Der Wohnungsmarkt in Baden-Württemberg steht weiter unter Druck. Nach Angaben des aktuellen „Sozialen Wohn-Monitors“ des Pestel-Instituts werden im Land jährlich rund 19.200 neue Sozialwohnungen benötigt, um den steigenden Bedarf zu decken. Besonders betroffen von der angespannten Lage sind junge Menschen in Ausbildung sowie ältere Menschen mit niedrigen Renten – auch im Landkreis Rottweil.
Nach Einschätzung der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) haben es vor allem Auszubildende zunehmend schwer, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Rund 3.000 junge Menschen befinden sich derzeit im Landkreis Rottweil in einer Ausbildung. Viele von ihnen leben noch bei ihren Eltern – nicht immer aus freien Stücken. „Eine eigene Wohnung oder auch nur ein WG-Zimmer ist für viele Azubis finanziell kaum zu stemmen“, erklärt Ilse Bruttel, Bezirksvorsitzende der IG BAU Südbaden.
Die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt wirke sich zunehmend auch auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt aus. Nach Angaben der Gewerkschaft kommt es immer wieder vor, dass Ausbildungsverträge nicht zustande kommen, weil geeigneter und bezahlbarer Wohnraum in der Nähe der Ausbildungsbetriebe fehlt. „Wenn junge Menschen ihre Ausbildung aus Kostengründen nicht antreten können, ist das ein ernstes Problem – auch für die regionale Wirtschaft“, so Bruttel.
Vor diesem Hintergrund fordert die IG BAU eine stärkere Unterstützung des Bundes und des Landes Baden-Württemberg beim Neubau von speziellen Azubi-Wohnungen, insbesondere in der Nähe größerer Ausbildungsstandorte. Auch steuerliche Anreize für Betriebe, die Wohnraum für ihre Auszubildenden schaffen, werden als mögliches Instrument genannt. Ähnliche Herausforderungen bestünden zudem für Studierende, weshalb auch der Neubau von studentischem Wohnraum gezielt gefördert werden müsse.
Neben jungen Menschen geraten nach Einschätzung der IG BAU zunehmend auch ältere Menschen unter Druck. Im Landkreis Rottweil leben rund 18.200 sogenannte Baby-Boomer, die bis 2035 vollständig in den Ruhestand eintreten werden. Viele von ihnen müssten mit vergleichsweise niedrigen Renten auskommen – unter anderem aufgrund von Phasen der Arbeitslosigkeit oder langjähriger Beschäftigung im Niedriglohnbereich. „Steigende Mieten führen dazu, dass sich viele ältere Menschen ihre bisherige Wohnung kaum noch leisten können“, warnt Bruttel. Die Gefahr von Altersarmut durch hohe Wohnkosten nehme zu.
Allgemein zeigt sich auch in der Region Rottweil ein zunehmend angespannter Wohnungsmarkt. Zwar liegen die Mieten im ländlichen Raum häufig noch unter denen der großen Ballungszentren, doch auch hier sind in den vergangenen Jahren deutliche Preissteigerungen zu beobachten. Gleichzeitig ist das Angebot an günstigen Mietwohnungen begrenzt. Neubauprojekte konzentrieren sich vielfach auf den höherpreisigen Bereich, während Sozialwohnungen nur in geringem Umfang entstehen oder aus der Bindung fallen.
Die IG BAU warnt daher vor einer weiteren Verschärfung der Situation. „Die Mieten sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Um wieder mehr Bezahlbarkeit zu erreichen, braucht es deutlich mehr preisgebundenen Wohnraum“, so Bruttel. Sozialwohnungen hätten eine wichtige marktregulierende Funktion und könnten langfristig preisdämpfend wirken.
Der „Soziale Wohn-Monitor“ nennt als bundesweite Zielmarke eine Verdopplung des Bestands an Sozialwohnungen von derzeit rund einer auf zwei Millionen bis Mitte des nächsten Jahrzehnts. Für Baden-Württemberg bedeute dies einen Bestand von rund 224.400 Sozialwohnungen bis 2035. Daraus ergibt sich ein jährlicher Neubaubedarf von etwa 19.200 Sozialwohnungen im Land.
Um dieses Ziel zu erreichen, seien verlässliche und frühzeitig bereitgestellte Fördermittel von Bund und Land notwendig. Zudem fordert die IG BAU Maßnahmen zur Senkung der Baukosten. Der Regelstandard „Erleichtertes Bauen“ könne dazu beitragen, einfacher und kostengünstiger zu bauen, ohne auf Qualität zu verzichten.
Darüber hinaus spricht sich die Gewerkschaft für eine transparente öffentliche Statistik aus, die regelmäßig ausweist, wie viele Sozialwohnungen in Baden-Württemberg neu entstehen. Dies sei eine wichtige Grundlage für politische Steuerung und regionale Planung – auch mit Blick auf Landkreise wie Rottweil, in denen der Wohnungsmarkt bislang weniger im Fokus steht, sich aber zunehmend zuspitzt.



