Ein NRWZ-Fasnetsgutsle :-)

Unter diesem Titel veröffentlichen wir Beiträge zur Fasnet 2026.
Frei nach dem Motto: Niemand zu Leid, jedem zur Freud.

Bußgeld-Fasnet: Der närrische Ordnungsstaat in Rottweil

Verbotene Gesten, verpönte Dialekte – wie aus der freien Narretei ein hochreguliertes Premium-Erlebnis wird, bei dem selbst die Rössle als Doppelzahl-Narren enden. Ein NRWZ-Fasnetsgutsle.

Rottweils Narrenmeister Christoph Bechtold entwirft in seiner Dreikönigs-Rede 2026 einen Bußgeldkatalog für Narren – vom Rauchen mit Larve bis zum falschen Jucken. Was als Gaudi beginnt, kippt schnell in eine sehr genaue Karikatur des Rottweiler Kontroll- und Gebührenwahns – inklusive Seitenhieb auf die verlängerten Parkzeiten.

In Rottweil sind die Regeln klar: Wer am Steuer sitzt, zahlt fürs Parken. Wer in der Fasnet unterwegs ist, zahlt fürs Leben. Zumindest dann, wenn es nach Narrenmeister Christoph Bechtold geht, der in seiner Dreikönigs-Rede 2026 einen unkonventionellen Ordnungsstaat ausgerufen hat. Während die Stadt draußen die Parkzeiten verlängert, schafft sich die Zunft drinnen ihr eigenes Kleingedrucktes: einen Bußgeldkatalog für Narren. Dieser würde jeder städtischen Satzung die Tränen in die Augen treiben – vor Lachen oder aus Angst ums Konto.

Der närrische Ordnungsstaat beginnt harmlos: Rauchen vor dem Lokal mit Larve oben – 25 Euro, ganz ohne Diskussion. Wer den Kübel gleich ganz weglässt, legt 50 Euro hin, was immerhin stilistisch konsequent ist. Ohne Larve in der Nebenstraße spazieren kostet die Hälfte von ohne Larve in der Hauptstraße – der Beweis, dass die Zunft die feinen Tarifzonen der Stadtverwaltung aufmerksam studiert hat. Wo früher der Wirt einen Spruch gedrückt hat, springt jetzt die „SPEZI“-Logik ein: Tarifzone Innenstadt, Gefahrenklasse Humor.

Das Schönste an Bechtolds Liste ist ihre Genauigkeit. Der Korb als Einkaufskorb getragen: 25 Euro – weil irgendwo Schluss sein muss mit der Zweckentfremdung närrischer Ausrüstung. Als Federhannes den Weihbischof imitierten: 50 Euro, vermutlich inklusive Stilbruchzuschlag. „Falsch Jucken“ wird ebenfalls mit 50 Euro belegt – eine Kategorie, die man sich im offiziellen Gesetzblatt wünscht, nur um die Begründung in der Drucksache lesen zu dürfen. Und wer es wagt, in der Innenstadt Hochschwäbisch oder gar badisch zu reden, zahlt 100 Euro – das härteste Delikt im System, die ultimative Bedrohung für die närrische Sprachreinheit.

Die Zeiten sind auch festgelegt: 8 bis 20 Uhr – „macht zwar keinen Sinn, aber wir haben uns der Stadt angeglichen“, wie der Narrenmeister süffisant kommentiert. Genau hier schnappt die Pointe zu: Die Fasnet übernimmt die Logik der Parkordnung und zeigt, wie schräg sie wirkt, wenn man sie auf Menschen statt auf Blechkisten anwendet. Wo die Stadt das Auto bewirtschaftet, bewirtschaftet die Zunft die Narretei – minutiös, tariflich sauber, mit einer Prise Sadismus für notorische Regelausleger.

Besonders hart trifft es die, die man eigentlich schonen müsste: die Rössle. „Unsere Rössle zahlet grundsätzlich mal für all die Punkte von oben das Doppelte, da man mit denen ja auch den doppelten Ärger hat“, lässt Bechtold trocken wissen. Drei Mann im Häs, drei Mal Ärger, also auch drei Mal Kasse – und schon verwandelt sich das stolze Traditionsmotiv in eine Art rollende Premium-Bußgeldzone. Wer da vorn läuft, sollte besser wissen, wie man richtig juckt, korrekt trabt und keinesfalls badisch schwätzt.

Dass all diese Beträge direkt online abgebucht werden, passt perfekt in die Erzählung von der total verwalteten Fasnet. Wer im Schwarzen Lamm ankommt, weiß dank digitalem Kontoauszug schon, wie viele Schorle er sich noch leisten darf, während der Zunftsäckelmeister in H1 bereits den Jahresausflug in die Karibik durchkalkuliert – finanziert aus Raucher- und Dialektvergehen. Die Rechnung geht im Witz auf, aber sie zeigt nebenbei, wie eng Kontrolle und Kasse zusammenrücken, sobald man einmal angefangen hat, Verhalten zu bepreisen.

Am Ende bleibt ein feiner Spagat: Die Zunft ist natürlich nicht das Ordnungsamt, und der Narrenmeister nicht der Sheriff der Oberen Hauptstraße. Aber indem Bechtold die Mechanik der neuen Parkordnung und des Kontrollwahns auf die Narren überträgt, macht er sichtbar, wie schnell aus Freiheit ein reguliertes Premium-Erlebnis wird – mit Edeltarif für Rössle und Zuschlag für falsche Gesten. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Ein bisschen Chaos gehört zur Fasnet, sonst bleibt am Ende nur noch der Kaufbeleg.

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