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Rottweil
Donnerstag, 14. November 2019
Rott­weil Wenn selbst der Wet­ter­gott den Rott­wei­ler Hund liebt …

Wenn selbst der Wettergott den Rottweiler Hund liebt …

… soll­te die Stadt ihn wenigs­tens unter­stüt­zen

Unter stren­gen Sicher­heits­vor­keh­run­gen hat am Sonn­tag der zwei­te „Tag des Rott­wei­lers“ in Rott­weil statt­ge­fun­den. Einer­seits war es ein Stra­ßen­fest für Freun­de des Vier­bei­ners aus der alten Stadt am Neckar – den selbst der Wet­ter­gott liebt, denn mit dem Herbst­re­gen war­te­te er gedul­dig ab. Ande­rer­seits war die­ser Tag eine Kampf­an­sa­ge und Demons­tra­ti­on gegen die Ras­se­lis­te für gefähr­li­che Hun­de. Auf der steht in eini­gen Bun­des­län­dern auch der Rott­wei­ler.

Hel­fe­rin­nen und Hel­fer pass­ten auf.

Mit Flat­ter­band hat der Ver­an­stal­ter einen Kor­ri­dor bil­den las­sen. Links und rechts säu­men tau­sen­de Zuschau­er die Obe­re Haupt­stra­ße in Rott­weil, mit­tig defi­lie­ren Hun­der­hal­ter und ihre Vier­bei­ner hin­durch. Zumeist kräf­ti­ge, bis zu 80 Kilo­gramm schwe­re Rott­wei­ler, aber auch etwa Ame­ri­can Staf­fordshire Ter­ri­er, Bull­ter­ri­er, Pit Bull Ter­ri­er und Bull­dog­gen. Soge­nann­te Kampf­hun­de, halt.

Es ist 11 Uhr am Sonn­tag, die Poli­zei passt auf. Die Ord­ner, die der Ver­an­stal­ter stel­len muss­te, eben­so. Das Ord­nungs­amt hat­te stren­ge Auf­la­gen gemacht. Laut Ver­an­stal­ter Sven Kel­ler, selbst erfah­re­ner Rot­t­wei­­ler-Hal­­ter und ‑Trai­ner, habe er bis weni­ge Tage vor der Ver­an­stal­tung mit der Behör­de zu kämp­fen gehabt. Je näher der Ter­min des „Tags des Rott­wei­lers“ rück­te, des­to grö­ßer wuchs offen­bar der Bam­mel bei der Ord­nungs­ver­wal­tung.

Bockige Hobbyfotografen, blöde Aktion

Und dann zeig­te sich, was auch Bot­schaft die­ses Tages war: Nicht die Hun­de sind an sich und von sich aus gefähr­lich, son­dern der Mensch ist es, der sich über­schätzt. In die­sem Fal­le nicht ein­mal die Hal­ter, viel­leicht tau­send an der Zahl, die ihre Hun­de wäh­rend des Demons­tra­ti­ons­marschs zual­ler­meist vor­bild­lich führ­ten. Trotz kla­rer Ansa­gen der vom Ver­an­stal­ter enga­gier­ten Ord­ner muss­ten bei­spiels­wei­se bocki­ge Hob­by­fo­to­gra­fen die Absper­run­gen über­win­den, um die Stra­ße zu que­ren. Mal eben kurz durch­hu­schen, das kann ja wohl kein Pro­blem sein. Oder auf 20 Meter Ent­fer­nung von den Zuschau­er­rei­hen aus die dicke Dog­ge rufen, anlo­cken. Sie zum An-der-Lei­­ne-Zer­­ren, zum Hecheln brin­gen. Eine blö­de Akti­on, aber so sind Men­schen eben.

Tiere halten den Stress aus

Sich so nicht an die Regeln hal­ten, das mach­ten eini­ge. Das erhöh­te den Stress­le­vel für den Ver­an­stal­ter und sei­ne Ord­nungs­kräf­te stark. Auch, dass vie­le Zuschau­er anschlie­ßend, nach der Auf­lö­sung des Zugs, die Hun­de strei­cheln muss­ten oder ihre Kin­der vor­schi­cken, um den Tie­ren auf dem Kopf her­um zu tat­schen, bei all dem Stress, dem auch sie zugleich aus­ge­setzt sind. Ein Glück, dass nichts pas­siert ist.

Aller­dings ist doch das auch der Beweis dafür, dass gut erzo­ge­ne Hun­de trotz all ihrer Kraft und trotz ihrer gefähr­li­chen Kau­leis­ten Tie­re sein kön­nen, die auch gro­ßen Stress bewäl­ti­gen. Trotz der Tat­sa­che, dass sie alle irgend­wo auf einer Ras­se­lis­te für Kampf­hun­de ste­hen.

Mit-Ver­­an­stal­­ter Sven Kel­ler mit Hund Gino.
Mit-Ver­­an­stal­­ter Mar­kus Lied­gens.

Muss sich die Stadt Rottweil nicht positionieren?

Müss­te sich das eine Stadt, deren Namen die­se Hun­de tra­gen, nicht selbst aneig­nen? Oder anders­her­um gefragt: Müss­te eine Stadt, deren Namen die­se Hun­de tra­gen, nicht stolz auf sie sein und deren posi­ti­ve Ent­wick­lung unter­stüt­zen? Muss sie, muss ihr Ord­nungs­amt der Demons­tra­ti­on gegen die Ras­se­lis­te und für den Rott­wei­ler tat­säch­lich ein so enges Kor­sett anle­gen? Muss es die­ses Kor­sett immer noch ein wenig enger schnü­ren, so dass der Ver­an­stal­ter über Auf­ga­be nach­denkt?

Einer­seits schmückt sich die Stadt mit dem Hund, der ihren Namen trägt. Der steht aus Bron­ze vor dem Stadt­mu­se­um, er war Gegen­stand einer Kunst­ak­ti­on, vie­le betuch­te­re Rott­wei­ler Bür­ger haben seit­her den Hund des Künst­lers Hörl zuhau­se oder vor ihren Haus­tü­ren ste­hen.

Und einer­seits über­nimmt Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß die Schirm­herr­schaft für den „Tag des Rott­wei­lers“, bezeich­net den Hund als „Wahr­zei­chen unse­rer Stadt“. Broß erklärt, dass er sich freue, dass der Akti­ons­tag „ganz im Zei­chen unse­rer cha­rak­ter­vol­len Vier­bei­ner ver­an­stal­tet wird und Hun­de­freun­de aus Deutsch­land und der gan­zen Welt den Weg zu uns fin­den“.

Doch ande­rer­seits lässt sich Broß dann nicht bli­cken. Bloß nicht in der Nähe sein, wenn eines der Tie­re gera­de ein Kind beißt?

„Schade, dass die Stadt sich nicht positionieren kann“

Ein Zuschau­er hat das am Sonn­tag ganz gut ein­ge­schätzt: Es sei scha­de, dass die Stadt sich nicht posi­tio­nie­ren kön­ne. Dazu habe sie ja zwei Mög­lich­kei­ten. So kön­ne sie sich gegen den Hund wen­den, erklä­ren, dass die­ses aus ihrer Sicht gefähr­li­che Tier nichts mit dem fried­lie­ben­den heu­ti­gen Rott­weil mehr gemein habe.

Oder sie könn­te sich statt des­sen zu einer Für­spre­che­rin des Hun­des machen. Könn­te erklä­ren, dass der Hund, der die Stadt „weit­läu­fig bekannt“ gemacht habe, wie auch Broß es sagt, in die Hän­de erfah­re­ner und guter Hal­ter gehö­re. Könn­te Züch­ter unter­stüt­zen. Das Tier aus der Nische holen, aus der Ille­ga­li­tät, in die es über die Ras­se­lis­te gerät.

Gute Gelegenheit verpasst

Und die Stadt­spit­ze könn­te sich am „Tag des Rott­wei­lers“ freu­de­strah­lend mit den Tie­ren zei­gen, sich mit ihnen foto­gra­fie­ren las­sen. Die Gele­gen­heit wäre gut gewe­sen, die Pres­se war da. Rott­weil ist heu­te, dank Sven Kel­ler und Mar­kus Lied­gens, die den „Tag des Rott­wei­lers“ trotz des engen städ­ti­schen Kor­setts erfolg­reich und stö­rungs­frei orga­ni­siert haben – wäh­rend ihre Han­dys, Kel­ler besitzt der­zeit zwei davon, den gesam­ten Tag über surr­ten und klin­gel­ten -, Rott­weil ist am heu­ti­gen Mon­tag bun­des­weit in der Pres­se. Die BILD war da, der SWR auch, die Nach­rich­ten­agen­tur dpa berich­tet. Damit ist der Rott­wei­ler Hund, ist die Stadt heu­te auf allen gro­ßen deut­schen Nach­rich­ten­sei­ten zu fin­den.

OB Broß nicht. Er schick­te für die Eröff­nungs­re­de einen ehren­amt­li­chen Stell­ver­tre­ter. Arved Sass­nick mach­te sei­ne Sache sehr gut, aber er ist eben nicht das Stadt­ober­haupt. Wie es der SWR dann for­mu­lier­te: „Alle zeig­ten sich (am Tag des Rott­wei­lers) von ihrer aller­bes­ten Sei­te.“ Ralf Broß zeig­te sich nicht.

Mittelweg ist keine Positionierung

Die­se Mit­tel­li­nie, die die Stadt­spit­ze da fährt, ist jeden­falls kei­ne Posi­tio­nie­rung. Mit Unent­schie­den­heit gewinnt man nichts. Viel­leicht soll­te man mal dar­über nach­den­ken, dass das Beschäf­ti­gen mit dem Rott­wei­ler Hund, mit Hun­den an sich, zu den Auf­ga­ben eines Ober­bür­ger­meis­ters die­ser Stadt gehört. So, wie er die Nar­ren die­ser Stadt kor­rekt benen­nen kön­nen muss und aus dem Nar­ren­bre­vier zitie­ren. Und ihre lan­ge Geschich­te auf­fä­chern.

Auch Halter brauchen Positionierung

Eine kla­re Posi­tio­nie­rung, die brau­che auch der Hal­ter gegen­über dem Hund, das ist eben­falls am „Tag des Rott­wei­lers“ klar gewor­den, der für Hun­de­hal­ter ins­ge­samt wert­vol­le Infor­ma­tio­nen gebo­ten hat. Von den Fach­leu­ten, die die Ver­an­stal­ter auf­ge­bo­ten hat­ten, sei Rüdi­ger Schmidt zitiert.

Der zwei­te Vor­sit­zen­de des ADRK, des All­ge­mei­nen Deut­schen Rott­wei­ler Klubs, plä­dier­te bei einer Podi­ums­dis­kus­si­on dafür, Hun­de nicht zu ver­mensch­li­chen. Sie soll­ten laut ihm als das gese­hen wer­den, was sie sind: Tie­re.

Hal­ter soll­ten sich außer­dem damit beschäf­ti­gen, wofür der Hund, den sie sich zule­gen wol­len, gezüch­tet wor­den ist. Wer den Sonn­tag­nach­mit­tag ger­ne auf der Couch ver­brin­ge, sol­le sich etwa kei­nen Bor­der Col­lie zule­gen, der raus und arbei­ten wol­le, der beschäf­tigt wer­den will. Das füh­re zwangs­läu­fig zu Pro­ble­men.

Auch soll­ten Hal­ter ihre Hun­de lesen kön­nen. Wis­sen, was in deren Kopf vor­geht. Nur das kön­ne Vor­fäl­le ver­hin­dern. Denn ein Hund reagie­re und han­de­le eben wie ein Hund. Sein Hal­ter sei in der Ver­ant­wor­tung, die­se Hand­lun­gen ein­zu­schrän­ken bezie­hungs­wei­se zu len­ken.

Mas­kott­chen Kal­le – das für den Rott­wei­ler Hund wirbt. Eine Initia­ti­ve von Pri­vat­leu­ten, nicht der Stadt Rott­weil.

Ver­ei­ne, Grup­pen und Unter­neh­men unter­stüt­zen das Ansin­nen der Orga­ni­sa­to­ren des Tags des Rott­wei­lers. Sie haben ihn zu einem Stra­ßen­fest gemacht mit bun­tem Unter­hal­tungs­pro­gramm. Die Stadt hat eigent­lich nur die engen Regeln gesetzt.

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