Sonntag, 14. April 2024

OneCoin: Ruja Ignatovas Apartment in London mit deutschem Geld bezahlt

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Schramberg/London/Münster/New York  (him) –  „Ist das das neueste ‚Must Have‘ für Luxus-Apartments? “ Das fragt  Myra Butterworth in einem Artikel der in London erscheinenden „Mail Online“ am 15. April 2016. Dieses ‚Must have‘ ist ein Swimmingpool, zehn Meter lang, vier Meter breit mit Gegenstromanlage und  aufschiebbarem Dach. Der Pool sei Teil einer Penthousewohnung mit vier Schlafzimmern in Londoner Stadtteil Kensington.

Diesen Artikel dürfte Ruja Ignatova damals gelesen haben. Ihr „OneCoin-Geschäft“ hatte die Cryptoqueen zwei Jahre zuvor gestartet – und es lief bereits fantastisch. Allein bei der  Firma IMS – International Marketing Services – in Greven zahlten zehntausende Kunden aus Deutschland Geld ein, um an „Bildungspakete“ der OneCoin Academy zu kommen. Die beiden Grevener  Manon H. und Frank R. sollen zwischen Mai  2015 und Juli 2016 als deutschlandweite Geldeinsammler für OneCoin und Ruja Ignatova aktiv gewesen sein, so die Staatsanwaltschaft Bielefeld.

Millionen aus Deutschland für Apartments in London

Ein Sprecher des Landgerichts Münster berichtete der NRWZ, insgesamt 88.158 Zahlungsvorgänge und etwa 320 Millionen Euro seien laut Anklage über die IMS geschleust worden. Das Geld sei ins Ausland unter anderem auf die Cayman-Inseln geflossen. Dafür habe das Paar ein Prozent als Provision, also gut drei Millionen Euro, erhalten.

Dr. Ruja Ignatova hatte also im April 2016 genug Klimpergeld, um sich das Luxusapartment in Kensington zu leisten.

Rasanter Aufstieg

Aufgewachsen ist sie in den 90er-Jahren in eher einfachen Verhältnissen in Schramberg im Schwarzwald. Die Familie war nach dem Zusammenbruch des Ostblocks aus Bulgarien nach Schramberg gekommen. In der Marktstraße wohnte sie mit ihren Eltern  und ihrem fünf Jahre jüngeren Bruder Konstantin in einer Altbauwohnung über einer Metzgerei. Ihr Vater betrieb in Schramberg zeitweise einen Im- und Export für Autoräder.

Hier in der Marktstraße in Schramberg wuchsen Ruja und Konstantin Ignatov um die Jahrtausendwende auf. Foto: him
In diesem Schuppen befand sich die Im- und Exportfirma von Vater Ignatov. Foto: him

Schon in ihrer Zeit als Gymnasiastin hatte Ruja einen Hang zur Extravaganz. High Heels, rot lackierte Fingernägel und knallrot geschminkte Lippen waren ihr Markenzeichen schon als Teenager, erinnern sich ihre früheren Klassenkameradinnen.

Ihr jüngerer Bruder war in der Skaterszene, Spitzname Konsti Keks, unterwegs. Im Stadtteil Sulgen auf einem Skaterplatz traf er sich mit Kumpels. Einer erinnert sich an ihn als netten Typ: „Er war schon 16 und hat für uns jüngere das Bier beim Edeka gekauft.“ Andere berichten von egoistischen Zügen, von einem Typ, der Kollegen hängen ließ, wenn es um seinen eigenen Vorteil ging.

Ruja Ignatovas Selbstdarstellung im Abi-Buch der Abiturienten 1999. Foto: him

Etwa 15 Jahre später, Ignatova hat inzwischen in Konstanz in Wirtschaftswissenschaften promoviert und ein Jurastudium in Oxford abgeschlossen, ist sie Gründerin eines mutmaßlich gigantischen Schwindels mit einer angeblichen Kryptowährung, dem OneCoin.

Start-Hilfe vom Rechtsanwalt aus München

Mitgeholfen haben soll dabei ein Münchner Rechtsanwalt, Martin B. . Er habe am 14. Dezember 2014 ein Rechtsgutachten erstellt, wonach OneCoin ein „rechtmäßiges Produkt“ sei. Das habe den OneCoin-Entwicklern sehr, ihre „Bildungspakete“ an die Frau und an den Mann zu bringen, berichtet BehindMLM.

Ein knappes halbes Jahr später sei Martin B. Direktor der OneCoin Limited in Gibraltar geworden und das bis Heiligabend 2015 geblieben sein, so der Blog weiter. Zugleich und danach soll Rechtsanwalt B. persönlicher Anwalt Rujas gewesen sein. Sein Name taucht 2016 als mutmaßlicher Geldwäscher für Ruja auf einer Liste der Staatsanwaltschaft in Dubai auf.

Quelle BehindMLM

Nun sitzt er seit Mitte September regelmäßig dienstags und donnerstags in einem Saal des Landgerichts Münster und muss sich wegen Geldwäsche verantworten. Er soll laut Anklage in zwei Fällen Geld für Ruja Ignatova gewaschen haben. Er habe billigend in Kauf genommen, dass die Gelder aus gewerbsmäßigem Betrug stammten.

Im Mai 2016 habe er aus Greven von der IMS 20 Millionen Euro auf sein Konto erhalten und dann auf Weisung der OneCoin-Chefin an eine Londoner Anwaltskanzlei weitergeleitet. Um den Verdacht der Geldwäsche auszuräumen, habe Anwalt B.  Mails an Banken geschickt, um die Herkunft der OneCoin-Gelder zu verschleiern.

Die Londoner Kollegen hätten für die 20 Millionen Euro zwei Wohnungen kaufen sollen. Der Münchner Anwalt, so die Anklageschrift, habe dafür eine Provision von 666.000 Euro kassiert, berichtet der Pressesprecher des Landgerichts im Gespräch mit der NRWZ.

Unkenntlich gemacht: Die drei Angeklagen im Prozess in Münster: Frank R., Martin B. und Manon H. Foto: him

Briefkastenfirma in Guernsey zu Tarnung?

Und die Londoner Kollegen hätten im August 2016 gekauft, eben die Wohnung im Abbots House für fast 14 Millionen Pfund. Die zweite Wohnung im fünften Stock desselben Gebäudes habe Ruja für schlappe 1,9 Millionen Pfund für ihre bulgarischen Leibwächter erworben, enthüllten am 3. November Jamie Bartlett und Rob Byrne von der BBC.

Das Ganze sei über eine Briefkastenfirma auf der Kanalinsel Guernsey gelaufen, um die Besitzverhältnisse zu verschleiern. Die Londoner Anwälte gehörten zu einer US-Großkanzlei Locke Lord, die ursprünglich auch Bedenken wegen der Herkunft der Gelder hatte. Aber schließlich hätten Dr. Rujas Firmen die Sicherheitsüberprüfungen überstanden und die Immobilienkäufe seien über die Bühne gegangen. Sagt jedenfalls die Anklage.

Designerklamotten und teure Bilder

Bartlett und Byrne berichten, ein früherer Portier des Abbots House in Kensington erinnere sich an Ruja. Sie sei im Jahr 2016 einmal nach einem Einkaufstrip durch Londoner Designer-Boutiquen nach Hause gekommen. Der Portier habe die beiden Leibwächter in Rujas Schlepptau bedauert. „Sie waren ziemlich außer Atem, jeder hatte mindestens 20 Einkaufstüten zu schleppen.“

Außerdem berichte der Portier, das Apartment sei voller Kunstwerke gewesen. Ein Lenin-Bild von Andy Warhol habe über dem Kamin gehangen und ein weiterer Warhol in einem Regal gelegen.

Ruja selbst sei nicht sehr oft in dieser Luxuswohnung gewesen. Im Jahr 2016 allerdings hatte sie ihren 40. Geburtstag groß im Victoria and Albert Museum gefeiert, war in Wembley bei einem OneCoin-Werbeevent aufgetreten und hatte in Büro in einem exklusiven Gebäude in London eröffnet.

Ruja taucht unter

Doch im folgenden Jahr 2017 zog sich wohl die Schlinge langsam zu. In den USA ermittelte das FBI gegen sie und OneCoin. Die Ermittler hatten ihren Geldwäscher und Liebhaber Gilbert Armenta „umgedreht“. In Deutschland hat die Bundesanstalt für Finanzaufsicht – Bafin im Frühjahr der IMS verboten, weiter  Zahlungstransfers für OneCoin vorzunehmen.

Unter dem Begriff OneCoin würden die Firmen „über ein mehrstufiges Vertriebssystem weltweit und auch in der Bundesrepublik Deutschland virtuelle Einheiten vertreiben, die sie als Kryptowährung deklarieren“, so die Bafin.

Im September 2017 wird Ruja zunehmend nervös. Nach einem Gespräch mit Armenta habe sie einen Nervenzusammenbruch gehabt, erzählt ihr Bruder Konstantin im November 2019 in einer Gerichtsverhandlung. Im Jahr 2016 hatte Ruja Ignatova ihren Bruder Konstantin aus Deutschland nach Bulgarien geholt und ihn zu ihrem persönlichen Assistenten gemacht.

Im Oktober besorgt Konstantin für sie Flugtickets nach Wien und Athen. Am 25. Oktober schließlich fliegt sie mit Ryanair von Sofia in Bulgarien nach Athen – und ward nicht mehr gesehen.

Das Apartment verwaist

Das Londoner Apartment bekommt danach offenbar nur noch gelegentlich Besuch. Der Portier erinnere sich etwa an den ehemaligen Luxemburger Geheimdienstmann Frank Schneider, berichten Bartlett und Byrne. Schneider diente Ruja Ignatova als Sicherheitsmann. Nach ihrem Verschwinden habe Schneider sie vergebens gesucht, sagte Konstantin 2019 aus.

Allem Anschein nach war Konstantin in „Abbots House“. Auf Instagram postet er am 20. Juli 2018 ein Selfie aus London. Die BBC-Reporter vergleichen das Bild mit ihren Daten und sind sicher, es stammt aus dem Apartment. Sie entdecken andere Aufnahmen aus einem Immobilienprospekt und erspähen eine Porzellanschale auf dem Küchentisch. Unverkennbar darauf: das Porträt von Ruja Ignatova. Ein führender OneCoiner soll es ihr geschenkt haben, sie habe es gehasst, erfahren die BBC-Reporter.

Die Küche in Rujas Apartment. im Vordergrund der Teller mit Rujas Porträt. Quelle: BBC, screenshot: him

Nun schließt sich der Kreis. Konstantin sitzt seit Februar 2019 in den USA fest. Erst befindet er sich in Untersuchungshaft, seit Januar 2021 unter Hausarrest in New York. Er hat 2019 als Zeuge der Anklage im Prozess gegen den mutmaßlichen Geldwäscher Mark Scott ausgesagt. Scott war eine Zeit lang auch für Locke Lord als Anwalt tätig. Bei der Firma also, die Rujas Londoner Immobiliendeal über die Bühne brachte.

Was passiert mit Konstantin Ignatov nach seinen beiden mutmaßlichen Meineiden?

Doch seine Aussagen im Scott-Verfahren im November 2019 bringen ihn nun in Bedrängnis. Die Anwälte von Scott glauben, ihn bei mindestens zwei Lügen ertappt zu haben. Ignatov behauptete, er habe einen Laptop in Las Vegas in eine Mülltonne geworfen.

Die zweite Lüge, so jedenfalls Scotts Verteidiger: Er habe Scott zusammen mit einer Führungskraft von OneCoin in Sofia getroffen. Den Laptop habe vielmehr Ignatovs damaliger Begleiter zurück nach Sofia genommen, die Führungsfigur sei damals gar nicht in Sofia, sondern in Indien gewesen, erklären Scotts Verteidiger und fordern wegen der beiden Lügen des Hauptzeugen der Anklage eine Wiederaufnahme des Verfahrens.

Wie die NRWZ inzwischen aus erster Hand weiß, ist der Laptop tatsächlich in Los Angeles am Flughafen vor der Verhaftung Konstantins an eine andere Person übergeben und von dieser nach Sofia mitgenommen worden.

Mark Scott hofft auf neuen Prozess

Für das Verfahren gegen Scott hätten diese Falschaussagen kaum Bedeutung, argumentieren die US-Staatsanwälte. Überhaupt hätten sie auch ohne Ignatovs Aussage so viele Beweise gegen Scott zusammengetragen, dass das Urteil Bestand haben müsse.

Der Vorwurf: er habe 400 Millionen US-Dollar von OneCoin auf  Karibik-Inseln geschleust und so gewaschen. Seine Provision: 50 Millionen Dollar. Ein Geschworenengericht hatte Scott Ende November 2019 bereits schuldig befunden. Der Richter allerdings bis heute noch kein Strafmaß verkündet. Scott ist weiterhin auf freiem Fuß.

Mark Scott. Quelle:Twitter/Bartlett

Für Konstantin steht allerdings seine Teilfreiheit seit Anfang des Jahres  auf dem Spiel. Ein Meineid (englisch: perjury) ist ein ernstes Vergehen. Und jemand, der wie Konstantin Ignatov geschworen hat, immer die Wahrheit zu sagen, um ein milderes Urteil zu erhalten, der sollte das umso mehr beherzigen, meint jemand, der mit ihm zusammen gearbeitet hat. „Unter gar keinen Umständen“ sollte man in einer solchen Lage lügen.

Ebenfalls ungünstig für ihn dürfte sein, dass die US-Behörden im Februar 2020 bei Konstantin in der Zelle ein illegales Handy (Cellphone) beschlagnahmt hatten. Darauf seien mehr als zehn Gigabit an Daten gespeichert, teilten die Scott-Anwälte Richter Edgardo Ramos vor einigen Tagen mit. „Das meiste davon in einer fremden Sprache“, so die  Anwälte weiter. Sie baten deshalb um einen weiteren Aufschub in der Verhandlung wegen Scott.

Was mit Konstantin geschehen wird? Bisher schweigen die US-Ankläger dazu. Ein „sentencing control date“ hatte Richter Ramos auf den 12. November festgesetzt. Bei  einem solchen Termin geht es um das Verhalten eines Verurteilten, um seine persönlichen Verhältnisse und Vorstrafen. Erst danach legt der Richter das Strafmaß fest und verkündet es. (Nachtrag: Heute, am 12. November hat Richter Ramos entschieden, dass dieses Verfahren auf den 12. Mai 2022 verschoben wird. Das berichtet Matthew Russel Lee. Ignatow wird also weiter auf sein Verfahren und ein Urteil warten müssen.)

Gegenwärtig ist Ignatov mutmaßlich weiterhin unter Hausarrest, trägt eine elektronische Fußfessel, bleibt aber wenigstens von einer Zelle im Metropolitan Correctional Center (MCC) in Manhattan verschont.

Bisher keine Verständigung in Münster

Ebenfalls frei sind bislang die drei Angeklagten im Münsteraner Verfahren. Unter Vorsitz von Richter Pfeiffer stünden bis zum 18. November an weiteren vier Verhandlungstagen „Zeugenvernehmungen weiterer potenziell Geschädigter auf dem Programm“, wie die Pressesprecherin des Gerichts auf Nachfrage der NRWZ bestätigt.

Mitte Oktober hatte Richter Pfeiffer den drei Angeklagten und ihren Anwälten klargemacht, dass ein frühes Geständnis sich positiv auf das Urteil  und ein mögliches Strafmaß auswirken könne. Bis zu fünf Jahre Haft drohen bei Verstößen gegen das Finanzdienstleistungsgesetz.

Angesichts der Schadenshöhe, so der Vorsitzende Richter, werde es wohl keine Bewährungsstrafe geben können. Das scheint das Trio nicht sonderlich bewegt zu haben, denn laut Pressesprecherin „gibt es bezüglich einer Verständigung aktuell nichts Neues“. Noch seien keine Gespräche in Gang gesetzt worden. Es gebe auch „keine Anhaltspunkte, dass diese unmittelbar bevorstünden“.

Und wo ist Ruja? „Das ist die Millionen-Dollar-Frage“, wie einer der Anwälte in Münster zur NRWZ meinte. Nur eines ist sicher: Sie ist nicht in ihrem Penthouse in Kensington.

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Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.