Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl 2026, trat im Rahmen seiner Wahlkampftour am Samstagabend in der Rottweiler Stadthalle auf. Beginn war um 19.30 Uhr. Die Begrüßung übernahm Artur Eichin, Landtagskandidat der Grünen im Kreis Rottweil. Özdemir wollte im März 2026 Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden – und machte den Wahlkampf im Südwesten zur Vertrauensfrage in seine Person.
Im Mittelpunkt des Abends standen laut Veranstalter die „Themen, die Baden-Württemberg bewegen“: von Klimaschutz über Wirtschaft und Bildung bis hin zu einer verantwortungsvollen Landespolitik. Nach der Rede von Cem Özdemir gab es die Möglichkeit, Fragen an den Spitzenkandidaten zu stellen und direkt mit ihm zu diskutieren.
Live-Blog
Ende des Bühnenprogramms
Um Punkt 21 Uhr ruft Sonja Rajsp das Ende des Bühnenprogramms aus, es gibt ein Geschenk für Cem (man duzt sich). Schwarzwaldsocken. „Da hat sich der Abend scho g’lohnt“, so der Kandidat, was einen großen Lacher erntet.
Wir beenden an dieser Stelle auch unseren Live-Blog. Vielen Dank für Ihr Interesse!
Ein bislang völlig störungsfreier Abend
Ungestört kann Özdemir, als versierter Redner bekannt, seine Positionen vermitteln. Er erntet zudem sehr viel Zustimmung. Wohlfühlstimmung. Passend zum Publikumsliebling Özdemir, zum Kandidaten der Wahl, gäbe es eine Direktwahl. Die Menschen in der Halle, so hat Moderatorin Rajsp herausgefunden. stammen nicht etwa nur aus Rottweil, sondern aus vielen Gemeinden der Umgebung.
Özdemir schafft es auch, den noch amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann höflich und anständig zu loben. Er lobt den „baden-württembergischen Weg“, der für Dialog, Kompromissfindung und Zielorientiertheit stehe. Hat seinen eigenen Kopf, will aber auf der bisherigen Politik aufsetzen. er möchte aber noch mehr Tempo machen, etwa beim Windkraft- und Netzausbau.
Fragen an Özdemir


Die Themen drehen sich um Rente, Gäubahnausbau, Energiepolitik. Eichin und Özdemir antworten gutgelaunt und pointiert. „Die Gäubahn muss zweispurig sein, das ist für mich völlig klar!“ Özdemir trifft den Ton.
Was will er für die jungen Leute tun?
Die Fragerunde ist eingeleitet worden. Özdemir benötigt zunächst einen Schluck Wasser, er wolle noch bis zum Wahltag am 8. März durchhalten, sagt er. Und dass er den bereits dritten Termin heute abhalte. Die erste Frage richtet sich an seinen Plan für junge Leute. Özdemir: „Ich will, dass bei allen jugendrelevanten Fragen die Stimme der Jugend in der Villa Reitzenstein gehört wird.“ Er macht Jugendpolitik damit zur Chefsache, verspricht dies jedenfalls. „Zwingend muss die Stimme junger Menschen gehört werden in der Politik, ich will das gerne machen.“ Er versprach auch, dass er keine Wahlkampfversprechen abgebe, die er nachher nicht halten werde oder wolle.
„Altersgrenze für TikTok und Instagram von 16 Jahren“
Kinder sollten Mathematik lernen, zuzuhören und Respekt. Tech-Konzerne sollten dazu verpflichtet werden, junge Menschen zu schützen. Özdemir erneuerte die zuletzt vieldiskutierte Forderung des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther.

Verspricht, keine Parteipolitik zu machen
Das Land, die Menschen, gehen vor, so der Kandidat. Nicht die Partei. Und die Effizienz. Auch für die KMUs, die kleinen mittelständischen Betriebe. Hier verspricht er Bürokratie abbauen. „Sie sollen sich um das wieder kümmern können, warum sie Unternehmer geworden sind.“

USA, China, Russland, Ukraine
Der Kandidat der Grünen macht einen weltweiten Bogen, die aktuellen Themen ansprechend, aber aus baden-württembergischer Sicht. „Aufhören mit der Naivität, sondern unsere eigene Wirtschaft schützen“, ruft er aus. „Ländle first?“ Und wie? Er kann doch nicht einmal die Zölle ändern als Ministerpräsident. „Das Thema muss Brüssel machen“, das wolle er unterstützen, um etwa die Autoindustrie zu stärken.
Özdemir, der Schwabe
„Wenn ich Minischterpräsident werde, werde ich dafür sorgen, dass unsere Polizei exzellent ausgestattet ischt“, verspricht er.
Spontaner Kandidat
Özdemir hat von Rajsps Begrüßung mitgenommen, dass Vertreterinnen der bundesweit bekannt gewordenen Rottweiler Hebammen, die zu kündigen angekündigt haben und den neuen Hebammenhilfevertrag ablehnen, im Saal sind. Er spricht diese spontan direkt an, wirbt massiv dafür, deren Anliegen zu hören und sie zu unterstützen.
Özdemir spricht
… über Ausländer – die er nicht als solche adressieren will, sondern unterscheiden zwischen Menschen, die mitmachen, und welchen, die nicht mitmachen. Alle müssten sich an die Verfassung halten. Und „wer dazugehören möchte, muss zu seinem Einkommen beitragen. Denn das Hemd schwitzt nicht von allein.“ Auch sei es wichtig, dass man sich verständigen kann. Ob Schwäbisch, Pfälzisch, Hochdeutsch – „eins davon sollte es schon sein.“ Abgeschoben werden müsse, wer straffällig werde Nicht, wer sich integriert und Arbeit hat und „schafft wie ein Brunnenputzer“. Das gibt großen Applaus.

„Ich habe einen Akzent“
… sagt Eichin. Der gebürtige Pole thematisiert seine Herkunft direkt und sagt: „Politik braucht mehr von uns“, also Menschen mit Geschichte und Menschen, die im normalen Leben stehen. „Wer hört uns eigentlich zu“, fragt er rhetorisch, und präsentiert sich als der Kandidat der kleinen Leute mit Alltagserfahrung. Die Menschen hören ihm aufmerksam zu. Rottweil sei politisch umkämpft. „Wo Arztpraxen schließen, wächst schnell das Gefühl: Ich werde nicht gehört“. Das würden Rechtspopulisten ausnutzen. Aber: „Wir nehmen eure Probleme ernst und wir liefern“, verspricht der Kandidat. „Infrastruktur sanieren, verlässlich machen“, verspricht er unter anderem. „Brücken, Straßen, Schienen modernisieren“, verlangt er, „statt immer neuer Prestigeprojekte.“ Darum kandidiere er, denn er wolle Brücken bauen, zwischen Menschen und Politik. „Zwischen denen, die schon immer da sind, und denen, die dazugekommen sind“, ruft er. „Lieber Cem, wir freuen uns auf Deine Worte“, leitet er. „Die Bühne gehört Dir!“ Großer Applaus.

Özdemir ist eingetroffen
…und durchquert die Halle unter andauerndem freundlichem Applaus. Er nimmt in der ersten Reihe Platz. „Er ist sympathisch, bodenständig, er ist unser Landtagskandidat für den Landkreis Rottweil“, begrüßt Moderatorin Rajsp ihren Kandidaten-Nachfolger Eichin. Und: „Er ist aus echtem Ministerpräsidentenholz geschnitzt, herzlich willkommen, Cem Özdemir“, so die Moderatorin.

Fast voll
650 Menschen werden da sein, mit Tendenz zur vollen Halle. Viele studieren die ausliegenden Wahlprogramme.


Halle gut halb voll
Die sitzend bei der heutigen Bestuhlung 700 Menschen fassende Rottweiler Stadthalle ist gut zur Hälfte gefüllt und es ist noch Zeit bis zum Beginn der Wahlveranstaltung. Der Veranstaltungsort ist ob seines Fassungsvermögens ambitioniert gewählt – die Location am Vorabend fasst sitzend je nach Bestuhlung nur bis zu 300 Menschen.

Rajsp, Eichin, Özdemir
Durch den Abend wird Sonja Rajsp führen, frühere Landtagskandidatin der Grünen im Wahlkreis Rottweil. Jetzt ist sie Ersatzkandidatin für Artur Eichin – ein so sicherer Weg für Rajsp, nicht ins Amt zu kommen, wie eine Nichtkandidatur. Und den Abend wird sie moderieren. Dem Programm nach spricht zunächst Wahlkreiskandidat Eichin, dann Landeskandidat Özdemir. Eichin macht zu diesem Zeitpunkt noch ein paar Stories für Insta.
Die Halle füllt sich allmählich
Um 18.30 Uhr hat der Veranstalter wie angekündigt die ersten Besucherinnen und Besucher eingelassen, nun füllt sich die Rottweiler Stadthalle. Bislang vorwiegend mit Menschen gesetzten Alters, doch sind auch Jugendliche dabei. Erstmals dürfen ja 16- und 17-Jährige mitentscheiden (siehe unten).
Offenbar Anschlagsversuch bei Özdemir-Veranstaltung am Vorabend
„Das schärft noch einmal die Sinne.“ Dennoch; Ganz die Zuversicht selbst steht der Leiter des Polizeireviers Rottweil, der Erste Polizeihauptkommissar Thorsten Weil, am Eingang zur Stadthalle. Er und seine Kräfte plus die eingesetzten Mitarbeiter eines privaten Dienstes würden die Sicherheit der Veranstaltung gewährleisten, vermittelt er. Erst am Vorabend hat nach Informationen der NRWZ jemand versucht, einen Anschlag auf eine Wahlkampfveranstaltung Özdemirs in der Festkelter Metzingen zu verüben. Mittels einer Fackel wollte er das Gebälk des alten Gebäudes in Brand setzen. „Mit so etwas rechnen wir grundsätzlich immer“, sagte der leitende Beamte Weil dazu.
Die Stadthalle Rottweil ist, so erfuhr die NRWZ vonseiten des Veranstalters, vor der Öffnung auch von einem Polizeihund abgesucht worden. Auch werde eine Vielzahl an Polizeibeamten vor Ort sein. Deshalb gibt sich auch der Veranstalter entspannt. Eine Ankündigung von offenkundigen Anhängern der AfD in einer Chatgruppe, sich zum Protest zu versammeln, ist zur Kenntnis genommen worden. Zu sehen ist von möglichen Demonstranten nichts.

Der Publikumsliebling
Özdemir ist der Publikumsliebling unter den Bewerbern. Denn aktuell zeigen die verfügbaren Umfragen klar: Bei einer fiktiven Direktwahl des Ministerpräsidenten in Baden‑Württemberg läge der Grüne deutlich vor seinem CDU‑Gegenkandidaten Manuel Hagel und allen anderen Bewerbern, darunter etwa Markus Frohnmaier (AfD). In einer aktuellen Auswertung zum Superwahljahr 2026 wird berichtet, dass sich die Befragten in Baden‑Württemberg „klar“ für den Grünen‑Spitzenkandidaten Cem Özdemir als nächsten Ministerpräsidenten aussprechen. Bei einer hypothetischen Direktwahl käme Özdemir demnach auf rund 41 Prozent, während Manuel Hagel von der CDU nur etwa 17 Prozent erreichen würde. Auch die detaillierte Ländertrend‑Umfrage (Baden‑WürttembergTREND Januar 2026) ordnet Özdemir als populärsten Spitzenkandidaten ein und konstatiert, dass er deutlich mehr Rückhalt genießt als die übrigen Spitzenkandidaten.
In der klassischen Sonntagsfrage zur Landtagswahl liegt derzeit zwar die CDU mit etwa 29 Prozent vor den Grünen mit 23 Prozent. Aber bei der Frage nach der Führung der Landesregierung und der Person des Regierungschefs ist Özdemir im Vorteil. Daraus ergibt sich das Bild, dass die CDU als Partei knapp vorn liegt, die Person Cem Özdemir jedoch klar die besten persönlichen Werte und die höchste Direktwahl‑Präferenz als Ministerpräsident hat.
Aufbruch nach der Ära Kretschmann
15 Jahre lang prägte Winfried Kretschmann das Bild des „grünen Musterlands“ Baden-Württemberg; 2026 tritt der 77-Jährige nicht mehr an, das Land steht vor einer Zäsur. Mit Cem Özdemir schicken die Grünen einen bundesweit bekannten Ex-Bundesminister ins Rennen, der das Erbe Kretschmanns bewahren und gleichzeitig ein „neues Kapitel“ für das Land aufschlagen will. „Ich will hier kein Erbe und keine Thronfolge antreten“, sagte Özdemir beim Parteitag – ein Satz, der Distanz zum Amtsinhaber markiert, ohne dessen Popularität zu brüskieren.
Geboren in Bad Urach, Sohn türkischer Gastarbeiter, inszeniert sich Özdemir im Wahlkampf als schwäbischer Aufsteiger, der die Sorgen von Industriebeschäftigten ebenso kennt wie die Erwartungen urbaner Milieus.Seine Biografie – erster Bundestagsabgeordneter mit türkischen Wurzeln, früherer Parteichef der Grünen, später Bundeslandwirtschaftsminister – ist Teil der Erzählung, dass Baden-Württemberg mit ihm an der Spitze „moderner, aber geerdet“ bleiben könne.
Ein Spitzenkandidat als Programm
Der Parteitag in Heidenheim machte unmissverständlich klar, worauf die Grünen setzen: Das Programm heißt Özdemir. Mit 97 Prozent der Stimmen kürten die Delegierten ihn 2025 offiziell zum Spitzenkandidaten – eine seltene Geschlossenheit in einer Partei, die inneren Widerspruch sonst eher pflegt.
Auch im Wahlkampf spiegelt sich diese Personalisierung: Auf Plakaten dominiert sein Gesicht, Slogans und Botschaften sind um den Kandidaten herum gebaut. Landeschef Pascal Haggenmüller formuliert es zugespitzt: In Baden-Württemberg gebe es „einen, dem die Menschen vertrauen, der heißt Cem Özdemir“ – eine Aussage, die Umfragen stützen, wonach sich deutlich mehr Bürger Özdemir als Regierungschef wünschen als seinen CDU-Kontrahenten Hagel.
Der schwierige Spagat: Grün, aber anders
Inhaltlich versucht Özdemir einen heiklen Balanceakt: Er steht für eine grüne Politik, die Klimaschutz und ökologische Modernisierung ernst nimmt, grenzt sich aber bewusst von parteiinternen Maximalforderungen und der Bundespartei ab. Beim Thema Autoindustrie macht er klar, dass „grüne Transformationsprosa“ nicht reiche: Baden-Württemberg müsse „in Siebenmeilenstiefeln Batterieland werden“, wenn es Autoland bleiben wolle.
Das klingt nach einem Brückenschlag zu den Sorgen der mittelständischen Zulieferer und der Arbeiter in den Werken – und zugleich nach einer Kampfansage an jene, die die Transformation am liebsten vertagen würden.
Özdemir positioniert sich in der Migrationspolitik und bei der Frage des Verbrennerausstiegs weniger dogmatisch als viele Parteifreunde in Berlin. Dies irritiert zwar in der eigenen Partei, aber im eher konservativ geprägten Südwesten soll es Wähler jenseits des grünen Stammklientels ansprechen.
Seine Mission: Mit Pragmatismus und klarer Kante die Erzählung zu drehen, die Grünen seien eine Partei für Verbote und Verbotsfantasien. Özdemir verspricht „klare Kante und ausgestreckte Hand“ – ein Wahlkampf ohne permanente Empörung, aber mit deutlicher Abgrenzung zu AfD und Rechtspopulismus.
Umfragen – von der Hypothek zur Chance
Lange sah es danach aus, als wäre die Ausgangslage für die Grünen alles andere als komfortabel: Im Landestrend rutschte die Partei von 32,6 Prozent bei der Wahl 2021 auf etwa 20 Prozent ab und fiel zwischenzeitlich sogar hinter die AfD zurück. Die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Manuel Hagel schien mit rund 29 bis 31 Prozent komfortabel vorn zu liegen – und damit der Favorit auf die Nachfolge Kretschmanns, den die Union gern „heimholen“ würde.
Doch kurz vor der Wahl mehren sich die Signale, dass der Wettlauf um die Staatskanzlei offen ist: Neue Umfragen sehen die Grünen im Aufwind, der Abstand zur CDU schrumpft auf sechs Prozentpunkte, die AfD fällt zurück. Besonders bemerkenswert: In der fiktiven Direktwahlfrage liegen Özdemir und Hagel weit auseinander – teils mehr als doppelt so viele Befragte würden Özdemir direkt zum Ministerpräsidenten wählen.
Damit steht der Wahlkampf vor einer paradoxen Konstellation: Eine Partei, die in den Sonntagsfragen auf Platz zwei liegt, tritt mit einem Spitzenkandidaten an, der deutlich beliebter ist als der Favorit der stärksten Kraft. Die Grünen hoffen, diese Diskrepanz in den kommenden Wochen in Stimmen zu übersetzen – und dass am Ende nicht nur die Person Özdemir punktet, sondern die Partei insgesamt mitgezogen wird.
Ein Wahlkampf, der das Land verändert
Die Landtagswahl am 8. März 2026 ist mehr als nur eine Abstimmung über die Nachfolge Kretschmanns: Erstmals gilt in Baden-Württemberg ein Zwei-Stimmen-Wahlrecht, 16- und 17-Jährige dürfen mitentscheiden. Das macht die Ausgangslage unberechenbarer – und erhöht zugleich die Bedeutung eines Kandidaten, der junge Wähler ebenso erreichen muss wie die Stammklientel des „Ländle“-Realismus.
Özdemir zieht seit Monaten durchs Land, von Bürgerdialog zu Bürgerdialog, erzählt Anekdoten aus seiner Kindheit in Bad Urach und aus der Bundespolitik, versucht Nähe zu zeigen, wo Politikverdrossenheit gewachsen ist. Sein Erfolg wird auch davon abhängen, ob es ihm gelingt, die Sorge um Arbeitsplätze mit der Angst vor Klimarisiken zu versöhnen. Und ob sich am Ende die Erzählung durchsetzt, dass Kontinuität im Südwesten 2026 anders aussieht als 2011.


