NRWZ.de, 21. Juli 2022, Autor/Quelle: Peter Arnegger (gg)

„Stark angespannt“, „Mitarbeiter an der Leistungsgrenze“, „Keine Entspannung in Sicht“, „Wir geben unser Bestes“ – die Situation an den Kliniken in der Region

Besonders hohes Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die schon während der vergangenen zwei Jahre in der Coronapandemie über Gebühr belastet waren und es weiterhin sind – damit werden aktuell Versorgungsengpässe in den Krankenhäusern aufgefangen. Das und mehr hat eine Umfrage der NRWZ unter den Klinikbetreibern der Region ergeben.

Aufnahmestopp an den Kliniken der Region? In Rottweil, Oberndorf, Villingen-Schwenningen und Balingen? Nur noch Notfallpatienten kommen rein? Dieses Gerücht erreichte die NRWZ. Die gute Nachricht: Es stimmt so nicht. Die schlechte: Die Lage ist ernst.

Wir haben den vier Klinikbetreibern Helios, SRH, Schwarzwald-Baar-Klinikum Villingen-Schwenningen GmbH und Zollernalb Klinikum gGmbH unsere Fragen gestellt. Alle vier haben mit Stand Donnerstagabend geantwortet, die Sprecherin des Zollernalb Klinikums bereits am Mittwoch, SRH (Betreiber des Oberndorfer Krankenhauses) am Donnerstagabend. Dessen Antworten haben wir damit nachträglich eingefügt:

NRWZ: Stimmt es, dass Ihre Klinik aktuell keine Patienten mehr aufnimmt (ausgenommen Notfälle)? Was sind die Gründe?

Tobias Grundmann, Klinikgeschäftsführer Helios Rottweil: „Wir versorgen weiterhin alle Notfallpatientinnen und -patienten, allerdings ist die Situation bedingt durch Personalausfälle zunehmend und im Vergleich zur Vorwoche deutlich stärker angespannt. Wenn eine stationäre Aufnahme erforderlich ist, entscheiden wir auf Basis unserer aktuell verfügbaren Bettenkapazitäten, ob wir den Patienten in unserem Haus aufnehmen können oder in ein Nachbarkrankenhaus verlegen müssen. Dies geschieht in Abstimmung mit der Leitstelle und den Krankenhäusern im Umfeld.

Verschiebbare Operationen terminieren wir derzeit nach Möglichkeit neu, um ausreichend Bettenkapazitäten für Notfallpatientinnen und -patienten zur Verfügung zu haben.

Wir stehen mit der Leitstelle des Rettungsdienstes in stetigem Kontakt. Gestern Abend, am 19. Juli, hatten wir mit ihr eine vorübergehende Abmeldung der Klinik besprochen, allerdings ohne Erfolg. Andere Kliniken im Umfeld waren bereits abgemeldet, sodass wir weiterhin Einlieferungen über den Rettungsdienst bekommen, und zwar nicht nur aus dem Einzugsgebiet unserer Klinik, sondern auch darüber hinaus. Das führt zeitweise zu Überlastungen unserer Notaufnahme, was die dortigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber im weiteren Verlauf auch diejenigen auf den Stationen an ihre Leistungsgrenzen bringt.

Um einen Aufnahmestopp zu vermeiden, suchen wir gemeinsam mit Rettungsdienst und Patient:innen individuelle, bestmögliche Lösungen. Wir stehen auch mit den anderen Kliniken im Umfeld im Austausch, doch ist die Lage dort ähnlich. Wir tun daher alles dafür, um für Notfälle aufnahmebereit zu sein. Das gelingt natürlich nur durch den außerordentlichen Einsatz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen wir hierfür an dieser Stelle sehr herzlich danken.

Wir möchten nochmals betonen, dass es sich hierbei um eine Momentaufnahme handelt. Die Situation kann sich in wenigen Tagen wieder völlig ändern.“

Martin Kussler, Leiter Unternehmenskommunikation SRH Holding, für das Oberndorfer Krankenhaus: „Im SRH Krankenhaus Oberndorf werden Covid-Patienten immer aufgenommen und behandelt. Bei einer Überlastung (zu viele Fälle oder zu wenige Behandlungs- oder Beatmungsplätze oder zu hoher Krankenstand des Personals aufgrund Omikron-Erkrankungen) melden sich die Krankenhäuser von der Rettungsdienstleitstelle ab.“

Kathrin Auer, Sprecherin des Schwarzwald-Baar-Klinikums: „Im Schwarzwald-Baar Klinikum haben wir eine angespannte Situation, aber keinen Aufnahmestopp. Aktuell befinden sich 80 am Coronavirus erkrankte Personen in unserem Klinikum (Stand 21. Juli 2022). Das Klinikum ist weiterhin in der Lage, die Patienten auf dem aktuellen Stand der Medizin gut zu behandeln.“

Beate Fleiner, Sprecherin des Zollernalb Klinikums zum angeblichen Aufnahmestopp: „Nein, das ist nicht korrekt, es gibt den Versorgungsauftrag für die Menschen in unserer Region und daher keinen Aufnahmestopp. Weder für Notfälle noch für elektive Patienten, für die wir ebenfalls verantwortlich sind.“

Wie sieht es in der Notaufnahme dort aus, wie sind die aktuellen Wartezeiten?

Tobias Grundmann, Klinikgeschäftsführer Helios Rottweil: „Die Wartezeiten in der Notaufnahme bewegen sich im üblichen Rahmen, die Wartezeit auf ein freies Bett ist jedoch zum Teil sehr lang.“

Martin Kussler, Leiter Unternehmenskommunikation SRH Holding, für das Oberndorfer Krankenhaus: „Unsere Zentrale Notaufnahmen (ZNA) ist 24/7 im Betrieb. Wir versorgen etwa 12.000 ambulante Notfallpatienten im Jahr. Die durchschnittliche Behandlungszeit beträgt rund 90 Minuten. Die Wartezeit richtet sich nach der standardmäßigen Triage. Im Mittel beträgt die Zeit bis zum ersten Arztkontakt 15 Minuten.“

Kathrin Auer, Sprecherin des Schwarzwald-Baar-Klinikums: „Die Auslastung der Notaufnahme ist hoch, auch da wieder vermehrt Coronapatienten bei uns eintreffen. Die Wartezeiten schwanken je nach Dringlichkeit der Behandlung.“

Beate Fleiner, Sprecherin des Zollernalb Klinikums: „In unseren Notaufnahmen an beiden Klinikstandorten kann es je nach Patientenaufkommen und Diagnose zu Wartezeiten kommen. Die Patienten werden nach ihrer medizinischen Dringlichkeit eingeschätzt und entsprechend behandelt.“

Werden OP-Termine verschoben?

Tobias Grundmann, Klinikgeschäftsführer Helios Rottweil: „Notfalloperationen und Polytraumaversorgung führen wir durch, einschließlich der anschließenden Weiterbehandlung auf der Intensivstation. Verschiebbare Operationen terminieren wir derzeit nach Möglichkeit neu, um ausreichend Bettenkapazitäten für Notfallpatient:innen zur Verfügung zu haben.“

Martin Kussler, Leiter Unternehmenskommunikation SRH Holding, für das Oberndorfer Krankenhaus: „Derzeit werden aufgrund akuter Infektionen bei OP und Anästhesiepersonal einzelne OPs verschoben. Notfall OPs haben immer Vorrang.“

Kathrin Auer, Sprecherin des Schwarzwald-Baar-Klinikums: „Einige Fachabteilungen widmen sich schwerpunktmäßig nur noch der Versorgung von Notfällen und besonders dringlichen Fällen, da der hohe Zufluss von Notfallpatienten die vorhandenen Personalressourcen bei Weitem auslastet. Verschärft wird die Lage durch hohe Ausfallzeiten beim Personal. Nicht dringliche Operationstermine müssen teilweise verschoben werden.“

Beate Fleiner, Sprecherin des Zollernalb Klinikums: „Entsprechend den Ressourcen erfolgt eine intensive Planung aller Eingriffe. Im Moment sind wir in der Lage, alle Anfragen, auch mit geringen Verschiebungen, zu erfüllen.“

Wie stark ist die Intensivstation ausgelastet?

Tobias Grundmann, Klinikgeschäftsführer Helios Rottweil: „Die Intensivstation ist meist voll ausgelastet, zugleich ist die Personalsituation dort ebenfalls sehr angespannt. Dennoch geben unsere Teams ihr Möglichstes, um bei Bedarf auch bei Vollauslastung zusätzliche Kapazitäten für die Notfallversorgung zu schaffen.“

Martin Kussler, Leiter Unternehmenskommunikation SRH Holding, für das Oberndorfer Krankenhaus: „Seit Jahresbeginn sind unsere 6 Intensivbetten zu 98 % ausgelastet. Davon sind 3 Beatmungsbetten mit einem Notfallbeatmungsbett.“

Kathrin Auer, Sprecherin des Schwarzwald-Baar-Klinikums: „Die Personalsituation auf der Intensivstation ist aktuell aufgrund von Krankheitsfällen angespannt. Die Akutversorgung der Bevölkerung ist aber jederzeit sichergestellt.“

Beate Fleiner, Sprecherin des Zollernalb Klinikums: „Aktuell sind von insgesamt 24 Betten 19 belegt und fünf stehen noch zur Verfügung (Stand 20.07.2022 | 8 Uhr)  Aber auch im Zollernalbklinikum muss von Tag zu Tag neu entschieden werden. Im Übrigen sind wir mit den umliegenden Krankenhäusern über ein ‚Intensiv-Cluster‘ verbunden.“

Erwarten Sie eine Entspannung in den kommenden Tagen? Oder eher das Gegenteil?

Tobias Grundmann, Klinikgeschäftsführer Helios Rottweil: „Eine Entspannung der Lage sehen wir für die nächste Woche noch nicht, geben aber unser Bestes, um die Versorgung für die Menschen in Rottweil und Umgebung aufrechterhalten zu können.“

Martin Kussler, Leiter Unternehmenskommunikation SRH Holding, für das Oberndorfer Krankenhaus: „Derzeit erkranken in der Woche zwischen sechs und acht Mitarbeitende an Omikron mit mittelmäßigen Symptomen. In der Regel kommen die Mitarbeitenden nach sechs bis acht Tagen wieder ins Krankenhaus zurück. Wir rechnen mit einer Zunahme dieser Ausfälle.  „

Kathrin Auer, Sprecherin des Schwarzwald-Baar-Klinikums: „Es gibt derzeit keine Anzeichen, die auf eine Entspannung der Situation in den nächsten Tagen hindeuten.“

Beate Fleiner, Sprecherin des Zollernalb Klinikums: „Diese Frage gilt für jedes Krankenhaus in der Region im gleichen Maße. Die regionalen Unterschiede sind gering, wie auch bei den allgemeinen Zahlen der Covid-Pandemie zeigen. Ein großes Problem stellt die möglicherweise bevorstehende Impfpflicht für die Beschäftigten im Gesundheitswesen dar. Sollte es hier zu einer verpflichtenden Umsetzung kommen, wird das sicherlich den Druck auf die Beschäftigungszahlen im Gesundheitswesen weiter verstärken.

Da sich die Covid-Pandemie zu einer neuen Welle entwickeln könnte, wird das ebenfalls Auswirkungen haben. Unsere Beschäftigten waren durch die bisherigen Wellen äußerst stark belastet. Dies belegen alle Zahlen über die Inanspruchnahme seit März 2020. Es gab im Grunde seither keine Entlastung.“

Falls die Hitze mit Schuld ist an der Auslastung der Klinik: Haben Sie Tipps, nach denen Menschen ihre Leiden zunächst auch zuhause kurieren können, um das Krankenhaus weniger zu belasten?

Tobias Grundmann, Klinikgeschäftsführer Helios Rottweil: „Die Hitzewelle spielt bei der momentanen Auslastung der Klinik kaum eine Rolle.

Ratschläge aus der Ferne können wir bei gesundheitlichen Problemen nicht geben. Menschen, die wegen der Hitze (oder aus anderen Gründen) Beschwerden haben, sollten sich an ihren Hausarzt wenden, außerhalb der Praxisöffnungszeiten an die Telefonnummer 116 117 und bei akuten Erkrankungen und womöglich lebensbedrohlichen Zuständen an den Rettungsdienst unter Telefon 112. Sollte eine Einlieferung in die Klinik erforderlich sein, stehen wir – so auch immer möglich –zur Verfügung.“

Martin Kussler, Leiter Unternehmenskommunikation SRH Holding, für das Oberndorfer Krankenhaus: „Die Hitze ist derzeit nicht das Hauptproblem, sondern die Infektionslage in der Bevölkerung allgemein. Wo es keinerlei Schutzmaßnahmen mehr gibt, ist die ungezügelte Vireninfektion in der Bevölkerung medizinisch nachvollziehbar und erreicht unsere Mitarbeitenden und Patienten gleichermaßen.“

Kathrin Auer, Sprecherin des Schwarzwald-Baar-Klinikums: „Insbesondere ältere Menschen sind gefährdet, bei den hohen Temperaturen einen Flüssigkeitsmangel zu erleiden. Zu den Symptomen zählen unter anderem Schwindel, Schwäche, Kollapszustände und Bewusstseinsstörungen. Zur Vorbeugung sollte man ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen, sich nicht zu lange in der Sonne aufhalten und neben einer Kopfbedeckung leichte, lange Kleidung mit hohem Baumwollanteil tragen.“

Beate Fleiner, Sprecherin des Zollernalb Klinikums: „Um Gesundheitsrisiken aufgrund der Hitze zu minimieren, ist auf eine ausreichende Trinkmenge zu achten. Gegebenenfalls helfen auch Ventilatoren und andere Dinge zur Kühlung. Bei starken Kopfschmerzen, starkem Schwindel, stark beschleunigter Herzschlag in Verbindung mit niedrigem Blutdruck sollte man einen Arzt kontaktieren. Bei akuten Symptomen sollte man sich in eine kühle Umgebung zurückziehen, für Kühlung zum Beispiel mit feuchten Umschlägen sorgen und kühle Getränke zu sich nehmen.“

Hinweis: Die Antworten auf unsere Fragen an den Träger des Krankenhauses Oberndorf, die SRH Holding, sind nach einer Erstveröffentlichung des Beitrags eingetroffen. Wir haben sie hier eingearbeitet und damit nachgereicht.

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Tipps gegen Hitze

Meteorologen erwarten auch in den kommenden Tagen wieder hohe Temperaturen über 30 Grad. Doch das heiße Sommerwetter birgt Gefahren für die Gesundheit. Dr. Miriam Stengel der Helios Klinik Rottweil gibt Tipps, wie auch ältere Menschen und Kinder wohlbehalten durch die Hitzetage kommen.

Schwindel, Kopfschmerzen, Kreislaufbeschwerden: Die hohen Temperaturen fordern dem menschlichen Organismus Höchstleistungen ab. Die Gefäße weiten sich, der Körper verliert durch das permanente Schwitzen viel Flüssigkeit und der Blutdruck sinkt. Dies führt bei Betroffenen oft zu Schwindel, Müdigkeit oder Muskelkrämpfen – im Extremfall kann es zu Hitzeschlag oder Herzinfarkt kommen.

„Die heißen Tage haben für ein hohes Patientenaufkommen in der Zentralen Notaufnahme der Helios Klinik Rottweil geführt Besonders gefährdet bei Hitze sind Kleinkinder und ältere Menschen, weil ihr Körper Probleme hat, die Temperatur zu regulieren. Etliche betagte Patienten mussten stationär aufgenommen werden.“ erklärt Stengel.

Oberstes Gebot: viel trinken

Eine ausreichende Trinkmenge ist bei hohen Temperaturen besonders wichtig, denn durch das Schwitzen verliert der Körper bis zu fünf Liter Flüssigkeit täglich. Empfehlenswert sind zwei bis drei Liter pro Tag. Zur Flüssigkeitszufuhr eignen sich am besten Wasser, Saftschorlen oder kühle ungesüßte Tees. „Abzuraten ist von eiskalten Getränken. Der Körper muss für die Wärmeregulation zusätzliche Energie aufwenden und schwitzt dadurch noch mehr“, sagt Stengel. Auch alkoholische Getränke sind als Durstlöscher zu vermeiden.

Das Essverhalten sollte bei hohen Temperaturen umgestellt werden, denn fette und schwer verdauliche Speisen belasten den Kreislauf zusätzlich. Dr. Stengel empfiehlt daher, mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag zu verteilen. „Gut verträglich ist leichte Kost mit viel wasserhaltigen Obst- und Gemüsesorten, etwa Melonen oder Gurken. Sie helfen darüber hinaus, den Flüssigkeitshaushalt zu regulieren.“

Trotz sommerlicher Temperaturen muss auf Sport nicht gänzlich verzichtet werden – leichte Bewegung hilft sogar, das Herz-Kreislaufsystem fit zu halten. Von Sport in der prallen Sonne rät Dr. Stengel jedoch ab: „Sportliche Aktivitäten sollten auf den frühen Morgen oder späten Abend verlegt werden. Empfehlenswert sind Spaziergänge oder Sportarten wie Radfahren, der Fahrtwind bringt zusätzliche Kühlung.“

Warnzeichen ernst nehmen

Bei Kreislaufbeschwerden sollten Betroffene schnell in den Schatten gebracht werden. Um die Körpertemperatur herunterzukühlen, helfen kalte Tücher.
Schlagen diese Hilfsmittel nicht an, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Wer aber grundsätzlich gesund ist und nur unter leichten Symptomen leidet, sollte
einen Termin beim Hausarzt ausmachen oder sich abends und am Wochenende an den ärztlichen Bereitschaftsdienst wenden.

Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist deutschlandweit unter der kostenlosen Rufnummer 116 117 erreichbar. Der Bereitschaftsdienst ist nicht zu verwechseln mit dem Rettungswagen, der in lebensbedrohlichen Fällen Hilfe leistet. Bei Notfällen sollte nicht gezögert und dieser unter der Notrufnummer 112 alarmiert werden.

„Stark angespannt“, „Mitarbeiter an der Leistungsgrenze“, „Keine Entspannung in Sicht“, „Wir geben unser Bestes“ – die Situation an den Kliniken in der Region