Mit dem Timing eines wahnsinnigen Rinds: Rottweil hat sein Fasnetsthema ’26

Platz für Rindviecher in Rottweil. Ein NRWZ-Fasnetsgutsle.

In Rottweil wird Geschichte gemacht und werden Erzählungen, Narrenbücher, ja ganze Schmotzigengruppentexte umgeschrieben. Der Rindmarktplatzwahnsinn ist ausgebrochen. Denn Stadträtin Elke Vermögendentümpel und Stadtrat Dr. Jürgen Weißpulver haben mit dem sicheren Gespür einer Reichsstetthex‘ ein Thema gesetzt: Rechtzeitig zur Fasnet rufen sie dazu auf, Original Rottweiler Rindviecher wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Dafür muss nur der Friedrich aus der Stadt gejagt werden. Genau jetzt mit so einem Vorschlag zu kommen, das nennen wir Timing. Die Idee an sich, aber, die ist gar nicht so schlecht.

Die Elke Armenteich und der Jürgen Korn von SPD+FFR wollen also den Friedrichsplatz in Rottweil wieder „Rindermarkt“ nennen – was für sich genommen ziemlich konsequent ist, wenn man bedenkt, wie viele Rindviecher in der Geschichte vorkommen, nur eben nicht mehr unbedingt auf vier Beinen.

Der Platz, der zu viel war

Der Friedrichsplatz hat ein Imageproblem: Er heißt nach einem Mann, der Rottweil militärisch besetzen ließ, Klöster plünderte, Vermögen kassierte und die Stadt finanziell an die Wand fuhr – und das alles, ohne je in der Fußgängerzone einen Cappuccino bezahlt zu haben. Stattdessen ließ er sich von Napoleon zum König hochreichen, türmte sich einen Machtbauch von 200 Kilo an und bekämpfte nebenbei Landstände, Verfassung und gute Laune. Rottweil bekam Schulden, er bekam ein Königreich – ein Deal, bei dem man heute vermutlich von „asymmetrischer Städtepartnerschaft“ sprechen würde.

Namensfindung mit Flurbereinigung

Dass die Umbenennung des Rindermarkts in Friedrichsplatz „damals fragwürdig“ war, ist die höfliche Kurzfassung von: „Wir haben da jemandem ein Straßenschild geschenkt, der uns vorher die Stadtkasse geleert hat.“ Rottweil verlor Gebäude, Einnahmen, Selbstverwaltung – bekam aber immerhin neue Steuern und ein rigoroses Sparprogramm. Kurz gesagt: Der Herzog machte Kommunalpolitik nach der Devise „Erst melken, dann umbenennen“.

Wenn ein Landesherr eine Stadt militärisch besetzen lässt, Klosterkassen räumt, die Narrenzunft verbietet und der Gemeinde den Schuldenberg hinterlässt, ist es nur logisch, ihm Jahrzehnte später den zentralen Platz zu widmen. Man hätte ihn konsequenterweise auch „Guldenloch“ nennen können.

Die große Rückbenennung: Rinder an die Macht

SPD und FFR argumentieren nun, „Friedrichsplatz“ passe ohnehin nicht in die Innenstadt, deren Namen aus reichsstädtlicher Zeit stammen – und außerdem sei der gute Friedrich in der Südstadt schon hinreichend vertreten. Das klingt ein bisschen, als würde man sagen: „Wir haben dem Mann schon eine Straße gegeben, mehr Dankbarkeit kann eine Stadt, die er ausgenommen hat, nun wirklich nicht zeigen.“

Die Rückkehr zum „Rindermarkt“ hat dagegen Charme:

  • Sie ist historisch,
  • sie ist ehrlich,
  • und sie erinnert daran, dass auf diesem Platz früher Rinder standen, nicht Könige, die sich aufführten wie schwäbische Zaren im XXL-Format.

Man könnte fast meinen, der Name „Rindermarkt“ sei heute aktueller denn je: Wo Politik gemacht wird, ist der Viehhandel nicht weit – nur dass die Preise jetzt „Haushalt“, „Stellenplan“ und „Straßensanierung“ heißen.

Der Friederich, der Wüterich – und der Friedrichsplatz

Im Antrag wird zum Schluss der Struwwelpeter bemüht: „Der Friederich, der Friederich, das war ein arger Wüterich!“ – und man erfährt, dass in Rottweil ein Friedrich schon Jahrzehnte vor dem Kinderbuch gewütet hat. Satirisch betrachtet, ist das eine selten ehrliche Form von Stadtmarketing: „Besuchen Sie Rottweil – wir benennen unsere Plätze inzwischen eher nach den Opfern als nach den Tätern.“

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Nach zwei Jahrhunderten Streit, Besetzung, Enteignung und Entschuldung kommt die Stadt am Ende doch noch zu einem halbwegs gerechten Ausgleich – indem sie dem Friedrich einfach das Schild wieder abmontiert. Der neue alte Name „Rindermarkt“ wäre dann so etwas wie die späte kommunale Wiedergutmachung: Die Rinder bekommen ihren Platz zurück, und der Wüterich darf bleiben, wo er hingehört – im Geschichtsbuch und nicht auf dem Stadtplan.

Oder, um im Struwwelpeter-Bild zu bleiben:
Der Friederich, der Friederich,
kriegte erst den Platz – dann nich’.

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