„Champagner, Klopapier und 20 80“

"Marktplatz Kirche" lud zu Vortragsabend über "Zeit für die Wende? Energiepolitik unter Druck" / Kerstin Andreae und Peter Kälble sprachen

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Was haben Champagner, Klopapier, Importland Deutschland und 20 80 miteinander zu tun? Diese Begriffe standen auf dem Stichwortzettel von Kerstin Andreae bei einem Vortragsabend von „Marktplatz Kirche“ im evangelischen Gemeindehaus in Sulgen. Gemeinsam mit Stadtwerke-Geschäftsführer Peter Kälble sprach die aus Schramberg stammende Ex-Grünen-Politikerin und heutige Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, kurz BDEW, über „Energiepolitik unter Druck“.

Schramberg. Dorothee Golm vom Lenkungskreis von Marktplatz Kirche hieß zur letzten Veranstaltung der Reihe „Zeitenwende“ etwa 100 Interessierte willkommen. „Energie ist immer da: 24 Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. Zuverlässig und immer am Ort, an dem sie benötigt wird.“

Nur wenn mal ein Bagger zu tief baggere, merke man den Netzausfall. Doch mit dem Krieg in der Ukraine sei uns schlagartig klar gemacht worden, wie abhängig wir von einem Gaslieferanten, nämlich Russland sind. „Können wir weiterhin, ohne nachzudenken das Licht ein schalten“, fragte Golm.

Kerstin Andreae und Peter Kälble

Andreae sei nach ihrer Zeit im Bundestag beim Lobby- und Interessenverband BDEW eingestiegen. Neben den großen Versorgern wie EON, RWE und EnBW seien dort auch etwa 2000 Stadtwerke und andere kleinere Unternehmen vertreten. Peter Kälble sei Wirtschaftsingenieur und seit 2001 Chef der Stadtwerke Schramberg.

Etwa 100 interessierte Besucherinnen und Besucher waren gekommen. Foto: him

Energiepolitik sei ein „extrem sperriges Thema“ warnte Andreae die Zuhörerinnen und Zuhörer und begann gleich, ihre vier Stichwörter abzuarbeiten. „20 80“ stehe für den Anteil des Stroms am Gesamtenergieverbrauch. „20 Prozent ist Strom, 80 Prozent sind andere Energieträger wie Gas, Kohle, Öl für die Industrie, das Heizen, den Verkehr.“

Sektorenkopplung

Ziel der Politik sei eine „Sektorenkopplung“, also der Versuch, den Anteil des Stroms zu erhöhen. Beispiele seien die Elektromobilität oder die Wärmepumpe. Der Grund: „Strom, können wir selbst machen“, erläutert Andreae. „Die Erneuerbaren spielen auf der Stromseite.“ Sie warnte aber vor allzu hohen Erwartungen: sie schätze 30 70 wäre möglich.

Photovoötaikanlage auf dem Dach des Stadtwerkegebäudes. Foto: Stadtwerke

Schon vor den derzeitigen Krisen seien die Folgen des Klimawandels als große Herausforderung erkannt worden. Die frühere Bundesregierung habe mit dem Klimaschutzgesetz versucht gegenzusteuern. Die Frage war und ist, wie gelingt die Transformation?

CO2 begrenzen

Ob das 1,5 Grad Ziel von Paris noch erreichbar sei? Bei der Nachfolgekonferenz in Dubai werde es wahrscheinlich nicht bestätigt, fürchtet Andreae. Dabei sei es nicht aus der Luft gegriffen, sondern wissenschaftlich fundiert. Ab diesem Temperaturanstieg fürchten Klimaforscher, werden Dinge „kippen, die unser Ökosystem zusammenhalten“.

Deutschland als großes Industrieland habe viel zum CO2-Anstieg in der Vergangenheit beigetragen, es müsse deshalb auch vorne dabei sein, wenn es darum geht, Lösungen zu finden.

Ein Weg sei die Bepreisung von CO2. Die frühere Regierung wollte den Wechsel hin zu den Erneuerbaren. Als Brückentechnologie sollte bis dahin das Gas dienen. Und dann kam Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine und damit die Erkenntnis: „Ups, unser Wohlstand fußt auf billigem russischen Gas.“

Versorgungsssicherheit

Wir hätten in Abgründe geschaut, als Putin am 1. September 2022 den Gashahn zugedreht hat. Die Versorgungssicherheit habe für die Deutschen hohe Bedeutung, etwa die Hälfte der Wohnungen werde mit Gas beheizt.

„Erinnern Sie sich, wie die Leute während der Corona-Pandemie Klopapier gehortet haben?“ Andreae hat ihr zweites Stichwort eingebracht. Die Politik habe große Sorge vor einem „Wutherbst“ gehabt und deshalb alles dafür getan, um die Gasversorgung sicher zu stellen. Es gab den Tankrabatt und die Strom- und Gaspreisbremse. Aber Andreae hielt fest: „Wir werden kein billiges Gas mehr bekommen.“

Atomkraft ist passé

Es gelte die Transformation anzugehen, dies müsse aber tragbar für die Menschen bleiben. Einer Wieder-in-Betriebnahme der abgeschalteten Atomkraftwerke erteilte Andreae eine Absage: Viel zu teuer, kein Personal, die Sicherheitsvorschriften wären nicht einzuhalten.

Erdgas habe bei der Förderung das Problem, dass das 28 Mal klimaschädlichere Methan frei werde, gab Andreae zu bedenken. Die Frage laute: „Wie kriegen wir das Gas decarbonisiert?“

Die Hauptgeschäftsführerin des BDEW Kerstin Andreae, Foto: him

Um die Energiewende hinzubekommen, sei es auch wichtig, beim Stromverbrauch flexibler zu werden. Man könnte entscheiden: Wenn die Sonne scheint, lade ich das E-Auto oder starte die Waschmaschine. Ähnliches gelte natürlich auch für die Industrie. Voraussetzung sei die Digitalisierung, um Tarife flexibel zu gestalten.

Industriestrompreis kein Allheilmittel

Zur aktuellen Debatte um den Industriestrompreis bekannte Andreae, sie sei kein Fan der Idee. Sie fürchte, dass diese Subvention zur Dauerlösung werde.

Die derzeitige Schwäche der Wirtschaft habe auch andere Gründe als die hohen Strompreise. Was die Industrie oft verkenne: „Wir haben eine enorme Netzstabilität.“ In den USA müssten sich Unternehmen gegen Stromausfälle versichern.

Dennoch brauche Deutschland den Netzausbau auf den großen Stromautobahnen wie vor Ort, wenn immer mehr Strom angeboten, aber auch verbraucht werde.

Wasserstoff die große Hoffnung

Das große Thema im Energiebereich sei derzeit Wasserstoff. Andreae sprach von einer dritten Welle. Schon Hoimar von Ditfurth habe 1972 von den Möglichkeiten des Wasserstoffs geschwärmt. Der große Vorteil von Gas allgemein: Es ist leicht zu speichern, anders als Strom.

Beim Erdgas als Brückentechnologie sei aber klar: „Die Brücke ist eingebrochen.“ Nun müsse man nachdenken, wie es nach der Brücke weitergeht. Und da sei Wasserstoff das Thema: „Alle investieren in Wasserstoff.“

„Champagner der Energiewende“

In der Energiebranche heiße es gerne: “Wasserstoff ist der Champagner der Energiewende. So teuer, dass es sich nicht lohnt“. Sie habe ihre Meinung diesbezüglich geändert, so Andreae. Sie erinnert an das Erneuerbare Energiengesetz: Damals habe man geschätzt, etwa vier Prozent des Stroms könnten aus Sonne und Wind gewonnen werden. „Heute sind es 50 Prozent.“

Wenn man Wasserstoff zur vierten Säule werden lassen wolle, müsse man „kraftvoll reingehen“. Ob er dann billig wie Leitungswasser werde, glaube sie auch nicht, aber „irgendwo zwischen Champagner und Wasser.“

Kommunale Wärmeplanung als Grundlage

Andreae kam auf das Heizungsgesetz der Bundesregierung zu sprechen. Da habe die Bundesregierung zunächst alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, dann aber die Kurve gekriegt. Erst muss die Kommunale Wärmeplanung her, dann könne man sehen, wo welches Heizsystem am sinnvollsten und wirtschaftlichsten sei.

Es sei klar, Deutschland werde auch in Zukunft seinen Energiebedarf nicht selbst decken können. Zu Kohle, Öl und Erdgas werde künftig auch Wasserstoff dazu kommen. Gelöst werden müsse die Verteilfrage: Wie kommt der Wasserstoff nach Schramberg? „Es wird viele Baustellen geben in Zukunft“, versprach Andreae.

Archiv-Foto: him

„Never bet against the Germans“

Am Ende hatte sie drei Gedanken zur Energiewende: Im Vergleich zum Triathlon befände man sich gerade beim Umsteigen vom Schwimmen aufs Rad.

Der zweite Gedanke sei ein Spruch aus britischen Wettbüros: „Never bet against the Germans.“ Deutschlands Industrie solle mit ihrem Defätismus aufhören, forderte sie. Die Briten wüssten, dass die Deutschen es immer noch geschafft haben, und es sich nicht lohne, gegen sie zu wetten.

Ihr dritter Gedanke: „Ich möchte, dass meine Kinder eine lebens- und liebenswerte Zukunft haben.“

Kälble: Respekt vor Politikern

Stadtwerkechef Peter Kälble erinnerte in seinem Co-Referat an die Corona-Krise: Da sei den Menschen die Bedeutung der Energieversorgung deutlich geworden. Bei der Ukraine-Krise habe er manche schlaflose Nacht gehabt, als die Gaspreise explodierten. „Ohne Strom und Gas funktioniert nichts bei uns.“

Damals habe er „hohen Respekt vor den Politikern“ entwickelt, die innerhalb kurzer Zeit schwere Entscheidungen treffen mussten. Natürlich habe nicht immer alles richtig funktioniert. Bei der Krisenbewältigung seien „der Blick und die Kraft nach vorne auf der Strecke geblieben“, bedauerte Kälble.

Peter Kälble. Foto: him

PV-Boom

Derzeit gebe es einen Boom von Photovoltaikanlagen auf Privathäusern. Entsprechend viele Anträge hätten die Stadtwerke zu bearbeiten. „Wir sind an der absoluten Kapazitätsgrenze.“ Erfreulicherweise habe die Bundesregierung die Verfahren erleichtert.

Ein zweites Feld sei die Zertifizierung, weil die Netze der Stadtwerke als systemkritische Strukturen gewertet werden.
Beim Gas sei die Lage dank voller Speicher und zurückgehender Preise „deutlich entspannter in diesem Winter“.

Netzausbau wird teuer

Was den Ausbau der Erneuerbaren Energien angeht, ist Kälble zuversichtlich, dass das Ziel 80 Prozent erreichbar sei. Auch für Kälble ist der Netzausbau entscheidend, damit der Windstrom vom Norden in den Süden in die Verbrauchszentren fließen kann.

Aber auch die örtlichen Verteilnetze müssten für Wärmepumpen und E-Mobilität ausgebaut werden. Die Kosten schätzte Kälble allein für Schramberg auf 110 Millionen Euro bis zum Jahr 2040.

Windkraftanlage bei „Steigers Eck“, an der die Stadtwerke beteiligt sind. Archiv-Foto: him

Der kommunale Wärmeplan werde zeigen, wo hohe Wärmebedarfe vorhanden sind. Dann könne man schauen, was technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll wäre. Bei der Energiepolitik sieht Kälble das Land auf dem „richtigen Weg“, man brauche eigentlich keine Energiewende. Große Aufgaben sieht er beim Verkehr und der Wärme.

Wasserstoff beherrscht die Diskussion

In der anschließenden Diskussion ging es um die Wirtschaftlichkeit von Wasserstoff und E-Fuels, zu deren Herstellung bekanntlich sehr viel Strom erforderlich ist. Wasserstoff sei tatsächlich „nicht die effektivste Form“ Strom zu nutzen, bestätigte Andreae. Man werde sicher nicht alles Erdgas durch Wasserstoff ersetzen.

Andererseits gebe es Länder, in denen die Stromausbeute aus Sonne und Wind sehr viel höher als in Deutschland sei. Deutschland werde nie energieautark werden können. 70 Prozent des Primärenergiebedarfs werde auch künftig importiert, so Andreaes Antwort. Wichtig sei, dass am Ende nur noch „grüner“ Wasserstoff eingeführt werde.

Da die Industrie nur entweder Wasserstoff oder Erdgas verwenden könne, werde man zwei Netze aufbauen müssen, berichtete Andreae. Für die Privathaushalte sei eine Beimischung von 20 bis 30 Prozent Wasserstoff möglich, ergänzte Kälble.

Detlev Kügler wies darauf hin, dass Wasserstoff hochexplosiv und leicht entflammbar sei. Schon heute verwende die Industrie Wasserstoff, das sei technisch machbar, erwiderte Kälble. Auch das Problem der Flüchtigkeit des Wasserstoffs werde sich lösen lassen, waren Andreae und Kälble überzeugt: „Wenn wir zum Mond fliegen können…“

Umweltfreundlich heizen – aber wie?

Nah- und Fernwärmenetze lohnten nur in dicht besiedelten Gebieten und eher im Bestand an großen Wohngebäuden als bei Neubaugebieten. „Die heutigen Häuser sind so gut gedämmt, da lohnt sich keine zentrale Wärmeversorgung, weil sie zu wenig Wärme verkaufen können“, erklärte Kälble. Die Kombination aus PV auf dem Dach und Wärmepumpe sei das Richtige.

Photovoltaik auf dem Dach, Wärmepumpe im Garten. Ein Beispiel aus Sulgen. Foto: him

Thomas Brugger wollte wissen, wie sich der Ausbau der Netze beschleunigen ließe. Der Bundestag habe beschlossen, dass die Netze von „überragendem öffentlichen Interesse“ seien. Gerichte könnten nun schneller zugunsten des Netzausbaus entscheiden, so Andreae.

Sie warb für den CO2-Zertifikatehandel und erinnerte daran, dass ab 2027 auch die Landwirtschaft, die Gebäude, der Verkehr und die Abfallwirtschaft einbezogen würden. Der Emissionshandel sei „eines der besten Instrumente, um CO2 zu verringern.“

Dank höherer Effizienz etwa von Elektroautos im Vergleich zu Verbrennern, werde auch der Energieverbrauch sinken. Zugleich könnten moderne Windräder ein Vielfaches an Strom erzeugen als die Windräder, die vor 20 Jahren gebaut wurden.

Saft, Wasser und Wein statt Champagner

Nach etwa einer Stunde lebhafter Diskussion ging es im Foyer in kleineren Diskussionsrunden noch lange weiter, „zwar nicht bei Champagner, aber bei Saft Wasser und Wein“, wie Dorothee Golm versprach. Energiepolitik ist zwar sperrig, aber auch ganz nah an unser aller Alltag.

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Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.

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