In Rottweil blüht die Zukunft – zumindest im Prospekt. Dort ranken sich schon jetzt prächtige Blumenrabatten entlang glitzernder Neckarufer, während im echten Leben der städtische Haushalt eher nach vertrocknetem Geranientrog auf dem Altbau-Balkon aussieht. Die Landesgartenschau 2028 wird zur monumentalen Verheißung, zur Oase in der Wüste, zur grünen Fata Morgana über einem Doppelhaushalt, der schon beim Wort „freiwillige Leistung“ nervös zuckt.
Überall wachsen Pläne in den Himmel, nur das Geld nicht. Während man bei Öffnungszeiten, Zuschüssen und Vereinsförderung die Gießkanne wegschließt, gießt man in den Präsentationen munter weiter: Hier ein Blühstreifen, dort ein Uferpark, dazwischen ein Fußweg, der so viel kostet wie früher ein ganzes Baugebiet. Die Bürgerin staunt: Für Blumenschauen scheint es Sondertöpfe zu regnen, für den Sportverein gibt’s dagegen die Trockenperiode mit Aussicht auf Dauerflaute.
Passend dazu entspannt sich neuerdings die NECKAR LINE, jene Hängebrücke, die jahrelang wie ein Einhorn über der Stadt schwebte: Alle redeten davon, niemand hatte sie je gesehen. Jahrelang bewegte sie sich zuverlässig im Konjunktiv – sie könnte entstehen, sie würde sich lohnen, sie müsste kommen. In der Fasnet war sie längst Inventar, irgendwo zwischen Narro, Gschell und verzweifeltem Pendler. Man munkelte lange, sie sei eigentlich schon fertig – nur eben in einer Dimension, in der die Bahn pünktlich fährt und Haushaltskonsolidierung Spaß macht.
Doch jetzt manifestierte sie sich plötzlich – ausgerechnet in Beton und Stahl, statt wie bisher in PowerPoint und Pressemitteilungen. Seither wächst sie sich langsam über den Neckar, Schraube für Schraube, als hätte jemand versehentlich auf „Baubeginn“ statt auf „weiter prüfen“ geklickt. Die Rottweiler stehen staunend davor wie vor einem seltenen Naturereignis: ein Versprechen der Politik, das tatsächlich Form annimmt – das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Doch wo Beton wächst, müssen anderswo die Zahlen schrumpfen. Während sich die NECKAR LINE langsam über Fluss und Bahn schiebt, zieht im Haushalt eine Eiseskälte ein, die jeden Posten frieren lässt, der nicht gerade „Leuchtturmprojekt“ im Namen trägt.
Apropos Haushalt: Rottweil hat sich neu erfunden, als Streamingdienst mit Zwangsabo. Grundsteuer A, B und C, Zweitwohnungssteuer, Verwaltungsgebühren – wer hier wohnt, bucht automatisch das Premium-Paket „Innenstadt Plus“. Basis-Tarif gibt’s keinen, höchstens für Vereine, denen gerade die Förderung gekündigt wurde. Die Stadt als Abo-Modell: Kündigungsfrist zwölf Monate, Verlängerung automatisch – aber bitte keine Rückfragen zur Gegenleistung, das ist nur ein „Nice-to-have“-Feature, das in der aktuellen Version leider entfallen musste.
Und dann der Verkehr, Rottweils unsterblicher Straßen-Schlager. Jeden Winter neu aufgelegt, jeden Sommer als Remix mit Baustelle. Man könnte annehmen, Stau sei hier UNESCO-Weltkulturerbe: besonders schützenswert, auf keinen Fall durch Entschärfungsmaßnahmen gefährden. Man kennt seine Schlangen vor der Innenstadt, liebt sie aber eher wie einen entfernten Verwandten, der nie wieder abreist. Die Schmotzigen-Gruppen und die aufsagenden Narren witzeln regelmäßig darüber – was praktisch ist, denn solange der Verkehr ein Witz bleibt, muss man ihn nicht ernsthaft lösen.
So wächst Rottweil also in eine glorreiche Zukunft hinein: oben die Visionen, unten das Kassenloch; am Horizont die Hängebrücke, ganz nah der tägliche Stau; auf den Plakaten blühende Landschaften, im Etat die braunen Blätter. Aber keine Sorge: Bis 2028 ist ja noch Zeit – wenn alles schiefgeht, pflanzt man eben ein paar Geranien in die Schlaglöcher. Das wäre dann immerhin die erste echte Symbiose von Verkehrspolitik und Landesgartenschau.



