Der Saal 201 im Landgericht Rottweil, kurz vor Verhandlungsbeginn. Foto: him

Der 2. Juli 2016 wird eini­gen Fami­li­en aus dem Raum Schram­berg-Schiltach noch lan­ge im Gedächt­nis blei­ben. Ein fröh­li­ches Geburts­tags­fest an einem Grill­platz bei Schiltach ende­te mit vier Mes­ser­sti­chen, die einen heu­te 51-Jäh­ri­gen lebens­ge­fähr­lich ver­letz­ten. Der mut­maß­li­che Täter und sein Opfer, aber auch die ande­ren Geburts­tags­gäs­te hat­ten ordent­lich gezecht – so sehr, dass bei der Haupt­ver­hand­lung vor der ers­ten Gro­ße Straf­kam­mer des Land­ge­richts Rott­weil sich sowohl der 34-jäh­ri­ge Ange­klag­te als auch sein Opfer an die ent­schei­den­den Momen­te nicht mehr erin­nern konn­ten.

Aufgewachsen in einer ehemaligen Sowjetrepublik

Um sich ein Bild vom Ange­klag­ten zu ver­schaf­fen, dem die Staats­an­walt­schaft gefähr­li­che Kör­per­ver­let­zung in Tat­ein­heit mit ver­such­tem Tot­schlag vor­wirft, hat der Vor­sit­zen­de Rich­ter Karl­heinz Mün­zer im gro­ßen Sit­zungs­saal den gefasst wir­ken­den Ange­klag­ten aus­führ­lich zur Per­son ver­nom­men. Gebo­ren 1984 in einer ehe­ma­li­gen Sowjet­re­pu­blik  wuchs Andre­as W.* in einem  klei­nen Ort auf. Er besuch­te dort die Schu­le und mach­te eine Aus­bil­dung zum Land­ma­schi­nen­me­cha­ni­ker.

Sei­nen leib­li­chen Vater hat er nicht ken­nen­ge­lernt, die Eltern trenn­ten sich, als W. noch ein Säug­ling war. Die Mut­ter lern­te einen Last­wa­gen­fah­rer ken­nen und hei­ra­te­te ihn. Die Bezie­hung zu sei­nem Stief­va­ter sei gut gewe­sen: „Der Vater war der Ver­die­ner, die Mut­ter hat sich um die Kin­der geküm­mert“, berich­tet W.. Alko­hol habe für den Stief­va­ter nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on schon eine Rol­le gespielt. Weil die Tan­ten schon in Deutsch­land waren, habe sei­ne Mut­ter 2001 die Über­sied­lung nach Deutsch­land beschlos­sen. Er habe als 17-jäh­ri­ger kei­ne Wahl gehabt und sei mit gegan­gen. Der Stief­va­ter sei ein Jah­re spä­ter nach­ge­kom­men.

Start in der neuen Heimat gelingt…

Nach einen Jahr Berufs­vor­be­rei­tungs­jahr und einem Jahr Metall­schu­le arbei­tet Andre­as W.  teils als Zeit­ar­bei­ter teils mit fes­ten Ver­trä­gen bei ver­schie­de­nen grö­ße­ren Betrie­ben in Schram­berg und Schiltach. Schließ­lich fin­det er im Umland in einem klei­nen Betrieb als Maschi­nen­be­die­ner eine Arbeit, die ihm gefällt. Der Chef lässt ihn eine Aus­bil­dung als Zer­spa­nungs­me­cha­ni­ker machen. Damit er mit sei­ner klei­nen Fami­lie über die Run­den kommt, schafft er sams­tags zusätz­lich.

Das klingt fast per­fekt, wäre da nicht der Alko­hol. Vor sei­ner Ehe habe er sich regel­mä­ßig am Wochen­en­de mit sei­nen Kum­pels getrof­fen. „Eine Fla­sche Wod­ka zu zweit, und sechs Fla­schen Bier, das ist so zur Gewohn­heit gewor­den.“ Nach der Hoch­zeit 2009 habe er zwar auch noch getrun­ken, aber eher, wenn Besuch kam. Die klei­ne Fami­lie trifft sich mit sei­nen Eltern, den bei­den Tan­ten und deren Freun­den und Bekann­ten.

… wenn der Alkohol nicht wäre

So auch an die­sem 2. Juli 2016. Da fei­ert eine der Tan­ten ihren 45. Geburts­tag, und drei Fami­li­en fah­ren zum Grill­platz „Tie­fen­bach“ bei Schiltach. „Wir haben gefei­ert, Musik gehört, geges­sen, gespielt und getrun­ken“, erzählt Andre­as W. Die Musik kam aus sei­nem Auto. Als man spät abends wie­der nach Hau­se woll­te – da war die Auto­bat­te­rie leer. Gemein­sam scho­ben sie das Auto an auf  einem Weg unter­halb vom Grill­platz. Mit lau­fen­dem Motor räu­men die Geburts­tags­gäs­te auf. Kurz vor 23 Uhr soll die Rück­fahrt begin­nen.

Das spä­te­re Opfer Wal­de­mar K.* hat­te sei­nen Sohn  ange­ru­fen, damit die­ser sei­ne Frau und ihn abho­le. Der Stief­va­ter sitzt im Auto einer der Tan­ten. Am Steu­er des Autos des Ange­klag­ten die Ehe­frau. Auf dem schma­len Sträß­le kommt die Kolon­ne nach weni­gen Metern zum Ste­hen, denn der Stief­va­ter steht plötz­lich auf der Stra­ße und will unbe­dingt mit sei­nem Citro­en nach Hau­se fah­ren.

Dar­aus ent­wi­ckelt sich ein Streit zwi­schen Stief­va­ter und Stief­sohn. Wal­de­mar K. sagt spä­ter aus, er sei dazwi­schen gegan­gen und habe Andre­as W. fest­ge­hal­ten. „War­um ihn und nicht den sturz­be­trun­ke­nen Stief­va­ter“, fragt Rich­ter Mün­zer. Ob Andre­as W. den Stief­va­ter belei­digt habe. Wal­de­mar K. zögert, kann sich nicht mehr erin­nern.

Gedächtnislücken

Auch was dann geschah, bleibt schwie­rig zu rekon­stru­ie­ren. Irgend­wie stür­zen Andre­as W. und Wal­de­mar K. in ein nahe der Stra­ße vor­bei flie­ßen­des Bäch­le. Der Ange­klag­te schil­dert es so: Wal­de­mar sei auf ihm gele­gen, sein Gesicht teil­wei­se unter Was­ser. Er habe sich umge­dreht und in sei­ner Arbeits­ja­cke sein Ves­per­mes­ser gefun­den und auf K. ein­ge­sto­chen. „Ich kann mich nicht erin­nern, wie vie­le Sti­che es waren. Ich woll­te nie­man­den töten, es tut mir wirk­lich leid.“

Rich­ter Mün­zer fragt: „Was hat­ten Sie mit dem Mes­ser vor?“ – „Ich weiß es nicht. Ich hat­te Panik, dass er mich unter Was­ser drückt.“ Er weiß noch, dass er aus dem Bach geklet­tert ist, sei­ne Ver­wand­ten auf­ge­for­dert hat, einen Kran­ken­wa­gen zu rufen und er mit­ge­hol­fen habe, Wal­de­mar K. aus dem Bach zu zie­hen.

Wal­de­mar K. hat eben­falls Gedächt­nis­lü­cken, weil er beim Sturz in den Bach mit dem Kopf auf einen Stein gefal­len sei. Er weiß aber noch genau, dass er unten lag und ihm der Ange­klag­te das Mes­ser an die Keh­le gehal­ten und geschrien habe: „Willst du, dass ich dir die Keh­le durch­schnei­de?“ Er habe erwi­dert: „Andre­as, Du hast zwei Kin­der, ich habe zwei Kin­der, hör‘ auf.“ Dar­auf­hin sei die­ser auf­ge­stan­den und weg­ge­gan­gen.

Als nächs­ter Zeu­ge sagt mit Hil­fe einer Rus­sisch-Dol­met­sche­rin der Stief­va­ter aus. Doch der erweist sich als wenig hilf­reich: „Ich hab‘ schon bei der Poli­zei nicht mehr gewusst, was pas­siert war, und jetzt ist es fast drei Jah­re her“, erklärt der 62-Jäh­ri­ge dem Rich­ter. Nach ein paar ver­geb­li­chen Anläu­fen, doch noch irgend­et­was Bedeu­tungs­vol­les aus dem Zeu­gen her­aus zu bekom­men, gibt Mün­zer auf.

Beide leiden unter den Folgen

Die Fol­gen der vier Mes­ser­sti­che waren für Wal­de­mar K. gra­vie­rend: Vier Ope­ra­tio­nen, ein Herz­in­farkt lan­ge Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te, ein hal­bes Jahr krank geschrie­ben. Inzwi­schen arbei­tet Wal­de­mar W. wie­der, muss aber regel­mä­ßig zur Nach­un­ter­su­chung und Medi­ka­men­te neh­men.

Der Ange­klag­te Andre­as K. ver­brach­te eine knap­pe Woche in Unter­su­chungs­haft. Er hat dann sei­ne Aus­bil­dung abge­schlos­sen, ist nach einem hal­ben Jahr zur Sucht­be­ra­tung gegan­gen, scheint sein Leben in den Griff zu bekom­men. Auch wenn ihn hohe Schul­den belas­ten. Der Arbeit­ge­ber des Opfers will Geld für die Ver­dienst­aus­fall­ent­schä­di­gung, die Kran­ken­kas­se for­dert 45.000 Euro für die Behand­lung.

Das Land­ge­richt Rott­weil

Das Opfer Wal­de­mar W. sagt, der Ange­klag­te lüge, wenn er behaup­te, er, Wal­de­mar habe ihn unter Was­ser gedrückt. Er ist auch ent­täuscht, dass sich Andre­as K. nie bei ihm gemel­det hat. Er appel­liert den­noch an das Gericht: „Las­sen Sie ihn bei sei­ner Fami­lie, er hat drei klei­ne Kin­der.“

Das Gericht will ein wei­te­res hal­bes Dut­zend Zeu­gen ver­neh­men. Auch wer­den eine Gerichts­me­di­zi­ne­rin und ein psych­ia­tri­scher Gut­ach­ter zu den Stich­ver­let­zun­gen und zur Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten aus­sa­gen.

Die Staats­an­walt­schaft geht davon aus, dass der Ange­klag­te wegen der „hohen Alko­ho­li­sie­rung zur Tat­zeit“ nur ver­min­dert schuld­fä­hig war. Ob sich das Gericht dem anschlie­ßen wird, wird sich an den nächs­ten vier Ver­hand­lungs­ta­gen zei­gen. Das Urteil soll am 18. April ver­kün­det wer­den.

*Zum Schutz der Betei­lig­ten und ihrer Fami­li­en sind alle Namen der Betei­lig­ten geän­dert.