„Die Mutter hat leicht gebrannt.“

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HORB/ROTTWEIL. Tag vier im Prozess gegen einen heute 38-Jährigen, der seine Mutter getötet und seinen Zwillingsbruder schwer verletzt haben soll – indem er sie in Brand setzte. Freunde beschreiben den Mann, Dennis B., durchgehend als freundlich, hilfsbereit, umgänglich. Das Verbrechen, das kam für sie aus heiterem Himmel. Die Beweggründe sind immer noch nicht erklärt. Die Theorie vom erweiterten Selbstmord gerät zunehmend in den Hintergrund. Corona spielt nunmehr eine Rolle, der Abstand des mutmaßlichen Mörders zu den Freunden, die zunehmend als Enge empfundene Nähe zum eigenen Bruder. Vor dem Landgericht Rottweil sind weitere Prozesstage geplant.

Was feststeht, was Dennis B. bereits zugegeben hat, wofür er vor Gericht steht: Am 29. März 2022 hat er demnach Benzin im elterlichen Haus ausgebracht, in dem er damals gemeinsam mit der Mutter und seinem gehbehinderten Zwillingsbruder wohnte. Der Bruder, Benjamin, wurde wach – wohl auch am Geruch des Benzins, das in seinem Zimmer bereits verschüttet worden war -, er stellte Dennis B. zur Rede. Als er flüchten will, wird er noch im Hausgang von Dennis mit Benzin überschüttet. Das brennt bereits, der Bruder fängt Feuer. Unterdessen ist die Mutter hinzugekommen. Sie bekommt Benzin ab vom flüchtenden Bruder, fängt ebenfalls Feuer, „leicht“, wie B. erklärt. Er flüchtet mit seinem Wagen, einem Seat. In Karlsruhe wird er Tage später gestellt und festgenommen. Jetzt muss er sich vor der Großen Schwurgerichtskammer des Landgerichts Rottweil verantworten. Es geht unter anderem um Mord. Denn die Mutter starb.

Ein 56-jähriger Polizeibeamter vom Präsidium Karlsruhe sagt an diesem Mittwoch vor dem Landgericht aus. Er durchsuchte damals den Seat Leon von Dennis B., als der in Karlsruhe entdeckt, als die Flucht des mutmaßlichen Mörders beendet war. Ziel war es, etwa Brandbeschleuniger zu finden. So war auch ein Kanister Benzin im Wagen. Voll. Daneben Kleidung, ein Schlafsack, ein MacBook, ein iPhone und ein iPad, Getränke, Essensreste, Konservendosen „Spaghetti Bolognese“, 300 Euro in bar. Eine der hinteren Seitenscheiben ist eingeschlagen – „das wird wohl bei der Festnahme passiert sein“, so der Polizeihauptkommissar.

Die Polizeifotos von seinem Fluchtwagen, einem weißen Seat Leon, schaut sich Dennis B. völlig unbewegt und nur flüchtig an, mit müden Augen und in völliger Distanz. Die Fingerspitzen auf dem Tisch aneinander gelehnt, geht sein Blick zunehmend ins Leere.

Ein 42-jähriger Bekannter von Dennis B. aus dem Schachclub wird vernommen. Ein ebenso bleicher Mann wie der Angeklagte, mit kaum vernehmlicher, leiser Stimme. „Ich war nie der lauteste Redner“, sagt er entschuldigend über sich selbst, im großen Schwurgerichtssaal mit seinen gut sechs Meter hohen Wänden ist der Mann trotz Lautsprecheranlage kaum zu verstehen. Sie wird für ihn lauter gedreht, das erledigt der Vorsitzende Richter selbst. Der Schachspieler war nach eigenen Angaben mit beiden Brüdern befreundet, mit Benjamin und Dennis B., schon seit 20 Jahren. Man habe sich öfter getroffen, „es war immer angenehm.“ In den „letzten Jahren“, wie er sagt, sei das Verhältnis zwischen den Brüdern zunehmend angespannt gewesen.

„Dennis B. hat ein sehr hohes Niveau“ als Schachspieler, so der Kamerad. „Er war einer unserer besten Spieler.“ Recht zuverlässig, allenfalls ein wenig verspätet, wenn es mal mit acht Teilnehmern zu einem Ligaspiel ging, etwa nach Rottweil. Am 26. März 2022 zuletzt. An jenem Tag verlor Dennis B. seine Partie, gegen einen Spieler gleich hohen Niveaus. „Er war dann ein bisschen geknickt, wie man eben geknickt ist, wenn man mal ein Spiel verliert.“ Der Tag endete 4:4. Man beschloss ihn beim Italiener, in der „Rotuvilla“ in Rottweil. B.s Stimmung soll „ganz normal“ gewesen sein. „Er ist kein Alleinunterhalter“, er habe sich an dem Abend aber an den Gesprächen beteiligt. Getrunken habe er „eher wenig“, so der Schachspieler.

Der Bruder Benjamin – „eher gegensätzlich“, so der Schachclub-Kumpel. Diese Zeugenaussage scheint Dennis B. weniger zu langweilen. Mit leicht gerötetem Kopf hört er zu. Weiterhin aber unbeweglich.

Dennis und Benjamin B., die beiden Brüder, habe er nie als Konkurrenten wahrgenommen. Nie einen Streit unter ihnen erlebt. Der ehemalige Schachclub-Kamerad geht an Dennis B. aus dem Saal, ohne ihn noch einmal anzusehen.

Ein 31-jähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Universitäts-Klinikums, ein IT-Experte, sagt aus. Ebenfalls ein Schachclub-Mitglied, ein in Horb als Veranstalter gut bekannter Mann, der nun durch die Tat eines Freundes in die Öffentlichkeit gezerrt wird, vorrangig durch die örtliche Berichterstattung einer Tageszeitung. Ein Umstand, mit dem die Angehörigen, Freunde und Bekannten des mutmaßlichen Täters hadern, wie sie verschiedentlich vor Gericht berichten. Eine Zeugin, Freundin der verstorbenen Mutter, möchte nach eigenen Angaben etwa nicht zu viele persönliche Dinge aus dem Umfeld der Familie B. preisgeben. Denn das würde dann empathielos in der Presse breitgetreten.

Zu Studentenzeiten hat er viele Abende in Dennis B.s WG in Tübingen verbracht, berichtet der 31-Jährige vor Gericht. Ist mit den Leuten auch mal durch die Kneipen gezogen. „Das war eine enge Freundschaft, wir haben viel Zeit miteinander verbracht.“ Die Freundschaft hielt auch, als der heute 31-Jährige Vater wurde.

Dann: „Corona hat uns auseinander gebracht, es war dann aber nicht mehr möglich, sich zu sehen und was zusammen zu erleben.“ Die Zeit des Lockdowns sei „schwierig für alle“ gewesen. „Belastend.“ Dennis B. sei „immer ein freundlicher Mensch“ gewesen, der „immer ein Lächeln auf dem Gesicht hatte.“ Er sei „nicht unbedingt ein Mensch, der selbst was anschiebt, aber wenn man ihn fragt, ob er mitmachen würde, ist er immer dabei.“ Und er habe nie schlecht über seinen Bruder geredet – den er dann später mit Benzin überschüttet und angezündet haben soll.

Dennis B. lauscht der Aussage wieder völlig unbewegt. Der 31-Jährige erzählt in der Gegenwart. Als habe sich nichts geändert, als seien Dennis B. und sein Bruder Benjamin immer noch aktive Schachclub-Mitglieder. Auch der 31-Jährige ist bleich. Aber er hat eine feste, deutlich wahrnehmbare Stimme.

Den leicht gehbehinderten Bruder Benjamin B. beschreibt der junge Mann als „nicht besonders rücksichtsvoll“, als jemanden, der auf Kritik mit einem Gegenangriff reagiere. Als jemanden auch, der keine Verpflichtung gegenüber anderen verspüre, der nach sich schaue. Der sich den Wünschen und Bedürfnissen anderer nicht angepasst habe. Einen Streit zwischen den Brüdern habe er allerdings nie erlebt, so der junge Schachfreund. Und er habe auch nie erlebt, dass Dennis B. schlecht über seinen Bruder gesprochen hätte.

Der Tod des Vaters habe ihm vorübergehend die Lebensfreude genommen. 2014 war das. Das sei ein Einschnitt gewesen, das sei es aber für jeden. Ab diesem Tag habe Dennis B. seine Verantwortung gegenüber der Mutter und dem Haus wahrgenommen. Was er auch als eine Last gespürt habe.

„Er ist ein gutmütiger Mensch, einer, der keiner Fliege was zuleide tun kann“, so der Schachclub-Freund über Dennis B. Aber auch jemand, den es „enorm beschäftigt“, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Da habe er keinen Haken dran setzen können, Ungerechtigkeiten hätten ihn auch Tage danach noch beschäftigt. Da habe er auch mal laut werden können. Etwa, wenn sich der Gegner beim Schnellschach, „einem sehr emotionalen Spiel“, nicht an die Regeln gehalten habe. Oder wenn die Regeln einem selbst ungelegen kamen.

Eine Niederlage im Schach habe ihn geärgert. Daran habe er geknabbert.

Doch insgesamt, so als Gesamturteil: „Eigentlich ist das eine intakte Familie“, sagte der Horber Freund über die B.s. Eine Familie, allerdings, die so nicht mehr existiert. Die Mutter verstarb damals in der Klinik, ein paar Tage nach der Tat. Der Bruder liegt weiterhin in einer Spezialklinik, wo seine schweren Brandverletzungen behandelt werden. Die Schwester, die Verwandten leiden. Und für Dennis B. geht es um eine lange Haftstrafe wegen Mordes.

Der 31-Jährige und Dennis B. lächeln sich kurz zu, als er den Saal verlässt. Ganz, ganz kurz.

Eher ruhig, zurückhaltend, immer freundlich, hilfsbereit, so beschreibt eine heute 35-jährige Freundin aus Horber Jugendtagen Dennis B. Sie ließ sich von ihm, dem Computerexperten, ihre Cloud einrichten und neues iPad-Zubehör. Das war im Januar 2022. „Er war in sich gekehrt. Man musste ihm alles aus der Nase ziehen.“ Er habe ihr aber leider nicht gesagt, was ihn bedrückte. Aber einen Konflikt mit dem ebenfalls im Haus lebenden Zwillingsbruder, „den hatte ich gar nicht auf dem Schirm.“

Hatte Dennis B. eine Freundin? Da war mal eine Anna, vor fünf Jahren. „Sie haben sich online kennengelernt.“

Als sie geht, lächelt sie Dennis B. zu. Etwas angestrengt.

Insgesamt beschreiben die Kumpels Dennis B. als hilfsbereit, umgänglich, als einen, mit dem sie ausgegangen sind, in Kneipen, auf Festivals, in den Urlaub. Aber auch als jemanden, der seine Gefühle für sich behalten, seine Nöte mit sich selbst ausgemacht habe. Was keine und keiner von allen schaffte, war, dem seinerzeit arbeitslosen Dennis B. einen Job zu besorgen. Das Problem mit dem Bruder, das in Dennis B. schwelte, hatte niemand wahrgenommen.

Alle gemeinsam erzählen zudem, dass man sich „wegen Corona“ bedauerlicherweise nicht mehr wie früher habe treffen, miteinander ausgehen können. Die unterschiedlichen Zwillingsbrüder hingen eng aufeinander, zuhause, im elterlichen Haus. Der eine hat Arbeit und Geld, der andere kann sich im Arbeitsleben nicht halten und ihm geht deshalb das Geld aus. Der eine hält nicht damit hinter dem Berg, dass er Geld hat, dem anderen muss manchmal ein Glas Wasser genügen, wenn er mit Freunden ausgeht. Den einen schert es nicht, wenn es etwas unordentlich ist zuhause, der andere gilt als Pedant und stört sich daran.

Dann die Eruption? Ein Rechtsanwalt erinnert sich, er war der erste Pflichtverteidiger von Dennis B., hat dessen erste Aussage aufgenommen. Er darf sie nun auf dessen Freigabe hin wiederholen. Die eigentliche Tat: „Im Laufe des Verschüttens kam der Bruder aus dem Zimmer – warum riecht es hier nach Benzin?“ – „Ich helfe Dir“, habe er dann angefügt und die Probleme des Bruders gemeint. Dieser, Dennis B., nimmt das als einen letzten höhnischen Satz wahr. Er wirft brennende Anzünder nach Benjamin, die noch nichts bewirken. Die Mutter kommt hinzu, er schüttet „reflexartig“ Benzin nach seinem Bruder, das entzündet sich. Der Bruder steht in Flammen, „er ist brennend die Treppe hinunter, die zweite Hälfte sei er gefallen.“ Die Mutter sei da auf dem Podest gewesen, der Bruder, ihr Sohn an ihr vorbei, sie habe danach „leicht gebrannt.“

So berichtete Dennis B. gegenüber seinem ersten Anwalt von der Tat.

Aber warum beging er sie?? Das bleibt im Dunkeln. Dennis B. erzählte vor dem Landgericht noch eine Geschichte von einem geplanten Selbstmord. Und dass er seinen Zwillingsbruder nicht habe zurücklassen wollen als Erbe des elterlichen Hauses. Sprechen dagegen aber nicht die Bilder aus dem Fluchtfahrzeug, in dem die Polizei Konservendosen, Getränke, Kommunikationsmittel und einen Schlafsack fand? Die Fotos wurden am Mittwoch gezeigt. In Karlsruhe, mehrere hundert Kilometer vom Tatort entfernt, wo man ihn schnappte, schien Dennis B. ausgerüstet für eine mehrtägige Flucht.

Der psychiatrische Sachverständige soll Licht in dieses Dunkel bringen, das Innere von Dennis B. beleuchten. Seine Aussage ist für den morgigen Donnerstag geplant.

Ebenfalls geplant ist, den Bruder Benjamin, das Brandopfer zu vernehmen. Per Videokonferenz.

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.