Donnerstag, 18. April 2024

Volkstrauertag: Jeder Krieg ist einer zu viel

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Aktuell wie seit vielen Jahren nicht mehr war die Mahnung zum Frieden am Volkstrauertag mit Blick auf den Angriffskrieg auf die Ukraine. Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr, eine Gruppe Schülerinnen und Schüler und Pfarrerin Martina Schlagenhauf verwiesen am Ehrenmal für die Gefallenen der Weltkriege auf dem Talstadtfriedhof auf die Bedeutung dieses Gedenktages. Die Stadtmusik Schramberg und die Chorgemeinschaft Frohsinn umrahmten die Veranstaltung.

Die Stadtmusik unter der Leitung von Tanja Witkowski. Foto: him

Flucht

Sie empfinde am Volkstrauertag Beklemmung, so Eisenlohr in ihrer Ansprache. Beklemmung aus dem Gefühl heraus, „dass ohne Frieden nichts von dem, was wir hier und heute genießen können, mehr selbstverständlich ist.“
Sie erinnere sich sehr genau an den 24. Februar, an dem Russland die Ukraine angriff. Aber nicht nur dort herrsche Krieg, weltweit würden mehr als zwei Dutzend Kriege geführt. Ganz gleich, wer wo mit wem aus welchen Gründen kämpft: Jeder Krieg ist einer zu viel“, so Eisenlohr.

Sie zitierte ein Gedicht von Fabian Leonhard und berichtete über die Ankunft der ersten Flüchtlinge aus der Ukraine in Schramberg im März. Mit stockender Stimme berichtete sie, wie der Bus mit den geflüchteten Frauen und Kindern ankam. Eine 80-jährige Frau wollte nicht austeigen, sondern zurück nach Kiew, nach Hause. Sie habe gar nicht verstanden, was gerade passiert. Es sei klar, dass niemand freiwillig seine Heimat verlasse.

Deshalb sei es „unsere Pflicht, den Menschen, die hierherkommen, so gut wie möglich zu helfen“. Mit dem berühmten Zitat des US-Präsidenten John F. Kennedy endete Eisenlohr:„Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“

Die Stadtmusik unter der Leitung von Tanja Witkowski. Foto: him

Ukraine

Die Chorgemeinschaft sang eine deutsche Version des Anti-Kriegsklassikers „Blowin‘ in The Wind“ bevor Schülerinnen und Schüler des Geschichtsneigungskurses der Klassenstufe 11 des Schramberger Gymnasiums ihre Gedanken zum Volkstrauertag vortrugen. Sie bekannten, nicht gewusst zu haben, welche Bedeutung der Volkstrauertag hat. Erst langsam hätten sie sich erkannt, auch wie viel Verantwortung für den Frieden jeder einzelne trägt. „Die Bilder aus der Ukraine sind für mich surreal und doch so nah“, bemerkte einer der Schüler.

Ihre Generation kenne das Gefühl nicht, ständig in Angst zu leben, so eine Mitschülerin. Sie habe die längste Friedensperiode seit langem erlebt. Durch ukrainische Schüler komme ihnen alles sehr nah. „Deren Väter sind an der Front.“ Geschichte könne sich wiederholen. Deshalb sei das Erinnern so wichtig, damit wir verhindern, dass solche Verbrechen wieder geschehen.

Die Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium bei ihrem Beitrag. Foto: him

Bisher seien Kriege etwa in Afghanistan, Syrien oder Irak zu weit weg gewesen. Aber jetzt, da wegen des Kriegs plötzlich die Regale in den Supermärkten leer waren, habe man auch hier den Krieg gespürt. Es gelte, „einen dritten Weltkrieg mit aller Macht zu verhindern“, lautete eine andere Aussage. Die Sinnlosigkeit des Krieges mache sprachlos. Doch es bleibe die Hoffnung, dass es noch Frieden gibt.

Fürbitte

Fünf Saxofonisten der Stadtmusik begleiteten den Frohsinnschor bei: „Ich bete an die Macht der Liebe.“
Stadtpfarrerin Martina Schlagenhauf hatte in ihr Fürbitte-Gebet auch politische Forderungen eingebettet. Sie bat für die Menschen, die auf der Flucht sind, deren Leben bedroht ist, weil sie in unserem Land Sicherheit suchen. „Für die jüdischen Glaubensgeschwister, die in Deutschland wieder gefährdet sind. Für die, die auf den Straßen unserer Städte angegriffen werden, weil sie ‚anders‘ aussehen.“

Und sie fügte hinzu: „Gott, wir bitten dich, schenke uns Aufmerksamkeit und Zivilcourage. Dass wir laut protestieren, wo wir Unrecht wahrnehmen. Dass wir helfen, wo andere missachtet und misshandelt werden. Dass wir in allen Menschen deine Kinder sehen.“
Mit „Ich hatt‘ einen Kameraden“ endete die diesjährige Feier zum Volkstrauertag.

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Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.