Dienstag, 16. April 2024

Was weiß KI über Schramberg?

ChatGPT im Interview / Ein Experiment

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Wussten Sie schon, dass es in Schramberg einen Kinzigtorturm gibt, die B 500 hier durch führt und unser Städtle als besondere Sehenswürdigkeit das „Deutsche Uhrenmuseum“ beherbergt? Nein? Das erstaunt uns aber, denn das allwissende Internet und eine „Künstliche Intelligenz“ (KI) haben es unserem Mitarbeiter David Kuhner berichtet. Er hat sich per ChatGPT über seine Heimatstadt informieren wollen und ist auf teilweise erstaunliche Ergebnisse gestoßen: Aber zunächst erklärt er, was das eigentlich ist, KI und ChatGPT.

Vor ziemlich genau einem Jahr im November 2022, veröffentlichte die 2015 ins Leben gerufene Stiftung“ OpenAI“  ChatGPT (Chat Generative Pretrained Transformer) eine sogenannte „künstliche Intelligenz“, die man im Internet zu allerlei Themen befragen kann. In einem Chatfenster können Nutzende Fragen an die KI richten und werden im Handumdrehen mit Informationen versorgt. Doch was genau ist KI und wie funktioniert sie?

Wie funktioniert ChatGPT?

Sie wird durch Deep-Learning-Prinzipien (bestärkendes Lernen) betrieben und kann deshalb teilweise hochkomplexe Sachverhalte erläutern, zusammenfassen und naturwissenschaftliche Aufgaben berechnen. Deshalb wird in Zukunft nicht mehr gleich ersichtlich sein, wessen Handschrift und Gehirn hinter einem Text stecken.

Symbolfoto: him

Über neuronale Netze kann die KI die menschlichen Eingaben verstehen und auf diese Weise mit uns kommunizieren. Über einen „Moderationsfilter“ werden unangebrachte Inhalte, wie rassistische Vorurteile, vermieden – bisher mit Erfolg. Insgesamt haben bis Ende 2021 Programmierer über 175 Millionen Parameter eingespeist – eine enorme Datenmenge!

Fragen, die zeitlich über 2022 hinaus gehen, kann die KI daher nur spekulativ beantworten. Sollte ChatGPT mit weiteren Datenmassen versorgt werden, könnte es die Suchmaschine Google eines Tages ersetzen. Google, das für die „GenZ“ das Nachschlagewerk Nummer eins ist.

Die Internet-Konzerne sind dabei

Auch Google bietet seit März 2023 mit „Bard“ eine KI an, allerdings nur in den USA. Deshalb können wir uns nur über einen „Virtual Private Network“(VPN)-Zugang einloggen.

Doch auch Microsofts Suchdienst „Bing“ basiert auf den Chatfunktionen GPT-4, ebenso wie „Jasper“. Im Vergleich zu ChatGPT sind diese Dienste jedoch in Bezug auf die Textlänge begrenzter und kosten in Profiversionen entsprechende Gebühren.

David Kuhner beim KI-Interview zu Schramberg. Foto: prviat

Der Test

Doch was kann ChatGPT wirklich? In einem „Interview“ zu Schramberg habe ich als angehender Historiker die Probe gemacht, wobei einige interessante Antworten zustande kamen. Leider kann das Programm nicht auf die aktuellsten Themen in der Stadt Bezug nehmen, da es, wie gesagt, nur mit Daten bis Ende 2021 trainiert wurde. Aber zur Geschichte der Stadt gibt es ja genug Fragen – und Antworten.

Auf meine erste Frage: „Was ist die Große Kreisstadt Schramberg?“  bekam ich diese Antwort: „Schramberg ist eine Stadt in Baden-Württemberg, Deutschland. Sie liegt im Schwarzwald und hat eine lange Geschichte, die bis ins Mittelalter reicht.“ So weit so gut.

Heimatkunde schwach

Doch wenn wir weiterlesen, folgt ein Absatz zur Uhrenindustrie. Darin behauptet ChatGPT, Schramberg beherberge das „Deutsche Uhrenmuseum“. Knapp daneben ist eben auch vorbei, denn dieses befindet sich bekanntlich in der 30 Kilometer entfernten Stadt Furtwangen.

Das Deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen. Foto: Deutsches Uhrenmuseum

Weiterhin erwähnt das Programm das Schloss der Grafen von Bissingen und Nippenburg. Erstaunlich bleibt, dass die KI nirgends die heutigen Stadtteile der Großen Kreisstadt Schramberg erwähnt, sondern sich auf die „Kernstadt“ beschränkt.

In Geschichte nicht ganz sattelfest

Zur Entstehung Schrambergs weiß ChatGPT zu berichten, dass die Schramberger Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht. „Die genaue Gründung der Stadt ist nicht exakt datiert, aber es wird angenommen, dass sie im 13. Jahrhundert erfolgte.“ Ups.

Stadtgeschichtlich interessierte Personen und Leserinnen und Leser der „D’Kräz“ kennen die Entstehungsgeschichte Schrambergs natürlich deutlich detaillierter und wissen zudem, dass König Karl I. von Württemberg Schramberg erst 1867 zur Stadt erhob.

Wirtschaft: nicht up to date

Fragwürdig ist die Aussage, dass Schramberg „insbesondere durch die Herstellung von Eisenwaren“ bekannt sei. Wieder korrekt ist die Erwähnung der herausragenden Bedeutung der Uhrenindustrie, die Schrambergs Stadtentwicklung ab dem 19. Jahrhundert beeinflusste.

Inwiefern „die industrielle Entwicklung und die historische Architektur“ das gesamte Stadtbild bis heute prägen, sei allerdings dahingestellt.

Sehenswürdigkeiten: durcheinander

Weiter habe ich ChatGPT zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt befragt und erhielt fünf Nennungen, die jedoch nur mehr oder weniger in Schramberg zu finden sind. Auf Platz eins tritt erneut das „Deutsche Uhrenmuseum“ auf. Gefolgt vom so bezeichneten „Schloss Schramberg“, das jedoch dem 18. Jahrhundert zugeordnet wird, obwohl es aus dem 19. Jahrhundert stammt.

Das Schramberger Schloss. Archiv-Foto: him

Sollte allerdings die Hohenschramberg gemeint sein, dann wäre die Erbauung gar im 15. Jahrhundert erfolgt und stimmt nicht mit der hier genannten Zeit überein.

An dritter Stelle erwähnt ChatGPT einen „Kinzigtorturm“, der „aus dem 13. Jahrhundert“ stammen soll und „Teil der Stadtbefestigung war“. Weit gefehlt! Dieser befindet sich tatsächlich etwa 50 Kilometer Kinzigtal abwärts in Gengenbach. (Damit wäre auch unser Titelbildrätsel gelöst.)

Auch interessant ist das „Heimatmuseum Schramberg“, das „die Geschichte und Kultur der Region Schwarzwald“ zeigen soll. Vermutlich meint ChatGPT damit das Stadtmuseum, dessen Inhalte sich aber von den genannten unterscheiden und eher auf Burgen- und Industriegeschichte abzielen als auf den Schwarzwald.

Ebenso falsch verortet ist der Hohenkarpfen, den ChatGPT in Schramberg vorfinden möchte, der aber Teil der Schwäbischen Alb ist und ebenfalls etwa 50 Kilometer von Schramberg weg liegt.

Uhrenindustrie heute noch am wichtigsten?

Als wichtigsten Punkt für das Schramberg der Gegenwart erwähnt die KI erneut die Uhrenindustrie, die jedoch seit den 1980er Jahren stark zurückging und Platz machte für die Zulieferbetriebe, die sich auf andere Märkte spezialisierten.

Das Motto „Schramberg ist Junghans und Junghans ist Schramberg“ ist daher schon lange nicht mehr Identifikationsmerkmal der Stadt, auch wenn es die Musikschule durch das im September aufgeführte „Junghans-Musical“ in Erinnerung rief.

Junghans- Das Musicak. Das Schlussbild mit allen Akteurinnen und Akteuren.. Foto: Rainer Langenbacher

Schrambergs historischer Charme. Aha

Als zweiten Punkt nennt KI die „Kultur und Geschichte“, da Schramberg „seinen historischen Charme bewahrt“ habe, was auf Gebäude wie das Schloss bezogen ist.

Den Charme des ehemaligen Marktfleckens hat Schramberg jedoch nicht bewahren können und deshalb nicht wie andere Städte einen historischen Ortskern herausgebildet. Stattdessen spielen Bauten rund um die Industrie eine entscheidende Rolle im Stadtbild, sofern sie noch vorhanden sind.

ChatGPT hebt zudem die Kultur-Veranstaltungen in diesem Sektor hervor. Drittens spricht die Software vom Tourismus und der „malerische[n] Lage im Schwarzwald und die Verbindung zur Uhrenindustrie“, die Schramberg attraktiv mache. Im letzten Punkt geht es um die „industrielle Vielfalt“, die sich aus der Uhrenindustrie weiterentwickelt hat.

B 462 und B 500. Soso

Infrastrukturell sei Schramberg „über die Bundesstraßen B 462 und B 500 zu erreichen“ und verfüge über „ein Busnetz, das den öffentlichen Nahverkehr innerhalb der Stadt und in die umliegenden Regionen erleichtert.“

Eine Nachfrage zur Eisenbahnanbindung in Schramberg beantwortet ChatGPT auch recht vage, doch zumindest ist ihr bekannt, dass „es in Schramberg keine direkte Eisenbahnanbindung“ gibt. Als nächstgelegene Bahnhöfe werden Rottweil und Villingen-Schwenningen genannt, aber nicht die näher gelegenen Nachbarstädte Schiltach, St. Georgen oder Hornberg.

Schiltacher Bahnhof. Foto: him

Viele Leerstellen

Zu den Bildungseinrichtungen konnte die KI leider keine konkreten Angaben tätigen, wie auch zur Gesundheitsversorgung, Einkaufsmöglichkeiten, kulturellen Einrichtungen und Wohn- und Arbeitsinfrastruktur.

Lieber selbst forschen

Als Ergebnis kann ich daher feststellen, dass die KI zwar wirklich gute Texte verfassen, zusammenfassen oder übersetzen kann. Hätte ich mich aber in der Schule oder an der Uni in einer Prüfungsarbeit auf sie verlassen, ich wäre mit Karacho durchgefallen.

Auch als Suchmaschine scheint mit ChatGPT (noch) untauglich zu sein. Auch die generierten Texte sollte man gerade für Schul- und Unizwecke mit Vorsicht geniessen, da ChatGPT keinerlei Quellen- und Literaturangaben macht und die übernommenen Antworten daher als Plagiat zu werten wären.

Ein lustiger Zeitvertreib ist das Chatten mit der KI jedoch allemal.

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David Kuhner (dk)
David Kuhner (*2002) geboren in Rottweil und aufgewachsen in Schramberg. Nach dem Abitur am Gymnasium Schramberg im Jahr 2020 absolvierte er ein FSJK im Stadtarchiv und Stadtmuseum Schramberg. Sein großes Interesse gilt der Lokalgeschichte seines Heimatortes Schramberg. Seit dem Wintersemester 2021/22 studiert er an der Eberhard Karls Universität Tübingen Geschichtswissenschaft im Hauptfach und katholische Theologie im Nebenfach.

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