Montag, 15. April 2024

Wer soll Rottweils Herzblatt sein?

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Rottweil. Ein frischer und sympathischer Simon Busch, der seine Redezeit überzieht. Ein verbindlicher und fachlich versierter Dr. Christian Ruf, der in seinen Antworten aufgeht. Ein inzwischen vor Ort wohnender und sich gut schlagender Kai Jehle-Mungenast, dem die Fragenden ausgehen. Oder ein Joachim Bloch, über den zig Menschen mit den Füßen abstimmen, an den niemand eine Frage hat und der sich als Rechtsanwalt bewirbt, wie er sagt. Wer soll nun das Herzblatt der Rottweiler Bürgerinnen und Bürger werden? Der nächste Oberbürgermeister? Die Kandidatenvorstellung am Donnerstagabend hat hier den Einen oder die Andere vielleicht weitergebracht.

Wird auch im Wahlkampf mitmischen: Dieter E. Albrecht. Foto: wede

Es ist kurz vor 19 Uhr, kurz vor Beginn. Szenenapplaus beim Fototermin für die Presse. Alle vier Kandidaten stehen da mal kurz auf der Bühne. Angespannt. Geschäftsmäßig. Drei in Dunkelblau, einer in Grün. Als einige Minuten später Fachbereichsleiter Herbert Walter ans Mikrofon tritt, wird es mucksmäuschenstill. Die Halle ist gut, wenn auch nicht ganz gefüllt. „Herr Oberbürgermeister Broß ist coronabedingt kurzfristig außer Gefecht, ich darf Ihnen seine herzlichen Grüße überbringen“, so Walter zu Beginn.

Er erklärt, die Stadt müsse „absolut objektive Rahmenbedingungen schaffen.“ Die Spielregeln daher: Jeder Bewerber hat 15 Minuten Redezeit. Danach können die Bürgerinnen und Bürger Fragen stellen. Auch diese Runde ist auf 15 Minuten pro Bewerber begrenzt. Eine Diskussion findet nicht statt. Und weder vor und nach der Vorstellung dürfen die Bewerber in der Halle bleiben. Erst nach Ende der Versammlung dürfen sie aus dem Nebenraum raus unters Volk.

Die Stadtverwaltung überträgt die Kandidatenvorstellung live (abrufbar hier, die Übertragung beginnt bei Minute 42.48). Oder jedenfalls fast – es ist ein Zeitversatz drin von etwa 25 Sekunden. Über den Ablauf wacht neben Herbert Walter auch Hermann Leins von der Stadtverwaltung.

Simon Busch. Alle Fotos: wede

Kandidat Simon Busch

Simon Busch wird der Erste sein, der ans Mikrofon tritt. Er bekommt einen warmen Applaus. Ihn haben seine Frau und sein Schwiegervater begleitet. Busch beginnt forsch. Spricht über die Zukunft Rottweils. Dafür brauche die Stadt einen OB, der Visionen entwickeln und neue Impulse setzen kann. Und der nicht nur im Wahlkampf mit den Bürgern spricht. Er sei überzeugt, die Aufgaben an einen Oberbürgermeister auch dank seines Herzbluts erfüllen zu können.

Busch wirkt sehr gut vorbereitet, wippt etwas auf den Fußspitzen, kann einen ersten Lacher platzieren. Wirkt sympathisch, spricht mit fester Stimme. Seine Rede hat er im Kopf, er muss kaum ablesen. Die Gestik ist engagiert, manchmal wandert aber eine der Hände in die Hosentasche. Er habe 36 Jahre Erfahrung mit Rottweil, sagt der 36-Jährige, „hier komme ich her, hier gehöre ich hin“, sagt er. Zustimmendes Gemurmel in der Halle, ein paar verhaltene, zustimmende Lacher.

Kandidat Busch verspricht sieben Schwerpunkte für seine Amtszeit. 1. Jetzt attraktive Orte für Gastronomie und Handel schaffen. Jetzt ein neues, erlebnisreiches Stadtmuseum, ein „Haus der Bildung“. Und jetzt sogenannte Pop-up-Stores eröffnen, um Leerstand zu – was – kaschieren? Nein, mieten und untervermieten, so Busch. Und sogenannte Co-Working-Spaces zu schaffen. Büroräume in der Stadt für Menschen, die eher im Home-Office arbeiteten. Und mehr arbeitende Menschen würden auch Gastronomie und Einzelhandel beleben. Diese Details nannte Busch in der Fragerunde, als ein Bürger nachhakte. 2. Die Landesgartenschau aber sei eine infrastrukturelle Jahrhundertchance, man müsse sie aber nachhaltig gestalten, langfristige Verbesserungen erreichen. 3. – und das sei ihm besonders wichtig: Bildung und Wirtschaft. „Die Stärke des Bildungsstandorts möchte ich fördern und die digitale will die Infrastruktur fördern.“ Das bringe auch die Wirtschaft voran. 4. Die Mobilität: „Ich will mehr Leben und weniger Autos in der Stadt.“ Busch wünscht sich Carsharing, digitalisierte Radwege und einen ausgebauten ÖPNV. Die Teilorte müssten besser angebunden werden, etwa mit einem direkten Radweg zwischen Neukirch und Rottweil. Punkt 5. Eine bessere Kinderbetreuung, ganztags. Mit gerechteren Gebühren. Die Jugendliche brauchten Orte und Plattformen zum Austausch, die Älteren benötigten attraktive Wohnangebote. 6.: die Nachhaltigkeit. Die Umsetzung der in Berlin und Brüssel definierten Rahmenbedingungen finde vor Ort statt. Und „mein siebter Schwerpunkt ist eine agile Stadtverwaltung.“ Jedes Anliegen solle digital erfasst und den betroffenen Mitarbeitern weitergeleitet werden. „Die Stadtverwaltung selbst soll einer der attraktivsten Arbeitgeber in der Region werden. Die Verwaltung soll der Motor der Stadtverwaltung sein.“

Über all das hinaus – das er in einem Zusammenspiel zwischen Verwaltung, Gemeinderat und Bürgern schaffen will -, möchte er als Verwaltungschef vorbildhaft vorangehen und dazu. Er wolle alle mitnehmen, „wenn wir Rottweil für die Zukunft fit machen.“ Außerdem sei es aus seiner Sicht ein Vorteil, wenn der OB gut vernetzt sei – was ihm ja schon zum Vorwurf gemacht worden sei. Es sei immerhin besser, als wenn der Oberbürgermeister isoliert im Rathaus sitze.

Kurz vor Schluss wird er unterbrochen, die 15 Minuten sind um. Zeit, die Besucher um ihre Stimme und ihr Vertrauen zu bitten, bleibt noch. Die Wächter, Walter und Leins, gewähren ihm die dazu nötigen 15 bis 20 Sekunden. Langanhaltender Applaus.

Buschs Fragerunde beginnt mit Andreas Thomsen, einem Taxifahrer aus Rottweil. Er meint, dass man Freitagabend in der Ferienzeit nicht „was zu essen haben wollen sollte in Rottweil.“ Wie Busch das ändern wolle. „Wir befinden uns in einem Abwärtsstrudel in Rottweil. Busch will „rasch Maßnahmen entwickeln, um die Innenstadt wieder zu beleben.“ Will „mehr Biergartenatmosphäre. Und nicht erst 2028 mehr Grün“.

Josef Rack, der nach eigenen Angaben gleich um die Ecke wohnt, will wissen, wann Busch sein Carsharing-Angebot starten will und wie. Busch vermeidet aus Zeitgründen hier Details. Aber verspricht ein möglichst einfaches Angebot, das kurze Wege ermögliche, „sodass man schnell beim gewünschten Fahrzeug ist.“

Dann ist der Abend für Busch erst mal beendet. „Ich bitte Sie, gehen Sie jetzt in den Nebenraum“, fordert Walter ihn auf. Die 30 Minuten des ersten Kandidaten sind durch. Um 19.38 Uhr.

Dr. Christian Ruf.

Kandidat Dr. Christian Ruf

Gemurmel. Pause, abwarten. Dynamischer Auftritt Dr. Christian Ruf. Kurzer Begrüßungsapplaus. Etwas knapper als bei Vorredner Busch.

Auch Ruf wirkt ruhig, trägt wie Busch einen blauen Anzug, ein weißes Hemd, keine Krawatte. Der Mann ist das Reden gewohnt, auch vor großem Publikum.

Seine Kandidatur habe er sich reiflich überlegt, sagt Ruf. Die Wahl sei überraschend gekommen, auch für ihn. Nun sei die Kandidatur nach mehr als sechs Jahren als Bürgermeister für ihn eine Herzensangelegenheit. Und er wolle jetzt „die einmalige Chance ergreifen und den Schritt aus der zweiten Reihe in die erste machen.“ Er habe bewiesen, dass er seine Aufgabe mit Herzblut bringe „und dabei nie auf die Uhr schaue.“ Seine Vorbildung als Jurist sehe er als großen Vorteil. „Wenn der Oberbürgermeister Sachverhalte durchschauen kann, dann ist dies ein Gewinn.“ Er sei im Kreistag etwa sehr gut vernetzt und könne die Interessen Rottweils sehr gut vertreten. Rufs erster Scherz, er sei 36 Jahre alt, „nein 39“, kommt an. Er erntet Lacher. Dass er bisher wahrgenommen worden sei, wie er eben wahrgenommen wurde, liege an seiner bisherigen Stellenbeschreibung als Bürgermeister. An der zweiten Reihe. Im Wahlkampf habe ihn nicht nur als Bürgermeister, sondern nun auch als Mensch kennenlernen können. „Der Oberbürgermeister von Rottweil muss aber beides haben. Lockerheit und Kreativität sind wichtig. Aber die Basis bleibt die fachliche Kompetenz.“

Damit grenzt er sich vor allem zu Busch ab. Und er lässt eine kleine Bombe platzen: „Oberbürgermeister und Bürgermeister waren in der Vergangenheit nicht immer einer Meinung.“ Ruf will hier offenbar heraustreten aus der Weisungsbefugnis des bisherigen Chefs. Und nun seinen Weg gehen. Er sei der einzige Kandidat, der in den vergangenen Jahren in Rottweil Entscheidungen habe treffen müssen. Und es gebe angesichts der anstehenden Aufgaben „keine Zeit für Lernkurven“. Auch Ruf geht auf die Themen Kinderbetreuung (da gibt es Luft nach oben, etwa bei der Ganztagsbetreuung), von der er rasch auf eine insgesamt lebenswerte Stadt kam, und Landesgartenschau (die die einmalige Chance biete, die „Attraktivität der Stadt zu steigern und nachhaltig zu verbessern“, etwa mit einem Stadtmuseum im Alten Spital) zu sprechen. Die Landesgartenschau sei zudem „mein Baby“. Dem wolle er „das Laufen beibringen.“ Ein OB benötige neben Einsatzbereitschaft unter anderem Fachkompetenz und Sachkenntnis, Berufserfahrung, Empathie und Menschenkenntnis, Gremienerfahrung im politischen Raum, Identifikation mit der Stadt und den Menschen, und unbedingtes Engagement. „Entscheiden Sie sich am 25. September für Rottweils guten Ruf. Der musste am Schluss noch sein“, so Rufs Abschlussgag. Großer Applaus und Gelächter.

In der Fragerunde fordert ihn Dieter E. Albrecht auf, die Kostensituation der Landesgartenschau aufzuschlüsseln. Was Ruf kann. Er plädiert deshalb dafür, an dem Ereignis festzuhalten. Seine Antwort gerät ausführlich. Ruf ist mitten in seinem Metier. Engagiert und überzeugend. In seinen Antworten spricht er von „wir“. „Wir können uns vorstellen …“ Hier redet der amtierende Bürgermeister. Ruf scheint dabei vielleicht seine meisten Punkte zum machen – er ist mitten in den Themen drin. Kennt die Zusammenhänge, die einfach aus ihm herausfließen.

Johanna Knaus möchte ihn festnageln: „Welche Punkte sind es denn, um die uns andere Städte beneiden.“ Ruf kontert: „Wie viel Zeit haben wir?“ Gelächter. Er zählt auf: eine hervorragende Schullandschaft, „das ist keine Selbstverständlichkeit“; das kulturelle Angebot etwa mit dem Zimmertheater, damit einhergehend das ehrenamtliche Engagement, das sich wirklich von schreibe; dass die Stadt die Landesgartenschau im ersten Anlauf an Land gezogen habe. Und viele weitere Punkte. Die Zahl der Fragenden wächst derweil. Alle werden nicht drankommen. Ute Bott interessiert sich dafür, wie Ruf Klimagerechtigkeit in Rottweil umsetzen wolle. Ruf antwortet zunächst allgemein. Wir müssten unseren Anteil leisten und nicht auf andere zeigen. Der Gemeinderat habe aber beschlossen, dass Rottweil bis 2040 klimaneutral werden solle. „Wir haben nicht gesagt, wie.“ Das sei wie beim Aufräumen des Kellerabteils … Er wolle deshalb einen Klimamanager, der beim Oberbürgermeister angesiedelt sei.

Edith Jäger will erneut wissen, wie es mit der ABG-Halle stehe. Sie wollte hier schon von Busch eine Antwort. Leichtes Stöhnen in der Halle. Fünf Leute haben noch Fragen. Ruf glaubt, dass die Halle noch ein, zwei Jahre mitmache, „dann müssen wir Ersatz schaffen.“ Ruf nennt einige Standorte. Zahlen. Möglichkeiten.

Um 20.10 Uhr ist auch für Ruf Schluss. Beschwingt geht er in den Nebenraum zurück. Die Anweisung von Herbert Walter dazu geht im Applaus fast unter.

Fünf Bürgerinnen und Bürger hätten noch Fragen gehabt.

Kai Jehle-Mungenast.

Kandidat Kai Jehle-Mungenast

Zwei Minuten später tritt Kai Jehle-Mungenast auf.

Wieder ein blauer Anzug, ein weißes Hemd, hier aber eine Krawatte. Seine Frau lauscht ihm aus der ersten Reihe, das Kind sei bei den Großeltern, sagt er, „um diese Kandidatenvorstellung zu ermöglichen“.

„Ich möchte Ihr Oberbürgermeister werden“, ruft der 38-Jährige. Als Bezirksvorsteher von Stuttgart-Vaihingen habe er Verwaltungserfahrung, er gestalte bereits jetzt einen erfolgreichen Stadtbezirk. „Aber warum nun Rottweil?“ Die Stadt habe einen unglaublichen Charme, wie fast keine andere Kommune im Land. Das setzt etwas Gemurmel. „Rottweil ist viel mehr als eine Stadt, Rottweil ist für viele eine tiefe Heimat“. Und mit Historie und Potenzial. Seine Kandidatur habe er gemeinsam mit seiner Familie entschieden. Und empfinde sie als „durchaus wagemutig“, auch, wenn er von außen komme. Er habe hier Menschen mit einem tiefen Wunsch nach Veränderung und Aufbruch erlebt. „Kein Klüngel, keine Besserwisserei von oben herab“, das bekämen die Wähler mit ihm. Darin möchte er sich von den anderen Bewerbern abgrenzen, jedenfalls von den beiden aussichtsreichen. Interessant: Er beantwortet die Frage, warum und wie man ihn oft früh morgens schon in der Stadt hat sehen können. Er und seine Familie hätten eine Ferienwohnung hier bezogen. Mit ihm würde sich die Stadt „nicht am aktuellen Bestand, sondern am Bedarf orientieren.“ Da gebe es viel zu tun, die Innenstadt etwa weise einen „erschreckenden Leerstand“ auf. Der Kandidat fordert einen „lösungsorientierten Denkmalschutz“, ein „handfestes Verkehrskonzept“, „Klarheit in der Stadtentwicklung“, „Aufbruch statt Weiter so!“, wie sein Slogan lautet. Ob die Rottweiler so viel Veränderung wollen, so viel Mut und Offenheit besitzen? Es gibt weiter immer wieder leises Gemurmel in der Stadthalle. Auch Jehle-Mungenast spricht über den Nahverkehr, über Klima und Nachhaltigkeit, über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, über ein familienfreundliches Rottweil mit langfristig kostenfreien Betreuungsangeboten, über Wirtschaftsförderung, die „wieder Chefsache“ werden müsse.

Ohnehin interessant, dass sie dies bei OB Ralf Broß, dem ehemaligen Wirtschaftsförderer von Rastatt Bruchsal, nicht war.

Auch Jehle-Mungenast bittet die Anwesenden „am 25. September um Ihr Vertrauen und Ihre Stimme.“

Die Fragerunde. Josef Rack will nun wissen, wie Jehle-Mungenast die Carsharing-Sache sieht. Und Rack regt an, dass die Antwortzeit der Kandidaten bei den Fragerunden begrenzt wird. Weil bei Busch die Zeit ausgereicht habe, bei Ruf bei Weitem nicht, dieser als Antwortender überzogen habe. Auch Jehle-Mungenast hält Carsharing für eine gute Sache, könnte sich vorstellen, dass die Stadtflotte im Sharing laufe, man müsse das einfach mal probieren. Rack konnte diese Frage an Dr. Ruf nicht richten.

Während die Fragerunde läuft, versendet der ehemalige Stadtrat und Unternehmer Dieter E. Albrecht eine Pressemitteilung. Aus Reihe zwei in der Halle, im grauen Jackett. Dass er sich dieses angelegt hat, wissen Facebook-Freunde von ihm seit etwa 18.30 Uhr.

Nach einer zweiten Frage an Jehle-Mungenast, in der eine Schülerin wissen möchte, wie er den Lehrermangel in Rottweil zu beheben gedenke, sind die Anwesenden soweit zufrieden. Zehn Minuten sind noch übrig, aber zunächst kein Frager mehr in Sicht. Albrecht springt ein, stellt seine Finanzierungsfrage zur Landesgartenschau auch diesem Kandidaten. Auch Jehle-Mungenast steht nach eigenen Angaben zur Landesgartenschau. Wolle aber Klarheit zu den Folgekosten. Die seien noch nicht beziffert.

Der Kandidat muss sich ebenfalls zur Zukunft der ABG-Halle äußern. Und zeigt sich über die Zahl der benötigten Felder informiert. Er kommt sogar mit einem Kompromissvorschlag für eine neue Halle: eine mit festen zwei Feldern und einem Dritten als Kalthalle.

Um 20.45 Uhr ist er fertig.

Joachim Bloch.

Kandidat Joachim Bloch

Joachim Bloch wird erwartet. Der AfD-Mann. Tatsächlich: Einige Menschen, zwischen 50 und 100, verlassen die Halle. Nicht Richtung Toilette, sie gehen.

Bloch tritt auf, grüner Anzug, Krawatte.

„Im Vergleich zu Tuttlingen ist Rottweil Entwicklungsland“, hält er fest. Als Wirtschaftsanwalt habe er Kontakte zu vielen Betrieben. Rottweil habe immerhin eine „ideale Verkehrsinfrastruktur“. Für seine Ausführungen erntet er mitunter Erstaunen und Verwunderung – so prangert er an, dass OB Broß und Bürgermeister Ruf nicht die Firmen auf dem Heuberg besucht hätten – um die Unternehmer für eine Umsiedlung nach Rottweil zu interessieren. Auch Bloch stellt seine juristische Expertise in den Vordergrund. Er plädiert dabei etwa dafür, die geplante Landesgartenschau zu überdenken. Gegebenenfalls mit Ausstiegsklauseln zu arbeiten. Zum Verkehr in Rottweil: „Rad- und Autofahrer werden gegeneinander ausgespielt.“ Lauter wird es im Publikum, als der Kandidat ein Parkdeck auf der Groß’schen Wiese vorschlägt. „Guten Morgen“, ruft einer. So heißt die „Groß’sche Wiese“ inzwischen „Parkplatz Zentrum“, das Parkdeck ist bereits in Planung. Wo Bloch sich offenbar besser auskennt: Bundespolitik, die Erdgaspolitik der Bundesregierung, „Dinge, die wir auch als Kommune lösen müssen.“ Seine Ideen: „Wir werden nicht mehr über Festivals, Stadtfeste und Konzerte sprechen, wir müssen über Krisenbewältigungen sprechen.“ Das müsse ein Oberbürgermeister – der ohnehin in diesen unsicheren Zeiten nichts versprechen könne – kommunizieren. Auch der AfD-Mann – der ein paar Unterstützer mitgebracht hat, etwa den Landtagsabgeordneten Emil Sänze – will günstige Kinderbetreuung schaffen. „Und warum bewerbe ich mich als Rechtsanwalt, äh, Oberbürgermeister?“ Er wolle dieses Amt als sein Lebenswerk ausführen.

Keine Fragen an ihn. Nicht eine. Er hat den Saal zu verlassen, geht in den Nebenraum.

… und das Ende der Veranstaltung

„Wir sind am Ende der Veranstaltung“, stellt Herbert Walter kurz vor 21 Uhr fest. Er dankt für den sachlichen Verlauf. Und endet, auch mit einer Hand in der Tasche, mit einigen fachlichen Details zur anstehenden Wahl. Und mit dem Appell: „Gehen Sie zur Wahl, die Demokratie lebt von einer hohen Wahlbeteiligung.“

Draußen sammeln sich die Menschen, einige gehen noch nicht nach Hause. Man redet in Grüppchen miteinander. Drinnen geht AfD-Mann Bloch zunächst zu AfD-Mann Sänze. Der zeigt gestisch sich nicht vollauf zufrieden. Die anderen drei Kandidaten entern die Halle, sind für Gespräche mit den Bürgerinnen und Bürgern bereit.

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.

6 Kommentare

  1. Der Kandidat mit dem selbstbewussten Wahlslogan griff bei der Vorstellung in der Stadthalle den „guten Ruf“ von OB Broß an: Der OB und er seien häufig anderer Meinung gewesen. Nur aus Loyalität habe er all die Jahre stillgehalten. Gleichzeitig prahlte er mit der Landesgartenschau als „seinem Baby“. Soll heißen: Alles Gute kam von mir, alles Schlechte vom Chef.
    Loyal ist, wer den anderen verteidigt, wenn der nicht anwesend ist. Herr Ruf hat sich für das Gegenteil entschieden. Er hat die Loyalität aufgekündigt, weil sie seinen Ambitionen im Wahlkampf im Weg steht. 

    Kompetenz haben viele, Haltung nur wenige.
     

    • Es ist aber auch nicht so, dass unser OB nicht von seinem Weisungsrecht Gebrauch gemacht hat. Einiges würde auch von ihm dem OB verbockt.

    • Im übrigen hätte unser OB sich nicht verteidigen können, da er unparteiisch die Leitung übernehmen muss!

  2. Brosseline war Wirtschaftsförderung in Bruchsal und nicht Rastatt.

    Aber schön, dass es die NrWZ nun nach Joachim Bloch auch mal anspricht: Broß und Ruf waren in den letzten Jahren absolute Wirtschaftsverhinderer und keine Wirtschaftsförderer.

    • Hinter jedem B und OB, ist aber immer auch ein Rat, welcher an den getroffenen Entscheidungen, einen wesentlichen Anteil hatte.
      Da hat vielleicht auch Mancher eher zum Wohle des Mietzinses seiner eigenen Innenstadtimmobilie entschieden, denn zum Wohle von irgendetwas anderem.
      Deshalb sind solche Verallgemeinerungen wie „Wirtschaftsverhinderer“, etc., doch etwas zu eindimensional.

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