„Pappendeckel-Maier“: Gebäudeschicksal ungewiss

Landesdenkmalamt lehnt Ersatz der historischen Fenster ab / Baugenehmigung erteilt

Autor / Quelle: Martin Himmelheber (him)
Lesezeit 7 Min.
Die ehemalige Gustav-Maier-Fabrik an der Schiltach Straße steht wieder zum Verkauf. Foto: him

Ein weiteres historisches Gebäude in Schramberg steht vor einer ungewissen Zukunft. Die denkmalgeschützte ehemalige Papierwaren- und Kartonagenfabrik Gustav Maier (im Volksmund „Pappendeckel Maier“) an der Schiltachstraße steht wieder zum Verkauf.

Schramberg. Auf einer einschlägigen Immobilienseite wird das Gebäude zum Preis von 395.000 Euro als „Sanierungsobjekt“ angeboten.

Im Internet zu finden.

Eigentümer ist die Firma Melvin aus Schramberg. Michael Melvin hatte das Gebäude im Dezember 2021 kurz vor einer Zwangsversteigerung gekauft. Zunächst hatte er es nur vom Gerümpel und Müll befreien lassen. „Waren, Maschinen und Betriebsmittel sind in den Gebäuden so verblieben wie am letzten Arbeitstag“, berichtete er damals.

Chaos nach der Übernahme. Foto Michael Melvin.

Ein gutes Jahr später erläuterte Melvin seine Pläne: Mit einem Hotel wollte er den Fabrikbau „revitalisieren“.   Im Februar 2023 war er recht optimistisch: 80 Prozent der erforderlichen Vorarbeiten seien bereits erledigt. Ein „Bed-and-breakfast-Hotel“ mit 36 bis 38 Betten sollte es werden. Seine Hotelpläne sah er „als weiteren Schritt, den Standort Schramberg in jeder Hinsicht positiv mit zu gestalten“. Doch vor etwa einem halben Jahr hat Melvin entnervt aufgegeben.

Einige Bäume hat Michael Melvin vor drei Jahren hinter dem Fabrikgebäude fällen lassen. Foto: him

„Wir haben die Immobilie schon seit rund sechs Monaten zum Verkauf eingestellt, das ist also nicht neu“, schreibt er auf Anfrage der NRWZ. Er sei mit der Entscheidung des Denkmalamtes nicht einverstanden, „die Fenster so zu belassen und nicht erneuern zu können“.

Knackpunkt sind die Fenster

Der Austausch der alten Fenster wäre erforderlich, um komplexere bauphysikalische Dinge, wie die klimatechnische Ertüchtigung des Gebäudes nach KFW-Vorgaben“ erfüllen zu können. Um ein zinsgünstiges Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau zu erhalten, müsse das Gebäude Wärmedämmungsstandards erfüllen.

„Auch die Öffnung der Fenster lassen sich im Originalzustand nur mit einer kleinen Leiter vornehmen, was auch sehr hinderlich ist“, argumentiert Melvin.  „Zu guter Letzt“ gebe es ein Brandschutzproblem. Die Personenrettung aus dem Fenster sei im Grunde auch nicht möglich, „da die Öffnung im oberen Drittel des Fensters liegt und nicht bündig mit dem Simsen ist“.

Die Stadt Schramberg habe seine Firma bei seinem Vorhaben sehr unterstützt und die Baugenehmigung erteilt. „Leider hat das Denkmalamt widersprochen.“

Auf Nachfrage erläutert der Sprecher des zuständigen Regierungspräsidiums Stuttgart Lukas Walter zunächst die  Bedeutung des Bauwerks aus Sicht des Denkmalschutzes (siehe unten). Da es sich um ein laufendes Verfahren handle, könne er nicht alle Fragen detailliert beantworten.

 Zu den Fenstern schreibt Walter, die großen Fenster in den Obergeschossen seien teilweise sogenannte Panzerfenster, wobei mit Panzerfenster hier eine Doppelverglasung gemeint sei. „Diese seltene Fensterkonstruktion ist ein wichtiger Vorläufer heutiger Fenster mit mehreren Scheiben. Im Industrie- und Fabrikbau aus der Zeit um 1900 sind diese Fenster eine wichtige Innovation gewesen. Daher sind sie für den Denkmalwert von Bedeutung.“

Stattlicher Bau im Jahr 1967. Gut zu sehen, dass ein Fenster nicht bündig mit dem Sims zu öffnen ist. Foto: Stadtarchiv Schramberg

Streit um Gutachten

Denkmaleigentümer seien gesetzlich zur Erhaltung verpflichtet. Sollte die Erhaltung historischer Bauteile fraglich sein, seien Eigentümer zur Vorlage eines Gutachtens „nach fachlichen Vorgaben des Landesdenkmalamtes“ verpflichtet. „Ein fachlich fundiertes Gutachten zum Zustand und zu etwaigen Reparatur- und Ertüchtigungsmöglichkeiten wurde bisher nicht vorgelegt“ stellt das RP Stuttgart fest.

„Eine energetische Ertüchtigung historischer Fenster ist möglich“, betont der Sprecher des Regierungspräsidiums. „Auch andere Gebäude in Schramberg und Trossingen mit vergleichbaren Fenstertypen und ähnlichen Anforderungen sind bereits energetisch ertüchtigt und repariert worden.“ Walter geht allerdings nicht auf die Brandschutzproblematik ein.

Melvin versichert, er habe zwei sehr teure Gutachten anfertigen lassen. Beide Gutachter kamen zum Schluss, die Fenster könnten und müssten ausgetauscht werden, um die energetischen und anderen Vorgaben zu erfüllen. „Ich habe keine Lust, noch ein drittes Gutachten für viel Geld erstellen zu lassen.“

Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr hat sich bis hoch zum Landesbauministerium für das Hotelprojekt eingesetzt. Bei einem Gespräch in Stuttgart bei Bauministerin Nicole Razavi (CDU) gemeinsam mit Fachbereichsleiter Matthias Rehfuß und Michael Melvin habe sie leider „keinen Erfolg“ gehabt.

In Stuttgart bei Ministerin Razavi abgeblitzt

Sie habe argumentiert, sie habe „lieber ein Denkmal, das sinnvoll genutzt und erhalten wird, mit neuen Fenstern, als eine nicht wirtschaftlich sanierbare Bauruine, die verfällt“.

Razavi, die intern im Ministerium und im Landtag als „selbstverliebt und herablassend“ und im Ton „schroff“ geschildert wird, habe das nicht gelten lassen, und ließ die Schramberger Delegation abblitzen.

Hoffnung auf Einlenken dee Denkmalschützer

Noch hat Melvin nicht gänzlich aufgegeben: „Grundsätzlich fahren wir zweigleisig“, erklärt er der NRWZ. Prinzipiell könnte man das Vorhaben mit den erwähnten Einschränkungen durchführen. „Allerdings sind wir ein kleiner Familienbetrieb und können deshalb solche Risiken nicht eingehen.“

Deshalb suche er einen Käufer, der das projektierte Konzept kauft und umsetzt. „Oder wir finden noch einen Weg das Denkmalamt zu überzeugen, und könnten mit einer eigenen Projektgesellschaft das Thema vorantreiben.“

So sollte das neue Hotel einmal aussehen. Grafik: Melvin

Zur Geschichte und Bedeutung des Gebäudes

Das Landesdenkmalamt erläutert, die Kartonfabrik in der Schiltacher Straße 61 sei als Kulturdenkmal nach Paragraf 2 Denkmalschutzgesetz verzeichnet.

„Das Fabrikgebäude der Firma Gustav Maier wurde 1908 bis1909 als Ersatzneubau nach einem Brand geplant durch den Architekten Heinrich Maas in Obertürkheim für die 1893 gegründete Papierwaren- und Kartonagenfabrik Gustav Maier.“

Es handle sich um „einen dreigeschossigen Massivbau mit Klinkerverblendungen und niedrigen Dächern. Das Fabrikgebäude selbst dokumentiert insbesondere die Industrie- und Wirtschaftsgeschichte Schrambergs.“

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