Schramberg. Die gut zwei Jahrzehnte alten Windräder auf Waldmössinger Gemarkung wollen die Teckwerke Bürgerenergiegenossenschaft ersetzen. Die Stadt Schramberg will ihr gemeindliches Einvernehmen versagen, weil noch etliche Fragen zum Brandschutzkonzept, zum Lärmschutz und zum Schattenwurf ungeklärt seien.
- Neubaugebiet Kehlenstraße nicht berücksichtigt
- Brandschutzkonzept veraltet
- Arten- und Wasserschutz
- Faktencheck Abrieb und PFAS
- Aufbau der Rotorblätter
- Abrieb bei Windrädern
- In welcher Größenordnung werden Partikel frei?
- PFAS – was ist das?
- Wann werden die PFAS in der EU verboten?
- Woher kommen die PFAS in der Umwelt?
- PFAS sind überall – auch ohne Windkraft.
Beim sogenannten Repowering planen die Teckwerke, die bestehenden Anlagen mit einer Leistung von jeweils 900 Kilowatt durch wesentlich leistungsstärkere Anlagen mit 7000 Kilowatt zu ersetzen. Die neuen Anlagen werden mit einer Nabenhöhe von 162 Metern und einem Rotordurchmesser von 175 Metern auch erheblich größer. Hatten die bisherigen Anlagen eine Gesamthöhe von 100 Metern, werden die neuen Anlagen 245 Meter hoch.
Laut Vorlage der Stadt für den Ortschaftsrat und den Ausschuss für Umwelt und Technik liegen die vier Anlagen im Vorranggebiet des Regionalplans. Im Juni 2025 habe es eine Vorantragskonferenz im Landratsamt Rottweil gegeben. Von Seiten der Stadt hätten der Ortsvorsteher, der Fachbereichsleiter Umwelt und Technik und die Klimaschutzmanagerin teilgenommen.

Neubaugebiet Kehlenstraße nicht berücksichtigt
Bei diesem Termin hat die Stadtverwaltung darauf hingewiesen, dass „das in Planung befindliche Baugebiet ‚Kehlenstraße‘ in den vorgelegten Unterlagen nicht berücksichtigt wurde“. Im Hinblick auf die entstehenden Lärmimmissionen sei dies aber erforderlich.
Die Stadt habe gefordert, dass das gesamte Baugebiet bei sämtlichen Abstandsprüfungen berücksichtigt werden muss. Man habe die erforderlichen Unterlagen zum Baugebiet den Antragsstellern am 27. Juni 2025 zur Verfügung gestellt. Zeitgleich habe die Verwaltung um eine frühzeitige Kontaktaufnahme des Schallgutachters mit der Stadtverwaltung gebeten, um die Immissionspunkte abzustimmen. „Dies erfolgt bis dato nicht.“

Brandschutzkonzept veraltet
Beim Brandschutz bemängelt die Verwaltung, das Konzept sei nicht auf die örtlichen Gegebenheiten abgestimmt und mit fast 13 Jahren veraltet. Außerdem verlangt die Stadt eine Selbstlöscheinrichtung in den Anlagen, denn um die neuen Windkraftanlagen lägen Wald- und Ackerflächen sowie ein landwirtschaftlicher Betrieb westlich der Anlage 1.
Arten- und Wasserschutz
Beim Artenschutz und wegen der Eingriffe in Natur und Landschaft verlangt die Stadt, dass etwaige Ausgleichszahlungen nur in Ausnahmefällen in Betracht kommen. Das Geld gehe nämlich an den Bund und der Ausgleich erfolge „nicht zwingend vor Ort“. Das sollte in jedem Fall vermieden werden.
Weiter weist die Stadt auf ein Wasserschutzgebiet hin, in dem die Anlagen stünden, daher bestehe „ein erhöhter Schutzbedarf“. Schließlich hat die Stadt in der Nähe der neuen Anlagen Ausgleichsflächen für Feldlerchen angelegt. Diese dürften durch die neuen Anlagen nicht beeinträchtigt werden.
Am Montag wird sich der Waldmössinger Ortschaftsrat, am Dienstag der Ausschuss für Umwelt und Technik mit der städtischen Stellungnahme befassen.
Die NRWZ hat den künftigen Betreiber Teckwerke Energiegenossenschaft um Stellungnahmen gebeten. Wir werden diese hier nachtragen.
Faktencheck Abrieb und PFAS
Im Kontext des Baues von Windkraftanlagen wird häufig vor der Belastung durch Mikroplastik und PFAS gewarnt. Windräder gefährdeten so auch das Trinkwasser, ist Leserbriefen zu entnehmen. Was ist dran?
Aufbau der Rotorblätter
In den Rotorblättern von Windrädern stecken ganz verschiedene Stoffe. Es sind überwiegend Faserverbundstoffe, wie sie im Flugzeug- und im Bootsbau oder auch bei Wohnmobilen verwendet werden. Die Außenwände der Rotorblätter werden aus glasfaserverstärktem Kunststoff geformt. Dazwischen sind Balsaholz oder auch PET- und PVC-Schaum als Kernmaterial.
Die gesamte Fläche wird dann mit einem Lack auf Polyurethan- oder Epoxidharzbasis überzogen. An den Spitzen der Flügel bringen die Hersteller noch Folien auf, um den darunter liegenden Lack vor Erosion zu schützen. In den Kunststoffen, Lacken und Folien können PFAS stecken.
Abrieb bei Windrädern
Wenn sich ein Windrad dreht, entstehen an den Flügelspitzen hohe Geschwindigkeiten – bis zu 350 Stundenkilometer. Regentropfen, aber auch kleine Staubpartikel und Umweltchemikalien führen im Laufe der Zeit dazu, dass die Oberflächen der Flügel an den Spitzen erodieren. Dann können die Kunstharze der Lacke freigesetzt werden. Das sei aber unproblematisch, da solche vollständig ausgehärteten Kunstharze als lebensmittelsicher eingestuft werden, sagen Experten.
In welcher Größenordnung werden Partikel frei?
Wissenschaftler haben versucht, zu berechnen, wie groß die Menge dieser Mikroplastikteile ist, die durch Windkraftanlagen freigesetzt werden, Eine Studie kam zu dem Ergebnis, es könnte im allerschlimmsten Fall in Deutschland 1.395 Tonnen pro Jahr sein. Dabei haben die Wissenschaftler angenommen, dass sämtliche Oberflächen aller 31.000 Windräder in Deutschland im Laufe ihrer Lebensdauer von 20 Jahren abgerieben würden.
Wenig wahrscheinlich, dass dieser „worst case“ eintritt. Die Anlagenbetreiber warten nämlich ihre Anlagen regelmäßig und lassen die Flügel bei Erosion frisch beschichten. Ansonsten ginge die Leistung deutlich zurück.
Eine andere Studie kommt zu dem Ergebnis, es seien nur etwa 80 Tonnen, die an Abrieb durch Windräder jährlich in die Umwelt gelangen. Im Vergleich zum Abrieb von Autoreifen mit etwa 103.000 Tonnen pro Jahr, der Abfallentsorgung mit 25.000 Tonnen oder auch Schuhsohlen mit 9000 Tonnen und Wäschewaschen mit gut 6000 Tonnen blieben die Windräder auch mit den unwahrscheinlichen maximal 1400 Tonnen eine fast vernachlässigbare Größe.
Doch nur ein winziger Teil dieser Menge sind PFAS.

PFAS – was ist das?
Unter dem Begriff PFAS werden etwa 10.000 Chemikalien zusammengefasst, die zur Gruppe der „per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen“ gehören. „Sie sind in zahlreichen Verbraucherprodukten enthalten, wie zum Beispiel in Kosmetika, Kochgeschirr, Papierbeschichtungen, Textilien oder Skiwachsen. Außerdem werden PFAS in vielen Anwendungsbereichen, wie zum Beispiel der Oberflächenbehandlung von Metallen und Kunststoffen, in Pflanzenschutzmitteln oder Feuerlöschmitteln verwendet“, wie es in einer Antwort der rheinland-pfälzischen Landesregierung auf eine AfD-Anfrage heißt.
Diese Stoffe sind teilweise gesundheitsschädlich. In Tierversuchen haben PFAS zu Leberschäden geführt und das Immunsystem geschädigt. Ob sich das Krebsrisiko wegen PFAS erhöht, ist laut Bundesinstitut für Risikobewertung nicht eindeutig erwiesen. https://www.bfr.bund.de/fragen-und-antworten/thema/gekommen-um-zu-bleiben-per-und-polyfluorierte-alkylsubstanzen-pfas-in-lebensmitteln-und-der-umwelt/
Weil sie sich auf natürlichem Wege kaum zersetzen, werden sie auch als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet. An etwa 1500 Stellen hat man PFAS in Deutschland im Boden nachgewiesen. Besonders häufig sind PFAS in der Nähe von Industrieanlagen, Kläranlagen oder militärischen Übungsplätzen zu finden.
Wann werden die PFAS in der EU verboten?
Wegen der Gefahren für die Gesundheit möchte die Europäische Union einen Großteil der PFAS verbieten. In etlichen Anwendungsfällen gibt es alternative Lösungen, in anderen, etwa in der Medizintechnik oder in der Elektrotechnik, sei das schwierig. Bei Outdoorkleidung oder Verpackungen könnte die Industrie auf fluorfreie Polymere, Wachse oder Kohlenwasserstoffe umsteigen und ist auch bereits umgestiegen. Probleme haben beispielsweise die Luftfahrtindustrie, die Hersteller von Halbleitern und die Medizintechnik.
Die EU will deshalb für einzelne PFAS eine Zulassung ermöglichen, wenn dabei bestimmte Auflagen erfüllt werden. Ein PFAS-Verbot werde frühestens 2027 in Kraft treten und dann sollen bis zu 13,5 Jahre dauernde Übergangsfristen gelten.
Woher kommen die PFAS in der Umwelt?
Für das Vorkommen von PFAS in der Luft, im Wasser und in den Böden gibt es die verschiedensten Quellen. In Rheinland-Pfalz hatte man in den Lebern von erlegten Wildschweinen erhöhte PFAS-Werte gefunden. Das hat die dortige AfD-Landtagsfraktion und die bayerische AfD-Fraktion zu Anfragen an die jeweilige Landesregierung geführt. Die Partei sieht die Windkraftanlagen als Verursacher.
Die rheinland-pfälzische Landesregierung antwortet, man könne nichts „zu einer potentiellen gesundheitlichen Gefährdung“ durch PFAS, die von Windrädern stammten, sagen, weil „ein eventueller Beitrag von möglicherweise in den genannten Anlagen enthaltenen PFAS zur inzwischen ubiquitär bestehenden PFAS-Exposition nicht quantifiziert werden kann“. Zu Deutsch: PFAS finden sich heute überall. Wie viel davon von Windrädern kommt, lässt sich nicht sagen.
In der Zeitschrift „Pirsch“ wird erläutert, dass die PFAS in den Windradflügeln nicht als Hauptquelle für die Verbreitung von PFAS in Frage kommen, „da sie dort vor allem zur Stabilität und Haltbarkeit beitragen“. Fraglich sei, ob PFAS, die in den Lacken fest gebunden sind, im Mikroplastik bioverfügbar vorliegen. Die Jagdfachzeitschrift kommt zu dem Schluss, wesentlich seien andere Ursachen für die hohen PFAS-Werte in Wildschweinlebern: „Ein gelöschter Traktorbrand auf einem Feld reicht somit manchmal schon aus, um die Werte in die Höhe schnellen zu lassen.“
PFAS sind überall – auch ohne Windkraft.
Auch die bayerische Landesregierung antwortet der AfD, die hohen PFAS-Werte bei Wildschweinlebern in Bayern stammten aus bekannten PFAS-belasteten Gebieten „aufgrund von industriellen Emittenten oder Löschschaum aus der Vergangenheit“.
Ihr Fazit: „Trotz Wind, Regen und anderer Umwelteinflüsse: Der Materialabtrag, der an Rotorblättern von Windrädern entstehen kann, ist äußerst gering.“ Die Vorstellung, dass Wind oder Regen zu schwerwiegender Erosion von Mikroplastik mit gesundheitlichen Folgenschäden führten, sei also falsch.
Verwendete Quellen:
https://dokumente.landtag.rlp.de/landtag/drucksachen/7182-18.pdf
https://www.bundestag.de/resource/blob/817020/27cf214cfbeaac330d3b731cbbd8610b/WD-8-077-20-pdf.pdf
https://mwu.sachsen-anhalt.de/energie/erneuerbare-energien/windenergie/faktencheck#c389705
https://valuestreameurope.ch/update-zu-pfas-reach-verordnung-wann-kommt-das-verbot-in-der-eu/
https://energiewende.eu/windkraft-abrieb/
https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/koennen-PFAS-die-Energiewende-stoppen100.html



