Freitagabend, Refektorium im Kapuziner, Jahresbeginn. Ein Klassentreffen quasi, so ähnlich wie im Advent. Draußen tost der Winter, drinnen Mingus 21, fast sitzen die Musikanten den Besucher*innen auf dem Schoß. Herzenswunsch von Hansjörg Mehl, diesmal sitzt der Veranstalter in der ersten Reihe: Endlich Charles Mingus in Rottweil hören. Kann er, macht er, liebt er. Wir auch.
Mingus 21, das sind sieben wack’re Schwaben oder zumindest Hauptstädter, die seit 15 Jahren das Werk des amerikanischen Großmeisters wieder aufleben lassen. Denn ein Großmeister des Jazz am Kontrabass, das ist Charles Mingus, der 1979 mit 56 einem Herzinfarkt erlag. Ebenso wie ein jähzorniger Grantler, von dem Bandleader Martin Keller beredt allerhand Geschichten zu berichten weiß.
Mingus gilt heute als einer der bedeutendsten Komponisten des Jazz neben Duke Ellington und Thelonious Monk. Er wird auch als fordernder Arrangeur und Bandleader angesehen, der Swing, Bebop und Avantgarde zu einem Amalgam furioser Emotionen, komplexer Arrangements und kraftvoller Improvisationen vermengte. Und verzaubert, wie das an diesem Winterabend auch die Stuttgarter in zwei grandiosen Sets zuwege bringen.
Verschroben, verschoben, verwoben schichten sich da Themen und Melodien auf- und nebeneinander, jubeln Kornett (Hans-Peter Ockert) und Saxofon (Alt Magnus Mehl, Tenor Martin Keller), Blassklarinette (Keller) und Posaune (Ian Cumming) einander zu, um alsbald in ächzendes Wehklagen zu kippen, zu verharren, zu verstummen und dann neuerlich in irrwitzigen Läufen loszubrechen.
Den vier brillanten Bläsern zur Seite ziehen Piano (Martin Trostel, fulminant und allein schon der Mimik wegen ein Konzert wert) und Kontrabass (famos Karoline Höfler nicht nur im Solostück) mit großartigen Läufen in ihren Bann, treibt das Schlagzeug (lässig-wuchtig Lutz Groß) in ständigen Rhythmuswechseln die Stücke und Musiker voran. Echokammern der Musikgeschichte, Fragmente postmoderner Vielfalt, gefühlstosende Collagen aus gestern und heute vereint Mingus, und nun auch Mingus 21, zu einem sperrigen, intensiv verdichteten, hochlodernden Ganzen, das seinesgleichen sucht.
Schwerstarbeit ist das, wie den überragenden Musikern nebst einer Musikerin in der Pause durchaus anzumerken ist, denn die teils so filigran und leicht daher schwebende Vieltonalität bedarf äußerster Konzentration und emsiger Proben. Zwei Zugaben erklatscht das Publikum dennoch, um den musikalischen Hochgenuss noch ein wenig länger zu genießen. „Musik für die Seele des Veranstalters“ untertitelte das Programm ganz direkt. Er hat an diesem Abend viele Seelenverwandte gefunden.
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