In eine der schillerndsten und international bedeutendsten Figuren der Rottweiler Geschichte kann man sich nun mit einem vor wenigen Tagen erschienenen Roman hineinversetzen: den „Pulverkönig“ Max von Duttenhofer: Johann Reißer, Rottweiler Stadtschreiber 2014 erweckt ihn in einem Epochengemälde, in dem man auch viel über Rottweil und die Region erfährt, literarisch wieder zum Leben. Das Buch mit dem griffigen Titel „Pulver“ ist clever, prall und packend.
Spätestens wenn man das 478-Seiten-Werk zuklappt, in dem mit atmosphärisch dichten Episoden ein klug komponierter Bogen von 1858 bis 2020 geschlagen wird, und sogar die letzte auf die erste Szene Bezug nimmt, fragt man sich: Warum war dieser Duttenhofer so lange fast vergessen? Klar, es gibt schlaue Geschichts-Werke über ihn und das Neckartal. Aber warum hat nicht schon früher jemand einen Roman über diesen faszinierenden Kerl geschrieben?
Dieser Duttenhofer bietet nämlich alles, was eine knackige Story braucht: Glanz, Drama, Abenteuer, Verruchtes. Und polarisiert bis heute: Für die einen war er ein moderner Visionär und Global Player, der ein Industrie-Imperium schuf und Wohlstand brachte. Für die andern ein gieriger Kapitalist und skrupelloser Menschenschinder. Dabei spielte Max von Duttenhofer in einer Liga mit Größen wie Robert Bosch, Gottfried Daimler, Werner Siemens und Friedrich Krupp.

In vieler Hinsicht kann er als moderne Gründer- und Machergestalt gesehen werden, der die Chancen seiner Zeit genial erkannte. Und entschlossen nutze – ähnlich vielleicht wie heute Jeff Bazos oder Elon Musk.
Aus der alten Pulvermühle, bei der sein Vater Wilhelm, ein Apotheker, Teilhaber war, formte er einen Großkonzern, der vielen Arbeit bot. Die Anbindung Rottweils an die Eisenbahn 1868 wurde durch ihn vorangetrieben. Größten Aufschwung brachte dem Betrieb der Deutsch-Französische Krieg 1870/71. Aber Duttenhofer expandierte weiter: Eine Filiale in Hamburg sowie Werke in England, Russland und Serbien ließen das Unternehmen weiter wachsen. Bis 1884 entwickelte Duttenhofer das für militärische Zwecke geeignete, rauchschwache Rottweiler Chemische Pulver (RCP). 1890 wuchs das Imperium weiter durch Zusammenschluss mit den Rheinisch-Westfälischen Pulverfabriken.

Sein glänzender Erfolg hatte freilich Schattenseiten: Er profitierte vom Rüstungswettlauf seiner Zeit und Kriegen. So wurde ein großer Teil des deutschen Infanterie-Schießpulvers im Ersten Weltkrieg in seinen Anlagen produziert – im Neckartal, dort, wo heute Kunst und Party gemacht wird.
Man kann froh sein, dass Johann Reißer während seiner Stadtschreiber-Zeit Feuer gefangen hat für diese Epochen-gestalt. Und dran geblieben ist, auch wenn es viel Fleiß und Durchhaltevermögen gebraucht hat, den Roman abzuschließen.
Reißer hat intensiv recherchiert, hat Detail- und Kontextwissen zusammengetragen. Er führt, anders als es jeder Historiker könnte, nah an die Person Duttenhofer heran, beleuchtet aber auch sein Umfeld und seine Zeit. So gelingt – in der Freiheit des Fiktiven – einerseits eine Charakterstudie, andererseits ein Epochen- und Sittengemälde: lebensnah, packend – und zugleich fundiert und erhellend.

Was Reißer besonders gut gelingt: Er kann prägnant atmosphärisch dichte Szenen bauen, die fesseln. Etwa von Duttenhofer im Zug nach Stuttgart, Erst schafft er es mit überfülltem Rumpelmagen um Haaresbreite noch auf den Abort, kurz danach versucht er zwei hübsche Mädels anzubaggern, die sich jedoch als gut behütete Rottweilerinnen erweisen und seiner Jagd entziehen.
Nicht zuletzt kann man dem Buch auch viele Beobachtungen zu Rottweil und der Region entnehmen – zu Menschen, Mentalität und Geschichte. Das alles – vom Orpheus-Mosaik bis zu einem Drei-Minuten-Besuch des württembergischen Königs, für den am Bahnhof Narren jucken und der Fasnet 2020 – freilich locker eingewoben in einen spannenden, rundum mit Gewinn zu lesenden, kurzweiligen Roman. Kurzum: Das Warten hat sich gelohnt. Johann Reißers „Pulver“ ist ein Knaller.
Info: „Pulver“ ist in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen (480 Seiten, 978-3-627-00347-0) und kostet 26 Euro.


