramberg profitiert

Wenn die Anlagen tatsächlich gebaut werden, warum profitieren davon in erster Linie die Grundbesitzer sowie die swt und ihre Kunden, nicht aber die direkt Betroffenen und die Stadt Schramberg, die die Lasten zu tragen haben?
Die Standort- und Nachbargemeinden profitieren über Zahlungen nach § 6 EEG, über Gewerbesteuereinnahmen sowie über mögliche Beteiligungsmodelle. Als Partner aus der kommunalen Familie sind die Stadtwerke Tübingen nicht renditegetrieben, sondern an regionaler Wertschöpfung interessiert. Dadurch bleiben finanzielle Vorteile in der Region.

Weshalb planen die swt die Anlagen im Feurenmoos, obwohl es ökonomischer wäre, in den windreicheren Gebieten Norddeutschlands solche Anlagen zu errichten?
Die Energiewende erfordert eine regionale Verteilung der Stromerzeugung. Süddeutschland muss einen eigenen Beitrag leisten und kann sich nicht dauerhaft auf Strom aus dem Norden verlassen. Regionale Erzeugung entlastet zudem die Stromnetze. Das zeigt auch eine neue Studie des Klima-Sachverständigenrats in Baden-Württemberg.

Warum investieren die Stadtwerke Tübingen an einem ertragsarmen Standort fern des Bedarfs und leistungsfähiger Netze?
Alle Standorte in Baden-Württemberg liegen vergleichsweise nah an den Verbrauchszentren. Windenergie im Süden reduziert Redispatch-Maßnahmen und entlastet die Übertragungsnetze im Vergleich zu Anlagen an der Küste. Solche Projekte sind daher netzdienlich.

Eine Überlandleitung geht durchs Feurenmoos. Archiv-Foto: him

Windmessungen sind Geschäftsgeheimnis

Wann werden die Stadtwerke Tübingen die Ergebnisse der Windmessungen im Feurenmoos veröffentlichen?
Die detaillierten Ergebnisse der Windmessungen unterliegen dem Geschäftsgeheimnis. Über die Investition entscheidet jedoch ein Aufsichtsrat aus Gemeinderätinnen und Gemeinderäten sowie Beschäftigten. Eine Freigabe erfolgt nur, wenn sich das Projekt wirtschaftlich rechnet.

Wovon ist es noch abhängig, ob die fünf Anlagen tatsächlich gebaut werden?
Maßgeblich ist, ob das Projekt wirtschaftlich tragfähig ist. Außerdem müssen alle erforderlichen Genehmigungen erteilt werden.

Die Fragen an Boris Palmer hat Martin Himmelheber gestellt.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen