Fünf Wochen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg stehen die Chancen von Manuel Hagel auf das Amt des Ministerpräsidenten gut – ein Sieg ist jedoch keineswegs garantiert. Das ist die Ausgangslage für den Neujahrsempfang der CDU im Kreis Rottweil, der am heutigen Sonntagabend stattfindet und bei dem Hagel als Hauptredner auftreten wird. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Kraftwerk Rottweil (Neckartal) und gilt als einer der politischen Höhepunkte dieses Landtagswahlkampfs.
Der CDU-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Stefan Teufel lädt zur Teilnahme ein und betont die Bedeutung des Abends: „Manuel Hagel ist der politische Impulsgeber für die Landespolitik der kommenden Jahre. Mit ihm werden wir Baden-Württemberg in den entscheidenden Politikfeldern wie Wirtschaft, Sicherheit und Bildung kraftvoll voranbringen“, so der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Teufel.
CDU mit komfortablem Vorsprung in Umfragen
In den aktuellen Umfragen liegt die CDU im Südwesten stabil an erster Stelle. In einer der jüngsten Erhebungen kommt sie auf rund 30 bis 31 Prozent und führt damit klar vor AfD und Grünen. Die AfD wird bei etwa 20 Prozent gesehen, die Grünen erreichen derzeit Werte zwischen 17 und 23 Prozent und haben ihren Rückstand auf die Union zuletzt leicht verkürzt. Für die CDU wäre ein solches Ergebnis ein deutlicher Machtgewinn: Erstmals seit dem Fukushima-Jahr 2011 könnte sie das Staatsministerium in Stuttgart wieder erobern.
Derzeit regiert im Land eine grün-schwarze Koalition unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Nach 15 Jahren an der Spitze tritt der 77-jährige Kretschmann nicht erneut an. Die Grünen setzen mit Cem Özdemir auf einen bundespolitisch bekannten Nachfolger. Auf Seiten der CDU ist der 37-jährige Fraktions- und Landesvorsitzende Manuel Hagel Spitzenkandidat – mit dem erklärten Ziel, die Grünen zu überholen und den Regierungschef zu stellen.
Persönlichkeitsfrage: Özdemir liegt vorn
Während die CDU in der Parteipräferenz deutlich führt, fällt das Bild bei der Bewertung der Spitzenkandidaten anders aus. In mehreren Umfragen liegt Cem Özdemir in einer fiktiven Direktwahl des Ministerpräsidenten klar vor Manuel Hagel – er ist der Publikumsliebling, wie die NRWZ titelte (wir berichten hier und hier). So sieht etwa Infratest dimap im Januar Özdemir bei knapp 40 Prozent Zustimmung, Hagel kommt auf rund 19 Prozent. Ein weiterer Ländertrend attestiert Özdemir Werte um 41 Prozent, Hagel bei etwa 17 Prozent.
Zudem ist Hagel vielen Bürgerinnen und Bürgern bislang wenig bekannt. Laut dem Baden-WürttembergTREND können sich 59 Prozent der Befragten noch kein Urteil über seine politische Leistung bilden. Unter denen, die ihn kennen, überwiegt die Kritik leicht: 22 Prozent äußern sich unzufrieden, 19 Prozent zufrieden. Özdemir dagegen ist deutlich präsenter – und der einzige Spitzenkandidat, bei dem Zustimmung die Ablehnung übersteigt. Selbst unter CDU-Anhängern ziehen Umfragen zufolge viele den Grünen-Politiker als Landeschef dem eigenen Spitzenmann vor.
Koalitionspoker wird entscheidend
Entschieden wird das Rennen um das Staatsministerium nicht in einer Direktwahl, sondern im Landtag. Zwar wünschen sich laut Infratest derzeit rund 40 Prozent der Menschen im Land eine CDU-geführte Regierung und 32 Prozent ein grünes Kabinett. Doch welche Person letztlich Ministerpräsident wird, hängt maßgeblich von den möglichen Koalitionsoptionen ab.
Eine klassische Große Koalition aus CDU und SPD hätte aufgrund der angeschlagenen Sozialdemokraten nur geringe Chancen auf eine stabile Mehrheit. Auch Modelle mit der FDP bleiben unsicher.
Beobachter sehen lediglich wenige stabile Mehrheitsvarianten. Möglich wäre etwa eine von der CDU geführte Koalition mit den Grünen oder der FDP – in diesem Fall hätte Hagel als Chef der stärksten Partei gute Karten. Gelingt es dagegen den Grünen, gemeinsam mit SPD und gegebenenfalls der FDP eine Mehrheit gegen die Union zu organisieren, könnte Özdemir trotz der geringeren Parteistärke Ministerpräsident werden.
Hagels Ausgangslage
Hagel selbst steht für den Generationswechsel in der Südwest-CDU. Der frühere Sparkassen-Filialleiter aus dem Alb-Donau-Kreis hat innerhalb weniger Jahre den Aufstieg vom jungen Kreispolitiker zum Generalsekretär, Fraktionschef und schließlich Landesvorsitzenden geschafft. Innerparteilich gilt er als derjenige, der einen lange zerstrittenen Verband befriedet und auf eine gemeinsame „Machtoption“ eingeschworen hat. Sollte er die Grünen im März deutlich hinter sich lassen, wäre er der jüngste Ministerpräsident in der Geschichte Baden-Württembergs.
Im Wahlkampf wirbt Hagel mit dem Versprechen eines „neuen Antriebs“ für das von wirtschaftlichen Sorgen und Transformationsdruck geprägte Land. Zugleich muss er den Spagat schaffen, konservative Stammwähler zu binden und in der politischen Mitte mit einem persönlich populäreren Gegner zu konkurrieren. Dass auch Bundes-CDU-Chef Friedrich Merz unter Erfolgsdruck steht, erhöht den Erwartungsdruck an ein starkes Ergebnis im Südwesten zusätzlich.
Fazit: Chancen gut – Ausgang offen
Im Ergebnis geht Hagel als Favorit der Zahlen, nicht der Herzen, in die heiße Phase des Wahlkampfs. Die CDU führt in allen relevanten Umfragen klar, und viele Menschen im Land wünschen sich ausdrücklich eine unionsgeführte Regierung. Gleichzeitig ist sein grüner Herausforderer in der Persönlichkeitsfrage deutlich voraus, viele Wähler kennen Hagel bislang kaum – und die Koalitionsarithmetik könnte Konstellationen hervorbringen, in denen die stärkste Partei nicht automatisch den Regierungschef stellt.
Für den Südwesten – und damit auch für den Landkreis Rottweil – bleibt die Landtagswahl am 8. März ein echter Entscheidungstermin: Ob Manuel Hagel tatsächlich ins Staatsministerium einzieht, entscheidet sich erst im Zusammenspiel von Wahlergebnis, Koalitionsverhandlungen und der Frage, wie stark er in den kommenden Wochen noch an Bekanntheit und Profil gewinnt. Eine Gelegenheit hat er dazu am heutiogen Abend in Rottweil.



