Wie seit etlichen Jahren Brauch lud die Stadt nach der Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer des Faschismus zu einem Vortrag ein. Am Montagabend berichtete Stadtarchivar Carsten Kohlmann im Rathaus über seine Recherchen für die ersten 25 Stolpersteine.
Schramberg. Im vollbesetzten großen Sitzungssaal hieß Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr unter anderem ihre beiden Vorgänger im Amt Herbert O. Zinell und Thomas Herzog willkommen. Auch zwei Schwestern aus Heiligenbronn waren gekommen.
Eisenlohr erinnerte daran, dass 2022 der Gemeinderat einstimmig beschlossen hatte, Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig verlegen zu wollen. Bei einer Spendenaktion seien Mittel für 25 Stolpersteine zusammengekommen. Die ersten zwölf Stolpersteine würden im November, weitere 13 Stolpersteine im Februar 2027 verlegt, so Eisenlohr.
Die Erinnerungskultur im Wandel
Kohlmann ging im ersten Teil seines Vortrags auf die Veränderungen in der Erinnerungskultur im Nachkriegsdeutschland ein. Direkt nach 1945 seien die Menschen von dem Geschehenen überwältigt gewesen. „Vergangenheitsbewältigung“ war das Schlagwort. Die Erinnerung bezog sich wie nach dem ersten Weltkrieg auf die Kriegsopfer. Die Opfer des Nationalsozialismus blieben weitgehend ungenannt.
Große Ausnahme das Schramberger Mahnmal, das schon 1946 die Ortsgruppe der KPD in Schramberg errichtet hat. „Es gehört zu den denkmalgeschichtlichen Besonderheiten“, so Kohlmann und habe deutschlandweite Bedeutung. „Es war der erste ‚Stolperstein‘ im öffentlichen Raum.“

Zeittypischer war beispielsweise die Aussage des damalige Schramberger Oberbürgermeister Konstantin Hank, der 1956 die Kriegsjahre in Schramberg als „Jahre höchster Leistung und Anstrengung“ schilderte. „Es geschah in dem Glauben, der Heimat zu dienen.“ Kein Wort über die Verbrechen des NS-Regimes.

Die Täter waren unter uns
Kohlmann erinnerte auch an Friedrich-Wilhelm Schallwig. Der aus Schlesien vertriebene Jurist war von 1952 bis 56 Stadtrat in Schramberg und von 1953 bis 54 auch Mitglied des Landtags. Heute weiß man, dass er früh NSDAP- und SS-Mitglied geworden war. Im Krieg war er bei der SS-Einsatzgruppe A, die in der Sowjetunion 100.000 Menschen ermordet hat. Er musste sich nie vor Gericht für seine Taten verantworten und starb 1977 bei einem Verkehrsunfall.

Gesellschaftliche Spaltung
Auch in Schramberg selbst war lange eine „gesellschaftliche Spaltung“ zu erleben: Die einen gingen am Volkstrauertag zu den Kriegsopferdenkmälern, die anderen zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus. Der damalige Oberbürgermeister Roland Geitmann trat bei einer Kundgebung der NS-Opfer auf und habe sich damit „viel Kritik zugezogen“, so Kohlmann. Erst Anfang der 80er Jahre begann man in Schramberg über die Schicksale der KZ-Opfer aus der Stadt zu forschen.
Nach der Wiedervereinigung und den ausländerfeindlichen Ausschreitungen im Osten bildete sich in Schramberg um 1994 die überparteiliche „Initiative Gemeinsam gegen Gewalt“, die das Denkmal „Des Bruders Tod“ von Siegfried Haas errichten ließ.

Umstrittene Stolpersteine
Kohlmann skizzierte auch die Entstehung der Stolpersteine. 1992 verlegte Demnig den ersten von inzwischen mehr als 100.000, die europaweit als größtes dezentrales Mahnmal an Menschen erinnern, die die nationalsozialistische Diktatur verfolgte, deportierte oder ermordete.
Es gibt auch scharfe Kritik etwa von Charlotte Knobloch an den Stolpersteinen. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern findet, damit würden die Opfer erneut mit Füßen getreten. Deshalb gibt es bis heute in München keine Stolpersteine. Auch in unsrer Region etwa in Rottweil oder Freudenstadt werden sie abgelehnt.
Auch in Schramberg gab es hinter den Kulissen mehrere Anläufe, bis der Antrag der Aktiven Bürger 2022 dann einstimmig vom Gemeinderat angenommen wurde.
Dokumentierte Schicksale wie das von Otto Abt
Kohlmann hat, wie es für die Stolpersteine vorgeschrieben ist, jedes Einzelschicksal dokumentiert. Die ersten 25 Dokumentationen liegen nun vor. Ein Stolperstein ist Otto Abt gewidmet.
Seine Enkeltochter Dagmar Abt aus Ettenheim nahm an der Gedenkveranstaltung teil. Sie hat für ihren Großvater einen Stolperstein gespendet. Abt war wegen einer psychischen Erkrankung in Rottenmünster und 1940 in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb ermordet. Dagmar Abt kannte ihren Opa nur aus Erzählungen ihres Vaters Robert Abt.

Es mache sie „traurig und wütend“, dass “dieser liebevolle Vater seines Lebens beraubt wurde, weil er krank war und sich nicht wehren konnte“, sagte sie bei der Veranstaltung. Wie ihr anderer Großvater, der in einem Krieg, den er nicht wollte, gefallen war, sei Otto Abt „Opfer extremistischen Größenwahns“ geworden.

Auf der Fahrt hierher habe sie ein AfD-Plakat gelesen: „Deutschland braucht ein Comeback“. Abt appellierte, das Feld nicht den Angstschürern zu überlassen. Das sind wir den Opfern schuldig. „Nie wieder.“
14 Opfer der „Euthanasie“
Zu den übrigen 24 Stolpersteinen berichtete Kohlmann wo sie gewohnt hatten und welches Schicksal sie erlitten. Er zeigte jeweils das Haus, in dem die Personen gelebt hatten und wie der künftige Stolperstein aussehen soll.
Von den ersten 25 Stolpersteinen sind 14 den Euthanasie-Opfern gewidmet. In den Jahren 1940 und 1941 ließen die Nazis in der „Landespflegeheilanstalt Grafeneck“ im Rahmen der „Aktion T 4“ fast 11.000 Behinderte und Kranke aus Süddeutschland ermorden. Kohlmann geht inzwischen von mehr als 60 Opfern aus Schramberg aus.
In einer Fragerunde erkundigte sich Eberhardt Pietsch nach dem Kloster Heiligenbronn. Seines Wissens seien dort keine Euthanasie-Opfer zu beklagen. Der langjährig Archivar der Stiftung Ewald Graf bestätigte dies. Allerdings habe es 40 Zwangssterilisationen gegeben. Auch sei belegt, dass zwei Bewohner aus Heiligenbronn nach Liebenau verlegt worden waren, und später in Grafeneck ermordet wurden. Dass die Heiligenbronner Bewohner der Klostereinrichtung weitgehend verschont blieben, begründete man wohl damit, dass diese als blinde Bürstenmacher und Korbflechter „für das Volkswohl“ arbeiteten.

Weitere Spendenrunde geplant
Auf eine weitere Frage zu den Stolpersteinen antwortete Kohlmann, die Kriterien seien heute weiter gefasst als zu Beginn. Zunächst gab es die Stolpersteine ausschließlich für Ermordete. Inzwischen sollen sie an all diejenigen erinnern, die unter der NS-Diktatur gelitten haben, fliehen mussten, in Haft oder KZ einsaßen.
Laut Kohlmann soll es nicht bei den 25 Stolpersteinen bleiben. Es werde eine zweiten Spendenaufruf geben, um insbesondere auch in den Ortsteilen Waldmössingen und Tennenbronn solche Erinnerungssteine verlegen zu können. Von dort seien bisher keine Spenden eingegangen.
Wegweiser
Im dritten Teil seines Vortrags stellte Kohlmann das Buch „Verbrechen. Volksgemeinschaft. Widerstand“ des Gedenkstättenverbundes Gau-Necker-Alb vor. Der Wegweiser führt zu 51 Spuren des Nationalsozialismus in unserer Region.

Zwei davon, das Lichtspielhaus und die Majolika-Fabrik, behandeln dabei Schramberger Orte. Auch das Titelbild stammt aus Schramberg. Es zeigt eine NS-Kundgebung vor dem Schloss im Jahr 1938. Alle, die eine Stolperstein gestiftet hatten, durften sich einen Wegweiser mitnehmen.




