Zwischen Landesgartenschau, Hängebrücke und Haushaltsloch arbeitet Rottweil gerade mit Hochdruck am eigenen Selbstbild – irgendwo zwischen Hochkultur, Hochprozentigem, Hochbrücke und ganz bodenständigem Alltagswahnsinn.
In Rottweil ist man gerade dabei, sein eigenes Selbstbild auf Flasche zu ziehen. Kaum schwappt irgendwo die Idee vom „Weinbau-Comeback“ durch die Gassen, fantasiert die Stadt sich munter durch ein Sortiment, bei dem jedem Sommelier das Monokel aus dem Glas fällt. „Schädelspalter vom Schwarzen Felsen“ – ein Tropfen, der vermutlich schon beim bloßen Draufschauen Kopfschmerzen verursacht. „Simse Krebsler Südhang“ klingt, als würde er vor allem auf der Fensterbank reifen, direkt neben der Geranie, die seit 1998 keinen neuen Topf gesehen hat. Rottweil, das ist plötzlich nicht mehr nur Hängebrücke und Hund, sondern auch Hanglage und Restzucker.
Die Etiketten schreiben sich quasi von allein: „Passt hervorragend zu Verkehrsdebatten“, „Ideal zu Haushaltsberatungen“, „Harmoniert mit leichter Verzweiflung im Ehrenamt“. Zwischen Hochbrücke und Hochprozentigem findet die Stadt zu sich selbst – oben schwebt die NECKAR LINE, unten liegt ein Spätburgunder, der „Brückenschoppen trocken“ heißt und in jeder Gemeinderatssitzung als einziges wirklich verbindendes Element durchgehen könnte. Wer braucht da noch Imagekampagnen, wenn schon der Weinkeller nach „Rottweil pur“ klingt?
Als wäre das nicht genug, exportiert die Stadt seit Jahren erfolgreich Humor. Heinrich Del Core hält seit einem Vierteljahrhundert auf der Bühne fest, was Rottweil im Alltag so hervorbringt – und man hat den Eindruck, das Material geht ihm nie aus. Während andere Comedians mühsam Gags konstruieren, genügt hier ein Gang durch die Innenstadt: eine Baustelle, ein Verkehrsversuch, ein städtisches Prestigeprojekt – und schon steht das nächste Kapitel fürs Ländle-Buch. Die Realität liefert schneller Pointen, als man sie aufschreiben kann.
Rottweil hat damit ein Alleinstellungsmerkmal, um das andere Städte die Stadt fast beneiden könnten: Woanders muss man sich Mühe geben, lustig zu sein – hier reicht es, aufmerksam zuzuschauen. Zwischen Fantasie-Weinen, die schon im Namen weh tun, und Alltagsgeschichten, die wie ausgedachte Sketche klingen, entsteht eine Mischung, die jeder Marketingabteilung Tränen in die Augen treibt. Vor Lachen. Oder vor Verzweiflung. Oder nach zwei Gläsern „Schädelspalter“.



