Das stinkende Wunder von Rottweil

Ein NRWZ-Fasnetsgutsle.

In der Rottweiler Auferstehung-Christi-Kirche ist 2025 ein kleines Wunder geschehen – allerdings eines, das nicht nach Weihrauch roch, sondern nach flüchtender Gemeinde: Ein Marder (oder dessen Überreste) legt das Gotteshaus mit Verwesungsgeruch lahm und sorgt in ganz Deutschland für Schlagzeilen. Ausgerechnet ein Stinktierchen wird zum kuriosen Star und macht die Kirche zur Bühne des „stinkenden Wunders“.

Am Anfang war der Geruch. Zart, kaum wahrnehmbar, so wie der Moment, wenn man sich fragt: „Riechst du das auch – oder bilde ich mir das ein?“ Wenige Tage später stellte sich heraus: Nein, das ist keine Einbildung, das ist ein Statement. Irgendwo in der Auferstehung-Christi-Kirche hatte ein Marder beschlossen, seine ganz eigene Form der Raumbeduftung zu hinterlassen.

Der Name der Kirche bekam plötzlich eine neue Ebene. „Auferstehung Christi“ – nur die Nase wollte davon nichts wissen. Sie sprach eher von „Hinübergehen aller frischen Luft“. Der Heilige Geist mag wehen, wie er will, gegen die Duftnote „Marder, reif“ ist selbst Pfingsten machtlos. Die Gemeinde reagierte pragmatisch: Alle raus, Türen zu, Gottesdienste ins Gemeindezentrum.

Der Marder selbst blieb unsichtbar. Kein dramatischer Auftritt, kein leibhaftiger Störenfried, nur sein olfaktorisches Vermächtnis. Kammerjäger kletterten, suchten, bohrten, der Geruch blieb. Wenn es einen Patron für passive Aggression gibt, dann hat er Fell und Pfoten. Aus sicherer Dunkelheit heraus legt er fest, wer in der Kirche bleibt und wer lieber doch nicht.

Während in Rottweil die Kirchentür verschlossen bleibt, öffnet sich dafür der Rest des Landes. Plötzlich taucht der Fall in Nachrichtentickern, Onlineportalen und TV-Beiträgen auf: „Marder legt Kirche lahm“ – eine dieser Schlagzeilen, die schon nach Pointe klingt, bevor man den Text gelesen hat. In sozialen Medien überschlagen sich Wortspiele: „stinkt zum Himmel“, „Tierischer Kirchenaustritt“, „Weihrauch reicht nicht“.

Besonders beliebt ist die Wendung vom „stinkenden Wunder“. Endlich mal ein Wunder, das nicht nur gesehen, sondern vor allem gerochen wird. Ein kleines Tier schafft, was sonst kaum gelingt: Es bringt die Leute dazu, über Kirche zu reden – und zwar mit einem Lächeln im Gesicht. Nicht über Skandale oder Strukturdebatten, sondern über die Frage, wie viel Humor eine Gemeinde mitbringen muss, wenn sie Sonntag morgens an Flatterband und Hinweisschildern vorbeigeleitet wird.

Die Gemeinde nimmt es mit Fassung. Da wird von Münzen erzählt, die der Marder in einen Lüftungsschacht geschleppt haben soll – eine Art unfreiwilliger Kollekten-Dienst mit sehr eigenen Methoden. Man gewöhnt sich an improvisierte Gottesdienste im Ausweichquartier, an die Geschichte, die man Verwandten am Telefon erzählen kann: „Wir können gerade nicht in die Kirche. Nein, nicht wegen Umbau. Wegen Geruch.“

Das „stinkende Wunder“ hat damit etwas Versöhnliches. Es ist keine Tragödie, niemand kommt zu Schaden, und doch bringt es Bewegung ins Dorf. Man lacht, man stöhnt, man erzählt – und am Ende wird man sich noch in Jahren daran erinnern, als es „damals mit dem Marder“ war. Andere Orte haben große Wallfahrten, Rottweil hatte für ein paar Wochen eine unfreiwillige Duftwallfahrt: nur eben in die andere Richtung.

Vielleicht liegt genau darin der Charme dieser Geschichte. In einer Zeit, in der vieles schwer und kompliziert ist, liefert ausgerechnet ein Marder die Art von Wunder, die niemand bestellt hat, aber alle weitererzählen: klein, schräg, ein bisschen eklig – und doch auf seltsame Weise verbindend. Das Wunder besteht nicht darin, dass jemand aufersteht, sondern dass eine ganze Gemeinde es schafft, über einen toten Marder zu lachen, statt sich nur über ihn zu ärgern.

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