Über 200 Jahre altes Wallfahrts-Lied wiederentdeckt

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Irslingen/Rottweil – Historisches steht am Sonntag auf Maria Hochheim an: Wohl zum ersten Mal seit über 200 Jahren erklingt das alte „Maria Hochheim“-Wallfahrtslied. Der Münsterchor bringt das schwungvolle, festliche Musikstück im Rahmen einer Maiandacht zu Gehör.

„Mit Kreuz und Fahnen ziehen wir, nach Hochheim zu Dir hin“, beginnt das Lied, das von Sebastian Mez komponiert wurde. Mez war Kantor an Heilig-Kreuz und von 1757 bis 1782 für die Kirchenmusik an der Rottweiler Hauptkirche zuständig. Für Dienste dort wurde er aber schon seit 1739 entlohnt. Das Musikstück könnte also zwischen 1739 und 1782 entstanden sein.

Es ist damit ein Zeugnis der intensivsten Wallfahrts-Zeit auf Maria Hochheim. Mit diesem Lied pilgerten die Rottweiler in den letzten Jahrzehnten der Reichsstadtzeit bei vielen Gelegenheiten dem damals wesentlich größeren Gotteshaus auf Maria Hochheim mit seinem Marien-Gnadenbild entgegen.

„Patrick Mink hat das Lied in den Archiven aufgestöbert“, berichtete Hans Schlenker, früher Pfarrer der Seelsorgeeinheit Dietingen und als Vorsitzender des Freundeskreis Maria Hochheim e.V. seit Jahren für die Neubelebung von Maria Hochheim engagiert, der NRWZ. Mink hat dem Lied auch zwei weitere Strophen hinzugefügt.

Sie schlagen einen Bogen vom Gang der Elisabeth zu Maria, von der das Lukasevangelium berichtet, zur Gegenwart und zum Pilgergang nach Maria Hochheim. Dieser sei nicht nur Quelle von Gemeinschaft und Frohsinn, er gebe auch Mut, heißt es da in glaubensstarkem C-Dur, ehe abschließend um Friede für die Welt gebetet wird.

Das nun reaktivierte, erstaunlich munter und unverstaubt klingende Lied knüpft an eine glanzvolle Tradition an. Als Ziel von Rottweiler Wallfahrten ist Maria Hochheim erstmals im Jahr 1588 bezeugt. Ab den 1660er Jahren machte sich bis zum Ende der Reichstadtzeit 1802 dann einmal jährlich zwischen Heuernte und Ulrichs-Fest ganz Rottweil zur „Landeswallfahrt“ nach „Hauchen“ auf. Das geschah mit immensem Aufwand, sogar eine tragbare Orgel wurde manchmal mitgenommen.

Wie in ein Blütenmeer gehüllt, sieht die Kapelle derzeit aus. Foto: al

Angeführt wurde die Prozession stets – wie im Lied besungen – von Kreuz und Fahnen. Die Rottweiler Männer ordneten sich zunftweise zur Wallfahrtsprozession. Den Schluss bildeten die Frauen. Los ging es in Heilig-Kreuz, wo es wohl früh um 6 Uhr bereits eine erste Messe gab.

Bei der Dreifaltigkeitskapelle knapp vor dem heutigen „Seehof“ wurde die erste Station gemacht. Die nächste folgte an der Wasen-Kapelle, bevor man in die Dietinger Pfarrkirche einzog. Dort gab es einen festlichen Gottesdienst mit Predigt.

Auf der alten Römerstraße zogen die Rottweiler Wallfahrer weiter auf Hochheim zu. Nach dem feierlichen Einzug wurde nochmals ein Amt mit Predigt gehalten. Zum Brauch gehörte es, dass im Rahmen dieses Gottesdienstes vom höchsten anwesenden Vertreter der Reichsstadt ein Geldbetrag in den Opferstock geworfen wurde.

Nach dem Gottesdienst wurden Almosen an mittellose Wallfahrer und Kinder verteilt. Damit begann auch der „gemütlichen“ Teil. Die Wallfahrer lagerten nun im Grünen rings um die Kapelle, aßen, tranken, was sie mitgebracht hatten, oder konnten an Ständen, die rings um die Kapelle aufgeschlagen waren, mit dem Notwendigsten versorgen.

Gegen Abend wird man dann den Rückweg angetreten haben. Möglicherweise gab es vor dem Aufbruch noch eine Andacht mit Schlusssegen. Einige Tage später machten dann die Schulkinder eine weitere, kleinere Wallfahrt nach Maria Hochheim, den so genannten „Bettelcreutzgang“.

Ganz so aufwändig wird es am Sonntag nicht zugehen. Aber der Münsterchor wird die um 17 Uhr beginnende Maiandacht musikalisch festlich gestalten – und zwar nicht nur mit dem alten Wallfahrtslied am ursprünglichen Bestimmungsort, sondern darüber hinaus mit zwei Marienlieder von Franz Balluff aufgeführt, dessen Geburtstag sich 2023 zum 150. Mal jährt. Balluff war von 1915 bis 1945 Organist an Heilig-Kreuz und ist heute noch durch das Rottweiler Marienlied bekannt.

Der Freundeskreis Maria Hochheim e.V. bietet ab 15.30 Uhr Kaffee und Kuchen an, nach der Maiandacht gibt – auch das ganz in der Tradition der barocken Wallfahrt –es Gelegenheit zum gemütlichen Beisammensein, dann bei roter Wurst und Wecken.

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