Ignatovas Geliebter Gilbert Armenta wartet auf sein Urteil

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New York.  Tiefen Einblick in die Beziehung zwischen der in Schramberg aufgewachsenen Crypto-Queen Ruja Ignatova und ihrem Ex-Geliebten und mutmaßlichen Geldwäscher Gilbert Armenta erlaubt eine Verteidigungsschrift seiner Anwälte. Vor wenigen Tagen hat das Gericht in New York das fast 70 Seiten lange Papier seiner Anwälte in großen Teilen veröffentlicht. Aber auch die Antwort der Staatsanwaltschaft liegt seit wenigen Stunden vor. Wir fassen beide Memoranden zusammen.

Der New Yorker Reporter Matthew Russel Lee hatte gegen eine erste Fassung des Verteidigerpapiers protestiert, in der sehr viele Stellen geschwärzt waren. Nun ist der größte Teil doch lesbar. Nur Passagen zu Armentas Gesundheitszustand, die seine Sicherheit gefährden könnten und zu seiner Zusammenarbeit mit den Behörden, blieben geschwärzt, so seine Anwälte.

Verteidiger: Armenta ist reumütig

Sie versuchen das Gericht davon zu überzeugen, dass Armenta nicht zur Höchststrafe verurteilt werden soll. Sie erwähnen eine Strafe von bis zu 100 Jahren („an applicable 100-year Guideline sentence“), stellen ihren Mandanten deshalb als überaus reumütig dar, der all sein Wissen über OneCoin den FBI-Agenten preisgegeben habe – und im New Yorker Metropolitan Correctional Center (MCC) schlimmste Dinge erlebt habe.

Im MCC saß auch Sebastian Greenwood, der OneCoin Mitbegründer und ebenfalls zeitweilige Geliebte Rujas. Auch ihr Bruder Konstantin verbrachte seine erste Zeit in US-Haft im MCC.

In Macau begann die Affäre mit Ruja Ignatova

Die Anwälte schildern Armentas Privatleben, seine familiären Verhältnisse, seine berufliche Laufbahn bis zu dem Zeitpunkt, da er Ignatova kennengelernt hat. Im Juni 2015 habe er Ignatova getroffen. Damals kaufte er in Georgien im Kaukasus die JSC Capital Bank. „Drei Monate später besuchte Gilbert eine OneCoin-Veranstaltung im Macau.“

Ruja Ignatova in Macau im Backstage-Bereich. Hinten links sitzt Gilbert Armenta. Aus einem Onecoin-Video. Screenshot: him

Damals habe er keine Ahnung gehabt, dass OneCoin ein Betrug war, schreiben seine Anwälte. Er sei beeindruckt gewesen von der Menge der Leute, die Ruja Ignatovas Unternehmen auf die Beine brachte, „und die scheinbare Professionalität der Operation“. Und von Ruja, denn: „In der Folge begann er auch eine Liebesbeziehung zu Ruja.“

Armenta arbeitet für OneCoin und Ignatova

Im Oktober habe Ignatova ihm gestanden, dass sie bedroht werde und deshalb Leibwächter brauche. Auch sei in ihr Haus in Sofia eingebrochen worden und jemand habe versucht es anzuzünden.

Auch habe sie ihn dazu gebracht, seine Bankverbindungen nutzen zu können, weil sie selbst Schwierigkeiten mit den Banken hatte. „Ruja bat Gilbert auch, für sie multimillionenschwere Schecks einzulösen, weil die Banken mit ihr keine Geschäfte machen wollten.“ In den Jahren 2015 und 2016 habe er so mehr als 300 Millionen Dollar für sie eingelöst.

Schließlich habe Armenta am 30. September 2015 seinen langjährigen Anwalt Mark Scott mit Ruja bekannt gemacht, berichten die Armenta-Anwälte. Scott wurde zu einem der wichtigsten Geldwäscher für Ignatova. Im Dezember 2019 hat ein New Yorker Gericht Scott schuldig gesprochen. Doch bis heute gibt es kein Strafmaß und Scott bleibt auf freiem Fuß.

Geldeintreiber in Großbritannien

Ebenfalls über Armenta kam Ignatova mit Christopher Hamilton in Kontakt. Der Brite soll 39 Millionen Dollar auf eine Bank in Hongkong für Ruja transferiert haben und davon 32 Millionen für sich abgezweigt haben. Gilbert habe daraufhin „Spezialisten fürs Schuldeneintreiben“ beauftragt, damit Hamilton die 32 Millionen wieder rausrückt.

Dass dabei Gewalt im Spiel sein würde, das habe Armenta nicht geahnt, schreiben seine Anwälte. „Gewalt würde er nie befürwortet haben.“ Gegen Hamilton laufen ebenfalls Ermittlungen wegen OneCoin. Er soll an die USA ausgeliefert werden.

Armenta erzählt alles

Im Spätsommer 2017 wurde es langsam eng für Ruja Ignatova. Sie bekam mit, dass in den USA gegen sie und OneCoin ermittelt wurde. Ihr Sicherheitsberater Frank Schneider hatte über seine Verbindungen als Ex-Geheimdienstler in Luxemburg wohl davon erfahren. Ihr Geliebter Gilbert Armenta ging den US-Behörden am 13. September ins Netz, als er aus Europa zurückkehrte, schreiben seine Anwälte.

Damals seien die Ermittlungen gegen OneCoin in einem frühen Stadium gewesen und Armenta habe 14 Tage am Stück geredet. („through an extraordinary 14 straight days of proffer sessions, which included weekends and days during which the investigating agents lived with Mr. Armenta in a hotel room.“)
Er habe umfassend ausgesagt „trotz seiner Liebesbeziehung zu Ruja zum Zeitpunkt seiner Festnahme“.

Armenta habe hunderte von Stunden mit den Ermittlern verbracht und ihnen alles erklärt, was mit OneCoin zu tun hatte. Seine Aussagen hätten dazu geführt, dass mindestens 14 weitere Personen in den USA im Zusammenhang mit OneCoin angeklagt wurden. Acht von ihnen seien aufgrund von Armentas Aussagen verurteilt worden.

Wer sind die fünf anderen?

In der Szene sind neun Personen bekannt, gegen die US-Behörden Anklage erhoben haben oder die bereits verurteilt wurden: Ignatova selbst, ihr Bruder Konstantin, Sebastian Greenwood, Gilbert Armenta, Mark Scott, Frank Schneider und Christopher Hamilton. Eher Nebenfiguren sind David Pike, der Scott zur Hand ging, und Robert MacDonald, ein Partner Hamiltons. Wer sind die fünf anderen, fragen sich auf Behind MLM einige OneCoin Kenner.

Ruja und Gilbert – die beiden hatten eine eigenartige Beziehung: Ruja wusste, dass Gilbert sich nicht von seiner Frau trennen wollte. Sie wusste wohl auch, dass er mit dem FBI zusammenarbeitete. Sie beauftragte Schneider, er solle Gilberts Apartment abhören. Schneider ließ noch vor Gilberts Festnahme aus einer unter dem Gilbert Apartment liegenden Wohnung ein Loch durch die Decke bohren und ein Mikro anbringen. So erfuhr Ruja, was Gilbert so trieb.

Gleichzeitig aber hat das FBI sämtliche Telefongespräche Gilberts mit Ruja aufgezeichnet. Insgesamt 44 Gespräche mit einer Gesamtlänge von 30 Stunden habe er mit Ruja geführt. Durch seine Zusammenarbeit habe er seine Familie in Gefahr gebracht. („At the Government’s request, he conducted approximately 44 tape recorded phone calls with Ignatova, totaling more than 30 hours of discussions with her. During the course of his cooperation it was discovered that Ignatova had bugged Mr. Armenta’s apartment prior to his arrest, giving her information about his cooperation status and putting his family in harm’s way.“) Wie genau? Die nächste Passage ist geschwärzt.

Aus einer Gesprächsaufzeichnung Ruja – Gilbert. Screenshot: him

Wenn Armenta so ein wertvoller Zeuge war, weshalb hat ihn die Staatsanwaltschaft nicht besser behandelt, keinen Brief (Section 5K1.1 letter) an den Richter verfasst, um ein milderes Urteil zu erwirken und ihn stattdessen in ein berüchtigtes Gefängnis, das MCC, sperren lassen?

Fatal: Gilbert verstößt gegen Auflagen

Er beging zwei gravierende Regel-Verstöße während seiner Zeit als Kronzeuge. Er verkaufte ein Flugzeug für gut zwei Millionen Dollar, ohne die Behörden vorab zu informieren. Und er versuchte, einen offensichtlich unsauberen Scheck über fünf Millionen Dollar einzulösen. Ausgestellt von einem Japaner hatte ein Geschäftspartner Gilbert den Scheck gebracht mit der Zusage, wenn er ihn zu Geld mache, könne er 20 Prozent, also eine Million behalten. Er behielt schließlich sogar alles.

Die beiden Geschichten führten dazu, dass die Staatsanwaltschaft ihn am 19. Juli 2019 zurück ins MCC schickte. Dort blieb er für „acht entsetzliche Monate“, so die Anwälte. Armenta musste unmenschliche Zustände im MCC ertragen, einschließlich Ratten und Kakerlaken, dauernder Gewaltdrohungen und eines zügellosen Drogenmissbrauchs unter den Häftlingen. Dies sei für Armenta besonders schlimm gewesen, „weil er als früherer Drogenabhängiger seit 35 Jahren clean“ war. („Mr. Armenta faced inhumane conditions at the Metropolitan Correctional Center, including rat and cockroach infestations, constant threats of violence, and rampant inmate drug use, which was particularly trying for him, as a 35-year clean former addict.“)

Geschwärzte Passage im Zusammenhang mit Armentas Gefängnisaufenthalt in New York. Screenshot: him

 

Unmenschliche Haftbedingungen

Die Zustände im MCC waren so schlimm, dass die Regierung das Gefängnis schließlich im Jahr 2021 schloss.
Am Ende des umfangreichen Schreibens versuchen Armentas Anwälte das Gericht davon zu überzeugen, dass Armenta überaus kooperativ war, viele Millionen Dollar zurückgeschafft hat und seine Zeit im MCC Strafe genug für ihn sei.

„Gilbert hat mehr als acht lebensverändernde Monate unter besonders schlimmen Bedingungen im MCC verbracht.“ Außerdem habe er Jahre unter strengem Hausarrest verbracht. Deshalb bitte er das Gericht um Milde und hoffe auf ein Urteil: „Strafe verbüßt“.

Ob sich das Gericht drauf einlässt? Am 16. Februar um 11 Uhr will das Gericht seine Entscheidung bekannt geben.

Staatsanwalt Williams: Sieben Jahre wären angemessen

Nicht wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht. Die hat sich am 13. Februar ebenfalls an Richter Edgardo Ramos gewandt. Sie möchte eine Gefängnisstrafe aber, deutlich unter dem empfohlenen Höchstmaß von 100 Jahren. Sieben Jahre wären angemessen, weniger als fünf Jahre aber nicht, schreibt Staatsanwalt Damian Williams am Ende seines 16-seitigen Papiers. Auch dieses enthält mehrere geschwärzte Passagen.

Der Staatsanwalt führt aus, diesen Vorschlag mache man nicht leichten Herzens. Einerseits sähen die Richtlinien 100 Jahre Haft wegen der Schwere des Vergehens vor, andererseits müsse man strafmildernd Armentas Kooperation während mehr als zwei Jahren berücksichtigen. Allerdings habe er während dieser Zeit bei mehreren Gelegenheiten gravierend gegen seine Zusammenarbeitsvereinbarung verstoßen.

Intensive Zusammenarbeit mit dem FBI

Auch Williams berichtet, dass Armenta nach seiner Festnahme im September2017 mit den Behörden zusammengearbeitet hat, bevor er Ende September nach Florida zurückkehren konnte. Im Januar 2018 habe er sich schuldig bekannt und anderthalb Jahre weiter mit der Staatsanwaltschaft kooperiert.

Im Sommer 2019 habe die Staatsanwaltschaft aber von seinen Verstößen gegen die Auflagen erfahren. Gemeint sind der Verkauf des Flugzeugs und der 5-Millionen-Dollar-Schecks. Von Juli 2019 bis März 2020 habe er im MCC eingesessen und befinde sich seither unter Hausarrest in Florida.

Armenta steckte tief drin

Williams nennt Armentas Vergehen insgesamt „unglaublich ernst“. Es gehe neben den OneCoin-Fällen auch um Bestechung in Mexiko und die Geldwäsche aus Glücksspielerlösen. Er beschreibt OneCoin als großen Schwindel. Allein zwischen Ende 2014 und Ende 2016 hätten die OneCoiner vier Milliarden US Dollar von ihren Opfern erbeutet.

Armenta habe davon 300 Millionen Dollar gewaschen. OneCoin sei ein „massiver Betrug“ gewesen, basierend auf einer gefälschten Kryptowährung, die „wertlos“ war. OneCoin habe keine echte Blockchain gehabt, eine, die „öffentlich und überprüfbar“ wäre.

OneCoin sei keineswegs ein Verbrechen ohne Opfer gewesen, argumentiert Williams. Im Gegenteil: „OneCoins Milliarden wurden verdient auf dem Rücken derer ganz unten in der Multi-Level-Marketing Nahrungskette.“ („OneCoin’s billions were earned off the backs of those lowest on the MLM food chain.“)

Armenta half Ignatova massiv

Als Ruja Gilbert Armenta 2015 kennen (und lieben) lernte, hätte sie und Sebastian Greenwood verzweifelt nach Möglichkeiten gesucht, ihre OneCoin Einnahmen zu waschen. Das habe Armenta zwischen 2015 und 2017 getan und 300 Millionen Dollar dank falscher Angaben über verschiedene Banken geschleust.

Ein flotter Dreier: Sebastian Greenwood, Ruja Ignatova und Gilbert Armenta bei einem Festbankett in macau. Aus einem OneCoin-Video. Screenshot: him

Außerdem habe er für Ruja Bankkonten eröffnet. Er habe sie in Kontakt mit einer Firma gebracht, die negative Berichte über OneCoin aus dem Internet entfernen sollte. Auch habe er schon früh vom Betrug gewusst.

Kein harmloser Gutmensch

Schließlich habe er durch seine Beteiligung an OneCoin seinen verschwenderischen Lebensstil finanziert, etwa ein Privatflugzeug für mehr als drei Millionen Dollar. Er kaufte ein teures Haus für 3,7 Millionen in Fort Lauderdale, wo er mit geleasten Rolls Royce, Ferraris oder Bentleys herumfuhr.

Die Geschichte mit den von Hamilton gestohlenen 40 Millionen und den Schuldeneintreibern klingt in den Worten des Staatsanwalts deutlich dramatischer. In einem aufgezeichneten Meeting im August 2017 habe Gilbert Armenta erklärt: „Niemand wird ihn töten, aber sie werden ihn wünschen lassen, er wäre tot.“ (“Nobody will kill him, but they’ll make him wish he was dead.”)

Auf der andren Seite berichtet auch Williams von der großen Kooperationsbereitschaft von Armenta, den zahlreichen Telefongesprächen, die Armenta im Auftrag der Ermittler mit Ruja Ignatova kurz vor ihrem Untertauchen am 25. Oktober 2017 geführt hatten. Wegen seiner Verstöße gegen die Auflagen habe man ihn aber nicht als Zeugen, etwa im Scott-Verfahren einsetzen können. Dennoch habe er sich und seine Familie durch seine Aussagen in Gefahr gebracht.

Aber seine Handlungsweisen beim Verkauf des privaten Jets und beim 5-Millionen-Dollar-Scheck hätten großen Schaden angerichtet und ihn als Kronzeugen unglaubwürdig gemacht.

Gier als Antrieb

Beim Strafmaß stellt Williams fest, Armenta beziehungsweise OneCoin habe nicht große institutionelle Investoren bestohlen, sondern „Millionen einzelner Opfer, die alles zu verlieren hatten“. („millions of individual victims who had everything to lose.“)

Er habe aus Geldgier gehandelt, um sich einen Lebensstil zu leisten, der weit über dem anderer Leute liege. Armenta sei mit einer der Gründerinnen des Betrugs liiert gewesen und habe ihr geholfen, den Betrug am Laufen zu halten. Auch um andere „white-collar-criminals“ abzuschrecken, sei eine Strafe von sieben Jahren angemessen, so der Staatsanwalt.

Richter Edgardo Ramos muss am 16. Februar entscheiden. Nicht leicht. Wir werden berichten.

Konstantin Ignatov bleibt verschwunden

Offen bleibt dagegen, was mit Konstantin Ignatov geschieht. Rujas Bruder hätte ebenfalls am 16. Februar einen wichtigen Termin bei Richter Ramos gehabt. Ein sentencing control date, bei dem über das weitere Verfahren und die persönlichen Verhältnisse vor einer Verurteilung beraten wird.

Konstantin Ignatov mit seiner Schwester Ruja und dem Bulgaren Evgeni Minchev in einem Londoner Club. Foto aus facebook.

Doch Ankläger Williams schrieb gestern an Richter Ramos, man bitte um weitere 90 Tage Aufschub, da die Zusammenarbeit des Angeklagten noch nicht abgeschlossen sei. Eine Formulierung, die nun schon seit Jahren immer wieder für einen Aufschub sorgt.

Ebenfalls unbekannt ist, wo sich Konstantin aufhält. Er ist vermutlich im November 2021 wieder hinter Schloss und Riegel gelandet. Anfragen der NRWZ bei seinem Verteidiger oder der Staatsanwaltschaft blieben ohne Antwort. Der New Yorker Reporter Matthew R. Lee hat auf Wunsch der NRWZ die Staatsanwälte gefragt. Seine Antwort: „Die Staatsanwälte geben keine Antwort auf Fragen nach Konstantin, aber ich bleibe dran.“ („Prosecutors won’t answer about Konstantin but I’ll keep digging.“)

Update: Richter Ramos hat am 14. Februar als neuen Termin  für Konstantin den 17. Mai festgesetzt.

Martin Himmelheber (him)
Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.