Riesenandrang und Enttäuschung beim Narrenbändelverkauf – Zunft: „Zu viel ist halt zu viel“

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Glück, wer am Samstag vor der Fasnet nach teils stundenlangem Anstehen eine der begehrten Narrenkarten vor allem für den Narrensprung am Fasnetsmontagmorgen in Rottweil ergatterte. Denn irgendwann gab es schlicht keine mehr. Das riss Familien auseinander – wenn die Kids welche von den für sie unbeschränkten sogenannten Sprungbändeln bekamen, die Eltern aber nicht mehr – und es verärgerte manchen, der leer ausging.

Wir haben Prof. Frank Huber, Zunftschreiber und damit Pressesprecher der Narrenzunft Rottweil, um Stellungnahme gebeten. Hier ist sie:

Im Jahr 2022 war die Narrenzunft Rottweil aufgrund der zahlreichen Auflagen, die die Veranstalter zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu beachten hatten, gezwungen, die Teilnehmerzahl am Narrensprung zu begrenzen. Obwohl mit Risiken behaftet, entpuppten sich die Narrensprünge 2022 als großer Erfolg. Zahlreiche Mitglieder der Zunft sprachen sich deshalb dafür aus, das Verfahren zur Begrenzung der Teilnehmer auf 2500 weiterzuentwickeln.

Eine Weiterentwicklung bestand zum Beispiel darin, dass die Mitglieder der Narrenzunft im Januar eine Sprungteilnahmekarte für Montag und/oder Dienstag für sich bestellen konnten und diese dann zugesendet bekamen. Nach Abwicklung der Bestellungen der Zunftmitglieder gingen die verbliebenen Sprungteilnahmekarten in den freien Verkauf.

„Es war für uns schwer abzuschätzen, wie viele Sprungteilnahmekarten wir allen Nicht-Mitgliedern der Narrenzunft im freien Verkauf anbieten konnten. Schließlich fehlen die Erfahrungswerte“, erklärt Christoph Bechtold, der Narrenmeister der Zunft.

Insgesamt waren es dann 750 Karten für den Montag und 1050 für den Dienstag. Der Andrang der Bürger war aber am Samstag dann deutlich höher. „Es tut uns furchtbar leid, dass viele der Rottweiler Fasnet verbundene Bürger keine Karte ergattern konnten, aber inklusive der Jungnarren rechnen wir mit etwa 3300 Sprungteilnehmern.“

Der Weg zu einer optimalen Lösung ist steinig und man kann es auf dem Weg dorthin auch nicht allen recht machen.

Trotzdem bittet die Narrenzunft die Enttäuschten um Verständnis: „Wir wissen um die Emotionalität und die aufgeladene Stimmung zur Begrenzung der Teilnehmerzahl. Es sind uns aber bis zu einem gewißen Ausmaß hier aber die Hände gebunden. Wir können nicht fünf- oder sechstausend Narren am Montag durchs Tor lassen. Die Musikkapellen spielen bei Kälte bei 4000 Narren und einer Sprungdauer von über fünf Stunden etwa achtzigmal den Narrenmarsch. Danach rennen alle Musiker Hals über Kopf davon, um teilweise ihre eigenen Umzüge musikalisch zu umrahmen. Auch hat Rottweil im Jahr 2024 weder die gastronomische noch die sanitäre Infrastruktur, um 5000 Narren zu versorgen. In der Rottweiler Kernstadt stehen für Narren 18 Gastronomiebetriebe zur Verfügung.“

Zudem steht die Narrenzunft vor der Aufgabe, nicht nur den Narrensprung, sondern ein weiteres wichtiges Element der Rottweiler Fasnet zu bewahren: das Aufsagen. Je länger aber der Narrensprung geht, um so weniger Zeit bleibt für dieses Element. „Es sind halt einfach zu viele Narren, viel zu viele. Trotzdem prüfen wir alles Abläufe und die Sprünge auch 2024, um uns einer Lösung anzunähern“, macht Bechtold all denen Mut, die dieses Wochenende schlecht gelaunt von Kartenvorverkauf von dannen ziehen mussten.

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112 Kommentare

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Waldseer
18 Tage her

Auch als Nicht-Rottweiler verfolge ich die Diskussion mit Interesse und möchte aus meiner (Außen)sicht zu bedenken geben:
Ich verstehe nicht so ganz warum bei der Frage, wer Mitglied werden kann, wer bei der Rottweiler Fasnet mitmachen sollte und wer nicht, immer auf den aktuellen (!) Wohnort abgestellt wird. Ich selbst bin aktiv bei der Narrenzunft Waldsee (also auch eine große Narrenzunft, die größte in der VSAN und nach Rottweil die zweitgrößte überhaupt), wohne aber nicht mehr in Waldsee. Trotzdem bin und bleibe ich Waldseer und der Stadt und der Fasnet mit vollem Herzen verbunden – und kann problemlos Mitglied in der NZ Waldsee bleiben und vollumfänglich an der Fasnet mitmachen.
Daher: Warum sollte der aktuelle Wohnort entscheidend sein und nicht die Verbundenheit mit der Rottweiler Fasnet? Warum sollte jemand, der womöglich seit Generationen ein (wie man bei euch sagt) Narrenkleid in der Familie hat, aber auch nicht mehr in Rottweil wohnt, nicht Mitglied sein und mitmachen können? Das erschließt sich mir nicht.
Und zum eigentlichen Problem des „zu langen“ Narrensprungs: Die Narrenzunft will halt aus meiner Sicht „da Kreuzer und da Wecka“ wie man so sagt. Sie läßt weiterhin fleißig Narrenkleider zu, will aber dann nicht dass sie beim Narrensprung mitmachen. Das ist inkonsequent. Dann soll sie bei den Neuzulassungen doch mal eine Bremse reinhauen, vor allem beim Federahannes. So wird das Problem von Jahr zu Jahr unlösbarer.

Armin2
23 Tage her

Lese ich all die Kommentare muß ich sagen : wie friedlich und schön war doch die Rottweiler Fasnet in 50-er Jahre des vorigen JHds. in meiner Kindheit.

Stefan Weidle
17 Tage her
Antwort auf  Armin2

Das schöne Gefühl möchte ich Ihnen gerne lassen, aber ich fürchte der einzige Unterschied zu damals ist der, dass es nicht möglich war, sofort und unmittelbar seine Gedanken für Alle in der Zeitung wiederzugeben. Sie dürfen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass damals um die seinerzeit aktuellen Aufregerthemen, an Stammtisch, Arbeitsplatz und in der Familie, genauso hart gerungen wurde wie heute. Da war Niemand höflicher, oder von besserer Sprache, es gab vielleicht nur insgesamt weniger an jeder Ecke aufploppende Aufregerthemen und weniger direkte Medienwirksamkeit derselben. Gab es nicht zu allen Zeiten, in jeder Familie zwei oder mehrere „Onkel“, die bei Festivitäten auseinander und vom Thema Politik ferngehalten werden mussten, proportional zum Maß der eingenommenen Alkoholikamenge?

Dpm
23 Tage her

Wie wäre es wenn der Umzug vom schwarzen Tor über die Hochbrücktorstr Königstraße Stadionstr zur Stadthalle ginge
Beim Narrentreffen in den 1980 iger Jahren ging das doch auch..
Und die Stadthalle bietet genügend Platz für die Narren und Toiletten sind auch vorhanden

Hu Hu Hu
Jedem zur Freud niemand zum Leid

Thomas Z.
25 Tage her

Wenn die Kleidletauscherei mal aufhören würde, ich geb dir am Sonntagabend mein Schuttig, dafür bekomm ich am Montagmorgen dein Hannes, wäre für mehr Narren aus Rottweil eine Sprungkarte übrig. Aber diese werden ja mittlerweile nach Elzach vertickt.
Was da vor allem am Montagmorgen Badisch unter der Larve geschwätzt wird ist nicht mehr feierlich.
Arbeite in der Gastronomie und erlebe dies seit geraumer Zeit immer mehr.

X.X.
27 Tage her

Hey liebe Narrenzunft Rottweil,

niemand ist dazu gezwungen, ein Ehrenamt auszuüben. Und wenn man sich jetzt schon seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, die immer gleichen Argumente anhören darf und jeder „Lösungsversuch“ gar schlimmer ist als der vorherige und noch mehr Unmut unter d‘ Bürgersleit hervorruft, vielleicht ist es dann mal an der Zeit, neue Leute mit neuen Impulsen in entscheidende Positionen zu bringen.

Ihr sagt, es sind zu viele Narren, die man nicht unter Kontrolle bekommt. Wieso werden dann seit Jahren wieder neue Kleidle überhaupt zugelassen? Wie kann man ein Kontingent von x Karten festlegen, wenn man genau weiß, wie viele Kleidle im Umlauf sind und es so oder so zu wenige Karten geben wird?
Gibt es bei euch niemanden, der einen Überblick hat? Gibt es niemanden, der das kommunizieren kann?

Ihr sagt, es gibt in Rottweil zu wenig Gastronomie und Infrastruktur für den prognostizierten Andrang an Narren und Zuschauern. Was beredet ihr dann, wenn ihr mit den geschätzten Zunftkollegen des Viererbunds beim Schorle in der Wirtschaft hockt? Überlingen hat seit Jahren einen kostenpflichtigen Zuschauerbändel. Auf Rottweil überführt; mit dem damit generierten Geld (Wieviele Zuschauer hat allein der Rottweiler Montagssprung im Schnitt?!) ließen sich sicher ein paar Dixi mehr aufstellen. Und vermutlich ist auch der ein oder andere Eigentümer der zu vielen geschlossenen Gaststätten in der Innenstadt nicht davon abgeneigt, wenn diese unter dem Zutun der Zunft für ein paar Tage Besenbetrieb öffnen. Wäre das nicht ein PR-Coup für euch?

Ihr sagt, dass die Sprünge zu lang gingen und die Kapellen in ihre Dörfer zurückhetzen müssten, wenn es in der alten Teilnehmerzahl weiter ginge. Steht ihr in solch einem schlechten Verhältnis zu den Zünften der Altstadt, Bühlingen oder Villingendorf, dass diese nicht mit sich diskutieren ließen, ihre Sprünge um eine Stunde nach hinten zu verlegen? Natürlich müsste dann halt auch die Rottweiler Zunft mit Kompromissen entgegen kommen.

Ihr sagt, ihr seht euch der Tradition der Rottweiler Fasnet gegenüber verpflichtet. Sieht diese mittlerweile so aus, dass man für eine Teilnehmerkarte stundenlang im Januar auf einem Parkplatz anstehen muss, um am Ende leer auszugehen? Oder so, dass man sich, seiner Vorbildfunktion gerecht werdend, unterhalb des Schwarzen Tors in den Sprung mogeln muss, damit eine Familie gemeinsam narren kann?
Unser Rottweiler Fasnetsgelehrter Werner M. sagte einmal (frei zitiert), in der Tradition wohnt auch eine gewisse Weiterentwicklung inne. Ist das die Entwicklung, die sich die Zunft wünscht?

Auch ich habe für die diesjährige Fasnet bisher keine Karte bekommen können, was mich mehr als nur enttäuscht. Bei online-Handelspreisen von über 100€/Stück schätze ich das auch nicht als realistisch ein, dass sich daran noch etwas ändern wird. Aber trotzdem werde ich, jetzo wie vor Urzeiten, am Fasnetsmontagmorgen mein Kleidle anziehen, weil es das ist, was mir meine Großeltern schon gezeigt haben und weil ich es nicht anders kenne. Meine Fasnet ist die, wie sie immer war und nicht die, wie ihr sie gerne hättet.

Liebe Zunft, der sich gebetsmühlenartig alljährlich wiederholende Aufschrei euch gegenüber ist auch schon Tradition geworden, aber vielmehr ist es ein Warnsignal, dass ihr längst den Bezug zu eurem eigentlichen Sinn und Zweck verloren habt. Ein Brauchtum ist kein Steigbügelhalter für Prestige und Ansehen, sondern ihr seid ihm und seinen Narren gegenüber verpflichtet.
Diese Farce der diesjährigen Kartenausgabe stellt hoffentlich den absoluten Tiefpunkt eures Handelns dar, denn wir Narren sind nicht der Feind der Fasnet und seiner Ausführung, wir sind dessen Seele.

Mit freundlichen Grüßen
Ein Rottweiler Narr

Schuttigbiss
26 Tage her
Antwort auf  X.X.

Villingendorf ist raus die haben eigene Narren

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