Mit einem wenig beachteten Kapitel der Schramberger Fasnetsgeschichte hat sich Stadtarchivar und Museumsleiter Carsten Kohlmann am Mittwochabend beschäftigt. In seinem Vortrag „Närrische Wahrheit unter dem Hakenkreuz“ beschäftigte er sich mit den Ausgaben der Narrenzeitung „Närrische Wahrheit in den Jahren 1933 bis 1939.
- Die Demokraten gehen oder werden gegangen
- Der Machtwechsel 1933
- Siegfried Kummer, der Lebemann und Nazi
- Vorahnung
- 1934 Anpassung und mutige Spitzen
- Ins Bein geschossen
- 1935 Keine Kinderfibel
- Mit Kummer und mit Sorge
- Selbstzensur
- Antisemitismus und Meckerertum
- Fritz Arnold übernimmt Rathaus und Fasnet
- Der Antisemitismus häuft sich
- 1939: Tanz auf dem Vulkan
- Fazit und Zweifel
Schramberg. Kohlmann hatte diese sieben Ausgaben akribisch durchgesehen und war auf teilweise erstaunliche „Meldungen“ gestoßen. Nach seiner Beobachtung hat neben der Machtübernahme durch die NSDAP im Januar 1933 auch ein Generationenwechsel in der damals noch jungen Schramberger Narrenzunft ihren Niederschlag in der Narrenzeitung gefunden.
Auch die Konflikte mit den altehrwürdigen Zünften aus Villingen, Oberndorf und Rottweil in der damals neu gegründeten Vereinigung Schwäbisch Alemannischer Narrenzünfte, spiegle sich in der Narrenzeitung.

Die Demokraten gehen oder werden gegangen
In den Jahren nach 1933 sei die Gründergeneration der Narrenzunft mit Fritz Würz, Cajetan Schaub und Oskar Schübel abgetreten. Würz, ein Liberaler, Schaub beim katholischen Zentrum und Schübel ein aufrechter Demokrat, traten ab. Mit Oskar Eisele wurde ein „Brauner“ neuer Zunftschreiber.
Auch die Rathausspitze wechselte. 1933 wurde der demokratisch gewählte Bürgermeister Eugen Ritter aus dem Amt gejagt. Sein Nachfolger Fritz Klingler war ein junger NS-Karrierist, der allerdings „menschlich gut bei der Bevölkerung angekommen“ sei, wie Kohlmann berichtet.

Der Machtwechsel 1933
Die Ausgabe 1933 der „Närrischen Wahrheit erschien wenige Wochen, nachdem Hitler Reichskanzler geworden war. „Da war die Fasnet noch auf der Linie der Weimarer Republik“, so Kohlmann. Auf der Titelseite versicherten die Macher, das Blatt sei „keiner Partei dienstbar“.

Im Wesentlichen sei das Blatt ganz ähnlich wie heute gestaltet gewesen: Es sei um Missgeschicke und Streiche gegangen. Die Namen der Betroffenen waren vielfach verballhornt.
Siegfried Kummer, der Lebemann und Nazi
Eine wichtige Rolle habe schon damals Siegfried Kummer, der erste Bach-na-Fahrer 1936, gespielt. Kummer, ein Kleinunternehmer, sei dem Alkohol und Frauen sehr zugeneigt gewesen.
Ein Waffennarr durch und durch und „ein radikaler Nazi mit unbändigem Temperament“, so Kohlmann. Er war später als Kommissar für politische Angelegenheiten aktiv und für die Verhaftungsaktionen nach dem Reichstagsbrand verantwortlich.
Vorahnung
Kummer taucht schon im der Närrischen Wahrheit 1933 in einer Bekanntmachung auf: Da kündigt eine Gruppe an, sie werde am Umzug der Narrenzunft 1934 geschlossen teilnehmen. Unterzeichnet mit: „Alle vom Siegfried dem Starken Erschossenen.“

1934 Anpassung und mutige Spitzen
Die Ausgabe 1934 weist bereits im Titel eine Änderung auf. Statt dem Hinweis zu den Parteien heißt es nun „Nur dem Humor dienstbar.“ Es gibt einen Hinweis auf die Pressezensur, denn im Untertitel steht: „Von der jetzigen Regierung genehmigte Tageszeitung“.

Im Blatt versuchte man, sich anzupassen, analysierte Kohlmann. Es gebe den Hinweis, dass man sehr wohl weiter Fasnet feiern dürfe. Aber auch der neue NS-Bürgermeister Klingler wird „flattiert“. Er heiße im Volksmund schon „Fritz, der Vielgeliebte“.

Dank seiner hohen Stirn müsse der ja gescheit sein. Andererseits wird der große Fasnetsförderer, der geschasste Bürgermeister Ritter nicht mehr erwähnt. Klingler wird Chef des „Kampfbundes für deutsche Kultur“ in Schramberg und versucht so, Einfluss auf die Fasnet zu nehmen.
Ins Bein geschossen
Siegfried Kummer kommt gleich zwei Mal in der „Närrischen Wahrheit“ vor. Der Waffennarr hatte mit einer nicht gesicherten Pistole in der Hosentasche sich selbst ins Bein geschossen.
Für einen „leicht antisemitisch angehauchten“ Unternehmer sucht man eine passende Frau. Es schimmert noch ein wenig Widerstandsgeist durch, so Kohlmann.
1935 Keine Kinderfibel
In der Ausgabe 1935 erscheint erstmals auf der Titelseite der Hinweis, ein Narrenblatt sei „keine Kinderfibel“, ein Spruch den bis heute jede „Hoorig Katz“ aufweist. Als „unverschämte Lüge“ weist die Redaktion Behauptungen zurück. Der NS-Staat wolle die Fasnet unterbinden. „Insgesamt wird man aber vorsichtiger“, hat Kohlmann festgestellt.

Mit Kummer und mit Sorge
Und wieder taucht Siegfried Kummer auf. Ein – bis heute noch – bestehender Steg von der Hauptstraße zum Brestenberg solle nach seinem Meistbegeher „Sorgsteg“ benannt werden. Kohlmann vermutet, dass Kummers Spitzname „Sorg‘“ war. Das würde auch die Zeile im Narrenmarsch „mit Kummer und mit Sorge“ erklären.

Auch ein „Buch“ über „Sieg, Kummer und Sorge“ wird angekündigt. Darin eine Geschichte über das „Duell der langen Messer eines Wildgewordenen“. Möglicherweise eine Anspielung auf die „Nacht der langen Messer“, die blutige Niederschlagung der angeblichen „Röhmrevolte“ um den SA-Führer Ernst Röhm.
Tatsächlich habe Kummer in der NSDAP später keine große Rolle mehr gespielt, weiß Kohlmann.
Selbstzensur
Wie sehr die Narrenzunft inzwischen auf die neuen Herrscher Rücksicht nimmt, nehmen muss, um niemanden zu gefährden, geht aus einer Notiz des Kritzelmeisters nach der Fasnet 1935 hervor. Er listet auf, wie viele Geschichten für die “Närrische Wahrheit“ eingingen, nämlich 120. 79 Geschichten habe man abgelehnt, unter anderem „Beiträge, um die sich die Geheime Kriminalpolizei gekümmert hätte“.

Antisemitismus und Meckerertum
Ab 1936 hat sich der NS-Bürgermeister Klingler verstärkt in die Fasnet ein, verlangt dass die Sauferei eingeschränkt wird. Die Judenfeindlichkeit im Blatt nimmt zu. Neue Wegweiser in der Stadt seinen wichtig, heißt es in einer Meldung, denn „es konnte und nicht gleichgültig sein, wenn unser Rathaus mit einer Synagoge verwechselt wurde“.

Auch tritt bei der Fasnet die neue Figur “Der letzte Meckerer“ auf. Damit beteiligte sich auch die Narrenzunft an der NS-Kampagne gegen Meckerer und Miesmacher. Das sogenannte Heimtückegesetz vom Dezember 1934 brachte „Meckerer“ ins KZ.
Fritz Arnold übernimmt Rathaus und Fasnet
Im Jahr 1937 war die Fasnet von der Partei übernommen. Die „Deutsche Fastnacht“ vereinigte alle Karnevalisten. Fastnachter und Fasnetsvereine. Die Fasnet wurde „ideologisch aufgeladen“, angeblich auf urgermanische Wurzeln zurückgeführt.
Bürgermeister Klingler war bei einem Autounfall 1936 ums Leben gekommen. Sein Nachfolger Fritz Arnold, aus Lauterbach stammend, ein noch fanatischerer Nazi und Rassist. Die „Närrische Wahrheit“ begrüßt ihn freudig. Doch Arnold verweigert der Narrenzunft den sonst üblichen Zuschuss zum Brezelsegen. Für einen „historischen Umzug“ im Jahr 1938 gewähre er einen Zuschuss von 150 Mark.

Der Antisemitismus häuft sich
In der „Närrischen Wahrheit“ von 1938 spießen die Autoren Arnolds Bestreben die Nachbarorte Sulgen, Lauterbach und Aichhalden einzugemeinden. In einem Gedicht zu einem neuen Wappen unter anderem mit der Lauterbacher Stumphos‘ heißt es: „Die Juden mit den krummen Nasen, vor Freud sich mancher toll besoff, sie würden in die Welt nausblasen, wir hätten Mangel auch an Stoff.“

Auch an anderen Stellen finde sich eine Reihe antisemitischer Bemerkungen. Es geht um die Weltpolitik, den Völkerbund. Kohlmann sieht darin den Versuch der Narren, bei Arnold „gut Wetter zu machen“. Doch dieser will der Fasnet eine andere Richtung geben.

1939: Tanz auf dem Vulkan
Die letzte Ausgabe vor dem Krieg nennt sich „Närrische Wahrheiten“ – im Plural -und ist grafisch sehr bunt aufgemacht. Sie hat nur noch vier Seiten und ist gefüllt fast ausschließlich mit harmlosen, „komplett unpolitischen Gschichtle“, so Kohlmann.
Es komme einem vor wie ein Tanz auf dem Vulkan. Vor dem großen Knall feiert man noch eine fast orgiastische Fasnet mit Bach-na-Fahrt, ahnend was kommt.


Fazit und Zweifel
Während die ersten beiden Ausgaben nach der „Machtergreifung“ noch „frech und mutig“ waren, so Kohlmanns Fazit, waren die folgenden Ausgaben immer angepasster, beeinflusst vom „braunen Zunftschreiber Oskar Eisele“.
In der Diskussion wies Ehrenzunftmeister Hubert Dold darauf hin, dass vor etwa 25 Jahren Dr. Klaus Grüner sich furchtbar aufgeregt habe, als Kohlmann die Theorie vorgetragen habe, mit Kummer und mit Sorge sei der Nazi Siegfried Kummerverewigt worden. Sein Vater Erwin habe bestimmt nicht den Kummer Sigger gemeint, als er den Text zum Narrenmarsch geschrieben habe. Auch kämen in anderen Narrenmärschen die Begriffe Kummer und Sorge ebenfalls vor, so Dold.

Wie dem auch sei – singen werden die Schramberger den Marsch in den kommenden Wochen mit Inbrunst und meist ohne Wissen um den historischen Hintergrund.



