Schramberg hat es geschafft, was Rottweil bisher nur übt: ein Finanzloch im beinahe zweistelligen Millionenbereich, einbröckelnde Gewerbesteuer, Rückzahlungen an Großbetriebe, Kreditermächtigungen im Rekordformat und eine frisch gegründete Haushaltsstrukturkommission, die nun den Rettungswagen für den Stadthaushalt geben soll. Zeit für einen Blick auf die große Schwester im Tal, die längst nicht mehr mit Monopoly-Geld spielt.
In Rottweil diskutiert man über Sparpakete in Millionenhöhe und die Frage, welche freiwilligen Leistungen noch überleben dürfen. Man nennt das „erste Sparrunde“ und versucht, dabei möglichst seriös zu wirken. In Schramberg hingegen sitzt man schon längst im Casino: Dort heißt das Spiel „Gewerbesteuer-Roulette“, die Kugel fällt auf „Rückzahlung“ – und die Stadtkasse schaut zu, wie 5,5 Millionen Euro wieder an einen Großbetrieb zurückwandern.
Noch 2023 jubelte die Stadt über das beste Gewerbesteuerjahr ihrer Geschichte. Dann kamen neue Prognosen, ein paar nüchterne Briefe bedeutender Betriebe, die ihre Gewinne nach unten korrigierten – und plötzlich fehlten nicht 4,5, sondern 8,6 Millionen Euro in der Planung. Es ist ein wenig, als hätte man mit einem 31-Millionen-Jackpot gerechnet und dann festgestellt, dass es nur das Trostpflaster aus der Rubbellos-Auslage war.
OB Dorothee Eis am Ohr und Kämmerer Klemens Alter Verwalter haben den undankbaren Job, dieses Drama zu moderieren. der Kämmerer bringt Zwischenberichte, die klingen wie ärztliche Bulletins: „Die Lage ist ernst, der Patient Haushalt reagiert nur noch schwach auf Liquiditätsspritzen.“ Man erhöht die Kreditermächtigung auf gut neun Millionen Euro, rutscht Richtung Kassenkredite und hofft, dass das Regierungspräsidium noch als wohlwollender Notarzt mitspielt.
Weil jede gute Krankenhausserie eine OP-Szene braucht, gründet der Gemeinderat eine Haushaltsstrukturkommission. Das klingt, als würden nun endlich Fachleute kommen, die mit kühler Hand am offenen Haushalt operieren. In Wirklichkeit ist es eher eine Mischung aus Moralkommission, Selbsthilfegruppe und Schicksalsgemeinschaft: Alle wissen, dass „alles auf den Prüfstand“ muss, aber niemand möchte dabei Brücken, Bäder oder die Lieblings-Freiwilligenleistung amputieren.
Während Rottweil also noch überlegt, wie man 1,7 Millionen einsparen kann, ohne gleich die halbe Stadt in Trauer zu stürzen, kennt Schramberg die nächste Stufe. Dort ist „Sparen“ längst kein sportliches Vorsatzwort mehr, sondern eine Zwangsdiät mit Haushaltsperre, nachgeschärfter Sperre und individuell zugeteilten Kürzungen, die die Verwaltung auf die Konten verteilt wie ein Diätplan fürs Stadtsäckel. „Sparen tut weh“, sagt der CDU-Sprecher Thomas Mahner – und man glaubt es ihm sofort, denn in Schramberg tut es inzwischen an ziemlich vielen Stellen gleichzeitig weh.
Die große Schwester wäre aber nicht die große Schwester, wenn sie nicht auch Erziehungsratgeber-Qualitäten hätte. Also erklärt Schramberg der Region, wie man es besser nicht macht:
- Sich auf Rekordgewerbesteuer verlassen, als käme sie jedes Jahr wie die OBin mit Brille, der Kehraus und der Endivia-Butz.
- Rücklagen so zügig verfrühstücken, dass am Ende nur noch der Griff zum Kreditrahmen bleibt.
- Und dann hoffen, dass nach zwei Sparrunden „es ja beim letzten Mal auch wieder aufwärts ging“.
In dieser Rolle hat Schramberg durchaus Vorbildfunktion. Rottweil kann an Schramberg studieren, wie sich ein strukturelles Defizit von knapp 8,7 Millionen Euro anfühlt, das sich nicht mehr mit ein paar gestrichenen Zuschüssen und erhöhten Parkgebühren wegmoderieren lässt. Die 15-Minuten-Stadt wird zur 15-Jahre-Konsolidierungsstadt – und die Haushaltsstrukturkommission zur Serienfigur, die jede Staffel aufs Neue eine Verlängerung bekommt.
Am Ende sitzt die kleine Schwester Rottweil mit ihrem Sparpaket am Küchentisch und schaut ein bisschen ehrfürchtig nach Schramberg. Dort jongliert man mit Kreditaufnahmen, Gewerbesteuer-Rückzahlungen und Genehmigungsvorbehalten, als sei das alles nur eine etwas anspruchsvollere Form von Familienkasse. Und irgendwo im Hintergrund dreht sich die Roulette-Kugel weiter, leise klickend – in der Hoffnung, dass sie beim nächsten Mal nicht wieder auf „Schwarz – 5,5 Millionen zurück“ fällt.



