Vergiftet: Beziehungsdrama vor Gericht

Urteilsverkündung erst am am Montag, 19. November

In einem Punkt waren sich gleich alle Betei­lig­ten einig: Amts­ge­richts­di­rek­tor Wolf­gang Heu­er, die Ver­tre­te­rin der Staats­an­walt­schaft und Ver­tei­di­ger Ulrich Mül­ler-Arenz: „So einen Fall haben wir noch nie erlebt.“

Eine 29-jäh­ri­ge Frau aus einem Schram­ber­ger Teil­ort sitzt auf der Ankla­ge­bank, etwas pum­me­lig, dun­kel­brau­ner Pfer­de­schwanz, dezen­tes Pier­cing. Sie soll ihrem dama­li­gen Freund im ver­gan­ge­nen Som­mer vier Mal ver­gif­te­te Ves­per­bro­te „ins Geschäft“ gebracht haben. Ein hal­bes Jahr zuvor hat­te die Poli­zei bei einer Durch­su­chung ihres Zim­mers ein gan­zes Waf­fen­la­ger mit ille­ga­len Waf­fen wie Wurf­ster­nen, Schlag­rin­gen, eine Kurz­waf­fe und meh­re­re uner­laub­te Mes­ser beschlag­nahmt. Außer­dem haben die Beam­ten gleich noch acht Can­na­bis­pflan­zen ein­kas­siert. Wegen etli­cher Ver­stö­ße gegen das Waf­fen­ge­set­zes und wegen gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung muss sie sich nun ver­ant­wor­ten.

Ich wollte ihn nicht umbringen”

Rich­ter Heu­er fokus­siert sich auf die Ver­gif­tun­gen des dama­li­gen Freun­des, gesche­hen mit einem Gift, das sich offen­bar im Inter­net leicht beschaf­fen lässt.  Er fragt die jun­ge Frau, ob es stim­me, was die Staats­an­wäl­tin ihr vor­wer­fe. „Lei­der, ja“, sagt sie fast flüs­ternd. Sie habe sich das Gift über eBay besorgt und sich im Inter­net infor­miert, wie man es benützt und wel­che Fol­gen es hat. „Ich habe ihn aber nie umbrin­gen wol­len“, ver­si­chert sie.

Dass das Leben des jun­gen Man­nes „an einem sei­de­nen Faden“ hing, bestä­tigt spä­ter eine eigens aus Mün­chen ange­reis­te Gut­ach­te­rin. Aus einem Fläsch­chen habe sie das Gift­pul­ver auf ein Brot gestreut und dann Scho­ko­la­den­creme drü­ber geschmiert. Das Brot habe sie ihm zum Ves­per in sei­ne Fir­ma bei Rott­weil gebracht. War­um sie das gemacht hat, will Rich­ter Heu­er wis­sen. „Das war total bescheu­ert“, meint sie, „ich weiß es nicht.“ Und als Heu­er nach­bohrt: „Ich woll­te, dass er sich auch so schlecht fühlt wie ich.“

Es habe öfter Streit gege­ben, weil er Ver­ab­re­dun­gen nicht ein­ge­hal­ten habe, da habe er sie ent­täuscht. Heu­er will wis­sen, wes­halb sie wei­ter gemacht habe. Nach dem ers­ten Mal  Anfang Juni 2017 muss­te der Freund in ärzt­li­che Behand­lung, beim zwei­ten Mal am 29. Juni sogar ins Obern­dor­fer Kran­ken­haus. Nach der  drit­ten Gift­at­ta­cke am 5. Juli ließ sei­ne Haus­ärz­tin ihn ins Schwarz­wald-Baar-Kli­ni­kum brin­gen – und selbst danach brach­te sie ihm am 21. Juli noch ein­mal ein ver­gif­te­tes Pau­sen­brot.

Sie habe doch wis­sen müs­sen, was sie da anrich­tet, meint Heu­er. „Ich weiß nicht, was mich da gerit­ten hat.“ Wie es um die Bezie­hung stand, will er wei­ter wis­sen. Sie habe vor den Gift­at­ta­cken Schluss gemacht, erzählt sie. Das mache doch kei­nen Sinn, fin­det nicht nur Rich­ter Heu­er. Danach sei­en sie freund­schaft­lich ver­bun­den geblie­ben.

 Schaurige Bilder in Whatsapp-Gruppe

Auf­ge­flo­gen ist das Waf­fen­la­ger, weil die jun­ge Frau in einer Whats­app-Grup­pe Bil­der von den Waf­fen und ihrem  blut­ver­schmier­ten Arm ver­brei­tet hat­te. Das berich­tet ein Poli­zei­be­am­ter. Er sei Jugend­lei­ter beim Fuß­ball und einer sei­ner Jugend­li­chen habe ihm die Bil­der gezeigt und gefragt, was man da tun sol­le. Die Begleit­tex­te sei­en hef­tig gewe­sen. Von Grab­stei­nen für die Eltern ihres Freun­des  („Dreck­s­er­zeu­ger“) war da unter ande­rem die Rede. Er habe die Bil­der und Tex­te doku­men­tiert  und eine Anzei­ge erstat­tet.

Aus­hang am Gerichts­saal

Dar­auf­hin hat die Poli­zei die Schu­le besucht und die Woh­nung der jun­gen Frau, berich­tet ein wei­te­rer Poli­zei­be­am­ter als Zeu­ge. Das Zim­mer sei vol­ler Pflan­zen gestan­den, man habe kaum hin­ein gelan­gen kön­nen. Die Waf­fen lagen in einem Schrank, die­se und die Can­na­bis­pflan­zen hät­ten sie mit­ge­nom­men. Auch Che­mi­ka­li­en hät­te man gefun­den. Sie habe eige­ne Böl­ler her­stel­len wol­len, habe die Ange­klag­te dazu erklärt.

Ob die Poli­zei auch prä­ven­tiv aktiv gewor­den sei, fragt Rich­ter Heu­er. Ja, er habe der Frau Vor­hal­tun­gen gemacht und das Ord­nungs­amt der Stadt Schram­berg infor­miert. Es sei aber nichts gesche­hen. „Viel­leicht ist zwi­schen­zeit­lich etwas pas­siert.“  Bei der Ver­neh­mung hät­te die Frau ihm erklärt, sie habe ihren Freund von sich abhän­gig machen wol­len, „damit er von sei­nen Eltern weg­kommt“. Der Ver­tei­di­ger gerät ins Stau­nen, er hält sei­ne Man­dan­tin offen­bar für gefähr­lich: „Wenn das in Bay­ern wäre, säße sie in Unter­su­chungs­haft…“

Schlohweiß im Gesicht”

Die Haus­ärz­tin des Gift­op­fers schil­dert die Sym­pto­me des jun­gen Man­nes: Erbre­chen, Herz­ra­sen, Magen­krämp­fe. „Er war schloh­weiß im Gesicht.“ Er habe star­ke Schmer­zen gehabt und sicher auch gro­ße Ängs­te aus­ge­stan­den. Sie habe auf Magen-Darm­grip­pe getippt. Beim zwei­ten Mal sei er in wesent­lich schlech­te­rem Zustand gewe­sen, des­halb habe sie ins Kran­ken­haus ein­ge­wie­sen.  Aber auch dort  dia­gnos­ti­zier­te man Magen-Darm. Kein Wun­der, so die medi­zi­ni­schen  Sach­ver­stän­di­gen. Das ver­wen­de­te Gift sei äußerst sel­ten, da kön­ne man nicht drauf kom­men.

vegane Singles“

Über die Ver­gif­tungs­at­ta­cke hat­te die Ange­klag­te in einem Face­book –Chat in einer Grup­pe „vega­ne Sin­gles“ mit einem jun­gen Mann aus dem Raum Stutt­gart aus­ge­tauscht.  Rich­ter Heu­er liest aus den Chat­pro­to­kol­len vor, in denen die Ange­klag­te sich aus­gie­big über die Vor­zü­ge des ver­wen­de­ten Gif­tes aus­lässt. Er habe den Ein­druck gehabt, dass sei­ne Chat-Part­ne­rin psy­cho­pa­thisch sei. „Ich dach­te, viel­leicht ver­gif­tet sie mich auch.“ Schließ­lich ist er zur Poli­zei gegan­gen. „Sie haben mög­li­cher­wei­se durch ihr vor­bild­li­ches Ver­hal­ten einem Men­schen das Leben geret­tet“, lobt Rich­ter Heu­er den Zeu­gen.

Sit­zungs­saaal 1

Der dama­li­ge Freund, ein 25-jäh­ri­ger aus dem Rott­wei­ler Umland, berich­tet als Zeu­ge, er habe von der Poli­zei von den Gift­an­schlä­gen erfah­ren. Er sei dann zu sei­ner Freun­din gefah­ren und die habe sich ent­schul­digt. Ihm fällt die Aus­sa­ge sicht­lich schwer, Heu­er muss eine Pau­se machen. Heu­er wun­dert sich, wes­halb der 25-Jäh­ri­ge trotz der Gift­an­schlä­ge die inti­me Bezie­hung zur Ange­klag­ten fort­ge­setzt hat. „Ich habe eine Wei­le gebraucht, bis mir alles klar war.“

Nach und nach kommt her­aus, dass es die Ange­klag­te sehr gestört hat, dass ihr Freund  bei sei­nen Eltern Fleisch isst. Da habe sie „Rabatz gemacht” und er habe „Glück gehabt, wenn ich kei­ne gefan­gen habe“.  Ob sie ihn viel­leicht bestra­fen woll­te, fragt Heu­er. „Das kann man so sagen.“

Näherungsverbot für die Ex

Das Ver­hält­nis sei­ner Freun­din zu sei­nen Eltern sei sehr ange­spannt gewe­sen. Auch sei­ne Eltern sei­en sehr gegen die Bezie­hung gewe­sen, weil er kaum noch nach Hau­se gekom­men sei. Die inti­me Bezie­hung zu ihr sei bis Ende Okto­ber etwa wei­ter gegan­gen. Damals habe er sich in psy­cho­so­ma­ti­sche Behand­lung bege­ben müs­sen. Inzwi­schen hat er ein Nähe­rungs­ver­bot gegen die Ex erwirkt.

Für den psych­ia­tri­schen Gut­ach­ter ist die Ange­klag­te zwar in ihrer Per­sön­lich­keit gestört, aber er sehe “kei­ne Beein­träch­ti­gung der Steue­rungs­fä­hig­keit“. Die Dia­gno­se sei nicht so ein­fach. Die jun­ge Frau sei emo­tio­nal insta­bil,  sie habe vie­les ange­fan­gen, nichts abge­schlos­sen. Der­zeit sei sie ohne Arbeit. In der Schu­le sei bei ihr ADHS fest­ge­stellt wor­den, sie habe Rita­lin genom­men. Sie lei­de unter Höhen­angst, kön­ne die Fol­gen ihres Tuns nicht abschät­zen.

Jemand ohne Persönlichkeitsstörung macht doch sowas nicht“

Sie sei zwei Mal kurz in der Psych­ia­trie gewe­sen, ein­mal weil sie voll­trun­ken war, das ande­re Mal weil sie eine hohe Dosis eines Anti­de­pres­si­vums geschluckt habe. „Es gibt kei­ne lang­jäh­ri­ge psych­ia­tri­sche Ana­mne­se.“ Ihre Kri­mi­na­li­täts­pro­gno­se sei nicht schlecht, so der Gut­ach­ter. Das Risi­ko, wie­der etwas Kri­mi­nel­les zu machen sei leicht erhöht bis mit­tel. Er rate ihr aber drin­gend zu einer The­ra­pie, um die­ses Risi­ko zu sen­ken.

Für Rich­ter Heu­er ist das schwer nach­zu­voll­zie­hen: „Jemand ohne Stö­rung macht so etwas doch nicht.“ Es bestehe ein Miss­ver­hält­nis zwi­schen Anlass und Tat. Sie las­se kei­ner­lei Empa­thie für ihr Opfer erken­nen. Der Gut­ach­ter bleibt aber dabei, trotz der vor­han­de­nen Per­sön­lich­keits­stö­rung kön­ne er eine „schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit“ im Sin­ne von Para­graf 21 Straf­ge­setz­buch nicht fest­stel­len.  Eine tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche The­ra­pie müs­se sich über Jah­re hin­zie­hen, damit die Ange­klag­te ihre Per­sön­lich­keits­stö­rung über­win­den kön­ne.

Schließ­lich schal­tet sich ihr Anwalt ein und betont, das Ver­hal­ten sei­ner Man­dan­tin sei abso­lut straf­wür­dig. „Sie sehen hof­fent­lich ein, dass Sie psych­ia­tri­sche Hil­fe brau­chen. Es geht doch nicht ein­fach jeder her und ver­gif­tet jemand ande­res?“ – „Ich habe eimer­wei­se geheult“, meint die jun­ge Frau klein­laut.

Die Rich­ter­bank. Fotos: him

Ein Urteil will Heu­er „nicht übers Knie  bre­chen“. Er wol­le gründ­lich nach­den­ken, wie  die­ser außer­ge­wöhn­li­che Fall gelöst wer­den kann. Die Plä­doy­ers und das Urteil fol­gen am kom­men­den Mitt­woch.

Nach­trag: Weil Rich­ter Heu­er erkrankt ist, ist die nächs­te Ver­hand­lung mit Urteils­ver­kün­dung auf Mon­tag, 19. Novem­ber ver­scho­ben wor­den.