Während die Nachfrage nach psychotherapeutischer Hilfe weiter steigt, sorgt eine geplante Änderung bei der Vergütung für Unruhe im Berufsstand. Die Rottweiler Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Sina Theodoridou warnt vor negativen Folgen für Patientinnen und Patienten – besonders für Kinder und Jugendliche. Sie weist zudem auf eine Online-Petition hin.
Rottweil. Die psychotherapeutische Versorgung steht nach Ansicht vieler Fachleute ohnehin unter Druck: lange Wartezeiten, steigende Fallzahlen und ein Mangel an Therapieplätzen. Nun sorgt eine Entscheidung auf Bundesebene für zusätzliche Kritik.
Die in Rottweil niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Sina Theodoridou macht darauf aufmerksam, dass der sogenannte Bewertungsausschuss Änderungen bei der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen beschlossen hat.
Demnach sollen bestimmte Leistungen – darunter psychotherapeutische Sprechstunden, Akutbehandlungen sowie genehmigungspflichtige Therapien – ab 1. April 2026 um rund 4,5 Prozent geringer vergütet werden. Parallel dazu werden die sogenannten Strukturzuschläge für Personalkosten rückwirkend zum 1. Januar 2026 um rund 14,5 Prozent erhöht. Nach Berechnungen von Kassenärztlicher Vereinigung und Fachverbänden gleicht das die Kürzung jedoch nur teilweise aus – selbst voll ausgelastete Praxen verzeichnen im Endeffekt eine Honorarminderung von etwa 2 bis 3 Prozent.
„Die Nachfrage nach Therapieplätzen ist in den letzten Jahren stark gestiegen“, erklärt Theodoridou. Gleichzeitig hätten viele Praxen bereits heute sehr lange Wartelisten.
„Die Kürzung ist eine Entwertung! Ein wahrer Schlag in die Magengrube für uns therapeutische Fachkräfte, die im Kassensystem für die Menschen arbeiten, die Hilfe brauchen.“
Sina Theodoridou, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Rottweil
Wartezeiten von bis zu einem Jahr für Kinder und Jugendliche
Nach Angaben der Therapeutin beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz in ihrer Praxis derzeit mindestens ein Jahr. Ähnliche Zeiten berichteten auch Kolleginnen und Kollegen.
Deutschlandweit berichten Berufsverbände seit Jahren von Engpässen, insbesondere bei der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Gründe sind unter anderem:
- steigende psychische Belastungen bei jungen Menschen
- zu wenige Kassensitze für Psychotherapeuten
- hoher organisatorischer Aufwand in Praxen
Gerade in ländlichen Regionen sei die Versorgung teilweise besonders schwierig, sagt Theodoridou.
Kritik an der Vergütungsentscheidung
Die geplante Kürzung trifft laut Kritikern ausgerechnet Leistungen, die einen großen Teil der ambulanten Therapie ausmachen. Dazu gehören etwa:
- Erstgespräche und Diagnostik
- Probatorische Sitzungen
- Kurz- und Langzeittherapien
- Akutbehandlungen
Berufsverbände argumentieren, dass psychotherapeutische Praxen ohnehin wirtschaftlich unter Druck stehen. Viele Tätigkeiten wie Dokumentation, Berichte oder Telefonate mit Angehörigen würden nur begrenzt vergütet.
„Die Entscheidung ist für viele Kolleginnen und Kollegen schwer nachvollziehbar“, sagt Theodoridou. Sie befürchtet, dass sich künftig weniger Therapeuten mit Kassensitz niederlassen könnten.
Psychotherapie im Landkreis Rottweil – die Versorgungslage
Die Nachfrage nach psychotherapeutischer Hilfe ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Besonders Kinder und Jugendliche sind häufiger betroffen.
Einige zentrale Punkte zur Versorgung:
- Therapieplätze sind begrenzt – Wartezeiten von mehreren Monaten sind vielerorts üblich.
- Bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie berichten Praxen teilweise von Wartezeiten bis zu einem Jahr.
- Behandlungen werden überwiegend von niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Kassensitz angeboten.
- Diese rechnen ihre Leistungen über die gesetzlichen Krankenkassen ab.
- Ergänzend gibt es Angebote in Kliniken, Beratungsstellen und sozialpsychiatrischen Diensten.
Fachverbände weisen seit Jahren darauf hin, dass die Zahl der Kassensitze vielerorts nicht mit der steigenden Nachfrage Schritt hält – besonders in ländlichen Regionen.
Sorge um die Versorgung gesetzlich Versicherter
Sollte sich dieser Trend verstärken, könnten sich nach Einschätzung von Fachleuten mehr Therapeutinnen und Therapeuten für Privatpraxen entscheiden.
Das hätte Folgen vor allem für gesetzlich Versicherte, da diese nur bei Praxen mit Kassenzulassung behandelt werden können.
„Gerade Kinder, Jugendliche und ihre Familien brauchen schnelle Hilfe“, sagt Theodoridou. Eine weitere Verschlechterung der Rahmenbedingungen könne die Versorgung zusätzlich erschweren.
Wer entscheidet über die Vergütung von Psychotherapien?
Die Bezahlung medizinischer Leistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung wird über den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) geregelt.
Der Bewertungsausschuss:
- besteht aus Vertretern der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des GKV-Spitzenverbands
- legt fest, wie viel einzelne medizinische Leistungen kosten
- entscheidet regelmäßig über Anpassungen
Kommt keine Einigung zustande, entscheidet der Erweiterte Bewertungsausschuss, in dem zusätzlich unparteiische Mitglieder sitzen.
Grundlage für viele Diskussionen ist ein Urteil des Bundessozialgerichts aus dem Jahr 1999, nach dem psychotherapeutische Praxen wirtschaftlich vergleichbar mit anderen Facharztpraxen arbeiten können müssen.
Petition gegen Kürzungen gestartet
Gegen die geplanten Änderungen wurde inzwischen auch eine Online-Petition gestartet, die bundesweit Unterstützung sammeln soll.
Theodoridou hofft, dass die Diskussion mehr Aufmerksamkeit auf die Situation der psychotherapeutischen Versorgung lenkt – auch auf lokaler Ebene.
„Die Versorgung psychisch belasteter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt sie.
Warum Therapieplätze so knapp sind – die fünf größten Probleme im System
Viele Menschen, die psychotherapeutische Hilfe suchen, müssen monatelang auf einen Termin warten. Besonders für Kinder und Jugendliche kann die Suche nach einem Therapieplatz zur Geduldsprobe werden. Fachleute nennen mehrere Gründe, warum die Versorgung in Deutschland vielerorts nicht mit dem Bedarf Schritt hält.
Ein wachsender Bedarf – und begrenzte Kapazitäten
Psychische Erkrankungen gehören inzwischen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen in Deutschland. Depressionen, Angststörungen oder Belastungsreaktionen nehmen seit Jahren zu.
Besonders seit der Corona-Pandemie berichten viele Praxen von einem deutlich gestiegenen Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe – bei Erwachsenen ebenso wie bei Kindern und Jugendlichen.
Gleichzeitig hat sich die Zahl der Therapieplätze vielerorts nur langsam entwickelt. Das führt dazu, dass Patientinnen und Patienten teilweise monatelang oder sogar über ein Jahr auf eine Behandlung warten müssen.
Problem 1: Zu wenige Kassensitze
Ein zentraler Grund für die langen Wartezeiten ist die begrenzte Zahl an sogenannten Kassensitzen.
Diese Sitze bestimmen, wie viele niedergelassene Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gesetzlich Versicherte behandeln und ihre Leistungen über die Krankenkassen abrechnen dürfen.
Die Zahl dieser Sitze wird über die sogenannte Bedarfsplanung festgelegt. Viele Fachverbände kritisieren, dass diese Planung in manchen Regionen nicht mehr zur tatsächlichen Nachfrage passt.
Gerade in ländlichen Regionen gibt es deshalb oft deutlich weniger Therapieplätze als benötigt.
Problem 2: Hohe Nachfrage nach Therapie
Parallel dazu ist die Nachfrage nach psychotherapeutischer Hilfe deutlich gestiegen.
Gründe dafür sind unter anderem:
- zunehmende psychische Belastungen im Alltag
- mehr gesellschaftliche Offenheit gegenüber psychischen Erkrankungen
- stärkere Belastungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
- bessere Diagnostik und Sensibilisierung
Viele Fachleute sehen diese Entwicklung grundsätzlich positiv – denn sie zeigt, dass Betroffene häufiger Hilfe suchen. Für das bestehende Versorgungssystem bedeutet das jedoch eine zusätzliche Belastung.
Problem 3: Besonders große Engpässe bei Kindern und Jugendlichen
Noch schwieriger ist die Situation oft bei der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.
Hier gibt es deutlich weniger spezialisierte Therapeutinnen und Therapeuten. Gleichzeitig benötigen junge Patientinnen und Patienten häufig eine besonders intensive Betreuung – etwa mit Gesprächen mit Eltern, Schulen oder Jugendhilfeeinrichtungen.
Dadurch können Praxen weniger Fälle gleichzeitig betreuen.
Problem 4: Hoher organisatorischer Aufwand
Der Betrieb einer psychotherapeutischen Praxis ist mit viel organisatorischer Arbeit verbunden.
Neben den eigentlichen Therapiesitzungen fallen zahlreiche Aufgaben an, zum Beispiel:
- ausführliche Dokumentation
- Berichte für Krankenkassen
- Telefonate mit Angehörigen oder Einrichtungen
- Anträge und Gutachten für Therapieverlängerungen
Viele dieser Tätigkeiten sind im Abrechnungssystem nur begrenzt vergütet oder werden indirekt mit abgegolten.
Problem 5: Wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Auch wirtschaftliche Faktoren spielen eine Rolle.
Steigende Kosten für Praxisräume, IT-Systeme oder Personal belasten viele Praxen. Gleichzeitig entscheiden sich manche Therapeutinnen und Therapeuten dafür, ausschließlich privat Versicherte zu behandeln.
Das kann dazu führen, dass für gesetzlich Versicherte weniger Therapieplätze zur Verfügung stehen.
Wie kommt man an einen Therapieplatz?
Der Weg zu einer Psychotherapie beginnt meist mit einer psychotherapeutischen Sprechstunde.
Typischer Ablauf:
- Termin über Praxis oder Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung
- Erstgespräch zur Abklärung der Beschwerden
- sogenannte probatorische Sitzungen zum Kennenlernen
- Antrag auf Kurz- oder Langzeittherapie bei der Krankenkasse
Wenn in einer Praxis kein Platz frei ist, kann es notwendig sein, mehrere Praxen anzufragen.
Fazit
Die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz haben keine einzelne Ursache. Vielmehr treffen mehrere Faktoren zusammen: steigende Nachfrage, begrenzte Kassensitze und strukturelle Herausforderungen im Versorgungssystem.
Für Betroffene bedeutet das oft Geduld – obwohl gerade bei psychischen Erkrankungen frühe Hilfe besonders wichtig wäre.


