Fluorn-Winzeln: Abschied von Bürgermeister Bernhard Tjaden

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In einem Beitrag für das Amtsblatt von Fluorn-Winzeln hat sich Bürgermeister Bernhard Tjaden an die „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“ gewandt, denn „nach 16 spannenden und erfüllten Jahren“ ende seine Amtszeit am Montag, 11. April. Tjaden schreibt:

„Ich bin dankbar für die Zeit hier und freue mich dass wir einiges zusammen schaffen konnten. Fluorn-Winzeln hat sich in dieser Zeit in jeglicher Hinsicht wesentlich weiter entwickelt.“ Mehr könne man auch seinem Rückblick im Bericht über die letzte Gemeinderatssitzung entnehmen. Wegen der bis vor kurzem noch sehr hohen Coronazahlen aber auch im Blick auf seinen Gesundheitszustand, der sich zwar deutlich gebessert habe, aber immer noch etwas labil sei, habe sich die Gemeinde entschlossen, die offizielle Verabschiedung Tjadens in den Sommer zu verschieben.

„Geplant ist dies mit dem Jubiläum 800 Jahre Winzeln im Juli zu verbinden. Nun bleibt mir noch Ihnen allen und auch meinem Nachfolger Rainer Betschner, der am 12. April 2022 sein Amt antreten wird, alles Gute und Gottes Segen zu wünschen. Der Gemeinde Fluorn-Winzeln wünsche ich weiter eine gute Entwicklung und, dass es gelingt den Gemeinschaftssinn trotz der aktuell schwierigen Zeiten zu bewahren. Gelegenheiten dazu gibt auch in Zukunft.

Meine Frau und ich gehen mit Wehmut und es war uns wichtig, nicht allzu weit weg zu ziehen, da wir gerne die Verbindung zu Fluorn-Winzeln behalten möchten.“  Seine Frau werde bis auf weiteres weiter im evangelischen Kirchengemeinderat Fluorn und dort auch als Vorsitzende aktiv bleiben, so Tjaden weiter. „Auch daher werden sich weiter Gelegenheiten ergeben sich zu treffen und somit: Auf Wiedersehen!“

Wir veröffentlichen Tjadens Abschiedsbilanz vom 5. April im Wortlaut:

Von Dankbarkeit geprägt

Sehr geehrte Damen und Herren,

auf der Tagesordnung steht „Rückblick auf die Amtszeit von Bürgermeister Tjaden“.

Mein Rückblick auf diese 16 Jahre ist vor allem von Dankbarkeit geprägt. Dankbar, dass wir gemeinsam einiges bewegen konnten. Dankbar bin ich, dass ich trotz einiger Belastung den größten Teil dieser Zeit gesund und mit relativ wenigen Krankheitstagen hier arbeiten konnte. Dazu trägt mit Sicherheit auch die gute Luft hier bei. Bei meiner Erklärung im Juni letzten Jahres, dass ich nicht mehr antrete, hatte ich gesagt: „Der Beruf des Bürgermeisters ist ein Beruf, in dem man viel Gestaltungsmöglichkeit hat. Aber er fordert auch ganz schön. Zunehmend kann man beobachten, dass es schwieriger wird die Aufgaben zu erfüllen, da immer mehr hinterfragt wird und es auch nicht immer einfach ist im Lichte der Öffentlichkeit zu stehen. Ich kann aber sagen, dass ich meine Aufgabe als Bürgermeister in Fluorn-Winzeln gerne wahrnehme. Wir haben viel gemeinsam geschafft.“ Das kann ich so auch heute noch sagen.

Was haben wir geschafft?

Das wichtigste ist, dass wir wieder stolz darauf sein können aus Fluorn oder Winzeln zu kommen. Als ich kam, haben sich viele geschämt zu sagen, woher sie kommen. Das ist nicht mehr so. Heute kann jeder stolz sagen ich komme aus Fluorn, aus Winzeln oder aber aus Fluorn-Winzeln. Das haben auch die Berichte über die Wahlanfechtung nicht überdecken können.

2008 ist es uns gelungen mit der Aktion Weihnachtsmannfreie Zone bundesweit um nicht zu sagen weltweit (über die BBC bis nach Brasilien) positive Schlagzeilen zu machen. Und dies mit einer guten Botschaft nämlich der Rückbesinnung auf die Kernbotschaft von Weihnachten: das Christkind ist in die Welt gekommen um uns zu retten. Welche Gemeinde in unserer Größe schafft das schon (ohne Skandal)?

Was haben wir noch geschafft?

Enorm viel Geld ist in diesen 16 Jahren in Form von Zuschüssen in die Gemeinde geflossen. Erst vorhin durfte ich berichten, dass wir knapp 1,5 Millionen Euro für den Bau von Abwasseranlagen bei unserer Kläranlage erwarten können. Dank guter Arbeit der Verwaltung, der Hilfe von Herrn Christophers und der politischen Fürsprache insbesondere unseres damaligen Bundestagsabgeordneten Volker Kauder konnten wir einen Bundeszuschuss von rund 1,4 Millionen Euro für die Sanierung der Winzler Halle erlangen. Ein gewaltiger Sprung war das.

Dann ist uns in den meisten Jahren gelungen oft recht hohe Zuschüsse aus dem Ausgleichstock zu erhalten. Notwendig dafür war die Gebührenhaushalte in Ordnung zu bringen und unpopuläre Gebührenerhöhungen zu beschließen, aber auch ein guter Draht ins Regierungspräsidium.

Dank an Gemeinderat

Ich bin unserem Gemeinderat, also Ihnen, sehr dankbar, dass er in wechselnder Besetzung auch schon in den schwierigen ersten Jahren meiner Amtszeit dies immer mitgetragen hat. Auch den oben genannten Zuschuss für die Abwasserbeseitigung haben wir nur in der Höhe erhalten, weil wir rechtzeitig die Weichen gemeinsam gestellt haben. Vor ein paar Jahren wäre es nur die Hälfte oder gar Null gewesen, was wir bekommen hätten.

Nicht zu vergessen das Landessanierungsprogramm, das uns in die Lage versetzte in beiden Ortsteilen große Schritte zur Verbesserung des Ortsbildes zu schaffen und private Investitionen in erheblichem Ausmaß auszulösen mit 60 Prozent Landes- und EU- Mitteln. Wir haben dafür gesorgt, dass die Gemeinde ihre 40 Prozent Eigenanteil immer aufgebracht hat.

Was haben wir baulich geschafft?

Wir haben vor allem den Sanierungsstau, den ich 2006 angetroffen hatte mit großen Schritten tatkräftig angegangen. Ich erinnere an die Sanierung der Ortsdurchfahrt in Fluorn, der Rötenberger Straße, des Neubaus der neuen Mehrzweckhalle in Fluorn und die aktuell laufende Sanierung der Halle Winzeln. Viele Straßen wurden gerichtet, Infrastruktur verbessert, das Angebot unserer Kindergärten mit Krippe im Laufe der Jahre immer weiter ausgebaut und die Gebäude auf einen modernen Stand gebracht.

Auf einen modernen Stand wurde auch unser Sitzungssaal gebracht. Das war eine sehr gute Leistung unseres Bauhofs. Wir können froh sein, dass wir einen leistungsfähigen Bauhof haben. In Winzeln konnte die Wasserversorgung erneuert und damit ein Herzenswunsch der Winzelner Bevölkerung erfüllt werden.

Ähnliches gilt für das Altersgerechte Wohnen, das bei der Bürgermeisterwahl 2005 schon ein großes Thema war. Ich freue mich sehr darüber, dass diese Dinge und noch viel mehr, was jetzt gar nicht aufgezählt werden kann in gemeinsamer Anstrengung von Gemeinderat, Verwaltung und Bürgermeister erreicht und umgesetzt werden konnte. Wir hatten aber auch schwierige Phasen zu bewältigen, wie die Schließung der Schule in Winzeln.

Schwierige Zeiten

Da waren manche einige Zeit nicht mehr gut auf mich zu sprechen. Trotzdem kann ich nochmals feststellen, der Schritt war richtig und es war gut, dass wir ihn so schnell vollzogen haben. Damit haben wir uns jahrelange Diskussionen und teure Gutachten erspart, wie das bei Gemeinden in unserer Nachbarschaft zu beobachten ist. Und es hat auch geholfen, dass wir die Betreuungszeiten deutlich ausbauen und die Kinder aus beiden Ortsteilen zusammen lernen und viel besser Freunde werden können als zuvor. Das ist ein Vorteil, der mit Geld nicht aufzuwiegen ist.

Dass die bei meinem Amtsantritt sehr großen Gräben sukzessive reduziert und auch im übertragenen Sinne viele Brücken gebaut werden konnten, zeigt sich beispielhaft darin, dass der Gemeinderat Ende 2018 mit großer Mehrheit beschloss, die unechte Teilortswahl abzuschaffen. Das hatte uns von unseren Nachbarn kaum jemand zugetraut. Es ist ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dass mehr und mehr erkannt wird, dass wir nur gemeinsam stark sind.

Was das angeht könnte man sagen, die Mission ist erfüllt. Natürlich gibt es weiterhin viel zu tun.

Was ging im Bereich Kultur, Sport und Vereine?

Wir haben zum einen mit der  Jugendförderung unserer Vereine mit 15 Euro pro Kopf immer wieder positive Akzente gesetzt und unsere Vereine im Bedarfsfall auch mit größeren Beträgen unterstützt. Dann gab es auch absolute Highlights wie die beiden Theaterspaziergänge zusammen mit Bruderhausdiakonie und örtlichen Vereinen oder „Intermezzo“ im Herbst 2014 unserer Kirchengemeinden und Vereine. Ein ökumenisches Vorzeigeprojekt.

Das waren Veranstaltungen, in denen wir gezeigt haben, was wir gemeinsam schaffen können, behindert oder nicht, Alt und Jung und wofür wir ringsum viel Lob erhalten wie zum Beispiel vom damaligen Vorstandsvorsitzenden der Bruderhausdiakonie Pfarrer Lothar Bauer, der persönlich dabei war, meinen Kollegen und vielen anderen.

Fasnet gelernt

Für die Kultur ist das örtliche Brauchtum sehr wichtig, das in der Fasnet außerordentliche Anziehungskraft entwickelt. Ich kam ja von der Fasnet ziemlich unbeleckt hier an. In Stuttgart habe ich das Fasnetstreiben auf der Königstraße zwar gerne aus der Ministeretage des Wissenschaftsministeriums betrachtet. Aber das war eher aus der Ferne.

Hier wurde das viel greifbarer insbesondere bei der Schlüsselübergabe und bei den verschiedenen Bällen. Ich habe immer bewundert, welche schauspielerischen, sängerischen und sonstigen Glanzleistungen da immer wieder geboten wurden. Das ist Kultur im besten Sinne und von den eigenen Leuten gemacht, wo sie in Stuttgart meist auswärtige Narrenzünfte brauchen.

Aber auch im Bereich Sport gab es immer wieder Höchstleistungen zu würdigen. Die Landes- und Deutschen Meister zum Beispiel der Ringer des KSV Winzeln, der Schützen, bei Jugend musiziert oder des Luftsportvereins, der sogar in der Bundesliga vorne mitmischt und auch Weltmeister in seinen Reihen hat. Da kann man als Bürgermeister schon stolz und glücklich sein, einer Gemeinde vorstehen zu dürfen, in der solche Leistungen möglich sind.

Kunst im Dorf, die geniale Verbindung von Gewerbeschau und Kunstausstellung organisiert von unserem umtriebigen Handels- und Gewerbeverein hat in olympischen 4 Jahresabständen viele Menschen angezogen und wir hatten immer wieder sehr hochrangige Gäste. Außerdem zeigt sich so eindrucksvoll die Leistungsfähigkeit unserer Handwerker, Firmen und Gewerbetreibenden. Wir konnten in meiner Amtszeit so viele Gewerbegrundstücke erschließen und verkaufen, dass die Lücken meist geschlossen sind.

Neue Arbeitsplätze

Besonders freut mich, dass es gelungen ist die Zahl der Arbeitsplätze von 787 im Jahr 2006 auf inzwischen rund 1140 zu steigern. Auch bei der regenerativen Energieerzeugung sind wir durch großes Bürgerengagement Spitze: rund 92 Prozent des bei uns verbrauchten Stromes wird vor Ort regenerativ erzeugt. Der Landesschnitt liegt bei rund 36 Prozent.  Über 250 Solaranlagen und 2 Windkraftanlagen erbringen davon je etwa 25 Prozent, 2 Biogasanlagen etwa  50 Prozent.

Da wir außer den Leichenhallen so gut wie alle Gemeindegebäude energetisch saniert beziehungsweise teilweise auch schon von den alten Ölheizungen befreit haben, sind wir auch beim Thema Klimaschutz gut aufgestellt. Auch wenn dies ein Prozess ist, der noch weiter gehen muss. Wir sind zukunftsfähig.

Das zeigt sich auch an der guten personellen und räumlichen Ausstattung unserer Kindergärten und der Schule. An all diesen Gebäuden wurden Verbesserungen durchgeführt. Wir haben es geschafft, dass unsere Kindergärten sich bei Eltern aber auch im Kreise der Erzieherinnen einen guten Ruf erarbeitet haben. Immer wieder hören wir, dass Erzieherinnen das Ziel haben bei uns arbeiten zu können. Das freut uns sehr.

Faktisch schuldenfrei

Zur Zukunftsfähigkeit gehört auch eine solide Finanzwirtschaft. Obwohl wir in den letzten Jahren viele Millionen in unsere Infrastruktur investiert haben, ist es gelungen durch eine kluge Finanzpolitik mit dem Blick für das Machbare und die eingangs erwähnten Zuschüsse die Verschuldung von über einer Millionen Euro vor meiner Zeit auf zum Jahresende 27.000 Euro zu senken. Das entspricht etwa 9 Euro pro Kopf und liegt damit auf Taschengeldniveau.

Da wir im Letzten Jahr Beschlüsse gefasst haben uns wieder bei der Badenova mit 200.000 Euro zu beteiligen und denselben Betrag bei netzeBW investiert haben sind wir de Facto schuldenfrei. Diese Investitionen bringen uns deutlich mehr Zins als wir bezahlen und auch Mitsprache bei der Energieinfrastruktur im Ort, die wir sonst nicht hätten.

Gemeindewald

Stolz können wir auch auf unseren großen und ertragreichen Gemeindewald sein, der von unserem Revierleiter Jörg Fehrenbacher, unseren Waldarbeitern unter Leitung des Forstamts gut bewirtschaftet wird und wo wir die Jagdneuverpachtung kürzlich noch gut unter Dach und Fach bringen konnten. Durch die vielen Begänge und Gespräche wird man auch als Bürgermeister ein Stück weit in die Geheimnisse der Forstwirtschaft eingeführt.

Fest im Sommer

Der Coronasituation aber auch meinem doch noch etwas labilen Gesundheitszustand geschuldet ist, dass wir meine Verabschiedung auf den Sommer verschieben mussten. Aber es ist sicher eine gute Sache, dies mit dem Jubiläum 800 Jahre Winzeln zu kombinieren. Ich will die Gelegenheit nutzen, allen, die sich für die Vorbereitung des Jubiläums engagieren herzlich danke zu sagen. Das wird eine gute Sache, da können wir uns darauf freuen.

Ebenso herzlich danke ich auch allen Mitarbeitern im Rathaus, im Bauhof und in den Betreuungseinrichtungen der Gemeinde sowie meinen aktuellen und früheren Stellvertretern, zu denen auch der im Zuschauerraum anwesende Joachim Schmid gehört, den ich mit seiner Frau Waltraud heute Abend herzlich hier nochmals begrüßen darf. Wir haben jahrelang sehr gut und vertrauensvoll zum Wohle der Gemeinde zusammengearbeitet und er hatte harte Zeiten, bevor ich 2006 mein Amt antreten konnte.

Ich lege meine Amt nun getrost in jüngere Hände und wünsche unserem neuen Bürgermeister Herrn Betschner einen guten Start und der Gemeinde Fluorn-Winzeln weiter eine gute Entwicklung und uns allen Gottes Segen.

Ich hoffe außerdem, dass wir gemeinsam bald auch die Einschränkungen durch die Corona Pandemie hinter uns lassen können. Dabei will ich es bewenden lassen, obwohl ich zu den 16 Jahren noch viel mehr sagen könnte. Aber ich will es mit Martin Luther halten, der sagte: „Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf!“

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