Mögliches Long Covid nach Impfung: BioNTech und PEI reagieren

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Der dramatische Erfahrungsbericht einer 28-Jährigen, die nach einer Coronaimpfung unter Long Covid-Symptomen leidet, hat ein großes Echo ausgelöst. Die Betroffene erhält Anteilnahme und Unterstützung. So hätten sich weitere Erkrankte bei ihr gemeldet. Was sie nun vorhat und was der Impfstoffhersteller BioNTech und das Paul-Ehrlich-Institut, das deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, zu dem Fall sagen.

„Durch den Artikel hat sich schon viel bewegt“, sagt Tamara Retzlaff der NRWZ. Sie hatte einen Erlebnisbericht verfasst, in dem sie erzählt, was sie seit einer Impfung gegen Corona vor gut einem halben Jahr durchmacht. „Leide ununterbrochen an Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrations- & Gedächtnisproblemen und Wortfindungsstörungen, extremer Müdigkeit, Atemnot, Herzstechen, Muskel- und Gliederschmerzen, Zuckungen, Taubheitsgefühlen“, schrieb sie. Sie sei „völlig aus dem Leben gerissen.“ Die NRWZ brachte ihren Beitrag. Ein Leser schrieb daraufhin: „Der Bericht hat mich erschüttert und macht mich zugleich fassungslos.“ Mails wie diese leiten wir an die Betroffene weiter.

Mehrere Betroffene hätten sich zudem direkt bei ihr gemeldet, so Retzlaff. Auch in einem Online-Forum, das Betroffene zur Selbsthilfe eingerichtet haben, wird über den Beitrag diskutiert. „Wahnsinn, wie sehr man sich selbst in ihrer Geschichte wieder erkennt. Das geht hier wahrscheinlich sehr vielen so“, schreibt ein Nutzer. Das sei „wieder ein weiterer Schritt, damit wir irgendwann gehört werden.“

In ihrem Bericht äußerte Retzlaff den Verdacht, dass ihr Leiden im Zusammenhang mit einer Coronaimpfung steht. Zeitlich sicher, kausal vielleicht. Ihre Verdachtsdiagnose laute „Impfschaden“.

Stellungnahme von BioNTech

Wir haben den Hersteller des Impfstoffs, BioNTech, dazu befragt, baten um Stellungnahme. „Zu Einzelfällen können wir keine Stellung nehmen“, lautet die Antwort erwartungsgemäß, aber: „Wir bitten, dass die junge Frau ihre möglichen Nebenwirkungen bei uns, ihrem Arzt oder einer Behörde (zum Beispiel dem Paul-Ehrlich-Institut) meldet, sodass ihr Fall entsprechend untersucht werden kann“, schreibt eine BioNTech-Sprecherin.

Ihr Unternehmen nehme „prinzipiell Meldungen eines Verdachtsfalles einer Nebenwirkung sehr ernst“, so die Sprecherin weiter. Der mRNA COVID-19- Impfstoff von BioNTech „wird sehr streng durch uns als auch durch die entsprechenden Behörden überwacht“, schreibt sie. So werde die sichere und wirksame Anwendung des Imfpstoffes und sein Nutzen-Risiko-Profil bei der Verwendung in der täglichen Praxis fortlaufend evaluiert und verbessert. Bis heute seien zusammen mit dem Partner Pfizer mehr als drei Milliarden Dosen des mRNA COVID-19-Impfstoffs ausgeliefert worden. Mehr als 1,5 Milliarden Menschen wurden weltweit geimpft. „Diese Daten zur Sicherheit und Effektivität fließen in die enge Überwachung und weitere Beurteilung des Impfstoffs ein“, schließt die Sprecherin.

Wie sie der NRWZ schildert, hat Tamara Retzlaff ihren Fall wie von BioNTech empfohlen dem Paul-Ehrlich-Institut gemeldet. Und dann nichts mehr gehört. Ihr Fall tauche nicht im Sicherheitsbericht auf, schon da liege ein Problem. „So geht es vielen“, schildert Retzlaff.

Das sagt das Paul-Ehrlich-Institut

Das genannte Paul-Ehrlich-Institut reagiert auf eine Nachfrage der NRWZ ebenfalls. Eine Sprecherin erklärt zunächst die Arbeitsweise des PEI. Die Berichte über seine Bewertungen der eingegangenen Verdachtsfallmeldungen würden in die periodisch erscheinenden Sicherheitsberichte über die zugelassenen COVID-19-Impfstoffe einfließen. Die jeweils aktuelle Ausgabe, derzeit mit Daten bis inklusive 31.12.2021, kann unter www.pei.de/sicherheitsbericht abgerufen werden.

„In diesen Berichten werden jedoch keine Einzelfallberichte vorgestellt“, sagt die Institutssprecherin. „Das wäre bei der Menge der Meldungen völlig ausgeschlossen und ist auch nicht der Sinn dieser Berichte.“ Das Paul-Ehrlich-Institut benötige Verdachtsfallmeldungen für die Signaldetektion – also für das Erkennen möglicher, bisher unbekannter Risiken eines Impfstoffs. Solche Verdachtsfallmeldungen können auch von Betroffenen und deren Angehörigen selbst an das Paul-Ehrlich-Institut erfolgen – über das Portal www.nebenwirkungen.bund.de. Dabei steht es frei, ob die Meldung anonym erfolgt oder ob für mögliche Nachfragen Kontaktdaten angegeben werden. Die personenbezogenen Daten der betroffenen Person würden bei Übernahme in die Datenbank in jedem Fall entfernt (pseudonymisiert). Daher sei es nicht möglich, spezifische Angaben zu einer bestimmten Person zu identifizieren.

Aber: „Alle eingehenden Meldungen würden gleichermaßen bearbeitet. Es spielt keine Rolle, ob die Meldung aus der Öffentlichkeit stammt oder von einem/einer Angehörigen der Fachkreise“, versichert die Behördensprecherin. Die Erfassung und Bewertung der Verdachtsfallmeldungen durch das Paul-Ehrlich-Institut erfolge stets und ausschließlich auf Bundesebene – eine regionale Zuordnung sei daher zudem nicht möglich.

Wie es weitergehen soll

Unterdessen versucht Tamara Retzlaff, sich aus der Situation herauszukämpfen. Eine Post-COVID-Ambulanz des Universitätsklinikums Gießen / Marburg macht ihr nach eigenen Angaben Hoffnung. In der fachübergreifenden Ambulanz soll eine gemeinsame Abklärung und Behandlung von unter den Symptomen Leidenden angeboten werden. Beteiligt sind die Abteilungen Neurologie, Pneumologie, Kardiologie und Psychiatrie.

Früher gehörte das genannte, inzwischen privat betriebene Klinikum zur Philipps-Universität Marburg. Diese vermeldete vor wenigen Wochen, dass bei einer Impfung gegen das Coronavirus der Placeboeffekt wirke. Träten unerwünschte Nebenwirkungen nach einer Impfung gegen das Coronavirus auf, so liege das nicht unbedingt am Impfstoff, habe ein internationales Forschungsteam um den Marburger Psychologen Professor Dr. Winfried Rief herausgefunden, indem es Impfstoffstudien analysierte. Immerhin sei „die Sorge über unerwünschte Wirkungen … ein Grund für die mangelnde Impfbereitschaft gegen das Coronavirus.“

Eine Botschaft, die Tamara Retzlaff verärgert. „Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich bei einer Sauerstoffsättigung im Blut von 78 Prozent das Wort Placebo nicht mehr hören kann“, schreibt die 28-Jährige der NRWZ. Die Sauerstoffsättigung des Blutes liegt normalerweise zwischen 94 und 98 Prozent. Ein zu niedriger Wert – der nicht durch Einbildung entstehe – kann sich durch Schwächegefühl, Schwindel und allgemeines Unwohlsein bemerkbar machen.

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.

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