Ironman auf Hawaii: Nicole Müller war vorn mit dabei

Schramberger Triathletin schwimmt 3,8 Kilometer, radelt 180 Kilometer und läuft gut 42 Kilometer - und das in weniger als elf Stunden

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Nicole Müller hat am 14. Oktober beim wohl härtesten Triathlon-Wettbewerb der Welt, dem Ironman auf Hawaii, ein Super-Rennen hingelegt. In ihrer Altersklasse landete sie auf Platz 35 und insgesamt Platz 280 von 2074 Teilnehmerinnen. Ein paar Wochen später, das Adrenalin ist wieder auf Normalniveau, hat sie der NRWZ von ihrem großen Tag erzählt.

Schramberg. „Es war sehr hart“, sagt die zierliche junge Frau. „Ich hatte ja schon einiges erwartet, aber es war noch viel härter als ich gedacht hatte.“ Dass es heiß sein würde, und dass die Distanz schon extrem ist, das habe sie gewusst. Nur mit zwei Dingen habe sie nicht gerechnet: dem Jetlag und den Temperaturschwankungen. Dass schließlich auch noch Bauchweh hinzukam, dazu später mehr.

Gut vorbereitet – und doch überrascht

Müller war ein Woche vor dem Wettkampf nach Hawaii geflogen, ihr Vater war schon früher gereist, um alles vorzubereiten. „Ich habe naiv gedacht, ok, die Zeitumstellung hat mir sonst auch nichts ausgemacht. Machst halt eine Nacht durch, dann gut ausschlafen, erledigt.“ Doch dem war nicht so, die 25-Jährige hatte drei Tage mit dem Jetlag zu kämpfen: „Ich war nachts wach und tags hundemüde.“ Sie habe sich tagsüber nicht danach gesehnt, Sport zu treiben.

Nur leichtes Training zur Vorbereitung. Foto: privat

Hinzu kamen die extremen amerikanischen Klimaanlagen. Im Flugzeug war es kühl, dann Landung in San Francisco. Draußen Schwimmbadluft, im Flughafengebäude wieder 18 Grad, raus aufs Rollfeld Hitze, dann wieder im Flieger kalt. Der Wechsel zwischen Hitze und künstlicher Kälte auch auf Hawaii – Nicole bringt es auf den Punkt: „Total bescheuert.“

Aber nicht nur energietechnisch. Auch gesundheitlich bringen die Wechsel den Körper durcheinander. „Nach zwei Tagen hatte ich Halsweh. Panik!“ Zum Glück wird sie nicht wirklich krank. Aber die Psyche belastet das Kratzen im Hals: „Zuhause war ich auf dem Trainingshöhepunkt, habe mich superstark gefühlt – und nun bin ich schlapp!“ Ihr Training vor dem Wettkampf beschränkt sie deshalb auf wenige Einheiten, um aktiv zu bleiben.

Kurz vor dem Start mit Freund Jonas. Foto: privat

 

Endlich: Es geht los

Dann kommt der Wettkampf-Tag: Nicole und ihre Familie sind zwei Stunden vor dem Start im Startbereich. „Das war cool, alle sind meganett und behandeln dich, als ob du was ganz Besonderes bist, obwohl da ja mehr als 2000 Leute am Start sind.“ Über dem Startgelände ertönt hawaiianische Musik. Nicole beobachtet, wie die Profis sich auf ihren Start vorbereiten.

Vor dem Schwimmen im offenen Meer hat sie Angst: „Die Unterwasserwelt ist mir unheimlich.“ Doch das Wasser auf der 3,8 Kilometer langen Schwimmstrecke ist nicht tief, sie kann immer den Grund sehen, nach einer Weile denkt sie nichts mehr. Nur die Wellen sind ein Problem: „Immer, wenn Du oben auf einer Welle bist, kannst Du nach der Richtung schauen.“ Müller hält sich etwas abseits vom Pulk und ist mit ihrer Schwimmzeit „trotz Wellenbremse“ sehr zufrieden.

180 Kilometer auf dem Rad durch die Wüste

Auch im Wechselbereich findet sie sofort ihr Rad und ihre Sachen und startet hochmotiviert auf die 180 Kilometer Radstrecke. Die müden Beine der ersten paar Kilometer erholen sich. Sie kommt auf der welligen Stecke gut zurecht. Wichtig sei, dass man es abwärts nicht einfach rollen lässt, sondern seine Frequenz weiter tritt. „Man muss immer wach bleiben und rechtzeitig schalten, um gut über die Wellen zu kommen.“

Auch darf man nicht im Windschatten einer Kollegin fahren, weil man sonst eine Zeitstrafe aufgebrummt bekommt. Bis zum Wendepunkt hat sie Rückenwind und beobachtet die Profis, die ihr schon entgegenkommen. „Das war cool, die werden von Motorrädern und Hubschraubern aus mit der Kamera verfolgt.“

Gut gelaunt unterwegs. Foto: privat

Nach dem Wendepunkt kommt der heiße Wind von vorne. Ab Kilometer 100 wird Nicole langsam müde. „Mir war dizzy im Kopf, wie wenn du den ganzen Tag am Strand in der Sonne liegst“, beschreibt sie ihren Zustand. Sie fängt an zu überlegen: „Wie lange geht’s noch? Auf dem Hinweg war ich schneller…“ In 5 Stunden und 45 Minuten schafft sie die 180 Kilometer auf dem Rad. Noch ist sie zufrieden mit sich und ihrem Rennen.

40 Kilometer mit Bauchschmerzen

Doch kaum macht sie sich an die Marathonstrecke, wird ihr klar, dass sie auf dem Rad alles gegessen hat, was sie mitgenommen hatte. Ein Fehler: „Das hab‘ ich beim Laufen büßen müssen. Ab dem dritten Kilometer hatte ich Bauchweh.“

Sie versucht es mit einem Stopp an einem Dixiklo. „Hat leider nicht geholfen.“ Gut war, dass bis Kilometer 10 Zuschauer an der Strecke waren, auch ihre Familie muntert sie auf. Aber dann geht es wieder hinaus auf den Highway in die Wüste, ohne Zuschauer. „Du musst alleine mit den Bauchschmerzen fertig werden.“ Langsamer werden bringt nichts und aufgeben kommt für Nicole „sowieso nicht in Frage“.

Auf knapp der Hälfte der Strecke flüchtet sie nochmal ins Dixi. Sie ärgert sich, weil sie jedes Mal Zeit verliert. Doch dann der Wendepunkt. Es geht dem Ziel entgegen: „Du musst nur noch zurücklaufen.“

Sie läuft und läuft und läuft. Foto: privat

Wie bleibe ich unter elf Stunden?

Nicole fängt an zu rechnen, doch nach dem Schwimmen und Radfahren und mehr als 20 Kilometer laufen fällt ihr das langsam schwer. Schließlich weiß sie: “Wenn ich so weiterlaufe, lande ich bei knapp über elf Stunden.“ Sie rechnet weiter, um herauszufinden, wie schnell sie sein muss, um unter der 11 zu bleiben. Das gibt ihr wieder Motivation und sie konzentriert sich auf ihr Laufziel.

Geschafft!

„Endlich war ich auf der Zielgeraden!“ Dort warten Jonas und ihre Eltern und nehmen sie in Empfang. „Ich war so froh.“

Leider hätten die Bauchschmerzen ihr den Lauf „versaut“, bedauert sie. Das große Ziel aber hat sie geschafft. Den Ironman auf Hawaii und das in 10 Stunden und 56 Minuten – „grad noch unter elf Stunden“, sagt sie und lacht.

Auch im Ziel seien die Helferinnen und Helfer großartig gewesen: „Du wirst behandelt, als ob du grad das Rennen gewonnen hättest.“ Ihre Platzierung ist Nicole gar nicht so wichtig. Sie persönlich bedauert, dass sie „so extrem leiden“ musste. Nach ihrem Erfolg in Italien vor einem Jahr war sie vielleicht zu euphorisch. Damals sei alles perfekt gelaufen, „das war fast schon gruselig“. Nun auf Hawaii musste sie einen sehr harten Kampf ausfechten und lernen, mit ihren Gedanken umzugehen.

„Nie wieder so leiden“

Ihr Vater findet, sie habe ein gutes Rennen geliefert, sie selbst ist mit etwas Abstand ebenfalls zufrieden. Unmittelbar nach dem Rennen habe sie sich allerdings gefragt: „Womit habe ich das verdient, dass ich so leiden musste?“ Inzwischen sei das aber wieder fast vergessen.

Ob sich die Triathletinnen im Wettkampf eigentlich auch untereinander austauschen? Manchmal rede man schon miteinander auf der Strecke. „Ich feure auch gern mal jemanden an, so pushe ich mich ja auch selbst.“ Aber diesmal sei sie wegen der Bauchschmerzen so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie nur gedacht habe. „Lasst mich alle nur in Ruhe!“ Das habe sie beim Ironman geärgert.

Ob sie es wieder machen würde? Nach dem Wettkampf vor einem Jahr in Italien sei sie total ausgebrannt gewesen. Dieses Mal sei das anders, sie habe schon wieder Lust aufs Training. Aber: „Ich will nie wieder so leiden.“

Nicole Müller zuhause am Schreibtisch in ihrer Wohnung in Sulgen. Die Physiotherapeutin absolviert nebenbei ein Aufbaustudium in „interprofessioneller Gesundheitsversorgung“. Archiv-Foto: him

Eins sei ihr klar geworden: „Ich wechsle wieder auf die Mitteldistanz, das macht mir mehr Spaß.“ Doch den Ironman und das ganze Drumherum möchte sie nicht missen. „Mein Freund Jonas war da, meine Eltern. Ich habe die Triathlon-Legenden von früher erlebt.“ Jonas habe mit den Profis mitgefiebert und schließlich gar überlegt: „Vielleicht fange ich auch noch mit Triathlon an.“ Nicole lacht.

Info: Wer einen Eindruck vom diesjährigen Ironman der Frauen bekommen möchte, hier findet sich ein Bericht zu den Profis.

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Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.