Straßennamen, Baustellen, Verspätungen und Debattenkultur: Die Verklepfer-Redaktion bündelt in einer satirischen Betrachtung zentrale Reizthemen des lokalen Alltags. Zwischen Umbenennungsdiskussionen, kommunaler Planung und digitaler Empörung entsteht ein pointiertes Stimmungsbild. Eine Glosse über das, was Stadtgespräch wird – und warum.
- Rindermarkt,werte Sozen und Forümlerinnen,
- Unseren tief empfundenen Dank,sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Christian Schrei,
- Auch bei Dir,sehr geehrte Deutsche Bahn,
- Unseren Respekt,liebe Gemeinderätinnen und Gemeinderäte,
- Wir müssen reden,liebe Stadtgeschichte!
- Lasst uns gemeinsam auf die Macht der sozialen Medien anstoßen, liebe Kommentatorinnen und Kommentatoren.
- Wir bewundern Sie,liebe Radfahrerinnen und Radfahrer.
- Wir fühlen mit Ihnen,liebe Autofahrerinnen und Autofahrer,
- Liebe „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Fraktion,selbstverständlich dürfen Sie.
Rindermarkt,
werte Sozen und Forümlerinnen,
soll unser Friedrichsplatz nun heißen. Finden Sie. Weil Sie entdeckt haben (unter anderem im Struwwelpeter), dass der Platz nach einem argen Wüterich benannt wurde. Große Klasse! Wirklich wunderbar!
Aber warum nur einen Platz umbenennen? Wo es doch so viele Straßen gibt, die an Schlimmes erinnern.
Fangen wir mit der Kaiserstraße an. Also: Die Kaiser, insbesondere der letzte Kaiser Deutschlands und der letzte Kaiser Österreichs, haben viel Unglück über Rottweil gebracht. Von Napoleon ganz zu schweigen. Also weg mit dem Namen! Eine Umbenennung in Roland-Kaiser-Straße wäre denkbar. Aber schwierig. Da müsste man ja, um die Rock-Fans nicht zu enttäuschen, eine „Steinwolke-Straße“ haben. So könnte man ja die Königstraße umbenennen.
Mit dem Kaiser verbunden: die Hohenzollern- und die Habsburgerstraße. Weg damit! Kaisergeschlechter. Kriegstreiber!
Olgastraße und Charlottenwäldle wurden nach württembergischen Königinnen benannt. Zu viel der Ehre! Elkestraße und Annewäldle klingen vielleicht viel besser.
Und die Bismarckstraße: Da reicht eine leichte Ergänzung: „Bismarck-Hering-Straße“. Das erinnert so schön an den Aschermittwoch. Und den furchtbaren Namen „Kriegsdamm“ könnten wir, wo der doch umgebaut wird, durch „Friedensallee“ ersetzen.
Und dann: Der Kalte Krieg. Daran erinnern die Breslauer und die Danziger Straße. Ehemals deutsche Städte, jetzt in Polen. Revanchismus! Da ist es mit einer sprachlichen Umbenennung nicht getan. Wer kann schon „Wrocławer Straße“ oder „Gdańsker Straße“ aussprechen. Wie wär’s denn mit „Abtsgmünder Straße“ zu Ehren unseres OB? Und eine „Lackendorfer Straße“ haben wir auch noch nicht.
Und überhaupt: Wieso Rindermarkt? Da wurden doch Tiere gehandelt, die dann, jedenfalls teilweise, irgendwann geschlachtet wurden. Geschlachtet! Da muss sich doch jedem Vegetarier und Veganer der Magen umdrehen! Das Gleiche gilt natürlich für die Schlachthausstraße.
Es gibt also noch viel zu tun, liebe Sozen und Forümler! Macht euch ans Werk!
Empfiehlt
Ihre Verklepfer-Redaktion
Unseren tief empfundenen Dank,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Christian Schrei,
möchten wir Ihnen hiermit aussprechen. Ohne die zahlreichen Baustellen, Sperrungen und Sanierungsmaßnahmen wäre Rottweil ja längst fertig. Und was wäre eine Stadt ohne permanente Entwicklung? Stillstand! Ein furchtbarer Gedanke.
Dank Ihrer vorausschauenden Planung dürfen wir täglich neue Perspektiven auf unsere Stadt genießen: Mal sehen wir eine Straße nicht, mal einen Gehweg, mal den Parkplatz, den wir ohnehin nie gefunden hätten.
Besonders lobenswert finden wir die pädagogische Komponente Ihrer Stadtgestaltung: Die Bürger lernen Geduld, Gelassenheit und kreative Umwegführung. Eigenschaften, die im modernen Leben viel zu selten gefördert werden.
Eine kleine Anregung erlauben wir uns dennoch: Könnte man nicht künftig vorsorglich ganze Stadtviertel gleichzeitig sanieren? Das würde die Orientierungslosigkeit demokratisieren und für echte Gleichbehandlung sorgen.
Mit größter Hochachtung vor Ihrem Beitrag zur kollektiven Resilienz
Ihre Verklepfer-Redaktion
Auch bei Dir,
sehr geehrte Deutsche Bahn,
möchten wir uns herzlich bedanken. Sie sind die einzige Institution, der es gelingt, Zeit in eine reine Empfehlung umzuwandeln.
Ihre Fahrpläne sind keine starren Vorgaben – nein, sie sind literarische Werke voller Möglichkeiten, Interpretationsspielräume und dramaturgischer Überraschungen.
Dank Ihrer konsequenten Verspätungskultur dürfen wir erleben, was wahre Entschleunigung bedeutet. Wo andere hetzen, warten wir. Wo andere planen, hoffen wir.
Besonders beeindruckt uns Ihre Fähigkeit, Erwartungen kreativ zu verändern. Ein Zug, der pünktlich kommt, wäre schließlich unerquicklich, unerquicklich… vorhersehbar.
Eine Bitte hätten wir dennoch: Könnten Sie Verspätungen künftig als offizielles Serviceangebot deklarieren? „DB – Mehr Zeit für sich selbst.“
Mit dankbarer Geduld am Bahnsteig
Ihre Verklepfer-Redaktion
Unseren Respekt,
liebe Gemeinderätinnen und Gemeinderäte,
möchten wir Ihnen gerne aussprechen. Mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit widmen Sie sich den wirklich großen Fragen unserer Zeit:
Wie soll ein Platz heißen? Wo steht eine Bank? Welche Farbe darf ein Pflanzkübel haben?
Während andernorts über Kriege, Krisen und Weltwirtschaft gesprochen wird, behalten Sie den Blick für das Wesentliche: Die symbolische Ordnung der Dinge.
Besonders beeindruckt uns Ihre Diskussionskultur. Aus kleinsten Anlässen entstehen Debatten von epischer Länge – eine Leistung, die sonst nur große Parlamente vollbringen.
Sie zeigen uns Woche für Woche: Demokratie lebt. Und zwar ausgesprochen ausdauernd.
Bitte machen Sie weiter so. Die Fasnet braucht schließlich zuverlässig neues Material.
Mit närrischer Hochachtung
Ihre Verklepfer-Redaktion
Wir müssen reden,
liebe Stadtgeschichte!
Könntest du bitte künftig etwas weniger… kompliziert verlaufen? Deine früheren Entscheidungen verursachen heute erheblichen Sitzungsbedarf, emotionale Debatten und akute Umbenennungsneigungen. Kaum blickt man zurück, findet sich garantiert eine Persönlichkeit, ein Ereignis oder eine Benennung, die aus heutiger Sicht dringend korrigiert werden müsste.
Das ist auf Dauer anstrengend.
Wir erlauben uns daher eine bescheidene Bitte:
Könntest du zukünftige Entwicklungen stärker an den moralischen Maßstäben des 21. Jahrhunderts ausrichten? Das würde der Kommunalpolitik viel Arbeit ersparen.
Mit freundlichen Grüßen aus der Gegenwart
Ihre Verklepfer-Redaktion
Lasst uns gemeinsam auf die Macht der sozialen Medien anstoßen, liebe Kommentatorinnen und Kommentatoren.
Sie sind das Rückgrat der lokalen Meinungsbildung, das Epizentrum der Expertise und die unerschütterliche Instanz spontaner Empörung.
Dank Ihnen wissen wir:
Jede Baustelle ist ein Skandal.
Jede Entscheidung ein Fehler.
Jeder Artikel eine Zumutung.
Und die Grünen an allem schuld.
Besonders schätzen wir Ihre bemerkenswerte Fachkompetenz in sämtlichen Disziplinen – von Verkehrsplanung über Virologie bis hin zu kommunaler Finanzpolitik.
Und das alles in der Länge eines Halbsatzes.
Bitte machen Sie weiter so. Ohne Sie wäre das öffentliche Leben erschreckend frei von Drama.
Mit algorithmischer Hochachtung
Ihre Verklepfer-Redaktion
Wir bewundern Sie,
liebe Radfahrerinnen und Radfahrer.
Sie bewegen sich mit einer beneidenswerten Mischung aus sportlicher Eleganz, moralischer Überlegenheit und physikalischer Unberechenbarkeit durch den öffentlichen Raum.
Mal sind Sie Verkehrsteilnehmer.
Mal Fußgänger.
Mal Naturereignis.
Ihre kreative Interpretation von Verkehrsregeln erfüllt uns täglich mit Staunen. Rote Ampeln wirken auf Sie oft eher dekorativ. Besonders beeindruckt uns Ihre Fähigkeit, überall Radwege zu erkennen – selbst dort, wo die Stadt bislang nur Fantasie vorgesehen hat.
Bleiben Sie uns erhalten. Sie bringen Bewegung ins Stadtbild. Und gelegentlich Herzklopfen.
Mit respektvollem Schulterblick
Ihre Verklepfer-Redaktion
Wir fühlen mit Ihnen,
liebe Autofahrerinnen und Autofahrer,
denn Rottweil ist eine Stadt, die Ihnen täglich aufs Neue beweist: Der Parkplatz existiert. Nur eben woanders.
Ihre geduldige Kreiselmeditation, Ihr verzweifeltes Rangieren und Ihr legendäres „Nur ganz kurz rein“ sind feste Bestandteile unseres Stadtlebens. Besonders bewundern wir Ihren Optimismus. Wer nach der dritten Runde noch glaubt, gleich fündig zu werden, besitzt wahre innere Stärke.
Bitte halten Sie durch. Ohne Sie wären Umleitungen, Parkscheinautomaten und erhobene Zeigefinger völlig sinnlos.
Mit kreisender Anteilnahme
Ihre Verklepfer-Redaktion
Liebe „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Fraktion,
selbstverständlich dürfen Sie.
Und wie Sie dürfen!
Mit bewundernswerter Standhaftigkeit verteidigen Sie täglich das Grundrecht auf spontane Meinungsäußerung – vorzugsweise ungefiltert, ungeprüft und ungeachtet jeder Sachlage.
Wo andere noch nachdenken, haben Sie längst festgestellt:
Früher war alles besser.
Heute ist alles schlimmer.
Und schuld sind sowieso die anderen.
Besonders beeindruckt uns Ihre Fähigkeit, jede Diskussion mit einem einzigen Satz elegant zu beenden: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Ein argumentativer Vorschlaghammer von zeitloser Wucht.
Sie sind die letzte Bastion gegen Differenzierung, Kontext und störende Zwischentöne. Ein Fels in der Brandung der Grauschattierungen.
Bitte bleiben Sie uns erhalten. Ohne Sie wäre es in Rottweil und überall sonst in der Welt bisweilen gefährlich nah an einer sachlichen Debatte.
Mit freiheitlich gefestigter Hochachtung
Ihre Verklepfer-Redaktion



