Gleich zwei Premieren hat Podium Kunst am Sonntag mit seiner neuen Ausstellung gefeiert: Zum ersten Mal zeigt der Schramberger Kunstverein Keramik und zum ersten Mal stellen zwei Schwestern gemeinsam aus. Deren Arbeiten würden sich „wunderbar ergänzen“, so der Vorsitzende von Podium Kunst Lars Bornschein in seiner Begrüßung.
Schramberg. Die drei Räume im Schloss haben die Schwestern Ruth Rosa Stützle-Kaiser und Elisa Stützle-Siegsmund gemeinsam mit Rémy Trevisan gestaltet. Den mittleren Raum dominieren große, archaisch wirkende Tongefäße von Elisa Stützle-Siegsmund.

Archaisch wirkende Gefäße
In klassischer Aufbaukeramik mit aufeinandergesetzten Tonplatten hergestellt, sind sie leicht asymmetrisch. Sie arbeite gern mit Ton, erzählt Stützle-Siegsmund beim Aufbau. Sie habe zwei Jahre in den USA Keramik studiert. „Ich will das Material nicht an seine Grenzen treiben“, versichert sie. „Ich versuche auszuloten, was es zu sagen hat.“ Für ihre Glasuren verwendet sie ausschließlich Erden wie Löss, Ocker oder auch Asche, keine künstlichen Glasuren.
Lange Zeit sei Ton als Material in der Kunst verpönt gewesen. Nun komme er wieder, auch weil die Menschen ein neues Verständnis für Ökologie entwickelten, hat die Künstlerin beobachtet.
Monochrome Bilder in Pflanzenfarbe
Im zweiten Raum hat Ruth Rosa Stützle-Kaiser mehrere große monochrome Bilder aufgehängt. Jedes Bild ist mit der Farbe einer Pflanze wie Krapp, Walnuss oder Indigo gemalt.

Wobei „gemalt“ den Vorgang nicht korrekt wiedergibt. Anders als bei der klassischen Malerei auf Leinwand färbe sie die gesamte Leinwand. Wer mit Öl oder Acryl auf Leinwand malt, grundiert zunächst die Leinwand, damit die Farbe nicht in die Fasern eindringt. Ruth Rosa Stützle-Kaiser hingegen taucht ihre Leinwände komplett in einen Eimer oder Topf mit der zuvor aus Pflanzen hergestellten Farbe und spannt sie dann auf den Keilrahmen. „Bei mir ist das Textil nicht nur der Untergrund, sondern Hauptdarsteller.“
Für jede ihrer Pflanzenfarben hat sie eigene Rezepte entwickelt oder sich angeeignet. Sie erinnert daran, dass bis zum ersten Weltkrieg praktisch ausschließlich Naturfarben verwendet wurden. „Ich will zeigen, wie schön diese Farben sind.“

Schon als Kinder Naturkundlerinnen
Die Schwestern Ruth Rosa und Elisa sind in Bad Saulgau auf dem Land aufgewachsen. „Wir waren beide Naturkundlerinnen“, erinnert sich Elisa Stützle-Siegsmund. Sie hätten Steine gesammelt, Pflanzen gepresst und in ihrem Zimmer arrangiert.
Doch bevor sie zur Kunst fanden, gingen die beiden zunächst andere berufliche Wege: Elisa Stützle studierte an der Technischen Hochschule in Stuttgart und arbeitete als Ingenieurin. Ruth Rosa Stützle studierte Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Tübingen und Bremen.
Wissenschaftliches Interesse und künstlerisches Gestalten
In ihrer Einführung ging Dr. Antje Lechleiter aus Freiburg auf die beiden Materialbereiche Erde und Pflanzen ein, „die sich durch ihren engen Bezug zur Natur auf vielfache Weise miteinander verflechten“. Die Schwestern verbinden „ihr geradezu wissenschaftliches Interesse an Geologie und Botanik mit künstlerischen Gestaltungsformen“. Damit lenkten sie den Blick auf die Schönheit der Erde und den drohenden Verlust von Landschaftsräumen und Vegetationsreichtum.

Lechleiter hat auch Überschneidungen bei den Farbtönen erkannt, wenn Ruth Rosa Gallapfel verwendet und Elisa Lösserde, entstehe ein ähnlicher Farbton.
Ruth Rosa Stützle-Kaisers Hinwendung zu Naturfarben habe die Brandkatastrophe in einer Textilfabrik in Bangladesch ausgelöst. Damals seien zahlreiche Arbeiterinnen an den giftigen Gasen von brennenden Chemikalien erstickt. Stützle-Kaiser habe daraufhin nachgeforscht und sei auf die Naturfarben gestoßen und damit auf umweltschonendere und nachhaltigere Färbeverfahren. Deren „Nachteil“: Das Färbeergebnis ist jedes Mal anders, abhängig vom Wetter, dem Wachstum der Pflanzen oder der Regenmenge.

Experimente mit Wachs und Harz
Neben den monochromen Bildern zeigt Stützle-Kaiser auch eine experimentelle Serie großformatiger Bilder in der „Reservetechnik“. Dabei bedeckt sie Teile der Leinwand mit Wachs, Paraffin und Harz, die jeweils bei anderen Temperaturen schmelzen. Dadurch wird die Farbe unterschiedlich aufgenommen. So entstehen mehrfarbige Werke. „Dabei kann ich das Ergebnis nicht so genau steuern“, so Ruth Rosa Stützle-Kaiser, „auch der Zufall spielt da mit.“

In einem dritten Zyklus zeigt sie, „dass man quasi mit Fäden zeichnen kann“, wie Lechleiter bemerkt.
„Kraftvolle Körperlichkeit“
Bei den Keramiken von Elisa Stützle-Siegsmund hebt sie die „die kraftvolle Körperlichkeit ihrer Werke“ hervor, „die Raum in sich aufnehmen beziehungsweise sich weit in den Raum hinein dehnen“.

Neben den großen Formaten im mittleren Raum zeigt die Keramikerin zwei Serien mit „dosenförmigen Objekten“ und geschlossene Formen „Bienenkörbe“. Bei der Glasur mit natürlichen Stoffen komme es besonders auf die Temperatur an, so Lechleiter. Die Gefäße würde Stützle-Siegsmund mehrfach glasieren und brennen: „Auf diese Weise ergibt sich eine sehr malerisch-prozesshafte Vorgehensweise, die quasi ein Anwachsen von Farbe beinhaltet und jedes Stück einzigartig macht.“
Mahnmal für die Zerbrechlichkeit unserer Umwelt
Lechleiter bemerkte abschließend, die beiden Künstlerinnen hätten die Eigenschaften ihrer Werkstoffe mit großer Sorgfalt erforscht. „Gleichzeitig erzählen ihre Farben und Materialien von einer Welt, die heute durch menschliches Handeln bedroht ist.“ Die Bilder und Gefäße würden so „zu einem Mahnmal für die Zerbrechlichkeit unserer Umwelt und zu einem stillen, aber eindringlichen Appell an unsere Verantwortung“, schloss Lechleiter.

Bornschein lud abschließend die zahlreichen Besucher der Vernissage ein, die Kunstwerke zu studieren – und gerne auch zu kaufen. Beim Begleitprogramm wies er darauf hin, dass der geplante Vortrag und Workshop von Kathrin Wollenweber wegen einer Terminüberschneidung um eine Woche auf den 8. Februar verschoben werden müsse.



