Die zwei Seiten des unruhigen Vogelviertels

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ROTTWEIL. Es brennt ständig was. Alle paar Tage muss die Feuerwehr Rottweil in die Altstadt, ins sogenannte Vogelviertel ausrücken. So haben wir diesen Beitrag am 18. Januar eingeleitet. Damals war ein drohender Gebäudebrand befürchtet worden (siehe unten). Nunmehr, rund 14 Tage später, brennt es wieder. Biomüll und Zeitungspapier, erfahren wir. Was deutlich wird, noch während die Löscharbeiten und die Ermittlungen der Polizei laufen: Es gibt dort, in der Vogelsangstraße und der direkten Umgebung, ein massives (zwischen-)menschliches Problem.

Freitag, 3. Februar, wieder muss die Feuerwehr mit einem Löschfahrzeug in die Vogelsangstraße ausrücken. Diesmal ist es, wie schon zwei Wochen zuvor, nur kokelnder Biomüll. Alles halb so wild. Eigentlich. Im Mittelpunkt des Geschehens, das Jahre zurückreicht, steht ein Anwohner und Hausbesitzer eingangs der Vogelsangstraße. Ein streitbarer Anwohner. Jemand, der nach eigenen Angaben nicht davor zurückschreckt, Anzeigen zu erstatten gegen jeden und jede, die ihm dies wert zu sein scheinen. So auch gegen den Verfasser dieses Beitrags, gegen den ein Strafantrag gestellt worden sei, weil er immer einen solchen Mist schreibe. Sagt der Anwohner. Sei’s drum. Die Nachfragen dazu führen rasch zu angeblich fehlenden Grenzsteinen an seinem Grundstück und anderen Themen.

Der Anwohner, nennen wir ihn Herrn X., tut an diesem Freitagabend etwas Überraschendes: Er bittet den Reporter, gegen den er nach eigenen Angaben bereits juristisch vorgeht, auf sein Grundstück. Eigentlich ein No-Go. Wer das Privatgelände von Herrn X. betritt, kann sich sicher sein, angezeigt zu werden. Ob Polizist oder Einsatzkraft der Feuerwehr, einerlei. Ein Rottweiler Feuerwehrmann steckte der NRWZ einmal, er allein sei von Herrn X. schon fünfmal angezeigt worden. Dabei könne er doch im Einsatzgeschehen keine Rücksicht auf Grundstücksgrenzen nehmen. Die Verfahren würden jedenfalls jedes Mal eingestellt.

Nun aber will Herr X. reden, wie er es mit der NRWZ schon einmal getan hat. Nämlich darüber, dass er sich von seinen Nachbarn drangsaliert und falsch verdächtigt fühlt. Eine Nachbarin soll ihn schon angezeigt haben, er würde Leute mit dem Tode bedrohen. Dabei sei er ein friedliebender Mensch, der niemandem etwas Böses wolle, der nur reagiere, wenn man ihn belästige oder angreife. Oder wenn jemand Straßenschilder verbiegt oder wenn jemand auf einem städtischen Grundstück falsch parkt. Wie der Reporter der NRWZ.

Herr X. aber tut an diesem Freitagabend noch etwas Überraschendes: Er verlässt sein Haus, um mit dem Reporter zu reden. Dem Vernehmen nach öffnet er etwa klingelnden Polizeibeamten nicht. Er sagt auch beiläufig, dass es in seinem Haus unordentlich sei. Aber wie solle er bei all dem Ärger denn drinnen noch aufräumen?

Zuvor schon hatten die Nachbarn von Herrn X. den Reporter angesprochen. Erklärt, sie seien vor zwei Monaten ganz unvoreingenommen hergezogen. Junge Leute, die sich in dem Haus in der Hoffnung auf ein schönes Leben niedergelassen hätten. Und jetzt gebe es nichts als Streit. Und ständig Feuerwehreinsätze. Und vier abgestochene Autoreifen. X. wird später von fünf berichten, er weiß vieles besser.

Natürlich auch, wann man Hecken schneidet und wann eben nicht. Deshalb habe er die Nachbarn gerade angezeigt, keine Frage. Wer hat in diesem Vogelviertel, in unmittelbarer Umgebung von Herrn X., eigentlich noch keine Anwalts- oder gar Gerichtspost im Briefkasten gehabt?

Zurück zu den neuen Nachbarn. Diese hätten nun laut Herrn X. eine Videokamera installiert, die auf sein Haus gerichtet sei. Und die Herrn X. auf Schritt und Tritt vor seinem eigenen Haus, auf seinem Grundstück beobachten soll. In der Hoffnung, dass er bei einer Straftat gefilmt wird? Dass er endlich einwandert, dass Ruhe ist?

Unklar. Aber die neuen Nachbarn von Herrn X. schrecken nicht vor einer fiesen Provokation zurück. „Wie geht’s der Mama“, ruft der junge Nachbar an diesem Freitagabend zu Herrn X. rüber – wohl wissend, dass dessen Mutter verstorben ist, nachdem er sie nach eigenen Angaben 18 Jahre lang zuhause gepflegt habe. Und man sie im Krankenhaus unzureichend behandelt habe (aber dies ist eine andere Geschichte). X. reagiert auf die Provokation fassungslos, der Reporter fragt beim Nachbarn nach, warum er das getan habe, und wird stehen gelassen.

Nur wenige Minuten zuvor tritt ein anderer Nachbar zu X. und dem Reporter, die sich gerade unterhalten. Dieser Nachbar, nennen wir ihn Herrn R., hört sich zunächst X. Vorwürfe gegen seinen Vater geduldig an, der X. angezeigt habe und all so etwas. Dann aber möchte er etwas loswerden, das der Reporter gerne hören dürfe. Dass es nicht immer so glimpflich verlaufen müsse, wie heute, schreibt Herr R. Herrn X. ins Stammbuch. Dass es auch mal anders ausgehen könne. Ist das eine Gewaltandrohung? Der groß gewachsene, breitschultrige R. lässt später im Vieraugengespräch mit dem Reporter kaum einen Zweifel daran. Man wird sich allerdings einig, dass Gewalt keine Lösung sei. Jedenfalls nicht auf Dauer. X., selbst kein Kind von Traurigkeit, schleudert R. noch ein paar der übelsten Schimpfworte hinterher. Dieser Graben zwischen den beiden ist nun noch ein klein wenig tiefer.

Aber was wäre eine Lösung? „Dass Sie endlich im Gefängnis landen“, meint ein Unbekannter, der X. unlängst einen Zeitungsartikel mit dieser Empfehlung in den Briefkasten gesteckt haben soll. Da die Notiz handschriftlich war, hat die Polizei laut X. Schriftproben von verdächtigen Nachbarn eingefordert. Gleich drei an der Zahl, X. hat einige Feinde, so scheint es.

Bislang verlief aber, das erzählt er beiläufig auch selbst, jedes Verfahren gegen ihn im Sande. Dass er schon eine Nacht in der Arrestzelle der Polizei verbracht hat? Geschenkt, linke Pobacke. In einer psychiatrischen Klinik, in die ihn so mancher bringen wolle, würde er nicht lange bleiben müssen. Nach spätestens 72 Stunden wäre er da raus, erklärt X., der auch oft seinen Anwalt erwähnt. Dennoch: Er, X., soll hinter jahrelangen, fast immer kleinen Brandstiftungen und hinter Sachbeschädigungen stecken. Hinter all dem Ärger im Vogelviertel.

X. hat da aber oft eine andere Geschichte, eine andere Version der Wahrheit parat. Die Beschuldigungen zu den jüngsten Brandstiftungen sind längst wechselseitig. Jeder zeigt auf sein Gegenüber.

Und das ist das traurige, nicht zufriedenstellende Fazit an diesem Abend: Der seit Jahren schwelende und bisweilen offen verbal ausgetragene Streit zwischen Herrn X. und einigen – nicht allen seinen – Nachbarn, der ist längst in einem Stadium angekommen, in dem keiner mehr zurückweichen möchte. Zu oft hat man einander provoziert, beschimpft, bezichtigt, angezeigt, verklagt. Zwei Seiten sind es, die sich hier unversöhnlich gegenüberstehen und die nicht zurückweichen. Sei es aus Trotz, aus Unvernunft, aus einem medizinischen Grund oder weil es einfach reicht, weil längst zu viel passiert ist.

Die Staatsmacht, das haben wir ausgeführt, hat kaum eine Handhabe – wobei eine Behörde mitunter auf die andere verweist. Und die Feuerwehr – die muss weiterhin alle paar Tage anrücken.

Gebäudebrand befürchtet am 18. Januar

„Rauchentwicklung unklar aus Gebäude.“ Das ist schon ein Brand der Stufe 3, der hier gemeldet worden ist. Menschenleben und Sachwerte könnten in akuter Gefahr sein, die Feuerwehr rückt an diesem 18. Januar daher mit hoher Anspannung an. Dazu das Rote Kreuz, zunächst mit einem Rettungswagen. Die nächsthöhere Stufe, B4, bedeutete noch mehr Einsatzkräfte, aber dann wäre es auch bereits ein bestätigter Gebäudebrand. Am Mittwochabend, das hatte nach lauter Mülleimerbränden mal wieder eine neue Qualität.

Die bislang folgenreichsten Ereignisse: Am frühen Morgen des 24. Mai 2022 brennt ein Carport vor einem Haus eingangs der Vogelsangstraße. Und am vergangenen Samstag, dem 16. Juli 2022, geht eine Gartengarnitur in Flammen auf, bestehend aus fünf Stühlen und einem Tisch. Das alles auf der Terrasse. Auf dem Grundstück des dazugehörigen Hauses ist nunmehr erneut der Brand gemeldet worden.

Jetzt war es nur eine vor sich hin kokelnde Biomülltüte. Wieder einmal. Eine solche brannte erst neulich, am Montag, vor zwei Tagen, auf dem Altstadtfriedhof. An diesem mündet die Vogelsang- in die Göllsdorfer Straße ein. Also sozusagen ein Tatortbereich. Das Feuer aus der Tüte versengte eine Schuppentür aus Holz, die Spuren sind noch sichtbar.

Der vorletzte Feuerwehreinsatz im Bereich der Vogelsangstraße war am 9. Januar. Inzwischen berichtet die Pressestelle des Polizeipräsidiums Konstanz nicht einmal mehr über jeden Einsatz. Denn die Hintergründe sind immer dieselben. Die Brandorte: Um das Haus eines mutmaßlichen Unruhestifters herum, der amtsbekannt ist. Ein Mann, der die Behörden auf Trab hält, sich mit jedem/r anlegt, der oder die sein Grundstück betritt, und der sich selbst wiederum als von den Nachbarn verfolgt darstellt. Wir haben ausführlich über ihn und die Vorkommnisse im Vogelviertel berichtet. Und auch darüber, was die Polizei, das Ordnungsamt und die Staatsanwaltschaft zu dem Fall sagen.

27 Einsatzkräfte bot die Feuerwehr unter dem Kommando von Stadtbrandmeister Frank Müller an diesem Mittwochabend, dem 18. Januar, auf, insgesamt sechs Fahrzeuge samt der Drehleiter. Die durfte direkt wieder umkehren, Blaulicht aus, Kehrtwende, zurück ins Gerätehaus. Denn die zuerst eintreffenden Kräfte stellten rasch fest, dass die Angaben des Anrufers, dass hier Rauch aus einem Gebäude dringe, falsch waren. Der Anrufer – es soll sich um den oben erwähnten mutmaßlichen Unruhestifter handeln.

Das kleine Feuer hatten seine betroffenen Nachbarn selbst schon weitgehend gelöscht, als die Feuerwehr eintraf. Müller wies seine Kräfte dann an, die Brandstelle unverändert zu lassen und auf Streifenbeamte der Polizei zu warten. Zwei Schutzpolizisten nahmen sich des neuerlichen Falls an, befragten die Nachbarn, versuchten auch mit dem erwähnten Mann ins Gespräch zu kommen. Dieser öffnete ihnen aber nicht.

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.